Kater Fritzi wurde zurückgebracht, weil er nachts weinte, doch ein einsamer Rentner verstand endlich seinen Schmerz

Drei Wochen später fuhr ich in meiner Mittagspause zu Wolfgang.

Ich hatte noch einen Sack von Fritzis Lieblingsfutter in der Auffangstation und wollte ihn vorbeibringen.

Wolfgang öffnete die Haustür, bevor ich klingeln konnte.

„Ach, Frau Gabriele! Kommen Sie doch rein.“

Im Flur standen ordentlich geputzte Schuhe. An der Garderobe hing eine alte Herrenjacke, daneben ein einzelner Damenmantel.

Ich bemerkte ihn nur kurz.

Aber irgendwie blieb mein Blick daran hängen.

Im Wohnzimmer standen zwei Sessel.

Auf dem kleinen Tisch lag eine Fernsehzeitung, daneben eine Brille und eine halb fertige Kreuzworträtselseite.

Auf einem der Sessel lag Fritzi.

Sein rot getigertes Fell glänzte inzwischen wieder. Er hatte etwas zugenommen und wirkte viel entspannter.

Als er mich sah, hob er den Kopf.

Dann sprang er herunter und ging direkt zu Wolfgang.

Er strich um dessen Beine.

„Na, mein Junge“, sagte Wolfgang. „Wir haben Besuch.“

Ich musste lächeln.

„Er sieht wunderbar aus.“

Wolfgang nickte stolz.

„Er frisst gut. Und er hat einen festen Tagesablauf. Morgens sitzen wir zusammen in der Küche. Ich trinke meinen Kaffee, und er bekommt sein Frühstück.“

Er zeigte zum Fenster.

„Danach sitzt er dort und beobachtet die Vögel.“

Fritzi blickte zu ihm hinauf.

Wolfgang beugte sich etwas hinunter und streichelte seinen Rücken.

„Und abends schauen wir zusammen fern.“

„Gefällt ihm das Programm?“, fragte ich.

Wolfgang lachte.

„Er schläft meistens ein. Aber ich erzähle ihm trotzdem, was passiert.“

Wir tranken Kaffee.

Wolfgang erzählte von seiner Frau, von ihrer kleinen Terrasse und davon, wie ungewohnt die Abende nach ihrem Tod geworden waren.

„Früher haben wir immer miteinander gesprochen“, sagte er. „Über alles Mögliche. Manchmal nur darüber, was wir morgen einkaufen müssen.“

Er hielt seine Tasse mit beiden Händen fest.

„Und plötzlich sitzt man da und hat niemanden mehr, dem man so etwas erzählen kann.“

Fritzi sprang auf den freien Sessel.

Wolfgang sah ihn an.

„Jetzt erzähle ich es eben ihm.“

Später zeigte er mir das Schlafzimmer.

Die Tür stand weit offen.

Am Fußende des Bettes lag eine sorgfältig gefaltete Decke.

Darauf befanden sich ein paar orangefarbene Katzenhaare.

„Hier schläft er“, erklärte Wolfgang.

Er lächelte.

„Jede Nacht, seit er hier ist.“

Ich trat näher.

Auf dem Nachttisch stand ein gerahmtes Foto.

Eine ältere Frau mit freundlichem Gesicht saß darauf neben Wolfgang. Beide lächelten in die Kamera.

„Das ist Ursula“, sagte er.

Ich nickte.

Wolfgang betrachtete das Bild.

„Wissen Sie, was seltsam ist?“

Ich sah ihn an.

„Seit Fritzi da ist, schlafe ich wieder besser.“

Er fuhr sich über das Gesicht.

„Früher bin ich nachts oft aufgewacht. Dann war es so still, dass ich manchmal ins Wohnzimmer gegangen bin und den Fernseher eingeschaltet habe.“

Er schaute zur Decke am Fußende des Bettes.

„Jetzt höre ich ihn manchmal atmen. Oder er bewegt sich ein bisschen.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Dann weiß ich, dass ich nicht allein bin.“

In diesem Moment kam Fritzi ins Zimmer.

Er sprang auf seine Decke, drehte sich zweimal im Kreis und legte sich hin.

Genau wie damals bei mir.

Wolfgang lächelte.

„Sehen Sie? Er weiß ganz genau, wo sein Platz ist.“

Dann erzählte er mir noch etwas.

„Jede Nacht, ungefähr gegen zwei, hebt er den Kopf und schaut zu mir rüber.“

„Und was machen Sie dann?“

„Ich sage: Ich bin noch da, Fritzi. Schlaf ruhig weiter.“

Er schwieg kurz.

„Manchmal strecke ich auch einfach die Hand aus, damit er sie beschnuppern kann.“

Ich musste mich räuspern.

