Sie verlor ihre sechs Welpen und wollte nicht mehr fressen bis ein fremdes Hundebaby alles veränderte

Ich wollte ihre Zukunft nicht aus bloßer Angst vor einer Trennung entscheiden.

Aber ich wusste auch, wie eng ihre Beziehung inzwischen geworden war.

Also beschlossen wir, nach Möglichkeit ein Zuhause für beide zu suchen.

Drei Wochen später meldete sich ein Ehepaar aus Herford.

Andreas und Martina.

Er war 43 und arbeitete als Haustechniker. Sie war 41 und betreute ältere Menschen in einer kleinen Pflegeeinrichtung.

Ihr früherer Hund war im Jahr davor im hohen Alter gestorben.

Jetzt fühlte sich das Haus wieder viel zu leer an.

Ursprünglich wollten sie nur einen Hund aufnehmen.

Am Samstag kamen sie zu Besuch.

Martina kniete sich sofort zu Fiete hinunter.

Der Kleine trabte auf sie zu und versuchte, an ihrem Ärmel zu ziehen.

Sie lachte.

„Na, du bist aber einer.“

Andreas blieb etwas abseits stehen.

Frieda beobachtete ihn vorsichtig.

Er ging in die Hocke und hielt seine Hand ruhig vor sich.

„Hallo, meine Hübsche.“

Frieda schnupperte.

Dann ließ sie sich von ihm hinter dem Ohr kraulen.

Fiete bemerkte das sofort.

Er ließ Martina stehen, rannte zu Frieda und drängelte sich zwischen ihre Vorderbeine.

Andreas lachte.

„Na, da will wohl jemand mitmachen.“

Martina setzte sich neben ihren Mann.

Wir erzählten ihnen Friedas Geschichte.

Von den sechs Welpen.

Von ihren schweren Tagen.

Von Melanies Anruf.

Und davon, wie aus einem fremden Hundebaby ihr ständiger Begleiter geworden war.

Martina hörte schweigend zu.

Als ich fertig war, fragte sie: „Und die beiden sollen möglichst zusammenbleiben?“

„Ja“, antwortete ich. „Wir würden uns sehr wünschen, dass das klappt.“

Sie blickte zu Andreas.

Er sah auf Fiete, der gerade versuchte, an Friedas Ohr zu knabbern.

Frieda lag völlig entspannt auf der Seite.

Eine ganze Weile sagten beide nichts.

Dann fragte Andreas: „Dürfen wir noch ein bisschen allein mit ihnen im Hof sein?“

„Natürlich.“

Ich ging zurück ins Gebäude.

Durch das Fenster sah ich, wie die beiden mit den Hunden spielten.

Andreas warf einen Ball.

Fiete flitzte hinterher.

Frieda lief ein Stück mit, blieb dann stehen und wartete.

Martina setzte sich auf die Bank.

Nach einer Weile kam Frieda zu ihr und legte den Kopf auf ihr Knie.

Martina streichelte sie langsam.

Als ich später wieder hinausging, hatte sie Tränen in den Augen.

„Wissen Sie“, sagte sie, „wir hatten eigentlich nur an einen Hund gedacht.“

Ich nickte.

„Das kann ich gut verstehen.“

Sie sah zu Andreas.

Er lächelte.

„Aber wir haben zu Hause genug Platz. Und eigentlich sind zwei Hunde gar keine schlechte Idee.“

Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er meinte.

„Heißt das …?“

Martina nickte.

„Wir würden gern beide nehmen.“

Ich schaute sie an.

„Frieda und Fiete?“

„Beide“, wiederholte Andreas. „Wenn Sie denken, dass wir zu ihnen passen.“

Natürlich musste noch einiges geklärt werden.

Wir besuchten ihr Zuhause, besprachen die Versorgung, und es gab weitere Treffen, damit alle sich kennenlernen konnten.

Aber schon nach kurzer Zeit war klar, dass Frieda und Fiete sich bei Martina und Andreas wohlfühlten.

Ihr Haus lag in einer ruhigen Wohnstraße.

Hinter dem Gebäude gab es einen ordentlich eingezäunten Garten.

Im Wohnzimmer standen bereits zwei Hundebetten.

Zwei Näpfe warteten in der Küche.

Martina zeigte mir sogar eine kleine Kiste mit Spielzeug.

„Ich wusste nicht, was Fiete gern mag“, sagte sie verlegen. „Also habe ich einfach ein bisschen Verschiedenes besorgt.“

Ich lachte.

„Der mag im Moment alles, was er irgendwie herumtragen kann.“

Am Tag des Umzugs war ich trotzdem nervös.

Ich hatte die beiden so lange begleitet.

Frieda, die einmal tagelang zur Wand geschaut hatte.

Und Fiete, den wir als winzigen, hilflosen Welpen kennengelernt hatten.

Jetzt standen sie gemeinsam vor dem Auto ihrer neuen Familie.

Fiete sprang aufgeregt um Andreas herum.

Frieda beobachtete alles mit ruhigem Blick.

Ich kniete mich vor sie und strich ihr über den Kopf.

„So, meine Große. Jetzt wird es Zeit.“

Sie legte ihre Schnauze in meine Hand.

Einen Augenblick blieb sie so.

Dann kam Fiete und stupste sie ungeduldig an.

Frieda wandte sich zu ihm.

Und gemeinsam gingen sie zu Martina, die bereits die Autotür geöffnet hatte.

Als der Wagen losfuhr, blieb ich noch eine Weile vor dem Eingang stehen.

Kerstin trat neben mich.

