„Ich brauche sowieso nicht so viel“, behauptete sie.
Daniel beobachtete schweigend, wie sie den Rest sorgfältig wieder einpackte.
Als sie zurückkam, sagte er: „Du hast dich nicht verändert.“
Katharina schnaubte.
„Meine Gelenke würden dir widersprechen.“
„Du weißt, was ich meine.“
Ja, das wusste sie.
Seine Abflugzeit wurde aufgerufen. Daniel nahm eine schlichte Visitenkarte aus seiner Tasche und legte sie vor Katharina.
„Meine private Nummer steht hinten.“
„Warum?“
„Weil ich nicht noch einmal verschwinden möchte, ohne dir etwas sagen zu können.“
Katharina hob den Blick.
„Du bist damals nicht einfach verschwunden, Daniel. Du hast dich entschieden zu gehen.“
Etwas zuckte in seinem Gesicht.
„So war es nicht.“
„Für mich schon.“
Sie stand auf.
„Meine Pause ist vorbei.“
Daniel nahm seine Tasche, blieb aber noch einen Augenblick stehen.
„Ich habe dir geschrieben.“
Katharina erstarrte.
„Was?“
„Jeden Sonntag. Fast ein Jahr lang.“
„Ich habe keinen einzigen Brief bekommen.“
Eine Durchsage unterbrach sie. Daniel musste zum Flugsteig.
„Dann gibt es Dinge, über die wir reden müssen“, sagte er. „Auch wenn sie dreißig Jahre zu spät kommen.“
Er ging.
Katharina blieb mit der Visitenkarte in der Hand zurück.
Am Abend fand sie die Karte noch immer in ihrer Schürzentasche.
Sie legte sie auf den Küchentisch, direkt neben die unbezahlte Stromrechnung.
Jonas saß auf dem Boden und malte ein Raumschiff. Sein Pullover war an beiden Ellbogen dünn geworden.
„Mama, kannst du morgen mit mir Mathe üben?“
„Natürlich.“
„Auch wenn du müde bist?“
Katharina schluckte.
„Gerade dann.“
Es klopfte.
Vor der Tür stand ihr Vermieter, Herr Krüger. Er war kein grausamer Mann. Aber auch er hatte Rechnungen, wie er ihr bei jedem Gespräch erklärte.
„Frau Berger, die zweite Monatsmiete fehlt noch.“
„Mein Lohn kommt nächste Woche.“
„Das haben Sie beim letzten Mal auch gesagt.“
„Ich zahle alles. Ich brauche nur ein paar Tage.“
Herr Krüger rieb sich über die Stirn.
„Ich habe lange gewartet. Die Wohnung ist bereits neu vergeben. Sie müssen bis morgen Abend raus.“
Katharina hielt sich am Türrahmen fest.
„Ich habe ein Kind.“
„Das weiß ich.“
„Wir können nicht einfach auf die Straße.“
„Es tut mir leid.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Katharina blieb lange dagegen gelehnt. Jonas malte weiter, als hätte er nichts gehört. Aber seine Hand bewegte sich nicht mehr.
Später saß sie an seinem Bett und zählte die Münzen in ihrem Portemonnaie.
Sie hatte sechsunddreißig Euro und siebzig Cent.
Ihr Telefon vibrierte.
Eine Nachricht von Daniel.
Ich denke seit heute Morgen an dich. Du musst mir nicht antworten. Ich wollte nur wissen, ob bei euch alles in Ordnung ist.
Katharina starrte minutenlang auf den Bildschirm.
Dann schrieb sie: Nein.
Mehr nicht.
Am nächsten Morgen standen sie auf dem Gehweg.
Ein Koffer, zwei Einkaufstaschen und Jonas’ abgewetzter Stoffhase. Katharina hatte dem Jungen erzählt, sie würden ein kleines Abenteuer machen.
Jonas glaubte ihr nicht.
„Wo schlafen wir heute?“, fragte er.
„Das finde ich noch heraus.“
Ein dunkler Wagen hielt am Straßenrand. Daniel stieg aus, ohne Fahrer, ohne Begleitung, ohne den Anzug vom Flughafen.
Er sah den Koffer und verstand sofort.
