Sie verlor ihre sechs Welpen und wollte nicht mehr fressen bis ein fremdes Hundebaby alles veränderte

Aber ich hatte seit Tagen kaum eine Reaktion von ihr gesehen.

Ich hielt den Atem an.

Der Welpe fiepte ein zweites Mal.

Frieda hob langsam den Kopf.

Nicht hoch.

Nur ein paar Zentimeter.

Dann drehte sie sich zum ersten Mal seit Tagen von der Wand weg.

„Sie hört ihn“, flüsterte Melanie.

Ich nickte.

Mehr konnte ich nicht sagen.

Frieda schaute zu uns herüber.

Ihre Augen waren müde. Ihr Kopf wirkte schwer.

Aber sie schaute.

Die Tierärztin gab uns ein Zeichen, dass wir weitermachen konnten.

Melanie hielt den Welpen in Friedas Nähe.

Frieda streckte vorsichtig die Schnauze vor.

Sie schnupperte.

Einmal.

Dann noch einmal.

Der Kleine bewegte seine winzigen Vorderpfoten.

Frieda kam ein Stück näher.

Ich legte meine Hand ruhig neben ihren Kopf, ohne sie festzuhalten.

Sie schnupperte erneut.

Und dann berührte ihre Zunge ganz vorsichtig das braune Fell.

Einmal über den Rücken.

Dann über den kleinen Kopf.

Der Welpe verstummte.

Er lag ruhig in Melanies Händen, während Frieda ihn weiter beschnupperte.

Melanie begann zu weinen.

Sie wischte sich mit dem Ärmel über die Wange und versuchte zu lächeln.

„Schau sie dir an“, flüsterte sie.

Ich konnte nichts erwidern.

Frieda hob nun den Kopf vollständig.

Sie sah den Welpen an, als wollte sie jeden Zentimeter von ihm untersuchen.

Dann schob sie ihre Schnauze sanft unter seinen kleinen Körper.

Die Tierärztin beobachtete alles aufmerksam.

Als Frieda ruhig blieb und sich freiwillig auf die Seite legte, erlaubten wir den nächsten vorsichtigen Schritt.

Melanie legte den Welpen auf die weiche Decke dicht an Friedas Bauch.

Der Kleine begann sofort zu suchen.

Frieda senkte den Kopf.

Sie leckte ihm vorsichtig über den Rücken, über die Hinterpfoten und schließlich über das winzige Gesicht.

Dabei machte sie ein leises Geräusch, das ich vorher noch nie von ihr gehört hatte.

Kein Knurren.

Eher ein tiefes, kurzes Brummen.

Dann zog sie ihre Vorderpfote ein wenig an und legte sich so hin, dass der Welpe geschützt neben ihr lag.

Es war der erste Moment seit Tagen, in dem Frieda nicht mehr von uns weggewandt war.

Ich setzte mich langsam auf den Boden.

Melanie blieb neben der Tür stehen.

„Meinst du, sie nimmt ihn wirklich an?“, fragte sie.

„Ich hoffe es.“

Mehr wollte ich nicht versprechen.

Wir beobachteten die beiden eine ganze Weile.

Frieda blieb ruhig.

Immer wieder senkte sie den Kopf und putzte den kleinen Welpen.

Als er sich bewegte und erneut fiepte, stupste sie ihn behutsam mit der Nase an.

Es sah aus wie eine ganz gewöhnliche Hundemutter, die sich um ihren Nachwuchs kümmerte.

Nur dass dieser Welpe nicht ihr eigener war.

Und dass Frieda wenige Stunden zuvor noch keinerlei Interesse an ihrer Umgebung gezeigt hatte.

Die Tierärztin untersuchte Frieda erneut und erklärte uns, worauf wir achten mussten.

Ob der Kleine tatsächlich ausreichend trinken konnte, musste kontrolliert werden. Wir sollten regelmäßig wiegen, zusätzliche Aufzuchtmilch bereithalten und die beiden vorerst nicht unbeaufsichtigt lassen.

