Ich war zwölf, als ich die alte Katze meiner verstorbenen Oma sechs Kilometer durch Kassel trug. Was ich im Tierheim zurückließ, brachte mir später etwas zurück, womit ich niemals gerechnet hätte.
Der Karton wurde mit jedem Schritt schwerer.
Nicht, weil Minka besonders viel wog. Im Gegenteil. Sie war eine alte, dünne Katze mit weißem Fell, das an den Pfoten inzwischen etwas gelblich geworden war. Ihre Bewegungen waren langsam, und manchmal brauchte sie mehrere Versuche, um auf einen Stuhl zu springen.
Aber an diesem Samstagmorgen trug ich nicht nur eine Katze durch die Stadt.
Ich trug das Letzte, was mir von meiner Oma geblieben war.
„Ist gleich geschafft, Minka“, flüsterte ich durch eines der Luftlöcher im Karton. „Du musst nur noch ein bisschen durchhalten.“
Dabei wusste ich selbst nicht, ob wir es schaffen würden.
Ich war zwölf Jahre alt. Ich hatte acht Euro und vierzig Cent in der Hosentasche, ein Paar abgetragene Turnschuhe und keine Ahnung, wie mein Leben weitergehen sollte.
Meine Oma war vier Tage zuvor gestorben.
Am Dienstagvormittag hatte mich meine Klassenlehrerin aus dem Unterricht geholt. Sie führte mich in ein kleines Zimmer neben dem Lehrerzimmer. Dort wartete eine Frau vom Jugendamt.
Ich erinnere mich nicht mehr an alles, was sie sagte.
Nur an einen Satz.
„Deine Oma ist heute Morgen leider verstorben.“
Ich hatte sie angesehen und gefragt, wer Minka jetzt füttern würde.
Die Frau hatte meine Hand genommen.
Aber sie hatte mir keine Antwort gegeben.
Meine Eltern waren schon lange nicht mehr in meinem Leben. Meine Mutter war gestorben, als ich fünf war. Zu meinem Vater hatte ich keinen Kontakt.
Oma Helga hatte mich aufgenommen, obwohl sie damals schon fast siebzig gewesen war.
Sie hatte eine kleine Zweizimmerwohnung in Kassel, nicht weit von einer Straßenbahnhaltestelle. In der Küche stand ein alter Holztisch mit drei unterschiedlichen Stühlen. Der Kühlschrank brummte manchmal so laut, dass Oma dagegenklopfte.
Viel Geld hatten wir nie.
Aber ich hatte immer ein sauberes Bett, etwas Warmes zu essen und jemanden, der abends fragte, wie mein Tag gewesen war.
Und wir hatten Minka.
Oma hatte sie zwölf Jahre zuvor aus einem Tierheim geholt.
„Die wollte damals keiner haben“, erzählte sie mir oft. „Dabei ist sie die treueste Mitbewohnerin, die man sich wünschen kann.“
Minka war keine besonders verschmuste Katze.
Sie mochte keine fremden Menschen. Sie mochte es nicht, hochgehoben zu werden. Und wenn man sie beim Schlafen störte, schaute sie einen an, als hätte man eine schwere Beleidigung ausgesprochen.
Aber bei Oma war sie anders.
Jeden Abend lag sie am Fußende ihres Bettes.
Jeden Morgen saß sie neben ihrem Küchenstuhl, während Oma ihren Kaffee trank und ihr erzählte, was sie einkaufen wollte.
Manchmal sprach Oma eine halbe Stunde mit dieser Katze.
Ich fand das früher lustig.
Heute würde ich alles dafür geben, diese Gespräche noch einmal zu hören.
Nach Omas Tod durfte ich noch zwei Nächte in der Wohnung bleiben, während eine Mitarbeiterin alles Weitere organisierte.
Minka verstand nicht, warum Oma nicht zurückkam.
Sie saß vor der Schlafzimmertür.
Dann auf der Fensterbank.
Schließlich legte sie sich auf Omas braune Strickjacke, die noch über einem Sessel hing.
Sie wartete.
Und ich wartete irgendwie mit ihr.
Am Freitag wurde ich zu einer Pflegefamilie gebracht.
Meine Kleidung steckte in zwei großen Taschen. Ein paar Schulhefte hatte ich in meinen Rucksack gestopft. Die Strickjacke meiner Oma hielt ich fest unter dem Arm.
Minka saß in einer Transportbox neben mir.
Die Pflegeeltern, Frau und Herr Seidel, waren keine schlechten Menschen.
Sie hatten bereits zwei Pflegekinder und selbst zwei eigene Kinder. Das Haus war voll, die Tage waren laut, und jeder hatte seinen festen Platz.
Aber es gab eine Regel.
Keine Haustiere.
„Das tut uns wirklich leid“, sagte Frau Seidel, als sie Minka sah. „Aber wir können keine Katze aufnehmen.“
Ich erklärte ihr, dass Minka alt sei.
Dass sie fast nur schlief.
Dass sie stubenrein war und niemandem etwas tat.
Frau Seidel schüttelte bedauernd den Kopf.
„Wir haben einfach nicht die Möglichkeiten dafür.“
Am Abend hörte ich sie mit ihrem Mann in der Küche sprechen.