Denn plötzlich erinnerte ich mich an diesen ersten Donnerstagabend.

An die Transportbox.

An die Rückgabeunterlagen.

Und an den Satz, den ich dreimal gelesen hatte.

Er weint vor der Schlafzimmertür.

Derselbe Kater, der für eine Familie zu anstrengend gewesen war, lag jetzt friedlich auf seiner Decke.

Er hatte sich nicht verändert.

Er war nicht plötzlich zu einer anderen Katze geworden.

Er brauchte immer noch dieselbe Nähe.

Dieselbe offene Tür.

Dieselbe Gewissheit, dass jemand da war.

Nur lebte er jetzt bei einem Menschen, der das verstand.

Als ich mich verabschiedete, begleitete Wolfgang mich zur Haustür.

Fritzi lief hinter uns her.

„Vielen Dank, dass Sie ihn mir anvertraut haben“, sagte Wolfgang.

Ich schüttelte den Kopf.

„Ich glaube, Sie haben ihm sehr geholfen.“

Wolfgang schaute hinunter zu dem Kater.

Dann sagte er etwas, das ich nie vergessen werde.

„Vielleicht hat er mir sogar mehr geholfen als ich ihm.“

Fritzi rieb seinen Kopf an Wolfgangs Hosenbein.

Der alte Mann legte eine Hand auf seinen Rücken.

Und für einen kurzen Moment standen die beiden einfach so im Flur.

Ein Mann, der einen geliebten Menschen verloren hatte.

Und ein Kater, der nicht verstehen konnte, warum seine vertraute Welt plötzlich verschwunden war.

Beide hatten erlebt, wie sich ein Zuhause von einem Tag auf den anderen verändern konnte.

Beide wussten, wie schwer Stille sein konnte.

Und beide hatten auf ihre Weise nach jemandem gesucht, der blieb.

Auf der Rückfahrt dachte ich lange darüber nach.

Wie oft nennen wir jemanden schwierig, obwohl dieser Mensch oder dieses Tier einfach Angst hat?

Wie oft empfinden wir Nähe als Belastung, weil sie nicht genau dann kommt, wenn es uns passt?

Und wie viele Menschen sitzen wohl jeden Abend allein in ihren Wohnungen und wünschen sich nichts weiter, als dass jemand ihre Stimme hört?

Fritzi war nie ein schwieriger Kater gewesen.

Er war ein Kater, der einmal sehr geliebt worden war und diese Liebe plötzlich verloren hatte.

Er wusste nicht, was der Tod bedeutete.

Er wusste nur, dass seine vertraute Person nicht mehr zurückkam.

Und jedes Mal, wenn eine Schlafzimmertür vor ihm geschlossen wurde, schien für ihn ein Stück dieser alten Angst wieder lebendig zu werden.

Wolfgang konnte ihm seine frühere Besitzerin nicht zurückgeben.

Und Fritzi konnte Wolfgang seine Ursula nicht zurückbringen.

Aber sie konnten einander etwas geben, das beiden gefehlt hatte.

Gesellschaft.

Vertrautheit.

Einen Grund, morgens aufzustehen und nicht sofort die Stille zu bemerken.

Heute lebt Fritzi noch immer bei Wolfgang.

Manchmal schickt er uns ein Foto.

Auf einem sitzt Fritzi neben der Zeitung, während Wolfgang frühstückt.

Auf einem anderen liegt er zusammengerollt auf seinem Sessel.

Und auf meinem Lieblingsfoto sieht man nur einen Teil des Schlafzimmers.

Ein altes Bett.

Eine gefaltete Decke.

Einen schlafenden roten Kater.

Und eine offene Tür.

Jedes Mal, wenn ich dieses Foto sehe, denke ich an die sechs Tage, nach denen Fritzi zurückgebracht wurde.

Nicht, weil er etwas zerstört hatte.

Nicht, weil er böse gewesen war.

Sondern weil er geweint hatte.

Heute weint er nachts kaum noch.

Denn wenn er aufwacht und nach Wolfgang schaut, hört er eine vertraute Stimme.

„Ich bin noch da, Fritzi.“

Und das genügt.

Vielleicht brauchen wir im Leben manchmal gar nicht so viel.

Kein perfektes Zuhause.

Keine großen Versprechen.

Nicht einmal jemanden, der immer die richtigen Worte findet.

Manchmal brauchen wir nur einen Menschen, der versteht, warum wir Angst haben.

Der uns nicht fortschickt, wenn wir Nähe suchen.

Der unsere Unsicherheit nicht als lästig empfindet.

Und der die Tür offen lässt, damit wir endlich wieder ruhig schlafen können.

Nach oben scrollen