Mit zwölf brachte ich Omas letzte Katze ins Tierheim und ahnte nicht, wie sie mein Leben verändern würde

An einer großen Kreuzung blieb ich stehen, weil ich nicht wusste, welche Straße ich nehmen musste.

Eine ältere Frau erklärte mir den Weg.

Sie fragte, ob ich Hilfe brauche.

Ich sagte nur: „Nein, danke.“

Ich wollte nicht erklären müssen, warum ich allein mit einer Katze unterwegs war.

Nach einer Weile begann Minka leise zu miauen.

Ich stellte den Karton auf eine niedrige Mauer und öffnete den Deckel ein Stück.

Ihre Augen waren inzwischen etwas trüb geworden.

Sie sah mich an, blinzelte und drückte ihren Kopf gegen Omas Strickjacke.

„Ich weiß“, sagte ich. „Ich vermisse sie auch.“

Dann machte ich den Deckel wieder zu.

Als ich endlich das Tierheim erreichte, zitterten meine Arme.

Vor dem Gebäude standen mehrere Fahrräder. Hinter einem Zaun hörte ich Hunde bellen.

Ich blieb vor der Eingangstür stehen.

Plötzlich wollte ich umdrehen.

Vielleicht könnte ich Minka doch irgendwie behalten.

Vielleicht würde Frau Seidel ihre Meinung ändern.

Vielleicht würde Oma auf irgendeine Weise wiederkommen und alles wäre wie früher.

Aber ich wusste, dass nichts davon passieren würde.

Also ging ich hinein.

Hinter dem Empfang saß eine ältere Frau mit kurzen grauen Haaren und einer Brille, die an einer Kette um ihren Hals hing.

Sie blickte von ihren Unterlagen auf.

„Guten Morgen. Kann ich dir helfen?“

Ich stellte den Karton vorsichtig auf den Boden.

„Ich habe eine Katze.“

Die Frau kam hinter dem Tisch hervor und ging in die Hocke.

„Darf ich mal schauen?“

Ich nickte.

Sie öffnete den Deckel.

Minka schaute heraus.

„Na, wer bist du denn?“, fragte die Frau ganz leise.

„Minka“, sagte ich. „Sie heißt Minka.“

Die Frau lächelte.

„Was für eine hübsche alte Dame.“

Bei diesen Worten musste ich schlucken.

Endlich hatte jemand etwas Freundliches über sie gesagt.

Die Frau stellte sich als Roswitha Berger vor. Sie arbeitete seit vielen Jahren im Tierheim.

„Ist Minka deine Katze?“

„Eigentlich gehört sie meiner Oma.“

„Und wo ist deine Oma?“

Ich versuchte zu antworten.

Aber mein Hals fühlte sich plötzlich ganz eng an.

Schließlich brachte ich nur drei Wörter heraus.

„Sie ist gestorben.“

Roswitha setzte sich neben mich auf einen Stuhl.

Sie sagte nicht sofort etwas.

Sie wartete einfach.

Dann zog ich den zusammengefalteten Zettel aus meiner Tasche.

Ich hatte ihn am Abend zuvor geschrieben und dreimal neu angefangen.

Meine Schrift war schief, weil ich dabei geweint hatte.

Ich reichte ihn Roswitha.

Darauf stand:

„Meine Katze heißt Minka.

Sie ist zwölf Jahre alt und sehr lieb, auch wenn sie manchmal lieber allein sein möchte.

Sie mag weiche Decken und schläft gern am Fenster.

Sie frisst am liebsten Nassfutter mit Fisch.

Früher gehörte sie meiner Oma Helga.

Meine Oma ist gestorben und ich darf Minka nicht behalten.

Bitte gebt sie jemandem, der sie wirklich liebhat.

Sie wartet immer noch auf meine Oma.

Bitte sorgt dafür, dass sie nicht denkt, dass alle Menschen sie verlassen.“

Roswitha las den Zettel.

Dann las sie ihn noch einmal.

Beim zweiten Mal nahm sie ihre Brille ab.

Sie faltete das Papier sehr vorsichtig zusammen.

„Jonas“, sagte sie, nachdem sie meinen Namen erfahren hatte. „Bist du ganz allein hierhergekommen?“

Ich nickte.

„Von wo?“

Ich nannte ihr die Straße.

Sie sah mich lange an.

„Das ist ein ganz schön weiter Weg.“

„Fast sechs Kilometer.“

„Und du hast Minka die ganze Strecke getragen?“

Wieder nickte ich.

Roswitha atmete tief durch.

Dann fragte sie, wer sich im Moment um mich kümmerte. Ich erzählte ihr von der Pflegefamilie und davon, dass Minka dort nicht bleiben konnte.

Sie telefonierte mit Frau Seidel, um sicherzugehen, dass ich wohlbehalten war und dass wir gemeinsam eine gute Lösung finden konnten.

Frau Seidel war sehr erschrocken, als sie erfuhr, wo ich war.

Roswitha reichte mir danach ein Glas Wasser.

„Du hast deine Minka wirklich sehr lieb, oder?“

Da konnte ich nicht mehr antworten.

