Nach dem Unfall erkannte Matthias die Krankenschwester nicht – doch ihr altes Armband ließ ihn plötzlich erstarren

Sabine lächelte traurig.

„Vielleicht erinnerst du dich irgendwann.“

In dieser Nacht schlief Matthias kaum.

Er lag im Dunkeln und versuchte, sein Leben rückwärts abzuspulen.

Seine Familie hatte damals in einer mittelgroßen Stadt in Niedersachsen gelebt.

Sein Vater arbeitete in einer Maschinenfabrik.

Seine Mutter führte den Haushalt und jobbte stundenweise in einer Bäckerei.

Matthias hatte eine Realschule besucht.

Er erinnerte sich an Klassenfahrten.

An einen Hausmeister namens Herr Krüger.

An den Geruch nasser Turnschuhe.

An einen Pausenhof.

Dann kam plötzlich ein Bild.

Regen.

Ein Bushäuschen.

Ein Mädchen.

So schnell, dass Matthias sich aufrichtete.

Der Schmerz in seiner Brust zwang ihn wieder zurück.

Das Bild verschwand.

Am nächsten Morgen sagte er nichts.

Drei Tage später passierte es wieder.

Während der Physiotherapie setzte Matthias vorsichtig einen Fuß vor den anderen.

„Gewicht verlagern“, sagte Herr Neumann.

Matthias griff fester um den Gehwagen.

Ein Schritt.

Noch einer.

Und plötzlich war da wieder dieser Regen.

Nicht Krankenhaus.

Nicht heute.

Ein grauer Nachmittag vor Jahrzehnten.

Ein Mädchen saß unter einem Bushäuschen.

Eine viel zu große Jacke.

Nasse Schuhe.

Ein Schulranzen auf den Knien.

Sie weinte.

Matthias blieb mitten in der Bewegung stehen.

„Herr Berger?“

Er hörte den Physiotherapeuten kaum.

Er sah das Mädchen.

Und ihre Augen.

Am Abend kam Sabine ins Zimmer.

Matthias wartete, bis die Tür hinter ihr geschlossen war.

„Es hat geregnet.“

Sie erstarrte.

„Was?“

„Damals.“

Sabines Gesicht wurde blass.

„Ich glaube, ich erinnere mich an Regen.“

Sie setzte sich langsam.

Keiner sagte etwas.

Dann liefen ihr Tränen über die Wangen.

Nicht dramatisch.

Nicht laut.

Einfach zwei Tränen, die eine Frau fast vierzig Jahre lang offenbar irgendwo zurückgehalten hatte.

„Ja“, sagte sie.

„Es hat geregnet.“

Von diesem Abend an kehrten die Erinnerungen zurück.

Nicht wie ein Film.

Eher wie Puzzleteile.

Matthias erinnerte sich an Sabine mit dreizehn.

Damals hieß sie Sabine Reuter.

Ihre Familie war neu in die Gegend gezogen.

Ihr Vater hatte seine Stelle verloren, kurz nachdem der Betrieb, in dem er gearbeitet hatte, Personal abgebaut hatte.

Geld war knapp.

Sehr knapp.

Sabine trug Kleidung, die vorher ihrer älteren Cousine gehört hatte.

Ihre Schuhe waren abgelaufen.

Ihre Schultasche war gebraucht.

Für Erwachsene wären es Kleinigkeiten gewesen.

Für Jugendliche war es genug.

Einige machten sich über sie lustig.

Über ihren Dialekt.

Über ihre Jacke.

Über das Pausenbrot in einer alten Butterbrotdose.

Sabine wurde stiller.

Sie saß allein.

Je weniger sie sagte, desto leichter wurde sie zum Ziel.

Matthias erinnerte sich, dass er sie zunächst ebenfalls kaum wahrgenommen hatte.

Er war siebzehn.

Andere Freunde.

Andere Sorgen.

Er wollte einen Führerschein.

Er wollte Geld verdienen.

Er war verliebt in ein Mädchen aus seiner Klasse, das ihn kaum beachtete.

Dann kam dieser Regentag.