„Jetzt heulst du gleich wieder.“

Ich lachte und wischte mir übers Gesicht.

„Ich weiß.“

„Aber diesmal aus einem guten Grund.“

Ich nickte.

„Ja. Diesmal schon.“

Das ist inzwischen fast ein Jahr her.

Martina schickt mir regelmäßig Fotos.

Auf einem liegt Frieda ausgestreckt auf dem Wohnzimmerteppich, während Fiete neben ihr schläft.

Auf einem anderen sitzen beide im Garten und schauen erwartungsvoll zur Terrassentür.

Fiete ist inzwischen ein kräftiger junger Hund geworden.

Er ist fast so groß wie Frieda und manchmal deutlich übermütiger.

Aber eines hat sich nicht verändert.

Wenn er müde ist, sucht er ihre Nähe.

Wenn ihn ein lautes Geräusch erschreckt, läuft er zuerst zu ihr.

Und wenn beide auf dem Sofa liegen, legt Frieda häufig den Kopf auf seinen Rücken.

Vor einigen Wochen bekam ich ein kurzes Video.

Man sieht Fiete, wie er mit einem Stofftier durch das Wohnzimmer läuft.

Frieda liegt auf ihrer Decke.

Er lässt das Spielzeug fallen, geht zu ihr und legt sich so dicht neben sie, dass seine Schnauze unter ihrem Hals verschwindet.

Frieda hebt den Kopf.

Dann leckt sie ihm langsam über das Ohr.

Genau so, wie damals bei ihrer ersten Begegnung.

Ich habe mir dieses Video bestimmt zwanzigmal angesehen.

Und jedes Mal muss ich an den Nachmittag denken, an dem Melanie mit dieser winzigen Transportbox vor unserer Tür stand.

Damals wussten wir nicht, ob Frieda den fremden Welpen überhaupt annehmen würde.

Wir wussten nicht, ob er gesund heranwachsen würde.

Und wir konnten erst recht nicht ahnen, dass die beiden eines Tages gemeinsam auf einem Sofa in Herford schlafen würden.

Es hätte auch anders ausgehen können.

Deshalb bin ich dankbar, dass wir tierärztliche Hilfe hatten, dass Melanie an uns dachte und dass Frieda selbst den ersten Schritt auf den kleinen Hund zugemacht hat.

Ich leite unsere Auffangstation noch immer.

Es gibt Tage, an denen alles durcheinandergeht.

Ein Hund braucht Medikamente. Ein anderer hat Angst vor jedem fremden Geräusch. Wieder ein anderer will sich einfach nicht anfassen lassen.

Und manchmal komme ich abends nach Hause und habe das Gefühl, nicht genug geschafft zu haben.

Dann denke ich an Frieda.

An diese fünf Tage, in denen sie kaum fraß und sich von uns abwandte.

An ihre müden Augen.

An die Sorge, mit der ich jeden Morgen ihr Zimmer betrat.

Und an das winzige Fiepen eines Welpen, das sie dazu brachte, den Kopf zu heben.

Ich werde nie behaupten, dass Fiete Friedas sechs Welpen ersetzen konnte.

Das konnte er nicht.

Sie waren da gewesen, und wir hatten sie verloren.

Auch kann ich nicht mit Sicherheit sagen, was Frieda damals empfand.

Aber ich habe gesehen, wie sich ihr Verhalten veränderte.

Wie sie wieder fraß.

Wie sie begann, ihren kleinen Schützling zu umsorgen.

Wie sie nach und nach wieder neugierig wurde.

Und wie sie Monate später durch unseren Hof lief, während ein junger Hund aufgeregt hinter ihr herstolperte.

Vielleicht ist das der Grund, warum mich ihre Geschichte so berührt.

Nicht weil plötzlich alles gut war.

Sondern weil nach einer schweren Zeit etwas Neues beginnen konnte, ohne dass das Vorherige vergessen werden musste.

Manchmal sehe ich noch einmal das Foto an, das Melanie am ersten Tag gemacht hat.

Darauf liegt Frieda auf ihrer alten Decke.

Ihr Fell ist stumpf, ihre Augen sind müde.

Neben ihrem Bauch liegt ein winziges braunes Hundebaby.

Frieda hat den Kopf gesenkt und leckt ihm vorsichtig über den Rücken.

Für andere ist es vielleicht nur das Bild einer Hündin mit einem Welpen.

Für mich ist es der Moment, in dem sie nach fünf schweren Tagen zum ersten Mal wieder auf etwas reagierte, das außerhalb ihrer eigenen kleinen Ecke geschah.

Und wenn Martina mir heute schreibt, dass Frieda und Fiete wieder gemeinsam den Garten unsicher machen, muss ich lächeln.

Denn ich weiß noch genau, wie dieser kleine Kerl damals in meine beiden Hände passte.

Er hatte selbst keine Mutter mehr bei sich.

Und Frieda hatte ihre sechs Kinder verloren.

Keiner von beiden konnte wissen, was aus ihnen werden würde.

Aber an jenem Nachmittag ließ Frieda ihn näherkommen.

Sie beschnupperte ihn.

Sie leckte ihm über den Kopf.

Und schließlich legte sie sich schützend um ihn.

Heute haben sie ein Zuhause, in dem zwei Hundebetten stehen, obwohl sie meistens lieber zusammenliegen.

Und jedes Mal, wenn ich ihre Bilder sehe, denke ich an diesen einen kleinen Augenblick zurück.

An ein leises Fiepen.

An ein Ohr, das sich plötzlich bewegte.

Und an eine Hündin, die sich nach fünf Tagen endlich wieder von der Wand abwandte.

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