Johanna las weiter.
Die Luxusflächen waren nicht das eigentliche Ziel.
Sie waren die Finanzierungsmaschine.
Ein großer Teil der Gewinne sollte für fünfzig Jahre unwiderruflich in einen unabhängigen Fonds fließen. Aus diesem Geld würden die günstigen Wohnungen, die Schule, die Gesundheitsstation und die Pflege der Grünanlagen bezahlt.
Kein späterer Vorstand sollte das Geld für andere Zwecke verwenden können.
Die Verträge waren so gestaltet, dass die Investoren glaubten, sie finanzierten nur ein hochprofitables Viertel.
In Wahrheit finanzierten sie damit dauerhaft Menschen, mit denen sie sonst nichts zu tun haben wollten.
Johanna saß reglos vor dem Bildschirm.
Sie las jede Seite zweimal.
Dann ein drittes Mal.
Konrad wollte den Park nicht vernichten.
Er wollte ihn benutzen, um das Viertel zu retten.
Er hatte die reichen Geldgeber mit ihren eigenen Erwartungen gelockt. Er versprach ihnen teure Geschäfte, Büros und Wohnungen.
Doch hinter den glänzenden Fassaden plante er ein soziales Netz, das Jahrzehnte überdauern sollte.
Johanna dachte an ihre Worte im Flugzeug.
Herzloser Spekulant.
Sinnbild der Kälte.
Ein Mann, der sogar Friedhöfe überbauen würde.
Sie hatte ihn verurteilt, ohne etwas über ihn zu wissen.
Am nächsten Morgen wartete sie in der Tiefgarage.
Konrads Wagen rollte auf seinen Stellplatz zu. Johanna trat davor.
Er bremste scharf.
Konrad stieg aus.
„Sind Sie wahnsinnig?“
Johanna warf die ausgedruckten Pläne auf die Motorhaube.
„Warum haben Sie nichts gesagt?“
Sein Gesicht veränderte sich.
„Woher haben Sie das?“
„Warum lassen Sie alle glauben, Sie wollten den Park zerstören? Warum lassen Sie mich glauben, Sie seien ein Monster?“
Konrad sah die Papiere an.
Seine Schultern sanken.
Zum ersten Mal wirkte er nicht mächtig.
Er wirkte wie ein Mann, der seit Jahren eine schwere Last trug und längst vergessen hatte, wie es sich anfühlte, sie abzustellen.
„Weil die Wahrheit dieses Projekt töten würde“, sagte er.
„Das ergibt keinen Sinn.“
„Doch. Sehr viel sogar.“
Er lehnte sich gegen den Wagen.
„Ich bin in einem Haus aufgewachsen, in dem im Winter Eis an der Innenseite der Fenster war. Meine Mutter putzte nachts Büros. Mein Vater verschwand, als ich neun war.“
Johanna sagte nichts.
„Wir wohnten mit vier Personen in zwei Zimmern. Wenn die Heizung ausfiel, stellte meine Mutter einen Topf Wasser auf den Herd, damit wenigstens die Küche warm wurde.“
Seine Stimme blieb ruhig.
Aber in seinen Augen lag etwas, das Johanna bisher nie gesehen hatte.
Scham.
Und alter Zorn.
„Mit siebzehn habe ich gelernt, dass Mitleid kein Brot kauft“, sagte er. „Gute Worte ersetzen keine Wohnung. Und ein schöner Entwurf baut noch keine Schule.“
Johanna senkte den Blick.
„Warum verstecken Sie die zweite Phase?“
„Weil die Geldgeber nur investieren, wenn sie hohen Gewinn erwarten. Würde ich ihnen sagen, dass ihre Gewinne dauerhaft günstige Wohnungen finanzieren, würden viele abspringen.“
„Also spielen Sie den gierigen Unternehmer.“
„Ich spiele gar nichts. Ich bin hart. Ich verhandele rücksichtslos. Ich schließe Verträge, bei denen andere verlieren.“
Er sah sie an.
