Früher hatte Rocky fast 34 Kilo gewogen.
Jetzt war er erschreckend leicht.
Ich trug ihn zum Auto und legte ihn auf die Decke, die ich auf dem Rücksitz ausgebreitet hatte.
Er drehte sich nicht noch einmal zum Haus um.
Nicht zum Garten.
Nicht zum Pfosten.
Er sah nur mich an.
Marianne kam zum Wagen.
Sie legte eine Hand auf Rockys Kopf.
„Jetzt wird alles gut, alter Junge.“
Dann umarmte sie mich.
„Pass auf ihn auf.“
„Das werde ich.“
Auf dem Weg zur Tierarztpraxis hielt ich mehrmals an, um nach Rocky zu sehen.
Er lag still auf der Rückbank.
Jedes Mal, wenn ich mich zu ihm umdrehte, öffnete er die Augen.
Erst wenn ich mit ihm sprach, entspannte er sich wieder.
„Ich bin noch da, Rocky. Ich fahre nicht weg.“
In der Praxis einer erfahrenen Tierärztin mussten wir nicht lange warten.
Frau Dr. Schulte war Mitte fünfzig und hatte eine ruhige Art.
Sie untersuchte Rocky gründlich.
Sie kontrollierte seine Schleimhäute, hörte Herz und Lunge ab, tastete seinen Bauch und schaute sich die wund gescheuerten Stellen an seinem Hals an.
Rocky ließ alles über sich ergehen.
Nur wenn ich meine Hand von seinem Kopf nahm, wurde er unruhig.
„Bleiben Sie ruhig bei ihm“, sagte die Tierärztin.
Nach den ersten Untersuchungen setzte sie sich mir gegenüber.
„Er ist stark abgemagert und ausgetrocknet. Wir müssen ihn vorsichtig stabilisieren und die Blutwerte kontrollieren. Seine Verfassung ist ernst.“
Ich konnte sie kaum ansehen.
„Wird er wieder gesund?“
„Das kann ich Ihnen heute noch nicht versprechen. Aber wir tun alles dafür.“
Ich nickte.
Dann fing ich an zu weinen.
Die Tierärztin gab mir ein Taschentuch und ließ mir einen Moment Zeit.
Rocky blieb zunächst zur Behandlung in der Praxis.
Als ich mich verabschieden wollte, hob er mühsam den Kopf.
Ich setzte mich noch einmal neben ihn.
„Ich hole dich wieder ab“, sagte ich.
Er sah mich an.
Und ich merkte, dass ich selbst Schwierigkeiten hatte, diese Worte auszusprechen.
Denn ich hatte ihn schon einmal zurückgelassen.
Damals hatte ich geglaubt, er sei sicher.
Diesmal wollte ich alles anders machen.
Zwei Tage später durfte Rocky mit mir nach Bonn fahren.
Er bekam einen Platz im Wohnzimmer, direkt neben meinem alten Sessel.
Ich kaufte eine weiche Hundematratze, neue Näpfe und einen kleinen Teppich, damit er auf dem glatten Boden besseren Halt hatte.
Anfangs schlief er fast den ganzen Tag.
Er fraß nur kleine Portionen, genau nach dem Plan der Tierärztin.
Manchmal wachte er plötzlich auf und hob den Kopf.
Dann sah er sich hektisch um, bis er mich entdeckte.
Erst danach legte er sich wieder hin.
Einmal musste ich kurz in den Keller.
Als ich zurückkam, lag Rocky direkt vor der Wohnungstür.
Er hatte sich trotz seiner schwachen Beine dorthin geschleppt.
Als er mich sah, begann seine Rute zu schlagen.
Ich setzte mich neben ihn auf den Boden.
„Du musst nicht mehr auf mich warten“, sagte ich. „Ich komme wieder.“
Natürlich verstand er meine Worte nicht so wie ein Mensch.
Aber ich hoffte, dass er irgendwann wieder lernen würde, mir zu vertrauen.
In den folgenden Wochen arbeitete ich häufiger von zu Hause.
Ich stellte meinen Laptop auf den Wohnzimmertisch und setzte mich in seine Nähe.
Wenn ich telefonierte, schlief er.
Wenn ich mir einen Kaffee holte, folgte er mir mit den Augen.
Und wenn ich abends den Fernseher einschaltete, legte er seinen Kopf auf meinen Fuß.
Langsam kam sein alter Appetit zurück.
Dann begann er wieder, sich für seine Umgebung zu interessieren.
Eines Morgens nahm er sogar seinen Stoffball ins Maul.
Er brachte ihn nicht zu mir.
Er legte ihn nur neben seine Matratze.
Aber ich musste trotzdem lachen und weinen zugleich.
„Da bist du ja wieder.“
Nach etwa sechs Wochen konnte Rocky wieder längere Spaziergänge machen.
Sein Fell wurde gepflegter.
Die Wunden am Hals heilten.
Seine Rippen waren nicht mehr so deutlich zu sehen.
Und irgendwann wedelte er wieder mit dem ganzen Körper.
Fast wie früher.
Doch eine Frage ließ mich nicht los.
Was war mit Wolfgang geschehen?
Ich hatte versucht, ihn auf seiner alten Nummer anzurufen.
Nichts.
Ich hatte ihm geschrieben.
Keine Antwort.
Dann meldete sich Marianne erneut.
