Mit 51 erkannte sie im Flughafen den Millionär, der sie vor 30 Jahren wortlos verließ

Daniel setzte sich neben sie.

„Du hättest nie allein sein sollen.“

Katharina sah ihn an.

Sein Gesicht war müde, unrasiert und ganz ohne jene glatte Sicherheit, die er am Flughafen ausgestrahlt hatte.

„Warum hast du nie nach mir gesucht?“, fragte sie.

Daniel schwieg lange.

Dann stand er auf, ging in sein Arbeitszimmer und kam mit einer kleinen Blechdose zurück. Auf dem Deckel war eine verblasste Landschaft zu sehen.

Er öffnete sie.

Darin lagen Briefe.

Dutzende.

Auf jedem stand Katharinas alter Name.

„Ich habe sie geschrieben“, sagte er. „Aus London, später aus Hamburg. Erst kamen sie zurück. Dann behauptete mein Vater, du hättest ihm gesagt, ich solle dich in Ruhe lassen.“

Katharina nahm einen Umschlag. Ihre Hände zitterten.

Das Datum war der 14. November 1993.

„Dein Vater hat mit mir nie gesprochen.“

„Das weiß ich heute.“

Daniel presste die Lippen zusammen.

„Nach seinem Tod fand meine Mutter mehrere Briefe von dir in seinem Schreibtisch. Ungeöffnet. Er hatte sie abgefangen.“

Katharina hob langsam den Kopf.

„Meine Briefe?“

Daniel nickte.

„Du hattest geschrieben, dass du warten würdest. Dass ich wenigstens ehrlich sagen solle, wenn es vorbei sei.“

Katharina erinnerte sich an jeden dieser Sätze.

An das billige Briefpapier.

An den blauen Füller.

An die Nächte, in denen sie auf eine Antwort gehofft hatte.

„Warum hat er das getan?“

„Weil er überzeugt war, du würdest mich zurückhalten. Deine Familie hatte wenig Geld. Du wolltest damals deine kranke Mutter nicht allein lassen. Für ihn war das ein Zeichen fehlenden Ehrgeizes.“

Katharina lachte bitter.

„Für manche Menschen ist Fürsorge immer Schwäche.“

„Er hat uns beiden Jahre genommen.“

„Nein“, sagte sie. „Er hat eine Tür geschlossen. Aber du hast irgendwann aufgehört, dagegen zu schlagen.“

Daniel senkte den Blick.

„Ja.“

Diese ehrliche Antwort traf sie stärker als jede Entschuldigung.

An einem Sonntag fuhren sie an einen See. Jonas sammelte Kastanien und erklärte, er baue daraus eine Armee.

Daniel und Katharina saßen auf einer Decke. Zwischen ihnen stand eine Thermoskanne, die noch aus Katharinas erster Ehe stammte.

„Ich könnte dir eine Stelle anbieten“, sagte Daniel vorsichtig. „Nicht als Gefallen. Du bist organisiert, zuverlässig und kannst besser mit Menschen umgehen als die meisten Führungskräfte, die ich kenne.“

Katharina schüttelte sofort den Kopf.

„Nein.“

„Du weißt noch gar nicht, was.“

„Es spielt keine Rolle.“

„Warum?“

„Weil ich jeden Morgen überlegen würde, ob ich die Stelle wirklich verdient habe oder ob du nur dein schlechtes Gewissen bezahlst.“

„Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil du Hilfe brauchst.“

„Aber weil du gegangen bist.“

Daniel schwieg.

Katharina sah Jonas zu, wie er versuchte, eine Kastanie auf einen dünnen Stock zu stecken.

„Ich muss wieder auf eigenen Beinen stehen“, sagte sie. „Auch wenn sie wehtun.“

Daniel nickte.

„Dann helfe ich dir nicht beim Stehen.“

Sie sah ihn misstrauisch an.

„Ich stehe nur daneben, falls du fällst.“

Am Abend fand Daniel sie in der Küche. Katharina saß mit einer Tasse Tee am Tisch und las Stellenanzeigen.

Er setzte sich ihr gegenüber.

„Ich habe Beziehungen gehabt“, sagte er. „Einige waren schön. Manche bequem. Keine war wie das mit dir.“

Katharina klappte die Zeitung zu.

„Wir waren zweiundzwanzig.“

„Ich weiß.“

„Damals glaubten wir auch, ein Lied auf Kassette sei ein Liebesbeweis.“

„Für mich war es einer.“

Sie musste lächeln, obwohl sie es nicht wollte.