„Aber ich entscheide selbst, wofür ich diese Härte einsetze.“
Johanna spürte einen Kloß im Hals.
„Sie hätten mir vertrauen können.“
„Wir kannten uns nicht.“
„Sie kannten meine Arbeit.“
„Ihre Arbeit ja. Sie nicht.“
Der Satz tat weh, weil er wahr war.
Konrad nahm einen der Pläne.
„Wenn Sie das veröffentlichen, werden Sie gefeiert. Vielleicht rettet es Ihren Ruf im Büro. Aber die Investoren ziehen ihr Geld zurück, bevor die Verträge unterschrieben sind.“
„Ich will keinen Ruhm.“
„Was wollen Sie dann?“
Johanna sah auf das Papier.
„Verstehen.“
Konrad schwieg.
Dann fragte er leise: „Wollen Sie als guter Mensch dastehen? Oder wollen Sie tatsächlich etwas Gutes erreichen?“
Johanna schloss die Augen.
Genau diese Frage hatte er ihr schon in seinem Büro gestellt.
Damals hatte sie sie für zynisch gehalten.
Jetzt verstand sie.
Sie nahm die Ausdrucke, riss sie in zwei Hälften und warf sie in den Papierkorb neben der Säule.
„Ich werde nichts sagen.“
Konrad beobachtete sie.
„Und ich werde die Lindenhöfe so planen“, fuhr sie fort, „dass Ihre Geldgeber glauben, jeder Baum sei nur für ihren Gewinn da.“
Ein erschöpftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
„Das könnte funktionieren.“
„Es wird funktionieren.“
Von diesem Tag an änderte sich ihre Zusammenarbeit.
Sie stritten noch immer.
Aber ihre Streitgespräche hatten ein gemeinsames Ziel.
Im Sitzungszimmer kämpfte Konrad um Budgets. Johanna kämpfte um Räume.
Er schützte sie vor dem Aufsichtsrat.
Sie schützte seine geheime zweite Bauphase vor neugierigen Kollegen.
Abends saßen sie manchmal allein über den Plänen.
Konrad brachte belegte Brote mit, die er selbst schmierte. Johannas verstorbener Mann hatte das genauso gemacht: zu viel Butter, zu wenig Käse und die Gurken immer schief geschnitten.
Diese Kleinigkeit berührte sie mehr, als sie zugeben wollte.
„Sie sehen traurig aus“, sagte Konrad einmal.
„Mein Mann ist vor sechs Jahren gestorben.“
Konrad legte den Stift hin.
„Das wusste ich nicht.“
„Sie fragen selten nach persönlichen Dingen.“
„Ich bin nicht gut darin.“
„Das habe ich bemerkt.“
Er lächelte schwach.
Johanna erzählte ihm von Thomas. Von ihrer Ehe, den gemeinsamen Reisen an die Ostsee und den Sonntagen, an denen sie stundenlang alte Möbel restauriert hatten.
„Nach seinem Tod dachte ich, der Rest meines Lebens sei nur noch Arbeit“, sagte sie.
„Und ist es das?“
Johanna sah ihn an.
„Bisher schon.“
Konrad wandte den Blick ab.
Später erfuhr sie, dass er nie geheiratet hatte.
„Keine Zeit?“, fragte sie.
„Zu viel Arbeit.“
„Das ist eine Ausrede.“
„Vielleicht.“
„Und die Wahrheit?“
Er schwieg lange.
„Ich wollte nie jemanden brauchen.“
Johanna verstand diesen Satz besser, als ihr lieb war.
Die entscheidende Sitzung mit den Investoren fand zwei Monate später statt.
Zwölf Männer und Frauen saßen an einem langen Tisch. Sie trugen teure Kleidung und stellten Fragen, bei denen es fast immer um dieselbe Sache ging.
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