Niemand wollte den verletzten Straßenkater aufnehmen doch eines Tages wurde er zum wichtigsten Helfer der Tierarztpraxis

Denn während ich jeden Tag sah, wie liebevoll Flick war, sahen andere Menschen auf den Bildern offenbar zuerst seine Narben.

Drei Wochen vergingen.

Dann sechs.

Dann zehn.

Inzwischen hatte unsere Praxis zwei junge Katzen erfolgreich vermittelt. Beide waren gesund, verspielt und hatten große, neugierige Augen.

Für Flick interessierte sich niemand mehr.

Eines Abends saß ich nach Feierabend auf einem Stuhl im Behandlungsraum.

Flick lag neben mir auf einer gefalteten Decke.

„Weißt du was?“, sagte ich zu ihm. „Vielleicht sind wir uns ähnlicher, als ich dachte.“

Er hob den Kopf.

Ich musste lächeln.

Mit 54 hatte ich mir mein Leben irgendwie anders vorgestellt.

Meine Ehe war vor sieben Jahren zerbrochen. Die Kinder waren längst erwachsen und wohnten weit entfernt. Meine Mutter war gestorben, mein Vater lebte in einem Pflegeheim.

Ich hatte meine Arbeit, meine kleine Wohnung und einen festen Tagesablauf.

Morgens aufstehen. Arbeiten. Einkaufen. Abendessen. Fernsehen. Schlafen.

Manchmal stand ich in meiner Küche und merkte plötzlich, dass ich seit Stunden kein einziges Wort laut gesprochen hatte.

In der Praxis war ich immer diejenige, die funktionierte.

Anna konnte einspringen.

Anna blieb länger.

Anna kümmerte sich.

Und wenn mich jemand fragte, wie es mir ging, sagte ich wie so viele andere Menschen: „Alles gut.“

Auch wenn es nicht immer stimmte.

Flick stupste mit seinem Kopf gegen meine Hand.

„Ja“, flüsterte ich. „Du verstehst mich schon.“

Ein paar Tage später traf Herr Berger eine Entscheidung.

„Solange wir genug Platz haben und es ihm gut geht, darf Flick bei uns bleiben.“

Ich hätte ihn am liebsten umarmt.

Von diesem Tag an war Flick nicht mehr nur unser ehemaliger Patient.

Er gehörte zur Praxis.

Hinter dem Empfang bekam er einen gemütlichen Schlafplatz. Im Aufenthaltsraum stand sein Futternapf, und am Fenster richteten wir ihm eine kleine Liegefläche ein.

Natürlich durfte er nicht einfach überall herumlaufen. Bei Untersuchungen, bestimmten Behandlungen und an Tagen mit empfindlichen Patienten blieb er in seinem eigenen Bereich.

Aber wenn alles ruhig war, saß er gern im Flur und beobachtete das Geschehen.

Unsere Stammkunden kannten ihn bald.

„Na, Herr Flick? Wieder im Dienst?“, sagte ein älterer Mann jedes Mal, wenn er mit seinem Dackel kam.

Flick antwortete meistens mit einem langsamen Blinzeln.

Er schien endlich angekommen zu sein.

Doch erst an einem Dienstag im November verstanden wir, weshalb dieser besondere Kater vielleicht genau am richtigen Ort gelandet war.

An diesem Vormittag kam eine ältere Dame namens Frau Krüger mit ihrer Katze Mimi zu uns.

Mimi war klein, grau und erst drei Jahre alt.

Aber sie hatte furchtbare Angst vor Tierarztbesuchen.

Schon im Wartezimmer hörten wir ihr verzweifeltes Miauen. Sie warf sich gegen die Transportbox, fauchte und atmete so schnell, dass ihre Besitzerin immer nervöser wurde.

„Es tut mir leid“, sagte Frau Krüger. „Zu Hause ist sie ganz anders. Aber sobald sie die Box sieht, bekommt sie Panik.“

Wir versuchten, beruhigend auf Mimi einzuwirken.

Doch sie ließ niemanden an sich heran.

Herr Berger entschied, ihr zunächst etwas Zeit zu geben.

Ich stellte die Transportbox auf eine niedrige, sichere Bank und setzte mich daneben.

