Fünf Tage lang fraß die Hündin nichts, nachdem sie ihre sechs Welpen verloren hatte. Dann legten wir ihr ein fremdes Hundebaby vor den Bauch.
„Sabine, wenn sie heute wieder nichts frisst, müssen wir ernsthaft überlegen, wie es weitergeht.“
Ich stand vor der offenen Tür des kleinen Hundezimmers und starrte auf die Futterschüssel. Sie war noch genauso voll wie am Abend zuvor.
Hinter mir stand unsere Tierpflegerin Kerstin. Sie hatte die Arme verschränkt und sah mich besorgt an.
In der hintersten Ecke lag eine Schäferhundmischlingshündin namens Frieda. Sie war erst vier Jahre alt, hatte braunes Fell mit schwarzen Flecken und Augen, die mich seit Tagen kaum noch ansahen.
Ihre Schnauze zeigte zur Wand.
So lag sie seit fünf Tagen.
Fünf Tage, in denen sie kaum etwas gefressen hatte. Fünf Tage, in denen sie nur aufstand, wenn es unbedingt sein musste. Fünf Tage, in denen ich mich immer wieder fragte, ob wir sie überhaupt noch erreichen konnten.
Und alles hatte mit sechs kleinen Welpen begonnen.
Ich heiße Sabine, bin 56 Jahre alt und leite seit zwölf Jahren eine kleine private Auffangstation für Hunde am Rand von Bielefeld.
In diesen zwölf Jahren habe ich einiges erlebt. Hunde, die vor Menschen zurückschreckten. Alte Tiere, die niemand mehr haben wollte. Welpen, die mit der Flasche großgezogen werden mussten.
Aber Frieda ging mir besonders nahe.
Sie war hochträchtig zu uns gekommen. Ihr früherer Besitzer konnte sich nicht mehr um sie kümmern und hatte schließlich um Hilfe gebeten.
Frieda war eine ruhige Hündin. Sie ließ sich streicheln, nahm vorsichtig Leckerchen aus der Hand und suchte immer wieder unsere Nähe.
Wenn ich morgens das Zimmer betrat, wedelte sie mit dem Schwanz.
Kurz nach ihrer Ankunft brachte sie sechs Welpen zur Welt.
Drei Hündinnen und drei Rüden.
Ich weiß noch, wie stolz sie aussah, als ich zum ersten Mal neben ihrer Wurfkiste kniete. Sie hatte ihren Kopf auf den Rand gelegt und beobachtete mich aufmerksam.
Sobald einer der Kleinen fiepte, war sie sofort da.
Sie putzte sie, schob sie näher an ihren Bauch und ließ kaum jemanden aus den Augen, der sich der Kiste näherte.
Leider waren die Welpen von Anfang an sehr schwach.
Unser Tierarzt untersuchte sie regelmäßig. Wir halfen beim Füttern, kontrollierten ihr Gewicht und versuchten gemeinsam mit ihm alles, was möglich war.
Trotzdem verloren wir innerhalb weniger Tage alle sechs.
Den letzten Welpen hielt ich selbst in meinen Händen, als der Tierarzt feststellte, dass er es nicht geschafft hatte.
Frieda lag dicht neben mir.
Sie hob den Kopf, schnupperte an ihrem Kleinen und berührte ihn vorsichtig mit der Nase.
Dann legte sie sich wieder hin.
Ich werde diesen Augenblick nicht vergessen.
Sie machte kein Geräusch. Sie sprang nicht auf. Sie sah mich auch nicht an.
Sie drehte sich einfach um und legte ihre Schnauze zur Wand.
Zuerst dachte ich, sie sei erschöpft.
Die Geburt war anstrengend gewesen. Die folgenden Tage hatten ihr körperlich viel abverlangt.
Aber am nächsten Morgen stand ihre Futterschüssel unberührt vor ihr.
Auch das Wasser hatte sie kaum angerührt.
Ich setzte mich zu ihr und hielt ihr ein Stück von ihrem Lieblingsfutter hin.
„Na komm, meine Große. Wenigstens ein bisschen.“
Nichts.
Sie öffnete kurz die Augen und schloss sie wieder.
Am zweiten Tag machte ich mir ernsthaft Sorgen.
Unser Tierarzt kam vorbei, untersuchte sie gründlich und begann mit einer unterstützenden Behandlung. Wir achteten darauf, dass sie genügend Flüssigkeit bekam, und besprachen, wie wir weiter vorgehen sollten.
Körperlich war Frieda durch die Geburt und den Verlust geschwächt. Ihre Verfassung musste engmaschig überwacht werden.
Aber was mich am meisten erschütterte, war ihr Verhalten.
Diese Hündin, die vorher bei jedem Schritt neugierig aufgeschaut hatte, schien nichts mehr zu interessieren.
Am dritten Tag versuchte ich es mit gekochtem Hühnerfleisch.
Normalerweise konnten unsere Hunde diesem Geruch kaum widerstehen.
Ich stellte den Napf direkt vor ihre Nase.
Frieda hob nicht einmal den Kopf.
„Ach, Mädchen“, flüsterte ich. „Was soll ich denn bloß mit dir machen?“
Ich setzte mich auf den Boden neben sie und blieb dort fast eine Stunde.
Ich redete mit ihr.
Erzählte ihr von den anderen Hunden. Von meinem Mann, der zu Hause vermutlich wieder seine Lesebrille suchte. Von meinem alten Kater, der grundsätzlich auf frisch gewaschener Wäsche schlief.
Irgendwann wusste ich selbst nicht mehr, was ich erzählen sollte.
Also nahm ich ein Buch aus meiner Tasche und las ihr daraus vor.
Nicht weil ich glaubte, dass sie die Geschichte verstand.
