Sie brachte einen betrunkenen Millionär heim – am Morgen begann ein Geheimnis, das ihr ganzes Leben veränderte

Eine erschöpfte Fahrerin brachte einen betrunkenen Firmenchef nach Hause. Wochen später verlor sie seinetwegen alles – und er musste sich entscheiden, wer er wirklich war.

„Sie können hier nicht schlafen, Herr Falk.“

Anna Berger stand im strömenden Regen vor einem schwarzen schmiedeeisernen Tor und rüttelte vorsichtig an der Schulter ihres Fahrgastes. Der Mann auf der Rückbank öffnete die Augen nur einen Spalt.

„Lassen Sie mich einfach liegen“, murmelte er.

Anna sah auf die Uhr im Armaturenbrett. 00:47 Uhr. In sechs Stunden musste sie ihren Sohn wecken, Frühstück machen und ihn zur Schule bringen. Danach begann ihre Schicht im kleinen Café am Busbahnhof.

Aber der Mann in ihrem Wagen sah nicht aus wie jemand, den man einfach liegen ließ.

Sein dunkler Anzug kostete vermutlich mehr als Annas Auto. Die Krawatte hing lose über seinem Hemd, sein Haar war vom Regen verklebt, und seine linke Hand umklammerte noch immer ein leeres Kristallglas, das er offenbar aus dem Hotel mitgenommen hatte.

Auf der Fahrdienst-App stand nur: Markus F.

Abholort: ein Luxushotel am Düsseldorfer Rheinufer.

Ziel: eine Villa am Stadtrand.

„Herr Falk“, sagte Anna noch einmal. „Wir sind da.“

Er blinzelte, sah zum beleuchteten Haus hinter dem Tor und wandte den Kopf sofort wieder ab.

„Das ist kein Zuhause.“

Anna hielt inne.

Sie kannte diesen Ton. Nicht den Ton eines reichen Mannes. Den Ton eines Menschen, der irgendwo wohnte, aber nirgends erwartet wurde.

„Trotzdem können Sie nicht in meinem Wagen übernachten“, sagte sie ruhig. „Mein Sohn findet morgens schon genug Krümel auf der Rückbank.“

Für einen Moment bewegte sich etwas in seinem Gesicht. Fast ein Lächeln.

„Wie alt ist er?“

„Sieben.“

„Gutes Alter.“

„Manchmal.“

Markus schloss wieder die Augen.

Anna seufzte, stieg aus und lief durch den Regen zur Gegensprechanlage. Ihre Schuhe waren nach wenigen Sekunden durchnässt.

Eine Männerstimme meldete sich.

„Ja?“

„Ich habe Herrn Falk nach Hause gebracht. Er ist eingeschlafen. Könnte bitte jemand kommen?“

Kurze Stille.

„Sofort.“

Während sie wartete, nahm Anna ihre alte Jeansjacke vom Beifahrersitz. Die Heizung ihres zwölf Jahre alten Kleinwagens fiel gelegentlich aus, deshalb lag die Jacke immer im Auto.

Sie legte sie Markus über die Brust.

Nicht, weil er reich war.

Nicht, weil sie hoffte, er würde sich am nächsten Morgen an sie erinnern.

Sondern weil ihre Mutter früher gesagt hatte: Wenn ein Mensch friert, frag nicht zuerst, ob er es verdient hat.

Zwei Angestellte kamen mit Regenschirmen den Weg hinunter. Gemeinsam halfen sie Markus aus dem Wagen.

Einer der Männer betrachtete Anna, ihre nassen Haare, die abgewetzte Jacke, das alte Auto.

„Hat er Probleme gemacht?“

„Nein. Er war nur müde.“

Der Mann zog eine Augenbraue hoch, als glaubte er ihr nicht.

Anna setzte sich wieder ans Steuer. Auf dem Beifahrersitz lag ein Fünf-Euro-Schein, den Markus vermutlich beim Einsteigen verloren hatte.

Sie steckte ihn nicht ein.

Sie klemmte ihn zusammen mit einem Zettel unter den Scheibenwischer des Wachhäuschens.

Darauf schrieb sie:

„Sie sind sicher zu Hause. Das Geld lag im Auto. Trinken Sie morgen viel Wasser. Anna B.“

Dann fuhr sie zurück in ihre Zweizimmerwohnung in Garath, wo der Putz im Flur bröckelte und die Heizung klopfte, als wolle sie sich beschweren.

Ihr Sohn Paul schlief zusammengerollt unter einer Decke mit kleinen Planeten. Auf dem Nachttisch stand ein halb fertiges Modell einer Mondrakete aus Pappe.

Anna setzte sich an sein Bett und strich ihm übers Haar.

Alles, was sie tat, tat sie für ihn.

Das sagte sie sich jedenfalls.

Manchmal fragte sie sich, ob sie sich selbst irgendwo zwischen Doppelschichten, Mahnungen und Elternabenden verloren hatte.

Am nächsten Morgen erwachte Markus Falk mit Kopfschmerzen und einem Geschmack im Mund, als hätte er Münzen gekaut.

Das Schlafzimmer war still. Zu still.

