Sie bot einem fremden Schlosser siebzehn Euro, damit er ihren Vater aufhielt

„Können Sie auch das hier wegmachen?“

Sie zeigte auf eine tiefe Kerbe.

„Ganz weg wird schwierig.“

„Sieht man es dann immer?“

„Ein bisschen.“

Sie fuhr mit dem Finger darüber.

„Dann lassen wir es.“

Während ich schliff, saß Kathrin bei Gisela in der kleinen Teeküche. Anfangs stand sie jedes Mal auf, wenn jemand hereinkam, als müsse sie erklären, weshalb sie dort war.

Nach einigen Wochen blieb sie sitzen.

Das fiel mir stärker auf als jedes Dankeschön.

Der Tisch kam in ihre neue Küche. Emma bestand darauf, dass das reparierte Bein zu ihrem Platz zeigte.

Einmal im Monat trafen wir uns dort zum Abendessen. Kathrin kochte einfache Sachen, Kartoffelsuppe, Nudeln, später einen Braten nach einem Rezept ihrer Großmutter.

Beim ersten Mal entschuldigte sie sich für die unterschiedlichen Teller.

Ralf sah auf seinen.

„Solange das Essen nicht durchläuft.“

Emma lachte so laut, dass Kathrin mitlachen musste.

Trotzdem wurde nicht alles mit jeder Woche besser. Manchmal schrak Emma zusammen, wenn draußen eine Autotür zuschlug. Manchmal wollte sie mitten im Spielen nach Hause.

Kathrin sagte dann nichts von Undankbarkeit oder davon, dass doch gerade alles schön gewesen sei. Sie half ihr in die Jacke, und wir verabredeten uns neu.

Emma bekam fachliche Unterstützung. Ihre Mutter ebenfalls. Wir wussten nicht, was in den Gesprächen besprochen wurde, und fragten nicht danach.

Unsere Aufgaben waren kleiner: pünktlich sein, Absprachen halten, ein Nein akzeptieren.

Eines Nachmittags ließ ich in der Werkstatt einen schweren Schraubenschlüssel fallen. Ich fluchte laut, mehr über meine Finger als über das Werkzeug.

Emma stand sofort ganz still.

Ich legte den Schlüssel auf die Werkbank und ging ein Stück zurück.

„Ich habe mich erschrocken und laut geschimpft. Das war nicht gegen dich.“

Sie sah zur Tür.

„Ich kann draußen warten.“

„Du darfst hierbleiben. Ich werde leiser.“

Danach arbeitete ich eine Weile am anderen Ende des Raums. Als sie wieder zu mir kam, fragte sie nur, welche Schraube sie mir reichen sollte.

Damals begriff ich, wie wenig ein einzelner guter Nachmittag ausrichten konnte, wenn jemand lange auf der Hut gewesen war. Vertrauen entstand bei Emma nicht durch große Versprechen. Es entstand, wenn donnerstags um vier tatsächlich jemand an der Tür klingelte.

Ein halbes Jahr später bekam Kathrin eine Teilzeitstelle in einem kleinen Sanitärbetrieb. Früher hatte sie im Büro gearbeitet, aber lange hatte sie sich kaum noch zugetraut, eine Bewerbung abzuschicken.

Der Inhaber brauchte jemanden für Rechnungen und Termine. Gisela hatte den Aushang gesehen und Kathrin darauf aufmerksam gemacht. Zum Gespräch ging Kathrin allein.

Als die Zusage kam, brachte sie einen Blechkuchen in die Werkstatt.

„Selbst verdient“, sagte sie und hielt uns den Arbeitsvertrag hin.

Ralf wischte sich vor dem Händeschütteln dreimal an der Hose ab. Anschließend drückte er ihr trotzdem einen dunklen Daumenabdruck auf den Handrücken.

Sie wusch ihn erst vor dem Heimgehen ab.

Über das Verfahren gegen Emmas Vater erfuhr ich nur, was Kathrin erzählen wollte. Es zog sich hin. Es gab Termine, Briefe und Nächte, nach denen sie müde in unsere Küche kam.

Später wurde er verurteilt. Auch die Fragen zu Sorge und Umgang wurden mit fachlicher Begleitung geklärt.

Für Emma war keine Unterschrift der Augenblick, nach dem sie wieder unbeschwert war. Aber irgendwann hörte sie auf, jedes dunkelblaue Auto anzusehen.

Dann kam der zweite Wendepunkt, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

Ich war an einem Mittwoch nicht in der Werkstatt erschienen. Mein Rücken hatte mich erwischt, ich konnte mich kaum aufrichten und hatte das Telefon im Flur liegen lassen.

Am Nachmittag klingelte es.

Vor der Tür standen Ralf, Kathrin und Emma. Ralf trug einen Topf, Kathrin eine Einkaufstasche.

Emma sah an mir vorbei in die Küche.

„Sie haben gesagt, man soll anrufen, wenn etwas ist.“

„Das Telefon lag ungünstig.“

Sie hob eine Augenbraue. Das hatte sie von Gisela.

„Dann brauchen Sie eins am Sessel.“

In den folgenden Tagen brachte Kathrin Essen vorbei. Ralf stellte den Einkauf ab, und Emma kontrollierte, ob ich das tragbare Telefon bei mir hatte.

