Und nun saß ich in einem Rettungsboot und weinte wegen einer Hündin, die gerade ihre sechs Kinder gerettet hatte.
Markus setzte sich neben mich.
Er sagte nichts.
Er legte mir nur kurz die Hand auf die Schulter.
Manchmal braucht es nicht mehr.
Wir brachten die Tiere sofort in eine Tierarztpraxis am Stadtrand.
Frau Dr. Katharina Neumann, eine erfahrene Tierärztin Anfang fünfzig, übernahm die Untersuchung.
Ihr Team kümmerte sich zuerst um die Welpen. Sie wurden vorsichtig gewärmt und auf Unterkühlung untersucht.
Die Hündin bekam Flüssigkeit über eine Infusion.
Ich blieb im Wartezimmer.
Markus wollte mich zurück zur Dienststelle bringen.
„Fahr ruhig ohne mich“, sagte ich. „Ich möchte wissen, ob sie durchkommt.“
Er verstand.
Fast zwei Stunden später öffnete sich die Tür.
Frau Dr. Neumann kam zu mir.
Ihr Gesicht wirkte ernst.
Ich stand sofort auf.
„Und?“
Sie atmete tief durch.
„Alle sechs Welpen leben.“
Ich musste mich am Stuhl festhalten.
„Auch der Kleine?“
„Auch der Kleinste. Er ist schwach und braucht besondere Aufmerksamkeit. Aber im Moment sieht es gut aus.“
„Und die Mutter?“
Die Tierärztin setzte sich neben mich.
„Sie wird es wahrscheinlich schaffen. Aber sie ist vollkommen erschöpft. Stark abgemagert, mit entzündeten Pfoten und deutlichen Spuren älterer Verletzungen.“
Ich sah sie an.
„Was glauben Sie, wie lange sie schon allein unterwegs ist?“
„Das können wir nicht genau sagen. Aber nach ihrem Zustand zu urteilen, möglicherweise seit mehreren Monaten.“
Sie erzählte mir, dass die Narben auf ihrem Körper teilweise schon alt waren.
Wahrscheinlich hatte die Hündin längere Zeit ohne zuverlässige Versorgung gelebt.
Vielleicht war sie ausgesetzt worden.
Vielleicht hatte sie ihr Zuhause auf andere Weise verloren.
Sicher wusste das niemand.
Was wir wussten, war schlimm genug.
Sie hatte ihre Welpen ohne menschliche Hilfe zur Welt gebracht.
Sie hatte irgendwie Futter gefunden.
Und als das Wasser kam, hatte sie jedes einzelne ihrer Jungen in Sicherheit gebracht.
„Wissen Sie, Herr Berger“, sagte die Tierärztin leise, „ich habe schon viele geschwächte Tiere behandelt. Aber diese Hündin hat wirklich alles gegeben.“
Ich durfte durch eine Glasscheibe zu ihr hineinschauen.
Sie lag auf einer weichen Decke.
Neben ihr stand eine kleine, beheizte Box mit ihren Welpen.
Alle sechs schliefen.
Die Hündin hatte die Augen offen.
Sie schaute zu ihren Kindern.
Und jedes Mal, wenn sich einer bewegte, hob sie leicht den Kopf.
Ich blieb lange vor der Scheibe stehen.
Dann fragte ich die Tierärztin etwas, das mir seit der Fahrt durch den Kopf ging.
„Hat sie eigentlich einen Namen?“
„Wir haben keinen Hinweis auf einen Besitzer gefunden. Einen Namen kennen wir nicht.“
Ich überlegte.
Dann sagte ich: „Hoffnung.“
Frau Dr. Neumann lächelte schwach.
„Hoffnung?“
„Ja. Oder einfach Hedi. Das passt besser zu ihr.“
Sie schaute noch einmal durch die Scheibe.
„Hedi ist ein schöner Name.“
So wurde aus der namenlosen Hündin unsere Hedi.
In den folgenden Tagen besuchte ich sie nach jedem Dienst.
Anfangs lag sie fast nur auf ihrer Decke.
Sie fraß kleine Portionen, trank viel und schlief.
Ihre Pfoten wurden versorgt. Die Wunden heilten langsam.
Aber etwas anderes veränderte sich ebenfalls.
