Ich wollte im Tierheim nur ein kleines Kätzchen adoptieren. Doch dann sah ich eine alte Katze, die jedem Besucher ihren einzigen Stoffbären anbot, als müsste sie sich damit ein Zuhause erkaufen.
„Wir haben gerade vier junge Kätzchen, die ein neues Zuhause suchen. Zwei davon sind erst zwölf Wochen alt.“
Die Mitarbeiterin des Tierheims lächelte mich freundlich an und deutete auf eine Tür am Ende des Flurs.
„Wenn Sie möchten, zeige ich sie Ihnen gleich.“
„Sehr gern“, antwortete ich. „Genau deswegen bin ich hier.“
Ich war fest entschlossen.
Ich wollte ein Kätzchen. Jung, verspielt, neugierig. Eines, das noch nicht viel erlebt hatte und sich von Anfang an an mich gewöhnen konnte.
Nicht, weil ich ältere Katzen nicht mochte.
Ich hatte mir nur eingeredet, dass ein junges Tier einfacher wäre. Keine schlechten Erfahrungen, keine seltsamen Angewohnheiten, keine Vergangenheit, über die ich mir Gedanken machen musste.
Zumindest erzählte ich mir das selbst.
In Wahrheit war ich einfach müde.
Ich heiße Werner Krüger, bin 67 Jahre alt und wohne allein in einer kleinen Wohnung am Stadtrand von Kassel.
Meine Frau Renate war drei Jahre zuvor gestorben.
Seitdem bestand mein Alltag aus Einkaufen, Kochen, Fernsehen und gelegentlichen Besuchen bei meiner Tochter, die mit ihrer Familie fast hundert Kilometer entfernt wohnte.
Es war kein besonders schlechtes Leben.
Aber es war ein stilles Leben geworden.
Manchmal saß ich abends in meinem Sessel und merkte erst nach Stunden, dass ich kein einziges Wort gesprochen hatte.
Ich kannte inzwischen jedes Geräusch meiner Wohnung.
Das Summen des Kühlschranks. Das Knacken der Heizungsrohre. Die Schritte der Nachbarn über mir.
Und manchmal ertappte ich mich dabei, wie ich laut mit dem Fernseher sprach, nur um meine eigene Stimme zu hören.
Meine Tochter hatte mir schon länger vorgeschlagen, eine Katze aufzunehmen.
„Papa, du hast doch immer Tiere gemocht. Vielleicht wäre das etwas für dich.“
Also hatte ich mich schließlich auf den Weg ins örtliche Tierheim gemacht.
Ein kleines Kätzchen sollte wieder etwas Leben in meine Wohnung bringen.
Nichts Kompliziertes.
Einfach ein Tier, das sich abends zu mir setzte und mir das Gefühl gab, gebraucht zu werden.
Doch bevor wir den Raum mit den Jungkatzen erreichten, blieb ich plötzlich stehen.
Links neben dem Flur stand eine Reihe von Katzengehegen.
In einem davon saß eine ausgewachsene Katze.
Sie war grau getigert, hatte eine weiße Brust und ein etwas zerzaustes Fell. Ihr Gesicht wirkte schmal, und über ihrer Nase verlief eine kleine helle Narbe.
Sie war nicht besonders hübsch.
Jedenfalls nicht auf die Art, wie Katzen auf Kalenderbildern aussehen.
Aber etwas an ihr ließ mich nicht weitergehen.
Die Katze hielt einen alten Stoffbären im Maul.
Einen winzigen, völlig abgenutzten Bären, dessen brauner Stoff an mehreren Stellen schon fast grau geworden war.
Ein Arm hing schief herunter. An einer Naht quoll etwas Füllwatte hervor.
Die Katze saß vollkommen still.
Sie miaute nicht.
Sie kratzte nicht an der Tür.
Sie beobachtete nur die Menschen, die an ihrem Gehege vorbeigingen.
Dann näherte sich ein älteres Ehepaar.
Sofort stand sie auf.
Sie nahm den Bären vorsichtig zwischen die Zähne, ging zur Gittertür und legte ihn direkt davor ab.
Anschließend setzte sie sich hin.
Und wartete.
Das Ehepaar schaute kurz zu ihr hinein.
„Ach, die ist ja schon ziemlich alt“, sagte die Frau.
Ihr Mann nickte.
„Komm, wir schauen lieber nach den Kleinen.“
Sie gingen weiter.
Die Katze blieb sitzen.
Ihr Stoffbär lag noch immer vor der Tür.
Ich spürte einen unangenehmen Druck in der Brust.
„Was macht sie da?“, fragte ich die Mitarbeiterin.
Sie folgte meinem Blick.
Ihr Lächeln verschwand.
„Ach, das ist unsere Lotti.“
„Lotti?“
„Ja. Sie ist ungefähr zehn Jahre alt. Und sie wartet schon ziemlich lange auf ein neues Zuhause.“
Ich schaute wieder zu der Katze.
„Warum legt sie den Bären immer vor die Tür?“
Die Mitarbeiterin schwieg einen Augenblick.
Dann sagte sie leise:
„Das macht sie bei fast jedem Besucher.“
„Aber warum?“
Die Frau ging ein paar Schritte näher an das Gehege.
