Viktoria schüttelte den Kopf.
„Heute nicht.“
Sie ging zur Tür.
Dann blieb sie stehen.
„Matthias?“
„Ja?“
„Sag ihm später nicht, ich sei gegangen, weil er nicht liebenswert war.“
Matthias schluckte.
„Das würde ich niemals tun.“
Viktoria nickte.
Dann ging sie.
Als die Tür ins Schloss fiel, setzte Matthias sich auf die Treppenstufe.
Mit zweiundfünfzig Jahren weinte er zum ersten Mal seit dem Tod seines Vaters.
Leise.
Klara fand ihn dort.
Jonas saß auf ihrem Arm.
„Sie ist weg“, sagte Matthias.
Klara stellte keine Fragen.
Sie setzte sich einfach neben ihn.
Nach einer Weile nahm Matthias Jonas.
Der Kleine legte den Kopf an seine Brust.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, flüsterte Matthias.
„Was?“
„Ihn allein großziehen.“
Klara lächelte traurig.
„Sie müssen es nicht perfekt können.“
Dieser Satz blieb.
Matthias stellte eine zweite Haushaltshilfe ein.
Klara sollte nicht länger putzen, Wäsche bügeln und gleichzeitig Jonas betreuen.
„Sie kümmern sich um ihn“, sagte Matthias.
„Das ist mehr als genug.“
Klara protestierte zunächst.
Sie war 58, geschieden, hatte eine erwachsene Tochter in Bremen und war gewohnt, ihr Geld hart zu verdienen.
„Ich möchte keine Sonderbehandlung.“
„Das ist keine Sonderbehandlung.“
Matthias lächelte.
„Es ist endlich eine vernünftige Aufgabenverteilung.“
Das erste Mal lachte sie.
Und irgendwie wurde aus diesem Lachen langsam etwas Neues.
Die Monate vergingen.
Jonas lernte laufen.
Dann sprechen.
Sein erstes deutliches Wort nach „Papa“ war „Kara“.
Klara weinte in der Küche.
„Das ist doch nur ein Wort“, sagte sie und trocknete ihre Augen mit dem Geschirrtuch.
Matthias grinste.
„Sie glauben doch selbst nicht, dass es nur ein Wort ist.“
Klara war längst nicht mehr nur Angestellte.
Sie gehörte zum Rhythmus des Hauses.
Sonntags buk sie manchmal Streuselkuchen nach dem Rezept ihrer Mutter.
Matthias kochte dafür Kaffee.
Jonas saß auf seinem erhöhten Stuhl und verteilte mehr Kuchen auf seinem Pullover als in seinem Mund.
Es waren keine spektakulären Nachmittage.
Vielleicht waren sie gerade deshalb so wertvoll.
Matthias erinnerte sich an seine Kindheit.
Sonntage bei den Großeltern.
Radio im Hintergrund.
Kartoffeln in einer Schüssel.
Der Geruch nach Bohnerwachs und Kaffee.
Damals hatte er diese kleinen Rituale für selbstverständlich gehalten.
Erst jetzt verstand er, dass genau daraus Kindheit bestand.
Nicht aus dem Preis des Hauses.
Nicht aus dem Kontostand.
Aus Wiederholungen, die Sicherheit gaben.
Eines Abends, fast ein Jahr nach Viktorias Auszug, brachte Klara zwei Tassen Tee ins Wohnzimmer.
Jonas schlief bereits.
„Setzen Sie sich“, sagte Matthias.
Klara zögerte.
„Nur fünf Minuten.“
Sie setzte sich ans andere Ende des Sofas.
„Ich weiß nicht, was wir ohne Sie gemacht hätten“, sagte Matthias.
„Sie hätten es geschafft.“
„Vielleicht.“
Er sah sie an.
„Aber anders.“
Klara wurde rot.
Matthias bemerkte es.
Und in diesem Moment erkannte er etwas, das vermutlich längst da gewesen war.
Nähe.
Nicht die stürmische Verliebtheit eines Zwanzigjährigen.
Etwas Ruhigeres.
Zwei Menschen, die wussten, wie es sich anfühlte, enttäuscht zu werden.
Die keine Lust mehr auf Spiele hatten.
„Klara.“
Sie sah ihn an.
„Ich möchte Ihnen etwas sagen. Aber nur, wenn Sie mir versprechen, ehrlich zu antworten.“
„Das klingt gefährlich.“
„Vielleicht ist es das.“
Er lächelte.
Dann wurde er ernst.
„Sie bedeuten mir mehr, als Sie sollten.“
Klara atmete tief ein.
„Herr Bergmann…“
„Matthias.“
„Matthias.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich arbeite für Sie.“
„Deshalb sage ich es jetzt und nicht vor einem Jahr.“
Er hatte lange darüber nachgedacht.
„Wenn zwischen uns jemals etwas entstehen sollte, möchte ich nicht gleichzeitig Ihr Arbeitgeber sein.“
Klara sah ihn überrascht an.
„Was soll das heißen?“
„Dass wir zuerst klare Verhältnisse schaffen.“
Und genau das taten sie.
Klara beendete offiziell ihre Anstellung im Haushalt.
Matthias half nicht mit Geld, sondern nur dabei, eine saubere Übergabe zu organisieren. Für Jonas wurde eine erfahrene Kinderbetreuung engagiert.
Klara mietete wieder eine kleine Wohnung in der Nähe.
Erst Monate später gingen sie zum ersten Mal wirklich miteinander aus.
Nicht in ein teures Restaurant.
Klara bestand auf einem kleinen Gasthof an der Elbe.
„Wenn du mich beeindrucken willst“, sagte sie, „bestell eine ordentliche Bratkartoffel. Keine Schaumsoße.“
Matthias lachte so laut, dass zwei Leute am Nachbartisch sich umdrehten.
Es war das beste Rendezvous seines Lebens.
Viktoria blieb währenddessen in Behandlung.
Sie und Matthias telefonierten gelegentlich.
Nicht als Ehepaar.
Als zwei Menschen, die akzeptieren mussten, dass manche Dinge nicht mehr repariert werden konnten.
Schließlich bat Viktoria um die Scheidung.
Sie wollte, dass Jonas dauerhaft bei Matthias lebte.
„Ich möchte ihn nicht immer wieder verlassen“, sagte sie bei ihrem letzten langen Gespräch. „Vielleicht kann ich irgendwann Kontakt haben. Aber nur, wenn ich stabil genug bin.“
Matthias respektierte ihre Entscheidung.
Er versprach ihr nur eines.
„Ich werde ihm nie erzählen, du hättest ihn verlassen, weil mit ihm etwas nicht stimmte.“
„Danke.“
Mehr sagte sie nicht.
Als Jonas drei wurde, feierten sie im Garten.
Keine riesige Veranstaltung.
Ein paar Kinder aus der Kita.
Nachbarn.
Klaras Tochter mit ihrem Mann.
Würstchen, Kartoffelsalat und ein schiefer selbst gebackener Kuchen, den Jonas mit viel zu vielen Zuckerstreuseln dekoriert hatte.
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