Ich weiß nicht, warum mir ausgerechnet da die Tränen kamen.
Vielleicht, weil ich seit Monaten niemanden mehr hatte, der sich einfach an mich lehnte.
Vielleicht, weil dieses alte Tier genauso verloren wirkte wie ich.
„Er macht das sonst nicht bei Fremden“, sagte die Mitarbeiterin überrascht.
Ich schluckte.
„Vielleicht kennt er sich mit einsamen alten Männern aus.“
Die Frau lächelte vorsichtig.
„Möchten Sie ihn kennenlernen? In unserem Besucherzimmer könnten Sie ein bisschen Zeit mit ihm verbringen.“
Eine halbe Stunde später saß ich auf einem Stuhl, und Balu lag neben meinem Bein.
Ich streichelte sein dünnes Fell.
Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich nicht das Gefühl, dass jede Minute endlos dauerte.
Trotzdem bekam ich Angst.
Was, wenn ich ihn mit nach Hause nahm und er bald starb?
Ich hatte gerade erst den Menschen verloren, den ich am meisten liebte.
Konnte ich noch einmal jemanden verlieren?
„Ich weiß nicht“, sagte ich schließlich. „Vielleicht bin ich zu alt für so etwas.“
Die Mitarbeiterin setzte sich mir gegenüber.
„Wissen Sie, Herr Weber, Balu ist auch nicht mehr jung. Vielleicht passen Sie gerade deshalb so gut zusammen.“
Ich sah auf den Kater hinunter.
Er hatte die Augen geschlossen. Seine Pfote lag auf meinem Schuh.
Und plötzlich hörte ich mich sagen:
„Was braucht er denn alles?“
Zwei Tage später zog Balu bei mir ein.
Ich kaufte eine Katzentoilette, Futternäpfe, eine weiche Decke und einen Kratzbaum, bei dem ich mich beim Zusammenbauen fürchterlich ärgerte.
Balu bekam ein ruhiges Plätzchen im Gästezimmer.
Als ich Sabine davon erzählte, glaubte sie mir zunächst nicht.
„Du hast eine Katze adoptiert? Du?“
„Ja, warum denn nicht?“
Sie lachte.
Dann wurde sie plötzlich still.
„Papa, das ist das erste Mal seit Monaten, dass du mir etwas erzählst, bei dem du dich lebendig anhörst.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Die ersten Tage versteckte Balu sich unter dem Gästebett.
Ich stellte ihm Futter hin, sprach ein paar Worte mit ihm und ließ ihn ansonsten in Ruhe.
Nach einer Woche kam er vorsichtig in die Küche.
Nach zwei Wochen wartete er bereits morgens vor meiner Schlafzimmertür.
Und nach drei Wochen hatte er Mariannes alten Fernsehsessel für sich entdeckt.
Genau den Sessel, in dem sie immer gesessen hatte.
Zuerst erschrak ich, als ich ihn dort liegen sah.
Dann musste ich lächeln.
„Na, Balu“, sagte ich. „Da hast du dir aber einen besonderen Platz ausgesucht.“
Er blinzelte nur und legte den Kopf wieder auf die Lehne.
Von diesem Tag an gehörte der Sessel ihm.
Balu war kein besonders lebhafter Kater. Er lief langsam, schlief viel und schnarchte manchmal so laut, dass ich den Fernseher lauter stellen musste.
Aber er folgte mir überallhin.
Wenn ich in der Küche Kartoffeln schälte, setzte er sich neben den Tisch.
Wenn ich Zeitung las, lag er auf dem Teppich.
Und wenn ich abends ins Schlafzimmer ging, tappte er hinter mir her.
Plötzlich musste ich morgens wieder aufstehen.
Nicht irgendwann, wenn mir danach war.
Sondern pünktlich, weil Balu sein Frühstück verlangte.
Ich öffnete die Vorhänge, weil er gern im Sonnenlicht lag. Ich lüftete die Zimmer, räumte die Küche auf und kochte wieder richtiges Essen.
Nicht jeden Tag.
Aber immer öfter.
Eines Morgens ertappte ich mich dabei, wie ich laut mit ihm sprach.
„Weißt du, Balu, Marianne hätte dich wahrscheinlich ordentlich verwöhnt.“
Er saß auf der Fensterbank und schaute mich an.
„Sie hätte dir bestimmt heimlich ein Stückchen vom Sonntagsbraten gegeben.“
Ich musste lachen.
Es war ein seltsames Geräusch.
Ich hatte mich selbst schon so lange nicht mehr lachen hören.