Ich fing einfach an zu weinen.

Nicht ein bisschen.

Ich weinte so heftig, dass ich kaum Luft bekam.

Roswitha setzte sich neben mich und ließ mich weinen.

Als ich mich etwas beruhigt hatte, fragte ich:

„Glauben Sie, dass jemand so eine alte Katze noch haben will?“

Sie sah zu Minka hinüber.

„Ja, Jonas. Das glaube ich.“

„Aber alle wollen immer nur junge Katzen.“

„Nicht alle.“

„Und wenn sie niemand nimmt?“

Roswitha nahm meine Hand.

„Wir werden unser Bestes tun, damit sie einen guten Platz bekommt.“

Ich wollte ihr glauben.

Wirklich.

Aber in den vergangenen Tagen hatten mir schon so viele Menschen gesagt, dass bestimmt alles gut werden würde.

Und trotzdem war nichts gut geworden.

Ich durfte noch eine Weile bei Minka bleiben.

Roswitha brachte eine weiche Decke und etwas Futter. Minka fraß ein paar Bissen, dann setzte sie sich wieder neben mich.

Ich streichelte ihren Rücken.

Ihr Fell fühlte sich genauso an wie früher, wenn sie nachts zu mir ins Bett gekommen war.

„Du musst jetzt lieb sein“, flüsterte ich.

Minka drückte ihren Kopf gegen meine Hand.

„Und du musst ordentlich essen.“

Sie schnurrte ganz leise.

„Oma hätte gewollt, dass du ein schönes Zuhause bekommst.“

Dann nahm ich meine Hand weg.

Es war das Schwerste, was ich bis dahin getan hatte.

Roswitha begleitete mich nach draußen, wo Frau Seidel inzwischen auf mich wartete.

Ich drehte mich kein einziges Mal um.

Ich hatte Angst, Minka könnte mich durch die Scheibe sehen.

Und dass sie dann genauso auf mich warten würde wie auf Oma.

Am Abend saß ich mit der Pflegefamilie beim Essen.

Es gab Kartoffelbrei, Gemüse und Frikadellen.

Ich nahm ein kleines Stück Fleisch und wollte es in eine Serviette wickeln.

Dann erinnerte ich mich.

Minka war nicht mehr da.

Ich legte das Fleisch zurück auf den Teller.

Frau Seidel sah mich an.

„Jonas?“

Ich schüttelte nur den Kopf.

Später kroch ich unter meine Bettdecke und weinte in mein Kissen.

Niemand sollte mich hören.

Ich dachte an Omas Hände.

An ihren Küchenstuhl.

An Minka auf der Fensterbank.

Und an mein Versprechen.

Ich hatte doch versprochen, sie niemals allein zu lassen.

Drei Tage später geschah etwas Unerwartetes.

Als ich aus der Schule kam, saß Roswitha Berger bei Familie Seidel im Wohnzimmer.

Mein Herz begann sofort zu rasen.

Ich dachte, mit Minka sei etwas passiert.

„Ist sie tot?“, fragte ich, noch bevor ich meine Jacke ausgezogen hatte.

Roswitha stand auf.

„Nein, Jonas. Minka geht es gut.“

Ich musste mich setzen.

Dann erzählte sie mir, was passiert war.

Das Tierheim hatte ein Foto von Minka gemacht. Daneben hatten sie meinen Brief veröffentlicht, nachdem Frau Seidel und ich zugestimmt hatten.

Sie wollten zeigen, dass auch alte Tiere ein liebevolles Zuhause verdienen.

Innerhalb weniger Tage hatten viele Menschen den Beitrag gelesen.

Einige hatten angerufen.

Andere wollten Futter oder Decken vorbeibringen.

Und ein älteres Ehepaar hatte gefragt, ob es Minka kennenlernen dürfte.

Die beiden hießen Marianne und Dieter Krüger.

Marianne war siebenundsechzig, Dieter siebzig.

Ihre eigene Katze war im vergangenen Jahr gestorben. Seitdem hatten sie überlegt, wieder einem älteren Tier ein Zuhause zu geben.

Als sie Minkas Geschichte lasen, fuhren sie noch am selben Nachmittag zum Tierheim.

Minka war zunächst vorsichtig gewesen.

Doch als Marianne sich neben sie gesetzt hatte, war sie langsam zu ihr gekommen.

Dieter hatte ihr den Rücken gestreichelt.

Und Minka hatte geschnurrt.

„Sie haben sie aufgenommen“, sagte Roswitha.

Ich starrte sie an.

„Wirklich?“

„Ja.“

„Für immer?“

Roswitha lächelte.

„Wenn alles gut geht, darf sie dort ihren Lebensabend verbringen.“

Ich begann wieder zu weinen.

Aber diesmal fühlte es sich anders an.

Roswitha erzählte mir von dem Haus.

Von einer großen Fensterbank im Wohnzimmer.

Von weichen Decken.

Von zwei Menschen, die viel Zeit hatten und sich sehr auf Minka freuten.

„Und deine Omas Strickjacke haben sie auch mitgenommen.“

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