„Ganz ruhig, meine Kleine. Niemand tut dir etwas.“

Aber Mimi zitterte weiter.

Dann hörte ich hinter mir ein leises Geräusch.

Flick war aus seinem Ruhebereich gekommen.

Er blieb in der Tür stehen und betrachtete die Transportbox.

„Na, Flick“, sagte ich. „Heute haben wir eine besonders ängstliche Besucherin.“

Er kam langsam näher.

Seine verletzte Pfote setzte er wie immer etwas vorsichtiger auf.

Ich wollte ihn gerade zurückbringen, doch er blieb mit etwas Abstand neben der Box sitzen.

Und dann geschah etwas Merkwürdiges.

Mimi hörte auf, gegen die Tür zu schlagen.

Sie starrte Flick an.

Flick starrte zurück.

Dann blinzelte er langsam.

Einmal.

Zweimal.

Schließlich legte er sich hin.

Mimi näherte sich vorsichtig der Seite ihrer Box, die zu ihm zeigte.

Das laute Miauen verstummte.

Frau Krüger hielt plötzlich meine Hand fest.

„Sehen Sie das auch?“

Ich nickte.

Wir standen mehrere Sekunden schweigend da.

Mimi war noch immer angespannt. Doch ihre Atmung wurde ruhiger, und sie drückte sich nicht mehr verzweifelt gegen die Rückwand.

Flick bewegte sich kaum.

Er lag einfach nur da.

Nach einer Weile konnten wir Mimi untersuchen. Sie war nicht völlig entspannt, aber deutlich ruhiger als bei ihrer Ankunft.

Als Frau Krüger ging, drehte sie sich noch einmal zu Flick um.

„Dieser Kater hat heute mehr Geduld gehabt als wir alle zusammen.“

Wir lachten.

Damals hielten wir es für einen schönen Zufall.

Bis es wieder passierte.

Eine Woche später kam ein junger schwarzer Kater namens Moritz zur Kontrolle. Er war erst vor Kurzem aus einer schwierigen Haltung übernommen worden und hatte große Angst vor fremden Menschen.

Als Flick in sicherem Abstand neben seiner Transportbox Platz nahm, wurde Moritz nach einer Weile ruhiger.

Wenige Tage später geschah etwas Ähnliches mit einer dreifarbigen Katze, die sich bei jedem Tierarztbesuch am liebsten versteckt hätte.

Auch sie schien Flicks ruhige Gegenwart zu akzeptieren.

Natürlich wussten wir, dass nicht jede Katze Gesellschaft von Artgenossen mag. Manche werden dadurch sogar noch nervöser.

Deshalb achteten wir immer genau auf die Reaktionen der Tiere und ließen Flick nur dann in ihrer Nähe bleiben, wenn es für beide sicher und angenehm war.

Aber bei manchen Katzen machte seine Anwesenheit tatsächlich einen Unterschied.

„Vielleicht hat er einfach eine besonders beruhigende Art“, meinte Herr Berger eines Tages.

Ich betrachtete Flick, der gerade neben einer geschlossenen Transportbox lag.

„Vielleicht weiß er auch, wie sich Angst anfühlt.“

Unser Tierarzt sah mich an.

Dann sagte er leise: „Das könnte sein.“

Mit der Zeit entwickelte Flick eine erstaunliche Routine.

Wenn eine besonders ängstliche Katze kam, beobachtete er sie zunächst aus einiger Entfernung.

Manchmal ging er gar nicht näher heran.

Manchmal setzte er sich ein paar Schritte entfernt hin.

Und manchmal legte er sich so ruhig auf den Boden, als wollte er sagen, dass gerade nichts Schlimmes passieren würde.

Er drängte sich niemals auf.

Er fauchte nicht.

Er bedrängte die anderen Tiere nicht.

Er war einfach da.

Unsere Kunden begannen, nach ihm zu fragen.

„Ist Flick heute auch da?“

„Darf meine Katze ihn wieder sehen? Beim letzten Mal war sie viel ruhiger.“

Einige brachten ihm kleine Geschenke mit. Eine weiche Decke. Ein Spielzeugmäuschen. Ein Tütchen Leckerli.

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