Menschen drehten sich um. Eine Frau mit Einkaufswagen hielt an. Der Mann sah kurz zu ihr, dann wieder zu mir.
In diesem Moment kam Ralfs klappriger Kleinbus auf den Parkplatz. Ralf stieg aus, breit wie ein Schrank, in seiner ausgewaschenen Arbeitshose. Gisela kam um den Wagen herum, hinter ihr unser ehemaliger Elektriker Dieter, den sie unterwegs eingesammelt hatten.
Keiner rannte. Keiner drohte.
Ralf stellte sich neben mich.
„Werner, alles in Ordnung?“
„Wir warten.“
„Gut. Dann warten wir mit.“
Gisela blieb ein paar Schritte von Emma entfernt.
„Ich bin Gisela. Darf ich mich auf die Mauer setzen?“
Emma nickte.
Der Vater sah jetzt von einem zum anderen.
„Das ist doch lächerlich. Sie kennen die Geschichte überhaupt nicht.“
„Stimmt“, sagte Ralf. „Deshalb klären Sie das mit den zuständigen Leuten.“
Dieter ging zur Mitarbeiterin an der Tür und sprach leise mit ihr. Sie nickte und blieb draußen.
Später dachte ich oft daran, wie wenig an diesem Nachmittag nötig gewesen war, um die Lage zu verändern. Drei Menschen waren gekommen. Eine Verkäuferin hatte ihre Arbeit unterbrochen. Eine Kundin war stehen geblieben.
Plötzlich waren wir keine zwei Gestalten mehr am Rand eines Parkplatzes.
Der Mann zog sein Handy heraus.
„Ich rufe jetzt selbst die Polizei.“
„In Ordnung“, sagte ich.
Damit schien er nicht gerechnet zu haben.
Hinter mir fragte Emma leise: „Muss ich dann mit?“
Gisela antwortete sofort.
„Du kannst erst einmal erzählen, was passiert ist. Wir bleiben hier.“
Ein Streifenwagen kam auf den Parkplatz, kurz darauf ein kleiner grauer Wagen. Eine Frau mit offenen Haaren stieg aus und rief Emmas Namen.
Emma sprang von der Mauer.
„Frau Seidel!“
Sie lief ihr entgegen, blieb nach wenigen Schritten stehen und drehte sich zu mir um. Ich hob die Hand.
„Ich bin noch da.“
Die Polizistin sprach zunächst mit Frau Seidel. Ihr Kollege bat den Vater, ein Stück zum Auto zu gehen. Er redete laut, zeigte auf mich, dann auf Emma.
Ich verstand nur einzelne Wörter. „Einmischung.“ „Meine Tochter.“ „Alles erfunden.“
Frau Seidel legte Emma eine Hand an den Rücken und fragte, ob sie mit ihr in den Supermarkt gehen wolle. Dort konnten sie sich abseits der Blicke hinsetzen.
Bevor die beiden hineingingen, blieb Emma vor mir stehen.
„Hab ich jetzt Ärger, weil ich weg bin?“
„Wir reden nachher darüber, wie du Hilfe holen kannst, ohne allein loszugehen“, sagte Frau Seidel. „Jetzt bin ich erst einmal froh, dass wir dich gefunden haben.“
Emma sah mich an.
„Sie müssen nicht mehr böse sein.“
Ich musste schlucken.
„Gut“, sagte ich. „Das liegt mir ohnehin nicht besonders.“
Ihr Vater fuhr an diesem Nachmittag nicht mit ihr weg. Die Polizei nahm seine Angaben auf und befasste sich mit den Drohungen und einer bereits bestehenden gerichtlichen Schutzanordnung. Ich erzählte, was ich selbst gehört und gesehen hatte.
Mehr wusste ich damals nicht. Niemand verkündete auf dem Parkplatz ein Urteil, und niemand von uns konnte versprechen, dass nun alles einfach würde.
Als Emma später mit Frau Seidel zum Wagen ging, kam sie noch einmal zurück. Sie streckte mir die geschlossene Faust hin.
Darin lagen die siebzehn Euro.
„Du hast die Regel vergessen“, sagte ich.