Daniel legte die Hände auf den Tisch.

„Ich habe dich nie vergessen.“

„Das klingt romantisch, bis man bedenkt, dass du dreißig Jahre lang nichts dagegen getan hast.“

„Ich dachte, du wolltest mich nicht mehr.“

„Und ich dachte, du hättest mich einfach weggeworfen.“

„Wir haben beide mit einer Lüge gelebt.“

Katharina spürte Tränen in den Augen.

„Ich bin nicht mehr das Mädchen von damals. Ich bin müde, Daniel. Ich habe Rechnungen, Ängste und einen Sohn, der immer zuerst kommt.“

„Ich will das Mädchen von damals nicht zurück.“

Er sprach leise.

„Ich will die Frau kennenlernen, die aus ihr geworden ist.“

Katharina stand auf.

„Genau das macht mir Angst.“

Sie ging ins Gästezimmer und schloss die Tür.

Daniel folgte ihr nicht.

In den nächsten Wochen drängte er sie zu nichts.

Er half Jonas bei den Hausaufgaben, obwohl er bei einer Aufgabe über Würfelnetze selbst nachsehen musste. Er kochte Nudeln, die regelmäßig zu weich wurden. Er ließ Katharina Bewerbungen schreiben und fragte nie, ob er jemanden anrufen solle.

Langsam begann sie wieder zu lachen.

Nicht oft.

Aber echt.

Dann klingelte eines Nachmittags die Haustür.

Katharina öffnete mit einem Lächeln, weil sie glaubte, der Paketbote bringe Jonas’ gebrauchte Winterjacke.

Vor ihr stand Markus.

Er war dünner geworden. Seine Augen wirkten unruhig, und zwischen seinen Fingern drehte er eine alte Schirmmütze.

„Hallo, Kati.“

Katharina spürte, wie ihr Körper kalt wurde.

„Was willst du?“

„Meinen Sohn sehen.“

Hinter ihr lachte Jonas im Wohnzimmer. Daniel erklärte ihm gerade, wie man eine Papierbrücke baute.

Katharina trat hinaus und zog die Tür zu.

„Du hast keinen Sohn, wenn es um Verantwortung geht.“

„Ich habe Fehler gemacht.“

„Du bist gegangen, als er sechs Wochen alt war.“

„Ich war überfordert.“

„Ich auch. Trotzdem bin ich geblieben.“

Markus blickte am Haus vorbei auf Daniels Wagen.

„Du scheinst es inzwischen gut getroffen zu haben.“

Da verstand sie.

Er war nicht wegen Jonas gekommen.

„Geh.“

„Ich will nur reden.“

„Nein.“

Sein Gesicht wurde hart.

„Ich habe Rechte.“

„Dann kläre sie auf dem richtigen Weg.“

Markus beugte sich ein wenig vor.

„Überleg es dir. Es wäre schade, wenn dein neues Leben plötzlich kompliziert würde.“

In den folgenden Tagen kamen Nachrichten.

Zuerst klangen sie versöhnlich. Dann fordernd.

Schließlich schrieb Markus, er wolle achtzigtausend Euro. Dafür werde er verschwinden und niemals Ansprüche stellen.

Hol das Geld von deinem reichen Freund. Für den ist das Kleingeld.

Katharina löschte die Nachricht.

Die nächste kam eine Stunde später.

Ohne feste Wohnung, mit zwei Jobs und deiner Vorgeschichte wird dir kein Gericht glauben, dass du stabil bist.

Sie schlief kaum noch.

Bei jedem Klingeln zuckte sie zusammen. Sie versteckte das Telefon unter einem Geschirrtuch, damit Jonas keine Nachricht sah.

Daniel bemerkte ihre Unruhe.

„Ist etwas passiert?“

„Nur die Bewerbungen.“

„Kati.“

„Ich bin müde.“

„Du warst vorher auch müde. Aber nicht so.“

Sie wollte es ihm erzählen.

Doch dann stellte sie sich vor, wie Markus in Daniels Firma auftauchte. Wie Zeitungen aus einer privaten Drohung eine Schlagzeile machten. Wie Daniel wieder wegen ihr kämpfen musste.

Also schwieg sie.

Sie traf Markus einmal in einem kleinen Rasthaus außerhalb der Stadt.

„Ich zahle nicht“, sagte sie.

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