„Ich habe es nie weggeworfen.“
Matthias schluckte.
„Fast vierzig Jahre?“
„Fast vierzig Jahre.“
Er wusste nicht, was er sagen sollte.
Für ihn war es ein billiges Geschenk gewesen.
Für sie offenbar etwas anderes.
„Was ist passiert, nachdem wir weggezogen sind?“
Sabine schwieg kurz.
Dann erzählte sie.
Ihr Vater fand jahrelang nur unregelmäßige Arbeit.
Manchmal reichte das Geld kaum.
Ihre Mutter putzte Wohnungen und Treppenhäuser.
Urlaub gab es nicht.
Neue Kleidung selten.
Sabine schämte sich lange für Dinge, für die sie nichts konnte.
„Ich dachte damals, wenn jemand wenig hat, sei er auch weniger wert“, sagte sie.
Matthias schüttelte den Kopf.
„Du warst ein Kind.“
„Kinder glauben vieles, wenn man es ihnen oft genug zeigt.“
Sie sah auf das Armband.
„Wenn ich mich besonders klein gefühlt habe, habe ich daran gedacht, dass wenigstens einer mich damals normal behandelt hat.“
Matthias sagte nichts.
„Nicht aus Mitleid“, fuhr Sabine fort. „Das war der Unterschied. Du hast nie so getan, als wäre ich ein armes Mädchen, das gerettet werden muss. Du hast dich hingesetzt und mit mir über Musik, Schule und irgendeinen Unsinn geredet.“
„Wahrscheinlich Motorräder.“
„Natürlich Motorräder.“
Sie lächelte.
Sabine arbeitete sich durch die Schule.
Sie machte eine Ausbildung.
Später holte sie weitere Qualifikationen nach.
Mit Anfang dreißig wechselte sie endgültig in die Krankenpflege.
„Warum Pflege?“, fragte Matthias.
Sabine dachte nach.
„Weil ich irgendwann verstanden habe, wie es sich anfühlt, wenn man Angst hat und trotzdem jemand bleibt.“
Matthias sah sie an.
„Wegen mir?“
„Nicht nur wegen dir.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Du hast mein Leben nicht allein gerettet. Meine Eltern haben gekämpft. Lehrer haben geholfen. Später gab es andere Menschen.“
Dann legte sie die Hand auf das Armband.
„Aber du warst einer der ersten.“
Matthias drehte den Kopf zum Fenster.
Er wollte nicht, dass sie sah, wie feucht seine Augen wurden.
Sein ganzes Erwachsenenleben hatte er manchmal das Gefühl gehabt, nichts Besonderes erreicht zu haben.
Er hatte einen ordentlichen Beruf.
Seine Rechnungen bezahlt.
Seinen Sohn großgezogen, so gut er konnte.
Ein Haus gekauft.
Eine Ehe verloren.
Manche Fehler bereut.
Er war kein berühmter Mann.
Niemand würde über ihn in einer Zeitung schreiben.
An manchen Geburtstagen hatte er sich gefragt, wo eigentlich die Jahre geblieben waren.
Fünfzig.
Dreiundfünfzig.
Fünfundfünfzig.
Plötzlich sechsundfünfzig.
Man räumt alte Unterlagen weg, wechselt die Brille, kennt immer mehr Menschen mit künstlichen Hüften und immer weniger, die nachts um zwei spontan irgendwohin fahren.
Matthias hatte geglaubt, ein gewöhnliches Leben hinterlasse gewöhnliche Spuren.
Nun saß Sabine vor ihm.
Fast vierzig Jahre später.
Mit einem zerkratzten Armband.
Und bewies das Gegenteil.
Doch seine Genesung verlief nicht geradeaus.
Drei Wochen später bekam Matthias Fieber.
Eine Operationsstelle hatte sich entzündet.
Weitere Eingriffe wurden nötig.
Das Bein schwoll an.
Die Ärzte sprachen vorsichtig.
Zu vorsichtig.
