Sein wertvollstes Pferd war verschwunden – doch im gefürchteten Waldlager wartete eine Wahrheit, die alles veränderte

Jakob legte eine grobe Karte auf den Tisch.

„Die Männer sind nicht weg.“

Ihre Spuren führten weiter westlich.

Zu einem alten Steinbruch.

Dort, glaubte Jakob, befand sich ihr richtiges Lager.

Sie hatten nur einen Teil der gestohlenen Pferde zurückgelassen.

Der Rest war vermutlich noch dort.

„Warum geht ihr nicht selbst?“

„Weil wir dort nicht willkommen sind.“

„Und ich soll willkommen sein?“

„Du bist Bauer aus Eichenrode. Dich kennt man.“

Friedrich schnaubte.

„Mich mögen die meisten auch nicht.“

Jakob grinste zum ersten Mal.

„Dann passen wir vielleicht besser zusammen, als du denkst.“

Friedrich wollte ablehnen.

Er hatte Raban wieder.

Damit war sein Problem gelöst.

Er konnte nach Hause.

Eine warme Küche.

Ein Stück Brot.

Vielleicht eine Tasse Kaffee aus Mariannes altem Porzellanservice.

Das vernünftige Leben lag nur drei Stunden entfernt.

Dann sah er neben dem Lager ein graues Zugpferd stehen.

Die Rippen waren sichtbar.

Am Hals verlief eine aufgescheuerte Stelle.

„Das ist unseres“, sagte Jakob. „Wir haben es gestern zurückgeholt.“

Friedrich betrachtete das Tier lange.

„Wie viele fehlen noch?“

„Mindestens neun.“

Friedrich zog seinen Hut tiefer.

„Wann reiten wir?“

Am nächsten Morgen brachen fünf Männer auf.

Friedrich.

Jakob.

Jakobs Neffe Martin.

Ein schweigsamer Holzarbeiter namens Konrad.

Und ein junger Pferdepfleger, Paul.

Friedrich war der Älteste.

Und wahrscheinlich der langsamste.

Seine Knie machten ihm seit Jahren Probleme.

Nach zwei Stunden begann sein Rücken zu schmerzen.

Doch keiner machte einen Witz darüber.

Das überraschte ihn.

Im Dorf hätte Heinrich längst gesagt:

„Na, alter Mann, brauchst du dein Sofa?“

Hier reichte Jakob ihm nur wortlos eine Feldflasche.

Sie folgten Spuren durch schmale Waldwege.

Abgebrochene Zweige.

Hufabdrücke.

Ein Stück Seil.

Friedrich bemerkte, dass Jakob kaum sprach.

Er beobachtete.

Hörte.

Wartete.

Das war Friedrich vertraut.

Ein Bauer lernt dasselbe.

Man erkennt Regen nicht erst, wenn er fällt.

Man sieht ihn im Himmel.

Man riecht ihn in der Luft.

Man spürt ihn in den Tieren.

Gegen Mittag hielten sie an einem Bach.

Paul teilte Brot aus.

Hartes Mischbrot, Speck und Gurken.

Friedrich musste unwillkürlich lächeln.

„Was?“, fragte Jakob.

„Nichts.“

„Doch.“

„Meine Frau hat mir früher genau so etwas eingepackt.“

Jakob schwieg einen Moment.

„Meine auch.“

„Lebt sie noch?“

Jakob schüttelte den Kopf.

Da war es.

Dieser kurze Blick zwischen zwei Männern, die beide wussten, dass gewisse Sätze keine Antwort brauchen.

Friedrich nahm einen Bissen.

„Wie lange?“

„Sieben Jahre.“

„Bei mir sechs.“

Mehr sagten sie nicht.

Aber danach ritten sie anders nebeneinander.

Nicht mehr wie Fremde.

Am zweiten Tag entdeckte Konrad Rauch.

Sie banden die Pferde zurück und gingen zu Fuß weiter.

Der alte Steinbruch lag zwischen steilen Wänden verborgen.

Unten standen zwölf Pferde.

Vielleicht dreizehn.

Friedrich erkannte zwei Tiere aus Eichenrode.