„Die Katze ist doch sowieso schon uralt“, sagte er. „Vielleicht findet sich noch jemand.“
Sowieso schon uralt.
Dieser Satz blieb in meinem Kopf hängen.
Als wäre ein Lebewesen weniger wert, nur weil es nicht mehr jung war.
Als wäre Oma auch weniger wichtig gewesen, weil ihre Hände gezittert hatten und sie manchmal dieselbe Geschichte zweimal erzählte.
Ich sagte nichts.
Ich ging in das kleine Gästezimmer, in dem Minka vorübergehend untergebracht war, und setzte mich neben sie auf den Boden.
Sie legte ihre Pfote auf mein Knie.
„Ich lasse dich nicht allein“, flüsterte ich.
Das hatte ich Oma versprochen.
Ein paar Monate vor ihrem Tod hatten wir zusammen auf dem Sofa gesessen. Oma hatte Minka hinter den Ohren gekrault.
„Wenn ich irgendwann nicht mehr da bin, musst du gut auf die Kleine aufpassen“, hatte sie gesagt.
Ich hatte gelacht.
„Oma, Minka ist doch schon eine alte Dame.“
„Eben“, hatte sie geantwortet. „Gerade dann braucht man jemanden, der bleibt.“
Damals hatte ich nicht verstanden, warum sie so ernst klang.
Jetzt verstand ich es.
In den nächsten Tagen versuchte ich verzweifelt, eine Lösung zu finden.
Frau Seidel hatte zugestimmt, Minka noch kurz im Gästezimmer zu lassen, solange nach einem Platz gesucht wurde. Sie sagte aber deutlich, dass es keine dauerhafte Lösung sei.
Ich fragte zwei Kinder aus meiner Klasse, ob ihre Familien eine Katze aufnehmen könnten.
Beide sagten Nein.
Ich schrieb einem Nachbarn aus Omas Haus einen Zettel. Er antwortete, dass seine Frau allergisch sei.
Eine andere Familie wollte nur junge Katzen.
Eine Frau fragte, ob Minka noch gesund sei. Als ich ihr Alter nannte, sagte sie, sie wolle sich lieber nicht auf mögliche Tierarztkosten einlassen.
Jedes Nein tat weh.
Dabei hatte keiner von ihnen Minka auch nur kennengelernt.
Mein Taschengeld gab ich für Katzenfutter aus.
Zuerst hatte ich noch etwas aus Omas Wohnung mitgenommen. Danach kaufte ich kleine Packungen im Laden an der Ecke.
Wenn mein Geld nicht reichte, legte ich manchmal etwas von meinem Abendessen zurück.
Ein kleines Stück gekochtes Hähnchen.
Etwas Fisch.
Nie besonders viel.
Frau Seidel bemerkte irgendwann, dass ich weniger aß.
„Hast du keinen Hunger, Jonas?“
Ich schüttelte den Kopf.
Die Wahrheit war, dass ich oft großen Hunger hatte.
Aber wenn Minka neben ihrem leeren Napf saß, konnte ich kaum etwas herunterbekommen.
Eines Abends kam Frau Seidel in mein Zimmer.
Sie setzte sich auf die Bettkante.
„Jonas, wir müssen jetzt wirklich einen guten Platz für Minka finden.“
Ich starrte auf meine Hände.
„Kann sie nicht noch bleiben?“
„Wir haben schon länger gewartet, als ursprünglich geplant.“
„Sie macht doch gar nichts.“
„Das weiß ich.“
„Sie ist alles, was ich noch habe.“
Frau Seidel sagte eine ganze Weile nichts.
Dann strich sie mir über den Rücken.
„Das weiß ich auch.“
Am nächsten Morgen fand ich an einer Bushaltestelle einen Aushang.
Ein örtliches Tierheim suchte Menschen, die ältere Katzen aufnehmen wollten.
Darunter stand eine Adresse.
Ich kannte die Gegend ungefähr. Sie lag am anderen Ende der Stadt.
Auf der Rückseite eines alten Schulblatts schrieb ich mir die Anschrift auf.
Ich hätte Frau Seidel bitten können, mich hinzubringen.
Aber ich hatte Angst.
Angst, dass die Erwachsenen alles übernehmen würden und ich mich nicht einmal richtig von Minka verabschieden könnte.
Also traf ich eine Entscheidung, die nur ein verzweifelter Zwölfjähriger für vernünftig halten konnte.
Ich würde Minka selbst hinbringen.
Am Samstag stand ich früh auf.
Ich nahm einen stabilen Karton aus dem Abstellraum und machte vorsichtig Luftlöcher hinein. Auf den Boden legte ich Omas braune Strickjacke.
Minka schnupperte daran.
Dann kroch sie hinein und rollte sich zusammen.
Ich steckte einen Zettel in meine Jackentasche, nahm meine acht Euro und vierzig Cent und verließ das Haus.
Die Strecke war fast sechs Kilometer lang.
Schon nach zwanzig Minuten taten mir die Arme weh.
Ich musste den Karton immer wieder anders halten. Manchmal stellte ich ihn auf einer Bank ab, damit ich meine Finger bewegen konnte.
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