Plötzlich ergab alles einen Sinn.
Acht Jahre lang hatte dieser Kater neben demselben Menschen geschlafen.
Acht Jahre lang hatte er ihre Schritte gehört, ihre Stimme gekannt und gewusst, wo er hingehörte.
Dann war dieser Mensch eines Tages verschwunden.
Die vertraute Wohnung war weg.
Das vertraute Bett war weg.
Und als er endlich wieder ein Zuhause gefunden hatte, wurde nachts erneut eine Tür vor ihm geschlossen.
Ich setzte mich auf mein Sofa.
Fritzi sprang neben mich.
„Ach, mein Kleiner“, flüsterte ich.
Er legte sich nicht auf meinen Schoß.
Er rückte nur so nah an mich heran, dass seine Seite meinen Oberschenkel berührte.
Wir saßen eine ganze Weile schweigend da.
Am zweiten Abend machte ich etwas, das ich heute kaum noch erklären kann.
Ich schloss die Schlafzimmertür noch einmal.
Vielleicht wollte ich wissen, ob es wirklich daran lag.
Vielleicht hoffte ich, dass der erste Abend nur eine Ausnahme gewesen war.
Fritzi begann fast sofort zu miauen.
Diesmal wartete ich keine fünf Minuten.
Ich öffnete die Tür.
Er saß wieder genau davor.
Dann ging er zur Truhe, sprang auf seine Decke und legte sich hin.
Als wäre nichts gewesen.
Da begriff ich etwas, das mich noch lange beschäftigen sollte.
Dieser Kater machte keine Schwierigkeiten.
Er hatte Schwierigkeiten.
Und das war ein gewaltiger Unterschied.
Am Samstag begann Fritzi, mir durch die Wohnung zu folgen.
Nicht aufdringlich.
Wenn ich in die Küche ging, saß er irgendwann unter dem Tisch. Wenn ich Wäsche zusammenlegte, beobachtete er mich aus einiger Entfernung.
Einmal ging ich ins Badezimmer und schloss die Tür.
Kurz darauf hörte ich ein vorsichtiges Kratzen.
Ich öffnete sie einen Spalt.
Fritzi setzte sich davor und blieb ruhig.
Ich musste lachen.
„Du bist wirklich ein kleiner Kontrollbeamter, was?“
Er schaute mich ernst an.
Dann blinzelte er.
Am Sonntagabend saß ich mit einer Tasse Tee auf dem Sofa.
Fritzi lag neben mir.
Ich strich vorsichtig über seinen Rücken und spürte, wie er sich langsam entspannte.
Da dachte ich zum ersten Mal ernsthaft darüber nach, ihn zu behalten.
Aber ich wusste auch, dass ich nicht jede Katze aufnehmen konnte, die mir ans Herz wuchs.
Mein Geld war knapp. Ich arbeitete viel. Und Fritzi verdiente jemanden, der ihm dauerhaft ein ruhiges Zuhause bieten konnte.
Also brachte ich ihn am Montagmorgen zurück in die Auffangstation.
Ich hatte dabei ein schlechtes Gewissen.
Fritzi saß still in seiner Transportbox.
Als ich ihn auf den Tisch stellte, sah er mich durch das kleine Gitter an.
Ich musste wegschauen.
„Wir finden jemanden für dich“, versprach ich leise.
Eine Stunde später öffnete sich die Eingangstür.
Ein älterer Mann kam herein.
Er trug ein sauberes kariertes Hemd, eine dunkelgraue Stoffhose und eine braune Jacke, deren Ärmel an den Bündchen etwas abgetragen waren.
Sein Haar war weiß und dünn. Seine Hände wirkten groß, aber seine Bewegungen waren vorsichtig.
„Guten Morgen“, sagte er. „Ich habe gehört, Sie haben einen roten Kater.“
„Ja“, antwortete ich. „Meinen Sie Fritzi?“
Der Mann nickte.
„Den mit den traurigen Augen.“
Ich führte ihn zu Fritzis Platz.
Der Kater saß auf einer Decke und beobachtete uns.
Der Mann ging langsam in die Hocke.
Das fiel ihm sichtlich schwer.
„Na, mein Freund“, sagte er leise. „Du bist also der Fritzi.“
Fritzi bewegte sich nicht.
Aber seine Ohren richteten sich auf.
Der Mann hieß Wolfgang Krüger und war 72 Jahre alt.