Jedes Mal, wenn ich den Raum betrat, hob sie den Kopf.
Am vierten Tag bewegte sie zum ersten Mal vorsichtig ihren Schwanz.
Nur ein kleines Stück.
Vielleicht zweimal.
Ich hätte nicht glücklicher sein können.
„Du erkennst mich also wieder“, flüsterte ich.
Hedi blinzelte.
Dann legte sie ihren Kopf zurück auf die Decke.
Die Welpen entwickelten sich gut.
Der kleinste bekam zusätzliche Aufmerksamkeit, nahm aber allmählich zu.
Nach und nach wurden die sechs munterer.
Sie krabbelten übereinander, suchten nach ihrer Mutter und begannen schließlich, ihre Umgebung neugierig zu erkunden.
Hedi beobachtete sie ununterbrochen.
Selbst wenn sie schlief, bewegten sich ihre Ohren bei jedem kleinen Geräusch.
Wenn ein Welpe zu weit von der Decke kroch, stand sie auf und führte ihn mit ihrer Schnauze zurück.
Sie konnte einfach nicht aufhören, Mutter zu sein.
Zwei Wochen nach der Rettung saß ich auf dem Boden ihres Zimmers.
Die sechs Welpen spielten miteinander.
Einer kaute auf meinem Schuh herum.
Ein anderer versuchte, über meine Beine zu klettern.
Ich musste lachen.
Da stand Hedi plötzlich auf.
Langsam kam sie auf mich zu.
Sie blieb direkt vor mir stehen.
Dann setzte sie sich hin.
Und legte ihren Kopf auf meine Knie.
Einfach so.
Ohne Aufforderung.
Ohne Angst.
Ich bewegte mich nicht.
Ich spürte das Gewicht ihres Kopfes und ihre ruhige Atmung.
Vorsichtig strich ich über ihr Fell.
„Na, meine tapfere Hedi“, flüsterte ich.
Sie schloss die Augen.
Und in diesem Moment wusste ich, dass ich eine Entscheidung treffen musste.
Eine Entscheidung, die mein Leben verändern würde.
Ich hatte bis dahin allein gewohnt.
Nach meiner Trennung vor drei Jahren war meine kleine Doppelhaushälfte ziemlich still geworden.
Ich arbeitete viel.
Kam abends nach Hause.
Aß etwas, sah fern und ging schlafen.
Meine Kollegen sagten manchmal, ich sollte mir wieder mehr Zeit für mein Privatleben nehmen.
Aber ich wusste nicht recht, was ich damit anfangen sollte.
Hedi hatte mich daran erinnert, wie es sich anfühlt, wenn jemand auf einen wartet.
Also sprach ich mit der Tierärztin und später mit den zuständigen Mitarbeitern des Tierheims.
Es wurde geprüft, ob die Hündin vermisst wurde.
Niemand meldete sich.
Ein Chip war nicht vorhanden.
Die Wochen vergingen.
Schließlich stand fest, dass Hedi nach Abschluss der notwendigen Formalitäten vermittelt werden konnte.
„Ich möchte sie nehmen“, sagte ich.
Die Mitarbeiterin des Tierheims sah mich überrascht an.
„Wirklich? Die Mutter?“
„Ja.“
„Die Welpen lassen sich bestimmt schneller vermitteln.“
„Das glaube ich. Aber ich möchte Hedi.“
Sie lächelte.
„Dann sollten wir uns kennenlernen, Herr Berger.“
Ich musste lachen.
„Ich glaube, das haben wir schon.“
Vier der Welpen fanden bald Familien, die sie aufnehmen wollten, sobald sie alt genug waren.
Die beiden kleinsten blieben zunächst noch etwas länger bei ihrer Mutter.
Das war mir wichtig.
Hedi sollte nicht plötzlich alle ihre Kinder verlieren.
Sie hatte zu viel durchgemacht.
Als der Tag kam, an dem die ersten Welpen zu ihren neuen Familien ziehen durften, war ich dabei.
Eine ältere Frau aus der Nachbarstadt nahm einen der Rüden.
Ein junges Paar entschied sich für ein Weibchen.
Zwei weitere kamen zu Familien mit Erfahrung in der Hundehaltung.
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