Sechsmal sprang die erschöpfte Hündin in die reißenden Fluten, um ihre sechs Welpen zu retten. Als wir sie endlich erreichten, geschah etwas, das mich zum Weinen brachte.
„Da drüben! Auf der Betonplatte! Ich sehe einen Hund!“
Mein Kollege Markus zeigte auf ein Stück Beton, das kaum noch aus dem Wasser ragte.
Ich kniff die Augen zusammen. Was ich sah, ließ mich für einen Moment vergessen, wie gefährlich unser Einsatz war.
Eine völlig durchnässte Hündin lag auf einer schmalen, überfluteten Plattform. Ihr Fell klebte am Körper. Ihre Rippen waren deutlich zu erkennen. Ihre Vorderpfoten zitterten so stark, dass sie sich kaum noch aufstützen konnte.
Doch das war nicht das Schlimmste.
Um ihren Körper drängten sich sechs winzige Welpen.
Sechs kleine Leben, die sich an ihre Mutter pressten, während die Strömung nur wenige Zentimeter unter ihnen vorbeischoss.
Die Hündin versuchte aufzustehen.
Ihre Vorderbeine gaben nach.
Sie fiel auf die Seite, stemmte sich wieder hoch und brach erneut zusammen.
Trotzdem hob sie jedes Mal den Kopf.
Mit ihrer Schnauze berührte sie einen Welpen nach dem anderen.
Den ersten. Den zweiten. Den dritten.
Bis zum sechsten.
Dann begann sie wieder von vorn.
„Sie zählt ihre Kleinen“, flüsterte unsere Kollegin Anja.
Niemand antwortete.
Ich heiße Stefan Berger, bin 34 Jahre alt und arbeite seit acht Jahren im Rettungsdienst. Seit sechs Jahren gehöre ich zu einer Wasserrettungseinheit in einer mittelgroßen Stadt in Niedersachsen.
Ich habe Menschen aus überfluteten Kellern geholt. Ich habe Familien nach schweren Unwettern evakuiert und erlebt, wie Menschen innerhalb weniger Minuten alles verloren haben.
Aber eine solche Szene hatte ich noch nie gesehen.
Unser Einsatz hatte an einer überfluteten Kleingartenanlage begonnen.
Der Fluss war über die Ufer getreten. Gartenlauben standen unter Wasser, Zäune waren verschwunden, und zwischen den überfluteten Wegen trieben Bretter und Äste.
Ein Anwohner hatte uns von einer Hündin berichtet, die immer wieder ins Wasser gesprungen war.
Zuerst hatten wir nicht verstanden, was er meinte.
Dann entdeckten wir die Betonplattform.
Später wurde uns klar, was dort geschehen sein musste.
Die Hündin hatte ihre sechs Welpen offenbar einzeln aus einem überfluteten Unterschlupf geholt.
Sechsmal war sie durch das Wasser geschwommen.
Sechsmal hatte sie eines ihrer Jungen vorsichtig im Maul getragen.
Und sechsmal hatte sie sich gegen die Strömung zurückgekämpft.
Als wir ankamen, war sie mit ihrer Kraft vollkommen am Ende.
„Wir müssen vorsichtig sein“, sagte mein Kollege David. „Wenn sie Angst bekommt und ins Wasser springt, können wir sie verlieren.“
Ich nickte.
Doch irgendetwas in ihrem Blick sagte mir, dass sie nicht mehr springen würde.
Nicht, weil sie uns vertraute.
Sondern weil sie schlicht nicht mehr konnte.
Sie hatte alles getan, was ihr möglich gewesen war.
Jetzt wartete sie.
Vielleicht auf Hilfe.
Vielleicht einfach darauf, dass ihre Jungen noch ein paar Minuten länger überlebten.
Wir steuerten unser Rettungsboot langsam an die Plattform heran.
Anja setzte sich vorne auf die Bank und begann leise mit der Hündin zu sprechen.
„Ganz ruhig, meine Kleine. Wir tun dir nichts. Wir holen euch hier raus.“
Ihre Stimme war sanft.
Die Hündin hob die Ohren.
Ihre Augen folgten jeder Bewegung.