Wir richteten alles entsprechend ein.

Ich blieb an diesem Abend länger als sonst in der Auffangstation.

Kerstin brachte mir ein belegtes Brot.

„Du hast selbst noch nichts gegessen“, sagte sie.

Ich nahm es entgegen.

„Komisch, oder? Dass ausgerechnet dieser winzige Kerl hier auftaucht.“

Kerstin schaute durch die offene Tür.

Frieda lag auf ihrer Decke.

An ihrem Bauch ruhte der kleine Hund.

„Vielleicht brauchen die beiden einander“, sagte sie.

Ich nickte.

„Vielleicht.“

Kurz vor Mitternacht ging ich noch einmal zu ihnen.

Frieda war wach.

Als ich die Tür öffnete, hob sie sofort den Kopf.

Zum ersten Mal seit fünf Tagen sah sie mir direkt in die Augen.

Dann blickte sie hinunter zum Welpen und leckte ihm über das Ohr.

Ich musste lächeln.

„Pass gut auf ihn auf, meine Große.“

Am nächsten Morgen kam ich früher als gewöhnlich.

Ich ging direkt in Friedas Zimmer.

Und dort blieb ich mitten in der Tür stehen.

Die Futterschüssel war fast leer.

Ich schaute zuerst auf den Napf.

Dann auf Frieda.

Dann wieder auf den Napf.

„Kerstin!“, rief ich.

Sie kam aus dem Flur.

„Was ist denn?“

Ich zeigte auf die Schüssel.

„Sie hat gefressen.“

Kerstin blieb neben mir stehen.

„Das gibt’s doch nicht.“

Natürlich wussten wir, dass Frieda weiterhin Behandlung, Ruhe und sorgfältige Kontrolle brauchte.

Eine volle Futterschüssel bedeutete nicht, dass plötzlich alle Probleme verschwunden waren.

Aber für uns war es ein Anfang.

Ein Anfang, auf den wir fünf lange Tage gewartet hatten.

Frieda lag mit dem Welpen auf ihrer Decke.

Ihr Kopf zeigte nicht mehr zur Wand.

Sie beobachtete uns, als wollte sie sicherstellen, dass wir ihren kleinen Schützling nicht störten.

Kerstin lachte leise.

„Na, jetzt haben wir wohl eine richtige Hundemama.“

Wir beschlossen, dem Welpen einen Namen zu geben.

Melanie schlug einige vor.

Benny.

Paul.

Bruno.

Aber keiner fühlte sich richtig an.

Dann sagte Kerstin: „Wie wäre es mit Fiete?“

Ich sah den Kleinen an.

Er war so winzig, dass sein Kopf kaum größer war als ein Hühnerei.

„Fiete“, wiederholte ich.

Frieda hob die Ohren.

„Na gut“, sagte ich. „Dann bist du jetzt unser Fiete.“

In den folgenden Tagen veränderte sich unser Alltag.

Wir kontrollierten regelmäßig Fietes Gewicht, dokumentierten seine Mahlzeiten und ließen beide Hunde tierärztlich begleiten.

Frieda nahm ihre Mutterrolle erstaunlich selbstverständlich an.

Sie putzte Fiete, wärmte ihn und reagierte auf jedes kleine Fiepen.

Und langsam begann sie auch wieder, sich für uns zu interessieren.

Als ich morgens das Zimmer betrat, schaute sie auf.

Einige Tage später wedelte sie zum ersten Mal wieder mit dem Schwanz.

Ich stand da und musste mir die Augen wischen.

„Da bist du ja wieder“, sagte ich.

Die Wochen vergingen.

Fiete nahm zu.

Sein Fell wurde dichter, seine Bewegungen kräftiger.

Eines Morgens öffnete er zum ersten Mal die Augen.

