Ihr Begleiter warf einen Blick auf das Schild am Gehege.
„Zehn Jahre? Das ist schon ziemlich alt.“
„Stimmt“, antwortete sie. „Dann nehmen wir lieber eine jüngere.“
Und wieder gingen die Menschen weiter.
Lotti blieb zurück.
Mit ihrem Bären.
Mit ihrem stillen Blick.
Mit einer Hoffnung, die sie offenbar noch immer nicht aufgegeben hatte.
Ich weiß nicht, warum mich gerade dieser Augenblick so getroffen hat.
Vielleicht, weil ich selbst wusste, wie es sich anfühlt, wenn eine Tür geschlossen wird und niemand mehr zurückkommt.
Vielleicht, weil ich nach Renates Tod so viele Monate damit verbracht hatte, auf Geräusche im Treppenhaus zu hören.
Auf Schritte, die vor meiner Wohnung stehen bleiben könnten.
Auf einen Schlüssel im Schloss, obwohl ich genau wusste, dass ich diesen Schlüssel nie wieder hören würde.
Oder vielleicht war es einfach der Anblick dieser Katze.
Die nichts forderte.
Die niemanden bedrängte.
Die nur ihren alten Bären vor sich hinlegte, sobald sich jemand näherte.
Ich ging langsam in die Hocke.
Lotti beobachtete mich.
Ihre grünen Augen waren aufmerksam, aber vorsichtig.
„Na, du Kleine“, sagte ich leise.
Sie blinzelte.
Ich musste über mich selbst lächeln.
Zehn Jahre alt, und ich nannte sie Kleine.
„Du hast wohl auch schon einiges hinter dir, was?“
Lotti stand auf.
Sie drehte sich um, ging zurück zu ihrem Körbchen und nahm den Stoffbären ins Maul.
Dann kam sie langsam auf mich zu.
Ein Schritt.
Noch einer.
Schließlich legte sie den Bären direkt vor meine Füße, nur durch das Gitter von mir getrennt.
Ich schaute auf das alte Spielzeug.
Ein winziger Stoffbär, dessen eines Ohr nur noch an wenigen Fäden hing.
Mehr hatte sie offenbar nicht mitgebracht aus ihrem früheren Leben.
Kein vertrautes Sofa.
Kein Lieblingsfenster.
Keine Hand, die jeden Abend ihr Fell streichelte.
Nur diesen Bären.
Ich schluckte.
„Den brauchst du mir nicht zu geben“, flüsterte ich.
Lotti setzte sich hin.
Ich hielt meine Hand vorsichtig an das Gitter.
Sie näherte sich langsam, streckte ihre Nase vor und schnupperte an meinen Fingern.
Dann drückte sie ihren Kopf dagegen.
Ganz leicht.
Nur für einen kurzen Augenblick.
Aber es genügte.
„Darf ich sie einmal richtig kennenlernen?“, fragte ich die Mitarbeiterin.
Die Frau lächelte.
„Sehr gern. Wir haben dafür einen kleinen Raum.“
Wenig später saß ich auf einem einfachen Stuhl, während Lotti vorsichtig den Raum erkundete.
Zunächst hielt sie Abstand.
Sie schnupperte an den Möbeln, schaute unter einen Schrank und setzte sich schließlich in eine Ecke.
Ich versuchte nicht, sie zu locken.
Ich wartete einfach.
Nach einigen Minuten kam sie näher.
Sie blieb vor meinen Schuhen stehen.
Dann legte sie sich direkt daneben.
Ich beugte mich langsam hinunter und strich mit zwei Fingern über ihren Rücken.
Lotti schloss die Augen.
Und begann zu schnurren.
Nicht laut.
Nicht aufgeregt.
Nur dieses tiefe, leise Geräusch, das ich seit vielen Jahren nicht mehr gehört hatte.
Ich merkte plötzlich, dass mir Tränen über die Wangen liefen.
Die Mitarbeiterin sagte nichts.
Nach einer Weile fragte ich:
„Was müsste ich tun, wenn ich sie mitnehmen möchte?“
Die Frau schaute mich an.
„Meinen Sie das ernst?“
Ich nickte.
„Ja.“
„Sie wollten doch eigentlich ein Kätzchen.“
„Das weiß ich.“
Ich sah zu Lotti hinunter.
Sie hatte inzwischen ihren Kopf auf meinen Schuh gelegt.
„Aber ich glaube, ich habe mich geirrt.“
Die Mitarbeiterin lächelte, und ihre Augen wurden feucht.
„Das würde mich sehr freuen.“
Wir besprachen alles in Ruhe.
Lottis Gesundheitszustand, ihre Gewohnheiten, ihr Futter und die Eingewöhnung in einer neuen Umgebung.
Ich erfuhr, dass sie regelmäßige tierärztliche Untersuchungen brauchte, ansonsten aber für ihr Alter recht fit war.
Sie mochte ruhige Menschen.
Sie brauchte Geduld.
Und sie ließ sich nicht gern hochheben.
Damit konnte ich leben.
Schließlich war ich selbst auch nicht mehr der Jüngste.
Zwei Tage später holte ich sie ab.
Die Mitarbeiterin hatte ihren Stoffbären sorgfältig in die Transportbox gelegt.
