Kater Fritzi wurde zurückgebracht, weil er nachts weinte, doch ein einsamer Rentner verstand endlich seinen Schmerz

Nach nur sechs Tagen wurde Kater Fritzi zurückgebracht, weil er nachts vor einer geschlossenen Tür weinte. Doch niemand ahnte, wen er damit retten würde.

„Er hat die ganze Nacht vor unserer Schlafzimmertür gejammert. Das konnten wir einfach nicht mehr ertragen.“

Die Frau stellte die Transportbox auf den Tisch, schob mir die Unterlagen hin und verschränkte die Arme.

„Wir haben wirklich alles versucht. Aber irgendwann muss man auch schlafen können.“

Ich nickte nur.

Als sie gegangen war, nahm ich Fritzis Akte und las den Rückgabegrund noch einmal.

Ständiges Weinen vor der geschlossenen Schlafzimmertür.

Kein Kratzen an Möbeln. Kein Beißen. Keine Unsauberkeit. Keine Aggression.

Nur Weinen.

Sechs Tage hatte er in seinem neuen Zuhause verbracht. Sechs Tage, bevor man entschied, dass er nicht bleiben durfte.

Ich öffnete vorsichtig die Transportbox.

Ganz hinten saß ein rot getigerter Kater mit stumpfem Fell und müden, bernsteinfarbenen Augen. Er war ungefähr acht Jahre alt, etwas zu dünn und hatte eine kleine weiße Stelle unter dem Kinn.

Er fauchte nicht. Er versuchte nicht wegzulaufen.

Er sah mich einfach an.

Als hätte er längst verstanden, was es bedeutete, wieder hier zu sein.

Mein Name ist Gabriele. Ich bin 54 Jahre alt und arbeite seit neun Jahren ehrenamtlich in einer kleinen Katzenauffangstation am Rand von Kassel.

Ich habe schon vieles erlebt.

Katzen, die ausgesetzt wurden, weil sie zu alt waren. Katzen, die nach einem Umzug plötzlich keinen Platz mehr hatten. Und Tiere, die zurückgebracht wurden, weil sie nicht so funktionierten, wie ihre neuen Besitzer es sich vorgestellt hatten.

Aber dieser eine Satz in Fritzis Akte blieb mir im Kopf.

Er hatte geweint.

Das war alles.

Trotzdem muss ich etwas gestehen.

In diesem Moment empfand ich nicht nur Mitleid. Ich war auch genervt.

Es war Donnerstagabend. Meine Füße schmerzten, meine Wohnungsmiete war gerade wieder gestiegen, und seit einer Woche schlief ich schlecht, weil mein Nachbar über mir nachts ständig Möbel verrückte.

Ich wollte eigentlich nur nach Hause, eine Scheibe Brot essen und endlich meine Ruhe haben.

Eine Katze, die nachts vor Türen weinte, war das Letzte, was ich gebrauchen konnte.

Doch unsere Auffangstation war voll.

Im Flur standen bereits zwei zusätzliche Käfige. Eine Kollegin hatte drei junge Katzen aufgenommen, die jemand vor einer Garage gefunden hatte. Und für Fritzi gab es schlicht keinen freien Platz mehr.

Also hörte ich mich sagen:

„Ich nehme ihn übers Wochenende mit.“

Meine Kollegin Heike sah mich überrascht an.

„Bist du sicher?“

„Nur bis Montag“, antwortete ich. „Dann finden wir eine Lösung.“

Heike lächelte auf diese Weise, die ich von ihr kannte.

Sie wusste, dass aus meinen Wochenenden manchmal Monate wurden.

Aber diesmal meinte ich es ernst.

Zumindest glaubte ich das.

Meine Wohnung lag im zweiten Stock eines alten Mehrfamilienhauses.

Zwei kleine Zimmer, eine schmale Küche, abgenutzter Laminatboden und ein Sofa, das schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Im Schlafzimmer stand eine alte Holztruhe am Fußende meines Bettes. Darauf lag eine gefaltete Wolldecke, die meine Mutter vor vielen Jahren gestrickt hatte.

Ich stellte Fritzis Transportbox im Wohnzimmer ab und öffnete die Tür.

Er blieb zunächst sitzen.

Dann setzte er vorsichtig eine Pfote auf den Boden. Danach die zweite.

Er untersuchte die Tischbeine, schnupperte am Heizkörper und schaute unter das Sofa.

Alles geschah langsam, beinahe vorsichtig.

Als wollte er nichts falsch machen.