„Lotti wurde vor acht Monaten bei uns abgegeben. Ihre Besitzerin musste dauerhaft in ein Pflegeheim ziehen. Die Angehörigen konnten sie nicht aufnehmen.“
Ich nickte langsam.
„Und der Bär?“
„Den hat sie mitgebracht. Offenbar hatte sie ihn schon seit vielen Jahren.“
Die Mitarbeiterin betrachtete das zerfledderte Stofftier.
„Am Anfang hat sie ihn nur zum Schlafen benutzt. Sie hat ihn immer in ihrem Körbchen gehabt und ihn kaum aus den Augen gelassen.“
„Und jetzt?“
„Nach einigen Wochen fing sie an, ihn nach vorne zu tragen, sobald jemand vor ihrem Gehege stehen blieb.“
Die Frau atmete tief ein.
„Wir wissen natürlich nicht, was sie sich dabei denkt. Aber manchmal wirkt es, als würde sie den Menschen das Einzige anbieten, was ihr noch geblieben ist.“
Ich sagte nichts.
„Vielleicht hat sie einfach gelernt, dass Menschen auf den Bären reagieren“, ergänzte die Mitarbeiterin.
Dann senkte sie ihre Stimme.
„Aber wissen Sie, Herr Krüger, es ist trotzdem schwer mitanzusehen.“
In diesem Moment nahm Lotti ihren Stoffbären wieder auf.
Sie trug ihn langsam zurück in ihr Körbchen und legte sich daneben.
Ich beobachtete, wie sie ihre Pfote über das alte Spielzeug legte.
So vorsichtig, als wäre es etwas Kostbares.
„Wie lange ist sie schon hier?“, fragte ich.
„Acht Monate.“
„Und niemand wollte sie?“
Die Mitarbeiterin schüttelte den Kopf.
„Ein paar Leute haben sich für sie interessiert. Aber am Ende haben sie sich fast immer für jüngere Katzen entschieden.“
Ich fühlte mich ertappt.
Schließlich war ich selbst nur wegen eines Kätzchens gekommen.
Ich hatte meine Entscheidung schon getroffen, bevor ich überhaupt einen Fuß in dieses Gebäude gesetzt hatte.
„Manche Besucher fragen, ob sie noch verspielt ist“, erzählte die Mitarbeiterin. „Andere sorgen sich wegen möglicher Tierarztkosten. Viele möchten einfach eine junge Katze.“
Sie zuckte leicht mit den Schultern.
„Das kann ich verstehen. Aber für Lotti wird es dadurch nicht leichter.“
Ich schaute auf die kleine graue Gestalt hinter dem Gitter.
Zehn Jahre alt.
Acht Monate im Tierheim.
Und immer wieder Menschen, die an ihr vorbeigingen.
„Wir können uns trotzdem erst einmal die Kätzchen anschauen“, sagte die Mitarbeiterin freundlich.
Ich nickte.
„Ja. Natürlich.“
Wir gingen weiter.
Im nächsten Raum erwarteten uns vier kleine Katzen.
Eine schwarze mit weißen Pfoten, zwei getigerte Geschwister und ein rotbraunes Kätzchen, das sofort versuchte, an meinem Hosenbein hochzuklettern.
Die Mitarbeiterin lachte.
„Der kleine Kerl ist besonders neugierig.“
Ich nahm ihn vorsichtig auf den Arm.
Er war leicht, warm und voller Energie.
Seine winzigen Pfoten tasteten über meinen Pullover, und nach wenigen Sekunden begann er zu schnurren.
Genau so hatte ich mir diesen Besuch vorgestellt.
Ein kleines Kätzchen.
Ein neuer Anfang.
Ein bisschen Freude in meiner stillen Wohnung.
„Er scheint Sie zu mögen“, sagte die Mitarbeiterin.
„Ja“, antwortete ich.
Doch meine Gedanken waren woanders.
Ich sah immer wieder Lotti vor mir.
Wie sie ihren Stoffbären zur Tür getragen hatte.
Wie sie sich hingesetzt und gewartet hatte.
Wie sie ihn schließlich wieder zurückgeholt hatte.
Die Mitarbeiterin bemerkte mein Schweigen.
„Ist alles in Ordnung?“
Ich strich dem Kätzchen vorsichtig über den Rücken.
„Ja. Ich glaube schon.“
Aber das stimmte nicht.
Denn plötzlich fragte ich mich etwas, das mir vorher überhaupt nicht in den Sinn gekommen war.
Was passierte eigentlich mit den Tieren, die niemand auswählte?
Mit denen, die zu alt waren?
Mit denen, die nicht sofort auf Menschen zugerannt kamen?
Mit denen, die einfach nur still warteten?
Ich setzte das kleine Kätzchen zurück zu seinen Geschwistern.
„Könnten wir noch einmal zu Lotti gehen?“
Die Mitarbeiterin schaute mich überrascht an.
Dann nickte sie.
„Natürlich.“
Als wir zurückkamen, stand ein junges Paar vor Lottis Gehege.
Die Frau beugte sich hinunter.
„Ach, schau mal. Die hat ja einen Teddy.“
Lotti reagierte sofort.
Sie sprang aus ihrem Körbchen, packte den Stoffbären und trug ihn zur Tür.
Dann legte sie ihn ab.
Ihr Schwanz bewegte sich langsam.
Sie hob den Kopf und schaute die beiden Menschen an.
„Wie süß“, sagte die Frau.
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