„Den dürfen wir natürlich nicht vergessen“, sagte sie.
Ich nickte.
„Nein. Auf keinen Fall.“
Als wir meine Wohnung erreichten, stellte ich die Box im Wohnzimmer ab und öffnete vorsichtig die Tür.
Lotti kam nicht sofort heraus.
Sie blieb lange sitzen.
Dann streckte sie den Kopf hinaus und betrachtete alles mit großer Vorsicht.
Erst nach fast einer Stunde wagte sie sich bis unter den Wohnzimmertisch.
Den Stoffbären schleppte sie hinter sich her.
In der ersten Nacht schlief sie hinter meinem Sessel.
In der zweiten Nacht lag sie auf dem Teppich neben meinem Bett.
Und in der vierten Nacht wurde ich gegen drei Uhr morgens wach, weil sich etwas vorsichtig auf meine Bettdecke setzte.
Lotti.
Mit ihrem alten Stoffbären im Maul.
Sie legte ihn neben mein Kissen, drehte sich zweimal im Kreis und rollte sich dicht an meinen Beinen zusammen.
Ich lag lange wach.
Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich das Schlafzimmer nicht mehr leer an.
Das ist inzwischen zwei Jahre her.
Lotti ist heute ungefähr zwölf Jahre alt.
Sie hat ihre eigenen Regeln aufgestellt.
Morgens um halb sieben steht sie vor meinem Bett und miaut, bis ich aufstehe.
Beim Frühstück sitzt sie auf dem Stuhl gegenüber und beobachtet mich, als müsste sie kontrollieren, ob ich auch ordentlich esse.
Wenn ich einkaufen gehe, wartet sie meistens im Flur.
Und abends liegt sie auf dem Sofa neben mir.
Manchmal lege ich meine Hand auf ihren Rücken und spüre ihr ruhiges Atmen.
Dann denke ich an Renate.
An unsere gemeinsame Zeit.
Und daran, wie sehr ich mich davor gefürchtet hatte, noch einmal jemanden liebzugewinnen.
Inzwischen steht im Wohnzimmer ein ganzer Korb voller Katzenspielzeug.
Meine Tochter bringt bei fast jedem Besuch etwas Neues mit.
Kleine Mäuse.
Stoffbälle.
Bunte Kissen.
Lotti interessiert sich kaum dafür.
Ihr alter Bär ist und bleibt ihr Lieblingsstück.
Sie trägt ihn noch immer jeden Abend ins Schlafzimmer.
Manchmal sucht sie ihn minutenlang, wenn er unter das Sofa geraten ist.
Dann helfe ich ihr.
Und sobald sie ihn wiedergefunden hat, läuft sie damit zufrieden davon.
Vor einigen Wochen fragte mich meine Enkelin, warum ich diesen kaputten Bären nicht endlich wegwerfe.
„Opa, ich könnte ihr doch einen neuen kaufen.“
Ich setzte mich neben sie.
„Weißt du, Johanna, dieser Bär ist für Lotti etwas ganz Besonderes.“
„Warum? Der ist doch schon so alt.“
Ich schaute zur Katze, die auf ihrem Lieblingsplatz schlief.
„Weil er ihr geblieben ist, als sie sonst fast nichts mehr hatte.“
Meine Enkelin dachte einen Moment nach.
Dann nahm sie den Bären vorsichtig in die Hand.
„Dann müssen wir gut auf ihn aufpassen.“
Ich lächelte.
„Ja, mein Schatz. Das müssen wir.“
An diesem Abend saß ich noch lange neben Lotti.
Sie schlief tief und fest.
Eine Pfote lag auf ihrem abgenutzten Stoffbären.
Ich betrachtete die ausgefransten Nähte und das schiefe Ohr.
Und mir wurde klar, wie sehr sich unser beider Leben verändert hatte.
Damals im Tierheim hatte Lotti ihren Bären immer wieder zur Tür getragen.
Als könnte sie damit vielleicht die Aufmerksamkeit eines Menschen gewinnen.
Als müsste sie etwas von sich hergeben, damit jemand sie mit nach Hause nahm.
Heute muss sie das nicht mehr.
Sie darf den Bären behalten.
Sie darf alt werden.
Sie darf schlechte Tage haben, eigensinnig sein und manchmal einfach ihre Ruhe wollen.
Und sie wird trotzdem geliebt.
Ich hatte das Tierheim damals betreten, weil ich ein junges Kätzchen wollte, das wieder Freude in mein Leben bringen sollte.
Stattdessen kam ich mit einer alten Katze nach Hause, die selbst ein Stück Geborgenheit brauchte.
Manchmal frage ich mich, wer von uns beiden an diesem Tag eigentlich gerettet wurde.
Darauf habe ich bis heute keine eindeutige Antwort.
Aber eines weiß ich ganz sicher.
Jeden Abend, wenn Lotti mit ihrem alten Bären zu mir ins Bett kommt, streichle ich ihr über den Kopf und sage leise:
„Du musst mir nichts schenken, Lotti. Du darfst einfach hierbleiben.“
Und dann schließt sie die Augen.
Mit ihrem Bären unter der Pfote.
In einem Zuhause, in dem sie sich Liebe nicht mehr verdienen muss.