Ein paar Monate später kam ein Abend, an dem mich die Trauer mit voller Wucht einholte.
Ich hatte eine alte Blechdose aus dem Küchenschrank genommen.
Darin bewahrte Marianne ihre handgeschriebenen Rezepte auf.
Zwischen den Karten lag ein Zettel für ihren Apfelkuchen.
Oben stand in ihrer vertrauten Handschrift:
„Heinrich mag ihn mit besonders viel Zimt.“
Ich starrte auf diese wenigen Wörter.
Und plötzlich konnte ich nicht mehr.
Ich setzte mich aufs Sofa, hielt den Zettel fest und weinte.
Nicht still.
Nicht würdevoll.
Ich schluchzte wie ein kleines Kind.
„Ach, Marianne“, flüsterte ich. „Du fehlst mir so.“
Da hörte ich ein leises Geräusch.
Balu kam aus dem Flur.
Langsam kletterte er neben mich aufs Sofa, drehte sich zweimal und legte seinen Kopf auf meinen Oberschenkel.
Dann begann er zu schnurren.
Es war kein kräftiges Schnurren, eher ein raues, unregelmäßiges Brummen.
Aber ich spürte es durch meine Hose hindurch.
Ich legte meine Hand auf seinen Rücken.
Und wir saßen einfach da.
Ein alter Mann, der seine Frau vermisste.
Und ein alter Kater, der selbst jemanden verloren hatte.
Balu konnte meine Marianne nicht zurückbringen.
Er konnte die leere Seite unseres Bettes nicht füllen.
Aber an diesem Abend verstand ich etwas, das ich vorher nicht begriffen hatte.
Man muss nicht aufhören, jemanden zu vermissen, um wieder ein bisschen glücklich sein zu dürfen.
Einige Wochen später kam Sabine mit zwei Einkaufstaschen vorbei.
Sie blieb mitten im Wohnzimmer stehen und sah sich um.
Die Vorhänge waren geöffnet. Auf dem Tisch stand eine Vase mit frischen Blumen. In der Küche roch es nach Kartoffelsuppe.
Balu schlief in Mariannes Sessel, eine Pfote hing über die Armlehne.
„Papa“, sagte Sabine überrascht, „hier sieht es ja ganz anders aus.“
„Findest du?“
Sie nickte.
„Es fühlt sich wieder wie ein Zuhause an.“
Ich betrachtete den Kater.
Dann wanderte mein Blick zur Garderobe.
Mariannes graue Strickjacke hing noch immer dort.
Ich hatte sie nicht weggeräumt.
Und inzwischen wusste ich, dass ich das auch nicht musste.
Sabine legte ihre Hand auf meinen Arm.
„Wie geht es dir wirklich, Papa?“
Früher hätte ich sofort geantwortet, dass alles in Ordnung sei.
Diesmal dachte ich einen Moment nach.
„Nicht immer gut“, sagte ich. „Manchmal vermisse ich deine Mutter so sehr, dass es richtig wehtut.“
Meine Tochter hatte Tränen in den Augen.
„Aber weißt du was?“, fuhr ich fort. „Es gibt inzwischen auch wieder schöne Tage.“
In diesem Augenblick hob Balu seinen grauen Kopf und miaute.
Sabine lachte unter Tränen.
Ich ging zu ihm hinüber und kraulte ihn hinter seinem beschädigten Ohr.
„Ja, alter Freund“, murmelte ich. „Ich weiß. Du bist auch noch da.“
Heute steht morgens meistens nur noch eine Kaffeetasse auf meinem Küchentisch.
Manchmal hole ich trotzdem die weiße mit den roten Blumen aus dem Schrank.
Dann denke ich an Marianne, an unsere 49 gemeinsamen Jahre und an all das, was wir miteinander erleben durften.
Neben meinem Stuhl wartet Balu inzwischen ungeduldig auf sein Frühstück.
Er ist alt. Genau wie ich.
Wir wissen beide nicht, wie viel Zeit uns noch bleibt.
Aber vielleicht müssen wir das auch gar nicht wissen.
Denn eines habe ich durch diesen alten grauen Kater gelernt:
Ein neues Glück ersetzt niemals einen Menschen, den man geliebt hat. Aber es kann einem helfen, die Tage zu überstehen, an denen die Erinnerung besonders schwer wiegt.
Und manchmal braucht es dafür keine großen Worte, keine klugen Ratschläge und keine Wunder.
Manchmal genügt eine kleine Pfote auf dem Knie.
Und das stille Gefühl, dass man doch noch gebraucht wird.