Er blinzelte unbeholfen und schaute direkt auf Friedas Schnauze.

Frieda berührte ihn vorsichtig mit der Nase.

Ich saß daneben und konnte nicht anders, als zu lachen.

„Na, Fiete. Da siehst du ja endlich, wer sich hier die ganze Zeit um dich kümmert.“

Mit drei Wochen versuchte er aufzustehen.

Es sah ziemlich komisch aus.

Seine Hinterbeine wollten nicht immer dasselbe wie seine Vorderbeine.

Er stemmte sich hoch, schwankte und plumpste wieder auf den Bauch.

Frieda beobachtete ihn.

Als er zu weit von seiner Decke wegkrabbelte, stand sie auf und stellte sich neben ihn.

Nicht hektisch.

Nicht ungeduldig.

Sie wartete einfach.

Fiete probierte es erneut.

Diesmal blieb er einige Sekunden stehen.

Ich klatschte leise in die Hände.

„Gut gemacht, kleiner Mann.“

Frieda leckte ihm über den Kopf.

Ein paar Wochen später war Fiete nicht mehr zu bremsen.

Er jagte einem Stoffball hinterher, stolperte über seine eigenen Pfoten und versuchte, an Kerstins Schnürsenkeln zu ziehen.

Manchmal war er so übermütig, dass Frieda nur noch den Kopf schüttelte und sich ein ruhiges Plätzchen suchte.

Aber wenn Fiete erschrak, lief er sofort zu ihr zurück.

Dann drückte er sich gegen ihre Brust, und Frieda ließ ihn gewähren.

Einmal saß ich mit einer Tasse Kaffee auf der Bank im Hof.

Fiete hatte gerade versucht, einen viel zu großen Ball durch die Tür zu tragen.

Natürlich blieb er damit hängen.

Frieda kam von hinten, stupste den Ball zur Seite und ließ ihn passieren.

Ich lachte so laut, dass Kerstin aus dem Gebäude kam.

„Was ist los?“

„Komm her und schau dir die beiden an.“

Wir standen nebeneinander und beobachteten, wie Fiete seiner Pflegemutter hinterherlief.

Frieda trabte langsam über den Hof.

Fiete rannte auf seinen kurzen Beinen hinterher.

Immer wenn er zu weit zurückblieb, hielt sie an.

Dann schaute sie sich um und wartete auf ihn.

Es war schwer, dabei nicht an die ersten Tage zu denken.

An diese stille Ecke.

An die unberührte Futterschüssel.

An eine Hündin, die kaum noch auf unsere Stimmen reagiert hatte.

Und nun stand dieselbe Frieda vor uns und wartete geduldig, bis ein übermütiger Welpe sie wieder eingeholt hatte.

Als Fiete älter wurde, mussten wir über seine Zukunft nachdenken.

Unsere Auffangstation war klein.

Wir hatten nur wenige Zimmer und einen begrenzten Auslauf.

Jeder freie Platz wurde gebraucht, weil immer wieder neue Tiere zu uns kamen.

Fiete würde nicht für immer ein Welpe bleiben.

Und Frieda brauchte endlich ein richtiges Zuhause.

Am liebsten wollten wir beide gemeinsam vermitteln.

Doch das war leichter gesagt als getan.

Viele Menschen interessieren sich für einen jungen Hund.

Manche hätten auch Frieda genommen.

Aber gleich zwei Hunde?

Eine erwachsene Schäferhundmischlingshündin und einen jungen, lebhaften Rüden?

Das schreckte einige Interessenten ab.

Ein Mann sagte am Telefon: „Den Kleinen würden wir nehmen. Die Große passt leider nicht.“

Ich bedankte mich freundlich und erklärte unsere Überlegungen.

Als ich aufgelegt hatte, schaute ich durch das Fenster.

Fiete lag auf dem Rücken.

Frieda putzte ihm gerade den Bauch.

Mir wurde schwer ums Herz.

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