Ich füllte einen Napf mit Futter und stellte frisches Wasser daneben.

Fritzi fraß ein wenig.

Dann kam er in die Küche, wo ich gerade meine Kaffeetasse abspülte, und setzte sich neben meine Füße.

Er miaute nicht.

Er wollte nicht hochgenommen werden.

Er saß einfach da und schaute zu mir hinauf.

Als würde er prüfen, ob ich noch da war.

„Na, du kleiner Kerl“, sagte ich. „Was machen wir denn jetzt mit dir?“

Fritzi blinzelte langsam.

Ich musste lächeln.

Zum ersten Mal an diesem Abend.

Gegen halb elf ging ich ins Schlafzimmer.

Ich putzte mir die Zähne, zog meinen Schlafanzug an und schloss wie immer die Tür hinter mir.

Eine Minute blieb alles ruhig.

Dann hörte ich es.

Ein leises Miauen.

So dünn, dass ich zunächst dachte, es käme von draußen.

Dann noch eines.

Und noch eines.

Ich setzte mich auf die Bettkante.

„Fritzi?“

Hinter der Tür wurde es kurz still.

Dann kam dieses Geräusch wieder.

Es war kein gewöhnliches, forderndes Miauen.

Es klang, als würde jemand versuchen, nicht zu weinen, und es trotzdem nicht schaffen.

Ich starrte auf die Tür.

Natürlich wusste ich, dass Katzen Zeit brauchen, um sich an eine neue Umgebung zu gewöhnen.

Natürlich wusste ich auch, dass ich nicht bei jedem Geräusch sofort reagieren sollte.

Das hatte ich schließlich oft genug anderen Menschen erklärt.

Also blieb ich sitzen.

Aber Fritzi hörte nicht auf.

Sein Miauen wurde leiser, nicht lauter.

Und gerade das machte es so schwer, zuzuhören.

Es klang nicht nach Wut.

Es klang nach Angst.

Nach einer Angst, die schon lange da gewesen sein musste.

Nach ungefähr fünf Minuten hielt ich es nicht mehr aus.

Ich stand auf und öffnete die Tür.

Fritzi saß direkt davor.

Seine kleinen Vorderpfoten standen nebeneinander auf dem Laminatboden. Sein Kopf war gesenkt.

Als er mich sah, machte er ein letztes, heiseres Geräusch.

Dann ging er an mir vorbei.

Nicht hastig.

Nicht triumphierend.

Er lief zur alten Holztruhe am Fußende meines Bettes, sprang auf die Wolldecke, drehte sich zweimal im Kreis und legte sich hin.

Einfach so.

Innerhalb weniger Sekunden war er ruhig.

Ich blieb in der offenen Schlafzimmertür stehen.

„Das gibt es doch nicht“, murmelte ich.

Fritzi schloss die Augen.

Er wollte nicht auf mein Bett.

Er wollte nicht spielen.

Er wollte nicht einmal gestreichelt werden.

Er wollte nur wissen, dass er nicht ausgesperrt war.

Ich löschte das Licht und legte mich hin.

Die Tür blieb offen.

In dieser Nacht hörte ich nichts mehr von ihm.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, lag Fritzi noch immer auf der Truhe.

Seine Vorderpfoten waren ausgestreckt, sein Kopf ruhte auf der alten Wolldecke.

Er schlief so tief, dass er nicht einmal bemerkte, wie ich aufstand.

Ich betrachtete ihn lange.

Und fragte mich, was dieser kleine Kater erlebt haben musste, um solche Angst vor einer geschlossenen Tür zu haben.

Später rief ich Heike an.

„Weißt du eigentlich etwas über Fritzis Vergangenheit?“

Am anderen Ende wurde es still.

Dann hörte ich, wie sie Papiere durchblätterte.

„Er gehörte früher einer älteren Frau aus Baunatal“, sagte sie. „Frau Gerda Neumann. Sie war 79.“

„Und warum ist er bei uns gelandet?“

„Die Frau ist vor einigen Monaten gestorben. Ihr Sohn lebt weit weg und konnte ihn nicht übernehmen.“

Ich schaute zu Fritzi, der gerade im Wohnzimmer an einem Stuhlbein schnupperte.

„War er lange bei ihr?“

„Fast acht Jahre. Seit er ein kleines Kätzchen war.“

Heike machte eine Pause.

„Der Sohn hat damals erzählt, dass Fritzi jede Nacht bei seiner Mutter geschlafen hat. Sie soll sogar immer die Schlafzimmertür offen gelassen haben.“

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