Er wohnte allein in einem kleinen Reihenhaus in Vellmar, nicht weit von Kassel entfernt.
Seine Frau Ursula war im vergangenen Jahr gestorben.
Sie waren 46 Jahre verheiratet gewesen.
Wolfgang erzählte das ganz ruhig.
Nur bei ihrem Namen stockte seine Stimme kurz.
„Seitdem ist es zu Hause ziemlich still“, sagte er.
Er schaute auf seine Hände.
„Manchmal lasse ich den Fernseher laufen, obwohl ich gar nicht hinschaue. Einfach, damit irgendjemand spricht.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.
Wolfgang lächelte verlegen.
„Meine Tochter meint, ich brauche wieder Gesellschaft.“
Dann sah er zu Fritzi.
„Vielleicht braucht er ja auch welche.“
Ich erzählte ihm alles.
Von der ersten Vermittlung.
Von den sechs Tagen.
Von der Rückgabe.
Und natürlich von dem Weinen vor der geschlossenen Schlafzimmertür.
„Ich muss ehrlich sein“, sagte ich. „Fritzi kommt nicht gut damit zurecht, wenn er nachts ausgeschlossen wird. Er miaut dann. Manchmal ziemlich verzweifelt.“
Wolfgang blickte auf den Kater.
Eine ganze Weile sagte er nichts.
Dann fragte er:
„Will er denn unbedingt im Bett schlafen?“
„Nein. Bei mir lag er auf einer Truhe am Fußende. Er wollte nur, dass die Tür offen bleibt.“
Wolfgang nickte langsam.
„Dann bleibt sie eben offen.“
Ich sah ihn an.
„Sie wissen aber, dass er das wahrscheinlich jede Nacht braucht?“
„Ja“, sagte Wolfgang.
Er strich mit einer Hand über sein kariertes Hemd.
„Wissen Sie, meine Frau hat früher auch immer die Tür offen gelassen. Sie konnte es nicht leiden, wenn im Haus alles abgeschlossen war.“
Seine Augen wurden feucht.
„Seit sie nicht mehr da ist, mache ich die Schlafzimmertür sowieso nicht mehr zu.“
Ich spürte einen Kloß im Hals.
Wolfgang beugte sich wieder zu Fritzi hinunter.
„Na, was meinst du?“, fragte er. „Zwei alte Kerle in einem Haus. Könnte doch funktionieren.“
Da stand Fritzi auf.
Er ging langsam an das Gitter seines Geheges und streckte die Nase durch die Öffnung.
Wolfgang hielt ihm einen Finger hin.
Fritzi schnupperte daran.
Dann rieb er vorsichtig seine Wange dagegen.
Es war nur eine kleine Bewegung.
Aber Wolfgang lächelte, als hätte ihm jemand ein Geschenk gemacht.
Wir besprachen alles Weitere.
Futter, Tierarzt, Eingewöhnung, mögliche Schwierigkeiten.
Wolfgang hörte aufmerksam zu und stellte viele Fragen.
Er wollte wissen, welche Decke Fritzi mochte. Ob er lieber Trockenfutter oder Nassfutter fraß. Ob er schon einmal draußen gewesen war.
Zum Schluss fragte er:
„Glauben Sie, er wird sich bei mir wohlfühlen?“
Ich betrachtete den alten Mann und den roten Kater.
„Ich glaube, Sie könnten gut zusammenpassen.“
Wolfgang nahm Fritzi noch am selben Nachmittag mit nach Hause.
Drei Tage später rief er mich an.
Ich erschrak zunächst, als ich seine Nummer auf dem Display sah.
Nach all den Rückgaben, die ich erlebt hatte, rechnete ich unwillkürlich mit schlechten Nachrichten.
„Ist alles in Ordnung?“, fragte ich sofort.
Wolfgang lachte leise.
„Ja, ja. Ich wollte nur sagen, dass der kleine Mann gut angekommen ist.“
Ich atmete auf.
„Und nachts?“
„Ach“, sagte er. „Er schläft auf einer Decke neben meinem Bett.“
Dann wurde seine Stimme weicher.
„Manchmal wacht er auf und schaut, ob ich noch da bin.“
„Miaut er?“
„Nur ganz leise. Dann sage ich ihm, dass alles gut ist.“
Ich lächelte.
„Und dann?“
„Dann schläft er wieder ein.“
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