Ich konnte sehen, wie sie versuchte, ihren Körper noch ein wenig mehr vor ihre Welpen zu schieben.
Selbst jetzt wollte sie sie beschützen.
Ich stieg vorsichtig ins Wasser. Es reichte mir bis zu den Knien, doch die Strömung zog kräftig an meinen Beinen.
Mit einer Hand hielt ich mich am Boot fest.
Langsam näherte ich mich der Betonplatte.
„Schon gut, Mädchen“, sagte ich. „Ich bin da.“
Die Hündin knurrte nicht.
Sie bellte nicht.
Sie schaute mich nur an.
Dann geschah etwas, das ich niemals vergessen werde.
Als ich mich hinkniete und vorsichtig meine Hand ausstreckte, senkte sie den Kopf.
Mit ihrer Schnauze schob sie den nächstgelegenen Welpen zu mir.
Ganz langsam.
Ganz behutsam.
Es war, als wollte sie sagen: Nimm ihn. Ich kann nicht mehr. Jetzt musst du weitermachen.
Mir wurde eng in der Brust.
Ich nahm das kleine Tier in beide Hände.
Es war kaum größer als meine Handflächen. Sein Fell war nass, und sein winziger Körper zitterte.
Anja wartete bereits mit einer trockenen Decke.
Ich reichte ihr den Welpen.
„Einer ist sicher“, sagte sie.
Die Hündin beobachtete uns.
Dann schob sie den nächsten Welpen nach vorne.
Und den nächsten.
Sie gab uns ihre Kinder.
Eines nach dem anderen.
Keine Gegenwehr. Kein Versuch, sie zurückzuziehen.
Nur dieser erschöpfte Blick.
Beim fünften Welpen zitterte ihr ganzer Körper.
Ich dachte, sie würde zusammenbrechen.
Aber sie hielt durch.
Denn da war noch einer.
Der sechste Welpe lag dicht an ihrem Bauch.
Er war deutlich kleiner als seine Geschwister.
Er bewegte sich kaum.
Die Hündin beugte sich zu ihm hinunter, beschnupperte ihn und leckte ihm mehrmals vorsichtig über das Gesicht.
Dann sah sie mich an.
Ich weiß, dass man einem Tier keine menschlichen Gedanken unterstellen sollte.
Aber diesen Blick werde ich nie vergessen.
Darin lag etwas, das keine Worte brauchte.
Erschöpfung.
Angst.
Und eine unglaubliche Entschlossenheit.
Ich nahm den letzten Welpen hoch.
Er war sehr kalt.
„Anja! Den Kleinen bitte sofort warm einpacken!“
Sie nahm ihn entgegen und wickelte ihn behutsam in eine Decke.
„Alle sechs sind im Boot!“, rief Markus.
In diesem Augenblick ließ sich die Hündin auf die Seite sinken.
Einfach so.
Als hätte sie nur auf diese Worte gewartet.
Ihre Vorderbeine rutschten weg. Ihr Kopf fiel auf den Beton.
Sie versuchte nicht mehr aufzustehen.
„Schnell!“, rief ich.
Markus stieg zu mir ins Wasser.
Gemeinsam hoben wir sie vorsichtig hoch.
Sie war erschreckend leicht.
Unter ihrem nassen Fell standen die Rippen hervor. Ihre Ballen waren aufgescheuert, ihre Krallen stark abgenutzt.
An den Hinterbeinen entdeckte ich ältere Narben.
Diese Hündin hatte offensichtlich schon lange kein leichtes Leben mehr gehabt.
Wir legten sie auf eine Decke im Boot.
Sofort drehte sie ihren Kopf in Richtung der Welpen.
Erst als Anja die sechs Kleinen neben sie stellte, schloss sie die Augen.
Ich legte meine Hand vorsichtig an ihren Brustkorb.
Sie atmete.
Schwach, aber regelmäßig.
„Sie lebt“, sagte ich.
Und plötzlich liefen mir Tränen über das Gesicht.
Ich wollte sie wegwischen.
Aber es kamen immer neue.
Acht Jahre Rettungsdienst.
Unzählige Einsätze.
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