Nach mehreren Gesprächen begann ich zu glauben, dass die Spur wirklich weg war.
Vielleicht hatte ihn jemand behalten.
Vielleicht war er längst gestorben.
Vielleicht lebte er irgendwo bei einer Familie, die ihn liebte.
Dieser Gedanke tat weh.
Aber er war immer noch besser als manche anderen.
Beim neunten Anruf meldete sich eine Frau.
Ich erklärte alles wieder von vorne.
„Rottweiler, schwarz-braun, ungefähr zehn Jahre alt inzwischen. Basko.“
Am anderen Ende wurde es still.
Dann hörte ich Tastaturgeräusche.
„Warten Sie.“
Ich wartete.
Zehn Sekunden.
Zwanzig.
Dreißig.
Dann sagte sie:
„Wir haben tatsächlich einen Basko.“
Ich konnte nicht antworten.
„Hallo?“
„Ja.“
Meine Stimme war kaum hörbar.
„Ist er groß?“
„Etwa 40 Kilo.“
Ich setzte mich auf die Motorhaube meines alten Wagens.
„Wie lange ist er bei Ihnen?“
„Fast zwei Jahre.“
Mir wurde schlecht.
„Fast zwei Jahre?“
„Ja.“
Dann sagte sie den Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe.
„Er interessiert sich kaum noch für Menschen.“
Ich drückte das Telefon fester ans Ohr.
„Was heißt das?“
„Er liegt viel. Dreht sich oft zur Wand. Frisst normal, lässt sich versorgen. Aber er sucht keinen Kontakt.“
Ich sah auf den Boden.
„Bitte.“
Mehr bekam ich zuerst nicht heraus.
„Bitte vermitteln Sie ihn heute nicht.“
Die Frau schwieg kurz.
„Wollen Sie kommen?“
„Ich fahre sofort los.“
Es waren etwas mehr als 600 Kilometer.
Fast sieben Stunden.
Ich machte keinen Umweg.
Ich fuhr.
Mein alter Wagen war eines der wenigen Dinge, die mir geblieben waren.
Ein Freund hatte ihn all die Jahre auf seinem Grundstück stehen lassen.
Der Motor klang nicht gesund.
Mir war es egal.
Während der Fahrt redete ich laut mit Basko.
Als säße er schon neben mir.
„Ich komme.“
„Ich bin unterwegs.“
„Bitte sei noch da.“
Manchmal sagte ich gar nichts.
Dann sah ich nur die Straße vor mir.
Und dachte an die Glastür am Gericht.
An seine Pfoten dagegen.
An sein Bellen.
Ich dachte auch an etwas, das mir Angst machte.
Was, wenn er mich nicht mehr erkannte?
Fünf Jahre waren für mich lang.
Für einen Hund waren sie ein großer Teil seines Lebens.
Er war damals vier gewesen.
Jetzt musste er ungefähr neun oder zehn sein.
Vielleicht war mein Geruch weg.
Meine Stimme fremd.
Mein Gesicht nur noch irgendein Gesicht.
Als ich endlich ankam, war es bereits später Nachmittag.
Die Einrichtung war kleiner, als ich erwartet hatte.
Ein älterer Mann mit grauem Bart führte mich nach hinten.
„Sie sind wegen Basko da?“
Ich nickte.
Er sah mich kurz an.
„Dann hoffe ich, dass Sie wirklich der sind, für den ich Sie halte.“
Ich verstand nicht, was er meinte.
Wir gingen an mehreren Zwingern vorbei.
Hunde sprangen an die Gitter.
Bellende Stimmen überall.
Pfoten auf Metall.
Nur einer reagierte nicht.
Im vierten Zwinger lag ein großer Rottweiler auf der Seite.
Sein Kopf zeigte zur Wand.
Ich blieb stehen.
Es war Basko.
Älter.
Graue Haare um die Schnauze.
Etwas dünner.
Aber Basko.
Mein Basko.
Meine Knie wurden weich.
„Seit fast zwei Jahren macht er das“, sagte der Mann hinter mir.
„Was?“
„So liegen.“
Ich konnte den Blick nicht von Basko lösen.
„Warum nimmt ihn niemand?“
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Alter. Größe. Rasse. Und er wirkt auf viele Leute, als hätte er abgeschlossen.“
„Abgeschlossen?“
„Er zeigt kaum etwas.“
Der Mann schwieg kurz.
„Manchmal habe ich das Gefühl, er wartet.“
Ich ging in die Hocke.
Meine Hände zitterten.
Das Metallgitter war plötzlich das Einzige zwischen uns.
„Basko.“
Nichts.
Ich schluckte.
„Basko, mein Großer.“
Ein Ohr bewegte sich.
Nur ganz leicht.
Ich hielt den Atem an.
Der Mann hinter mir sagte kein Wort mehr.
„Basko.“
Langsam hob der Hund den Kopf.
Er blieb einen Moment so liegen.
Dann drehte er ihn.
Unsere Blicke trafen sich.
Ich erkannte seine Augen sofort.
Aber sie waren anders.
Müde.
Fast leer.
Ich hatte mir vorgestellt, dass er aufspringen würde.
Dass er bellen würde.
Dass alles sofort wieder wie früher wäre.
Aber Basko starrte mich nur an.
Und für eine Sekunde dachte ich:
Er weiß es nicht mehr.
Dann hob er die Nase.
Er schnupperte.
Einmal.
Noch einmal.
Dann stärker.
Sein ganzer Körper veränderte sich.
Er zog die Vorderpfoten unter sich.
Stand langsam auf.
Schwankte kurz.
Dann kam er zum Gitter.
Nicht schnell.
Fast vorsichtig.
Als traute er dem Moment selbst nicht.
Ich legte meine Hand an die Stäbe.
„Ich bin’s.“
Basko roch an meinen Fingern.
Dann erstarrte er.
Seine Augen wurden groß.
Der Schwanz bewegte sich.
Einmal.
Dann noch einmal.
Und plötzlich schlug er so heftig gegen die Wand des Zwingers, dass ich lachen und weinen gleichzeitig musste.
„Du kennst mich.“
Basko bellte.
Nur einmal.
Tief.
Hart.
So laut, dass mehrere Hunde in den Nachbarzwingern verstummten.
Mir lief ein Schauer über den Rücken.
Es war genau dieses Bellen.
Dasselbe wie damals am Gericht.
Ich legte beide Hände an das Gitter.
„Ja.“
Meine Stimme brach.
„Ich bin wieder da.“
Basko sprang mit den Vorderpfoten gegen die Tür.
Leckte durch die Zwischenräume.
Drehte sich im Kreis.
Kam zurück.
Drehte sich wieder.
Der alte Mann neben mir atmete hörbar aus.
„Das habe ich noch nie bei ihm gesehen.“
Er öffnete die Zwingertür.
Ich hatte Angst.
Nicht vor Basko.
Vor dem Moment.
Vor allem, was passieren konnte.
Basko trat heraus.
Er lief nicht weg.
Er sprang auch nicht an mir hoch.
Er kam direkt zu mir.
Und setzte sich vor meine Füße.
Wie früher.
Dann legte er den Kopf gegen meinen Bauch.
Ich ging in die Knie.
Meine Arme legten sich um seinen Hals.
Sein Körper zitterte.
Meiner auch.
„Es tut mir leid“, sagte ich immer wieder.
„Es tut mir leid.“
Natürlich konnte er nicht verstehen, warum ich verschwunden war.
Er wusste nichts von Akten.
Nichts von Verhandlungen.
Nichts von Fehlern.
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