Ich fand das alles zunächst übertrieben.

Dann saßen wir eines Abends zusammen am Küchentisch. Emma machte ihre Hausaufgaben, Kathrin schälte Äpfel, und ich erzählte, ohne lange darüber nachzudenken, von meinem Sohn.

Er hatte früher ebenfalls an diesem Tisch gesessen. Beim Rechnen hatte er an den Bleistiften gekaut, bis Helga ihm einen ohne Lack gekauft hatte.

Kathrin hörte zu. Emma betrachtete ihren eigenen Stift.

„Wie hieß er?“

„Martin.“

„Haben Sie ein Foto?“

Ich holte eines aus dem Wohnzimmer. Darauf stand er mit siebzehn neben seinem ersten selbst reparierten Moped und grinste, als hätte er den Motor erfunden.

Lange hatte niemand nach Martin gefragt. Mit den Jahren hatten die Leute wohl angenommen, ich wolle nicht mehr über ihn sprechen.

Emma stellte das Foto neben ihre Rechenaufgaben.

„Sie können weiter erzählen“, sagte sie.

Also erzählte ich.

Im Dezember veranstalteten wir in der Werkstatt einen offenen Nachmittag. Es gab Kaffee, selbst gebackenen Kuchen und reparierte Spielsachen, die gegen eine kleine Spende mitgenommen werden konnten.

Emma wollte etwas sagen. Kathrin fragte sie zweimal, ob sie sicher sei. Sie war sicher, bestand aber darauf, neben mir stehen zu dürfen.

Vor vielleicht dreißig Nachbarn und ehemaligen Kollegen hielt sie ein Blatt Papier hoch.

„Das hier habe ich geschrieben, als ich Herrn Werner noch nicht kannte.“

Ich erkannte ihren Zettel und bekam einen heißen Kopf.

„Ich dachte, er kann helfen, weil er gefährlich aussieht.“

Hinten räusperte sich Dieter. Ralf sah sehr beschäftigt auf seine Kaffeetasse.

„Er kann helfen“, sagte Emma. „Aber er kann auch ziemlich gut zuhören. Und Tische reparieren.“

Dann faltete sie das Blatt wieder zusammen. Mehr wollte sie nicht sagen.

Das Geld aus ihrem Ranzen steckte sie an diesem Tag in die Spendendose. Ich wollte widersprechen, aber sie schüttelte den Kopf.

„Nicht für mich. Für einen Fahrradreifen. Sie haben gesagt, da fehlt noch Geld.“

Heute ist Emma achtzehn. Sie möchte Soziale Arbeit studieren und zieht dafür im Herbst in eine andere Stadt.

Ich bin inzwischen achtundsiebzig und sitze in der Werkstatt öfter auf einem Stuhl, als dass ich an der Werkbank stehe. Ralf behauptet, das sei angemessen, weil ich ohnehin immer am besten gewusst hätte, was die anderen tun sollten.

Kathrin arbeitet längst mehr Stunden. Sie lacht wieder gern, auch laut. Wenn sie an früher denkt, wird sie noch manchmal still. Dann lassen wir ihr Zeit.

Emma kommt vor ihrer Abreise vorbei. Sie bringt zwei ausgedruckte Zugverbindungen mit und legt sie vor mich hin.

„Die eine ist mit Umsteigen. Die andere fährt durch.“

„Wofür?“

„Damit Sie mich besuchen können.“

„Du wirst dort genug zu tun haben.“

„Ein Bettsofa habe ich trotzdem.“

Ich sehe auf die Fahrzeiten. Sie hat den Aufzug am Zielbahnhof mit einem kleinen Kreis markiert, wegen meines Knies.

Den alten Zettel bewahre ich in einer Schublade auf. Emma weiß das. Einmal fragte ich sie, ob sie ihn zurückhaben wolle.

Sie schüttelte den Kopf.

„Du kannst ihn behalten.“

Irgendwann war aus Herrn Werner einfach Werner geworden. Ich weiß nicht mehr, wann. Es fiel mir erst auf, als ich ihren Namen auf meiner Geburtstagskarte las und darunter: „Deine Emma.“

Bevor sie an diesem Nachmittag geht, räumt sie unsere Tassen in die Spüle. Dann bleibt sie vor Martins Foto stehen, das noch immer in der Küche steht.

„Das nehme ich nicht mit“, sagt sie und zeigt auf den Ausdruck mit der direkten Zugverbindung. „Der bleibt hier.“

„Ich habe es verstanden.“

„Du musst dich auch mal trauen, um Hilfe zu bitten. Beim Fahrkartenkaufen zum Beispiel.“

Ich brumme etwas. Sie grinst, genau wie Kathrin inzwischen wieder grinsen kann.

An der Tür dreht sie sich noch einmal um.

„Und Werner?“

„Ja?“

„Falls du mich fragst, ob du kommen darfst: Du darfst.“

Nachdem sie weg ist, setze ich mich an den Küchentisch. Ich ziehe die Fahrzeiten näher heran und suche das Telefon.

Diesmal liegt es neben meinem Sessel, wo ich es erreichen kann.

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