Matthias wartete auf den Bus.

Die meisten Schüler waren schon weg.

Sabine saß allein unter dem Dach.

Ihre Schultern zitterten.

Ein paar Jungen gingen an ihr vorbei.

Einer rief etwas über ihre Jacke.

Die anderen lachten.

Matthias erinnerte sich heute nicht mehr an die Worte.

Nur daran, wie Sabine versuchte, noch kleiner zu werden.

Er hatte sich neben sie gesetzt.

„Hast du Hunger?“

Sie schüttelte den Kopf.

Ihr Magen knurrte.

Matthias hielt ihr sein belegtes Brot hin.

„Dann hat dein Bauch offenbar eine andere Meinung.“

Sie sah ihn zum ersten Mal an.

Er brach das Brot in zwei Hälften.

„Hier.“

„Ich will nichts.“

„Gut. Dann halte es eben fest.“

Sie musste trotz der Tränen lachen.

Das war alles.

Keine große Rede.

Keine heldenhafte Szene.

Am nächsten Tag setzte Matthias sich in der Pause wieder zu ihr.

Am Tag darauf ebenfalls.

Manche Freunde fragten, warum.

„Weil da Platz ist“, sagte er.

Als ein älterer Schüler Sabine einmal ihre Tasche wegnahm, stellte Matthias sich vor ihn.

Nicht mit Fäusten.

Nicht mit Drohungen.

Er sagte nur:

„Gib ihr die Tasche zurück.“

„Was willst du denn?“

„Nichts. Nur die Tasche.“

Der Junge wollte lachen.

Doch Matthias blieb stehen.

Irgendwann gab er sie zurück.

So einfach.

So unspektakulär.

Sabine wurde danach nicht plötzlich beliebt.

Das Leben wurde nicht märchenhaft.

Aber etwas änderte sich.

Wenn jemand wusste, dass ein anderer hinsah, wurde Grausamkeit weniger bequem.

Matthias erinnerte sich, wie er ihr bei Mathematik half.

Wie Sabine seiner Mutter einmal beim Tragen von Einkaufstaschen begegnete.

Wie er hörte, dass ihre Eltern Probleme hatten.

Eines Samstags half Matthias Sabines Vater und zwei Nachbarn, gebrauchte Möbel aus einem Transporter zu tragen.

Ein alter Schrank.

Ein Küchentisch.

Vier unterschiedliche Stühle.

„Dafür schulde ich dir was“, hatte Sabines Vater gesagt.

Matthias hatte nur abgewinkt.

„Passt schon.“

Für ihn waren es Kleinigkeiten gewesen.

Ein Jahr später bekam Matthias‘ Vater eine Stelle in Süddeutschland.

Die Familie zog um.

Kurz vor der Abreise traf Matthias Sabine noch einmal.

Sie stand vor dem Jugendzentrum.

Er hatte von seinem Ferienjob etwas Geld übrig.

In einem kleinen Laden hatte er ein schlichtes Silberarmband gesehen.

Nichts Besonderes.

Er kaufte es.

Heute konnte Matthias kaum glauben, dass diese Erinnerung fast völlig verschwunden war.

Er hatte Sabine das kleine Päckchen gegeben.

„Warum?“, fragte sie.

„Damit du später weißt, dass nicht alle Leute Idioten sind.“

Sabine hatte gelacht.

Dann wurde sie ernst.

„Und wenn ich dich vergesse?“

Matthias zuckte mit den Schultern.

„Dann vergiss mich. Hauptsache, du vergisst dich selbst nicht.“

Als diese Worte wieder in seinem Kopf auftauchten, musste der 56-jährige Matthias im Krankenhaus die Augen schließen.

Sabine saß neben ihm.

„Ich habe das wirklich gesagt?“

„Fast genau so.“

„Klingt ziemlich schlau für einen Siebzehnjährigen.“

„Du warst meistens nicht schlau.“

Matthias lachte.

„Danke.“

„Aber manchmal überraschend.“

Dann hob Sabine ihr Handgelenk.

Das alte Armband fing das Licht auf.

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