Eine schwarze Stute gehörte dem Müller.

Ein kräftiger Brauner dem alten Schuster Krüger, der ihn zum Holztransport nutzte.

„Da sind sie“, flüsterte Friedrich.

Drei Männer saßen an einer Feuerstelle.

Ein vierter reparierte einen Zaum.

Keiner sah besonders gefährlich aus.

Gerade das machte Friedrich nervös.

Er hatte in seinem Leben gelernt, dass Ärger selten so aussieht, wie man ihn erwartet.

Jakob beugte sich zu ihm.

„Wir holen die Pferde. Kein Heldentum.“

Friedrich nickte.

„Mit 58 werde ich garantiert nicht mehr freiwillig zum Helden.“

Martin grinste.

Sie warteten bis zum Abend.

Dann bewegten sie sich vorsichtig am Rand des Steinbruchs entlang.

Die Diebe bemerkten sie erst, als Konrad bereits drei Pferde losgebunden hatte.

Ein Mann sprang auf.

„Was soll das?“

Jakob trat aus dem Schatten.

„Diese Pferde gehören euch nicht.“

Der Mann fluchte.

Ein zweiter griff nach einem Knüppel.

Friedrich spürte, wie sein Herz schneller schlug.

Früher hätte er vielleicht versucht zu beweisen, dass er keine Angst hatte.

Im Alter wird man klüger.

Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben.

Mut bedeutet, trotz Angst nicht dumm zu werden.

Friedrich blieb stehen.

„Die Tiere sind erkannt worden“, sagte er laut.

Die Männer sahen ihn an.

„Ich bin Friedrich Bergmann aus Eichenrode. Zwei dieser Pferde gehören Leuten aus meinem Dorf.“

Der Anführer musterte ihn.

„Dann hol die Polizei.“

„Die ist bereits informiert.“

Das war gelogen.

Aber offenbar eine gute Lüge.

Die Männer wechselten Blicke.

Jakob trat einen Schritt vor.

„Ihr habt genug verloren.“

Es entstand eine lange Stille.

Dann rannten zwei der Diebe zum hinteren Ausgang des Steinbruchs.

Der dritte folgte.

Der vierte zögerte, warf den Knüppel weg und verschwand ebenfalls zwischen den Felsen.

Niemand verfolgte sie.

„Warum hinterherlaufen?“, sagte Jakob später. „Die Pferde können nichts dafür.“

Sie fanden dreizehn Tiere.

Fast alle erschöpft.

Einige durstig.

Eines lahmte.

Friedrich verbrachte eine Stunde damit, die verletzte Stute zu beruhigen.

Sie wollte sich zunächst nicht führen lassen.

„Langsam“, murmelte er. „Du musst mir nicht glauben. Noch nicht.“

Jakob stand daneben.

„Sprichst du mit Pferden immer so?“

„Manchmal.“

„Und mit Menschen?“

Friedrich dachte kurz nach.

„Weniger.“

Jakob lachte.

„Das solltest du ändern.“

Der Rückweg dauerte fast zwei Tage.

Als sie am Rand von Eichenrode auftauchten, liefen die ersten Kinder auf die Straße.

Dann kamen Erwachsene.

Dann fast das halbe Dorf.

„Das ist Krügers Brauner!“

„Da ist die Stute vom Müller!“

„Wo habt ihr die gefunden?“

Friedrich sah die Gesichter seiner Nachbarn.

Dann sah er die vier Männer neben sich.

Plötzlich wusste er, was passieren würde.

Man würde ihm danken.

Vielleicht Jakob ignorieren.

Vielleicht sogar behaupten, Friedrich habe die Pferde allein gefunden.

Er hätte schweigen können.

Es wäre bequem gewesen.

Stattdessen stieg er ab und sagte laut:

„Ohne diese Männer wäre kein einziges Pferd hier.“

Die Gespräche verstummten.

Heinrich stand in der ersten Reihe.

„Was meinst du?“

„Genau das, was ich gesagt habe.“

Friedrich zeigte auf Jakob.

„Er und seine Leute haben Raban gefunden. Die Diebe waren andere Männer.“

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