„Karin, ich habe etwas gefunden.“
Sie hatte eine kleine Mappe mit alten Unterlagen von Wolfgang aufbewahrt, die er ihr vor seinem Weggang persönlich gegeben hatte.
Darin lag ein verschlossener Brief.
Auf dem Umschlag stand mein Name.
Karin.
Die Handschrift erkannte ich sofort.
Ich bat Marianne, mir den Brief zu schicken.
Als er drei Tage später ankam, saß Rocky neben meinem Sessel.
Ich öffnete den Umschlag.
Wolfgang schrieb, dass er alles verloren hatte.
Seine Ersparnisse.
Seine Arbeit.
Seinen Lebensmut.
Er hatte nach unserer Trennung immer häufiger um Geld gespielt.
Anfangs nur gelegentlich.
Später fast jeden Tag.
Er hatte versucht, seine Verluste auszugleichen, und dabei immer mehr verloren.
Irgendwann hatte er die Miete nicht mehr bezahlen können.
Er schämte sich so sehr, dass er niemanden mehr um Hilfe bat.
Nicht einmal mich.
Über Rocky schrieb er:
„Ich weiß, dass ich ihn nicht mehr richtig versorgen kann. Aber ich bringe es nicht übers Herz, ihn abzugeben. Ich habe Angst, dass ihn niemand nimmt, weil er schon älter ist.“
Ich musste den Brief kurz weglegen.
Rocky hob den Kopf.
Ich streichelte seine Ohren und las weiter.
Wolfgang schrieb, dass er sich schließlich entschlossen hatte, sich stationär behandeln zu lassen.
Er hatte Rocky im Garten angebunden, weil er glaubte, bald zurückzukommen.
Er hatte Marianne um Hilfe gebeten, aber nicht ausgesprochen, wie lange seine Abwesenheit dauern könnte.
Aus ein paar Tagen waren Wochen geworden.
Und aus Wochen Monate.
Am Ende des Briefes standen nur wenige Worte.
„Falls ich es nicht schaffe, alles wieder in Ordnung zu bringen, kümmere dich bitte um Rocky. Er hat nichts davon verdient. Es tut mir leid.“
Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand.
Ein Teil von mir war wütend.
Sehr wütend sogar.
Wolfgang hatte Rocky in eine Lage gebracht, die beinahe sein Leben gekostet hätte.
Das konnte ich nicht einfach entschuldigen.
Aber ich dachte auch an den Mann zurück, mit dem ich siebzehn Jahre verheiratet gewesen war.
An den Wolfgang, der mir morgens Tee ans Bett gebracht hatte.
Der mit Rocky auf dem Wohnzimmerboden gelegen hatte.
Der manchmal nicht wusste, wie er über seine Probleme sprechen sollte.
Ich begriff, dass seine Schwierigkeiten größer gewesen waren, als ich geahnt hatte.
Und dass ich ihm nicht helfen konnte, indem ich so tat, als wäre nichts passiert.
Über Marianne erfuhr ich schließlich, in welcher Klinik Wolfgang behandelt wurde.
Ich rief dort an und fragte, ob ein Besuch möglich sei.
Einige Tage später saß ich ihm in einem kleinen Besucherzimmer gegenüber.
Ich erschrak.
Er war deutlich dünner geworden.
Seine Haare waren länger.
Seine Hände lagen unruhig auf dem Tisch.
Als er mich sah, versuchte er zu lächeln.
„Karin.“
Ich setzte mich.
Eine Weile sagte keiner von uns etwas.
Dann fragte er:
„Weißt du etwas von Rocky?“
Seine Stimme brach beim Namen unseres Hundes.
Ich nickte.
„Er ist bei mir.“
Wolfgang starrte mich an.
„Bei dir?“
„Ja. Ich habe ihn aus dem Garten geholt. Er war sehr schwach. Aber es geht ihm inzwischen besser.“
Wolfgang hielt sich beide Hände vors Gesicht.
Dann begann er zu weinen.
Ich hatte ihn in all unseren Ehejahren nur selten so gesehen.
„Ich dachte, ich könnte zurück“, flüsterte er. „Ich habe wirklich gedacht, ich wäre nach ein paar Tagen wieder da.“
Ich antwortete nicht sofort.
„Wolfgang, er wäre beinahe gestorben.“
Er nickte.
„Ich weiß.“
„Er hat auf dich gewartet. Und Marianne konnte ihn nicht allein versorgen.“
„Ich weiß“, wiederholte er.
Lange saßen wir schweigend da.
Dann schaute er mich an.
„Hasst du mich jetzt?“
Ich musste nachdenken.
„Nein. Aber ich bin sehr enttäuscht. Und ich bin wütend darüber, was Rocky durchmachen musste.“
Er senkte den Blick.
„Das verstehe ich.“
Ich holte mein Handy heraus und zeigte ihm ein aktuelles Foto.
Rocky lag auf seiner neuen Matratze und hielt den roten Stoffball zwischen den Vorderpfoten.
Wolfgang berührte vorsichtig den Bildschirm.
„Mein alter Junge.“
Wieder liefen ihm Tränen über die Wangen.
„Er bleibt bei mir“, sagte ich.
Wolfgang nickte sofort.
„Ja. Das ist richtig.“
„Und wenn du irgendwann wieder auf eigenen Beinen stehst, kannst du ihn besuchen. Aber nur, wenn es für Rocky gut ist.“
„Danke, Karin.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Du musst mir nicht danken. Du musst jetzt erst einmal für dich selbst Verantwortung übernehmen.“
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