Matthias kannte diesen Ton inzwischen.
„Wir müssen Geduld haben.“
Er hasste das Wort Geduld.
Er hatte bereits Wochen verloren.
Vielleicht Monate.
Ein Arzt erklärte, die Rehabilitation werde deutlich länger dauern.
Als alle gegangen waren, lag Matthias allein da.
Zum ersten Mal dachte er:
Vielleicht komme ich nie wieder richtig auf die Beine.
Vielleicht wird mein altes Leben nicht zurückkommen.
Vielleicht werde ich ständig Hilfe brauchen.
Er stellte sich vor, wie sein Sohn irgendwann für ihn einkaufen musste.
Wie jemand Haltegriffe im Bad montierte.
Wie er seinen Werkzeugkeller kaum noch benutzte.
Wie die Wanderstiefel im Schrank verstaubten.
Er drehte das Gesicht zum Fenster.
Seine Augen brannten.
Als Sabine kam, merkte sie sofort, dass etwas anders war.
„Was haben die Ärzte gesagt?“
„Dass ich Geduld haben soll.“
„Das sagen Ärzte gern.“
„Ich kann dieses Wort nicht mehr hören.“
Sie setzte sich.
Matthias schwieg lange.
Dann sagte er:
„Ich bin müde.“
Sabine nickte.
Keine Floskel.
Kein „Das wird schon“.
Kein „Sie müssen positiv denken“.
Nur ein Nicken.
„Ich weiß.“
Matthias sah sie an.
„Was, wenn das hier so bleibt?“
Sabine antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Dann wird dein Leben anders.“
Die Antwort traf ihn.
„Danke. Sehr aufmunternd.“
„Du willst keine Lüge.“
„Nein.“
„Dann bekommst du keine.“
Sie beugte sich vor.
„Vielleicht wirst du wieder genauso beweglich wie vorher. Vielleicht nicht. Ich weiß es nicht.“
Matthias blickte zur Seite.
„Aber ich weiß etwas anderes.“
„Was?“
„Du hast mir damals beigebracht, dass man nicht das ganze Leben an einem Tag reparieren muss.“
Er runzelte die Stirn.
„Das habe ich gesagt?“
„Nicht mit diesen Worten.“
Sabine lächelte.
„Du hast einfach am nächsten Tag wieder neben mir gesessen.“
Matthias schwieg.
„Dann wieder am nächsten.“
Sie zeigte auf seinen Gehwagen.
„Genau das machst du jetzt.“
Am nächsten Morgen stand Matthias wieder auf.
Nur zwei Minuten.
Am Tag danach drei.
Eine Woche später ging er zehn Schritte.
Später zwanzig.
Der Gehwagen wurde zum Rollator.
Der Rollator zu Unterarmstützen.
Aus Unterarmstützen wurde schließlich ein Stock.
Es gab schlechte Tage.
Tage, an denen er fluchte.
Tage, an denen Schmerzen alles andere übertönten.
Aber immer öfter gab es auch gute.
Nach fast vier Monaten kam der Arzt mit einer Nachricht, nach der Matthias sich seit dem Unfall gesehnt hatte.
„Wenn die nächsten Untersuchungen unauffällig bleiben, können Sie nächste Woche nach Hause.“
Matthias hatte sich vorgestellt, bei diesen Worten zu jubeln.
Stattdessen saß er schweigend da.
Zuhause.
Sein eigenes Bett.
Eigener Kaffee.
Keine Geräte in der Nacht.
Keine Schritte auf dem Flur.
Und trotzdem fühlte sich der Gedanke an Abschied plötzlich schwer an.
Am letzten Morgen packte Matthias langsam seine Sachen.
Ein Kulturbeutel.
Zwei Bücher.
Karten.
Trainingsunterlagen.
Den Pullover seines Sohnes, den Jonas ihm beim ersten Besuch gebracht hatte.
Dann wartete er.
Sabine hatte Frühdienst.
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