Durch die hohen Fenster sah er den grauen Himmel über den kahlen Bäumen. Auf einem Sessel lag eine verblichene Jeansjacke, die eindeutig nicht ihm gehörte.

Daneben hatte sein Hausverwalter den Zettel gelegt.

Markus las ihn zweimal.

Dann nahm er den Fünf-Euro-Schein in die Hand.

Menschen ließen ihm normalerweise Rechnungen da. Visitenkarten. Forderungen. Einladungen. Hinweise auf Gefälligkeiten, die sie erwarteten.

Diese Frau hatte ihm fünf Euro zurückgegeben.

Markus war zweiundfünfzig und Vorstandsvorsitzender eines schnell wachsenden Softwareunternehmens. In Wirtschaftsmagazinen nannte man ihn den „Mann aus Glas“, weil er moderne Bürotürme bauen ließ und niemanden wirklich an sich heranließ.

Am Abend zuvor hatte sein Unternehmen einen großen Vertrag gefeiert.

Dreihundert Gäste hatten gelacht, getrunken und ihm versichert, wie sehr sie an ihn glaubten.

Am selben Nachmittag hatte er erfahren, dass sein ältester Freund versucht hatte, hinter seinem Rücken Firmenanteile zu verkaufen.

Seine Eltern hatten beim Fest nur deshalb neben ihm stehen wollen, weil Fotografen anwesend waren.

Als die Musik lauter wurde, hatte Markus plötzlich verstanden, dass kein einziger Mensch im Saal wusste, wie es ihm ging.

Also hatte er getrunken.

Mehr als sonst.

„Finden Sie heraus, wer sie ist“, sagte er später zu seinem Assistenten.

„Die Fahrerin?“

„Ich möchte nur die Jacke zurückgeben.“

Sein Assistent sah ihn lange an.

„Natürlich.“

Gegen Mittag hielt Markus vor einem kleinen Café in der Nähe des Busbahnhofs. An der Fensterscheibe stand mit weißen Buchstaben: Hausgemachter Kuchen, Frühstück, Mittagstisch.

Drinnen roch es nach Kaffee, gebratenen Zwiebeln und dem Reinigungsmittel, das Anna jeden Abend über den Fliesenboden schüttete.

Sie trug eine dunkelrote Schürze und balancierte drei Teller mit Kartoffelsuppe.

Als sie Markus erkannte, blieb sie mitten im Gang stehen.

„Sie.“

„Ich.“

Er hielt ihre Jacke hoch.

„Ich glaube, die gehört Ihnen.“

Anna stellte die Teller ab und nahm sie entgegen.

„Danke.“

„Eigentlich muss ich mich bedanken.“

„Dann sind wir quitt.“

Markus war es gewohnt, dass Menschen nervös wurden, wenn sie seinen Namen hörten. Anna wirkte nur müde.

„Darf ich Sie zum Mittagessen einladen?“

Sie blickte auf die große Uhr über der Kuchentheke.

„Nein.“

Er hatte mit vielem gerechnet. Nicht mit dieser schnellen Antwort.

„Nein?“

„Meine Schicht endet um halb zwei. Um Viertel vor drei muss ich an der Schule sein.“

„Wir könnten vorher essen.“

„Ich muss noch nach Hause, mich umziehen und die Wäsche aus der Maschine holen. Außerdem kommt der Bus oft zu spät.“

Markus lächelte.

„Sie lehnen ein Essen mit einem Millionär ab, weil Sie Wäsche aufhängen müssen?“

Anna verschränkte die Arme.

„Ich würde auch einen König stehen lassen, wenn Paul vor der Schule auf mich wartet.“

Markus lachte.

Nicht das kurze höfliche Lachen, das er bei Sitzungen benutzte.

Ein echtes.

Anna musterte ihn.

„Sie sehen heute besser aus.“

„Das klingt nicht besonders schmeichelhaft.“

„Es war auch nicht so gemeint.“

Er bemerkte, dass sie ihn nicht als bedeutenden Mann behandelte. Sie sah weder seinen maßgeschneiderten Mantel noch den Wagen vor dem Fenster.

Sie sah den Betrunkenen von gestern Nacht.

Merkwürdigerweise empfand Markus das als Erleichterung.

Von diesem Tag an bestellte er häufiger einen Wagen über den Fahrdienst.

Manchmal hatte er tatsächlich einen Termin. Manchmal nicht.

Wenn Anna den Auftrag annahm, setzte er sich auf den Rücksitz und nannte irgendeine Adresse. Einmal ließ er sich nur zehn Minuten durch die Innenstadt fahren und stieg am selben Gebäude wieder aus.

„Sie wissen schon, dass man auch spazieren gehen kann“, sagte sie.

„Bei einem Spaziergang reden Sie vielleicht nicht mit mir.“

„Vielleicht wäre das erholsam.“

Mit jeder Fahrt wurde ihre Unterhaltung persönlicher.

Anna erzählte ihm, dass Paul Dinosaurier, Weltraumgeschichten und Apfelpfannkuchen liebte. Sie erzählte nicht, wie oft sie abends auf Rechnungen starrte und überlegte, welche davon noch warten konnte.

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