„Ich weiß. Hilfe kostet nichts.“
„Richtig.“
Sie steckte das Geld ein und umarmte mich so unvermittelt, dass ich erst einmal nur dastand. Dann legte ich vorsichtig meine Hand auf ihren Rücken.
„Kommen Sie wieder?“, fragte sie.
Ich sah zu Frau Seidel.
„Wenn deine Mama das möchte und wir es verabreden können.“
„Können Sie sie fragen?“
„Ja“, sagte Frau Seidel. „Das kann ich.“
Zu Hause stellte ich die Blumenerde in den Flur. Dort stand sie noch drei Wochen später.
Ich setzte mich an den Küchentisch und sah auf den Platz gegenüber. Früher hatte Helga dort beim Kartoffelschälen die Zeitung gelesen, immer nur die Überschriften, und mir anschließend Fragen gestellt, auf die ich keine Antwort wusste.
An diesem Abend hätte ich ihr viel zu erzählen gehabt.
Stattdessen rief ich Ralf an.
„Hast du schon gegessen?“, fragte er.
„Nein.“
„Gisela hat Suppe übrig. Wir kommen vorbei.“
Sie brachten drei Teller mit. Gisela kannte meinen Haushalt.
Zehn Tage später meldete sich Frau Seidel. Kathrin wolle sich bedanken. Ob ich mir einen kurzen Besuch im Krankenhaus vorstellen könne?
Ich kaufte Blumen und stand damit so unbeholfen im Flur, dass eine Pflegerin mich freundlich nach dem Zimmer fragte.
Kathrin war vierunddreißig und wirkte erschöpft. Ihre Stimme war leise, manches Wort kostete sie Mühe. Emma saß neben ihrem Bett und malte.
Als sie mich sah, schob sie sofort einen Stuhl heran.
„Das ist Herr Werner.“
Kathrin sah auf meine Hände, dann in mein Gesicht.
„Emma hat gesagt, ich soll mich nicht erschrecken. Sie sehen nur so aus.“
„Hat bisher meistens gereicht“, sagte ich.
Für einen Moment lächelte sie. Dann liefen ihr Tränen über die Wangen, und ich wusste nicht, wohin mit den Blumen.
„Entschuldigung“, sagte sie.
„Wofür denn?“
„Dass meine Tochter einen Fremden bitten musste.“
Ich stellte den Strauß auf den Nachttisch.
„Sie hatte Ihre Telefonnummer dabei. Auf dem Zettel. Das hat geholfen.“
Kathrin strich über die Bettdecke.
„Ich habe ihr so oft gesagt, dass sie nichts erzählen soll. Früher. Ich dachte, wenn ich alles ruhig halte …“
Sie brach ab.
Emma hörte auf zu malen.
Ich hätte ihr gern einen Satz gesagt, der alles leichter machte. Aber ich konnte weder die vergangenen Jahre ändern noch wissen, was ich an ihrer Stelle getan hätte.
„Jetzt weiß sie, dass sie etwas sagen darf“, sagte ich.
Kathrin nickte langsam. Emma nahm wieder den Stift.
Bei diesem Besuch erfuhr ich auch, dass niemand von der Polizei ihrem Vater den Aufenthaltsort verraten hatte. Er hatte mit angeblichen Bekanntschaften gedroht. Emma hatte daraus geschlossen, er könne überall an sie herankommen.
Seine Nachrichten wurden gesichert. Frau Seidel kümmerte sich darum, dass auch das Krankenhaus über die Drohungen informiert war. Kathrin hatte Unterstützung bei den nächsten Schritten.
Wir mussten keine heimlichen Wächter werden. Aber es gab genug zu tun, sobald der unmittelbare Schrecken vorüber war.
Nach ihrer Entlassung zog Kathrin zunächst mit Emma an einen geschützten Ort. Später fand sie eine kleine Wohnung, deren Adresse wir selbstverständlich nicht weitererzählten.
Gisela half beim Sortieren der Unterlagen. Ralf organisierte ein Bett aus dem Nachlass seiner Tante. Dieter prüfte die gebrauchte Waschmaschine, bevor sie angeschlossen wurde.
Ich reparierte einen Küchentisch.
Die Platte war verkratzt, ein Bein wackelte. Emma durfte in unserer Werkstatt das Schleifpapier falten und mit einem Bleistift markieren, wo noch raue Stellen waren.
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