Ich wollte einfach, dass sie meine Stimme hörte.
Vielleicht würde sie merken, dass sie nicht allein war.
Doch Frieda blieb mit dem Gesicht zur Wand liegen.
Am vierten Tag saß ich abends in unserer kleinen Küche, die Hände um eine Tasse Tee gelegt.
Kerstin kam herein.
„Du kannst nicht die ganze Nacht bei ihr sitzen, Sabine.“
„Ich weiß.“
„Du machst doch schon alles, was du kannst.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Aber sie wird nicht besser.“
Kerstin setzte sich mir gegenüber.
Eine Weile sagten wir nichts.
Dann fragte sie leise: „Glaubst du, sie sucht die Kleinen?“
Ich sah auf meine Hände.
„Ich weiß es nicht. Aber jedes Mal, wenn ich sie sehe, habe ich das Gefühl, dass sie auf etwas wartet.“
Natürlich konnte ich nicht wissen, was in Frieda vorging.
Vielleicht waren es Schmerzen, Erschöpfung, hormonelle Veränderungen nach der Geburt oder alles zusammen.
Aber wer sie vorher erlebt hatte, merkte, dass etwas nicht stimmte.
Am fünften Tag rief mich eine junge Frau namens Melanie an.
Sie arbeitete bei einer kommunalen Auffangstelle in der Nähe von Gütersloh und hatte Frieda damals zu uns gebracht.
Seit dem Verlust der Welpen erkundigte sie sich täglich nach ihr.
„Und? Hat sie heute etwas gefressen?“
„Nein.“
Am anderen Ende wurde es still.
„Auch kein Huhn?“
„Nicht einmal das.“
Melanie atmete hörbar aus.
„Sabine, ich habe da vielleicht eine Idee.“
„Welche?“
„Versprich mir erst mal, dass du mich nicht für verrückt hältst.“
„Melanie, nach dieser Woche bin ich für ziemlich viele Ideen offen.“
Sie zögerte.
„Gestern Abend wurde bei uns ein winziger Welpe abgegeben. Ein Mann hat ihn in einer alten Decke neben einem Geräteschuppen gefunden.“
Ich richtete mich auf.
„Wie alt?“
„Vielleicht fünf oder sechs Tage. Die Augen sind noch geschlossen. Kein Muttertier in der Nähe. Wir suchen natürlich weiter, aber bislang hat sich niemand gemeldet.“
„Und wie geht es ihm?“
„Er ist schwach, aber er trinkt seine Aufzuchtmilch. Unsere Tierärztin hat ihn untersucht.“
Dann wurde ihre Stimme leiser.
„Er braucht viel Pflege. Und möglicherweise könnten wir vorsichtig versuchen, ob Frieda ihn annimmt.“
Ich antwortete zunächst nicht.
Der Gedanke war so naheliegend und gleichzeitig so ungewöhnlich, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte.
Frieda hatte gerade sechs Welpen verloren.
Würden wir ihr damit helfen?
Oder würden wir sie nur noch mehr belasten?
„Wir müssten das sehr vorsichtig machen“, sagte ich schließlich.
„Das weiß ich“, antwortete Melanie. „Ich habe bereits mit unserer Tierärztin gesprochen. Sie würde mitkommen und alles begleiten.“
Ich blickte durch die offene Küchentür den Flur hinunter.
Dort lag Frieda.
Noch immer in derselben Ecke.
„Dann bringt ihn her“, sagte ich.
Am Nachmittag hielt ein kleiner Wagen vor unserem Eingang.
Melanie stieg aus. Neben ihr kam die Tierärztin, die den Welpen untersucht hatte.
Melanie trug eine kleine Transportbox.
Nicht größer als eine Einkaufskiste.
„Er hat unterwegs die ganze Zeit gefiept“, sagte sie.
Wir gingen in den Untersuchungsraum.
Als Melanie die Box öffnete, sah ich ein winziges Bündel aus dunkelbraunem Fell.
Der Welpe lag in einer weichen Decke. Seine Augen waren geschlossen, seine Ohren noch ganz klein und anliegend.
Die Pfoten waren rosa.
Sein Körper passte beinahe in meine beiden Hände.
Er machte ein dünnes, klagendes Geräusch.
So leise, dass man es im Flur kaum hören konnte.
Und trotzdem ging mir dieses Fiepen sofort durch und durch.
„Ein Rüde“, sagte Melanie. „Wahrscheinlich ein Mischling. Mehr können wir noch nicht sagen.“
Ich streckte vorsichtig einen Finger aus.
Der Kleine bewegte den Kopf und suchte mit seiner Schnauze danach.
„Du armer kleiner Kerl“, flüsterte ich.
Die Tierärztin kontrollierte noch einmal seinen Zustand. Dann besprachen wir, wie wir den ersten Kontakt sicher gestalten würden.
Frieda sollte nicht bedrängt werden.
Wir würden jede Reaktion genau beobachten und sofort eingreifen, falls sie unruhig oder abweisend wurde.
Ich holte Friedas vertraute Decke.
Anschließend gingen wir gemeinsam in ihr Zimmer.
Frieda lag noch immer in der hinteren Ecke.
Ihre Schnauze zeigte zur Wand.
Ich kniete mich neben sie.
„Frieda“, sagte ich vorsichtig. „Wir haben Besuch.“
Keine Reaktion.
Melanie stand hinter mir und hielt die kleine Box.
Die Tierärztin setzte sich seitlich dazu.
Dann nahm Melanie den Welpen behutsam heraus.
Er begann wieder zu fiepen.
Und in genau diesem Moment geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Friedas linkes Ohr bewegte sich.
Nur ein kleines Zucken.
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