„Kommt mit zu mir.“
Katharina schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Es gibt mehrere Gästezimmer.“
„Das macht es nicht besser.“
„Dann nenn es nicht Hilfe. Nenn es eine alte Schuld.“
„Ich will keine Schuld zwischen uns.“
Daniel trat näher.
„Dann nenn es das, was du gestern für den Mann am Flughafen getan hast. Du hast ihm dein Brot gegeben, ohne zu fragen, ob er es verdient.“
Katharina sah zu Jonas.
Er drückte den Stoffhasen an seine Brust und versuchte, tapfer auszusehen.
Ihr Stolz hatte sie durch viele Nächte getragen.
Aber er konnte ihrem Sohn kein Bett geben.
„Nur für ein paar Tage“, sagte sie.
Daniel nickte.
„Nur so lange, wie du entscheidest.“
Sein Haus lag am Rand eines kleinen Ortes, hinter alten Kastanien und einem verwilderten Garten. Es war groß, modern und still.
Keine Fotos standen im Flur.
Keine Schuhe lagen achtlos herum.
Kein Radio lief in der Küche.
Katharina spürte sofort, dass Daniel hier nicht lebte. Er übernachtete nur.
Am ersten Morgen stand sie um sechs Uhr auf und machte Rührei. Jonas brauchte feste Abläufe, besonders wenn alles andere unsicher war.
Daniel kam barfuß in die Küche.
„Du musst hier nicht arbeiten.“
„Ich mache Frühstück.“
„Für drei Personen.“
„Eier lassen sich schlecht einzeln aufschlagen.“
Er lächelte.
„Das riecht besser als alles, was in dieser Küche im letzten Jahr zubereitet wurde.“
Nach wenigen Tagen veränderte sich das Haus.
Jonas ließ seine Stifte auf dem Esstisch liegen. Im Wohnzimmer entstand aus Decken und Sofakissen eine Ritterburg. Im Bad stand plötzlich eine kleine Zahnbürste neben Daniels einsamer elektrischer Bürste.
Daniel beschwerte sich nie.
Er kaufte Kinderbücher, aber behauptete, sie seien zufällig im Angebot gewesen. Er stellte eine kleine Lampe ins Gästezimmer, weil Jonas im Dunkeln schlecht einschlief.
Für Katharina brachte er nichts Teures mit.
Nur den Tee, den sie früher immer getrunken hatte.
Hagebutte mit einem Löffel Honig.
„Woher wusstest du das noch?“, fragte sie.
„Ich habe mehr behalten, als du glaubst.“
Jonas mochte Daniel sofort.
„Bist du wirklich Millionär?“, fragte er beim Abendessen.
Katharina verschluckte sich fast.
Daniel legte das Besteck hin.
„Wer sagt denn so etwas?“
„Mama hat im Internet geguckt.“
„Jonas!“
„Nur einmal“, verteidigte er sie. „Und sie hat gleich wieder zugemacht.“
Daniel lachte so herzlich, dass Katharina ihn überrascht ansah.
„Geld ist eine Zahl“, erklärte er Jonas. „Manchmal eine große. Aber eine große Zahl macht noch keinen guten Menschen.“
„Was macht einen guten Menschen?“
Daniel blickte zu Katharina.
„Zum Beispiel das eigene Käsebrot zu teilen, obwohl man selbst Hunger hat.“
Katharina sah weg.
Eines Nachts bekam Jonas hohes Fieber.
Katharina geriet sofort in Panik. Sie hatte schon zu viele Menschen verloren und zu viele Nächte allein Verantwortung getragen.
Daniel rief den ärztlichen Bereitschaftsdienst an, legte kühle Tücher bereit und blieb neben Jonas’ Bett sitzen.
„Er atmet so schnell“, flüsterte Katharina.
„Der Arzt hat gesagt, wir sollen beobachten. Wir beobachten.“
„Du musst morgen arbeiten.“
„Heute Nacht ist wichtiger.“
Sie wechselten sich ab. Einer hielt Jonas’ Hand, der andere füllte das Glas mit Wasser oder kontrollierte die Temperatur.
Gegen fünf Uhr sank das Fieber.
Jonas schlief endlich ruhig.
Katharina saß mit zerzaustem Haar und geschwollenen Augen auf dem Teppich. Daniel reichte ihr eine Tasse Tee.
„Danke“, sagte sie.
„Wofür?“
„Dafür, dass ich nicht allein Angst haben musste.“
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