Sie gab einem fremden Mädchen ihr letztes Abendbrot – Stunden später stellte dessen Vater ihr eine Frage, die ihr ganzes Leben veränderte
„Ich will Ihr Geld nicht.“
Anna Bergmann sagte es ruhig, obwohl vor ihr ein Mann stand, dessen Mantel vermutlich mehr kostete als drei Monate ihrer Miete.
Er hielt mehrere Geldscheine in der Hand.
Neben ihm klammerte sich seine kleine Tochter an seinen Arm.
„Aber Sie haben ihr Ihr Abendessen gegeben“, sagte er. „Und Sie sind bei ihr geblieben. Mehr als eine Stunde.“
Anna schüttelte den Kopf.
„Man bezahlt niemanden dafür, dass er Mensch geblieben ist.“
Der Mann sah sie lange an.
Dann steckte er das Geld zurück.
Was Anna in diesem Moment noch nicht wusste: Dieser Satz würde nicht nur sein Leben verändern.
Sondern auch ihres.
Knapp zwei Stunden zuvor hatte Anna noch klebrige Limonadenränder von einem Tisch gewischt.
Das kleine Lokal lag in einem ehemaligen Speichergebäude in Leipzig-Plagwitz, zwischen sanierten Backsteinfassaden, kleinen Ateliers und Wohnungen, deren Mieten jedes Jahr ein Stück höher wurden.
Anna mochte die Gegend trotzdem.
Hier trafen Studenten auf Rentner, alte Leipziger auf Zugezogene, Handwerker auf junge Leute mit Laptops.
Nur ihren Füßen war das an diesem Abend ziemlich egal.
Nach zehn Stunden Arbeit brannten sie.
Anna war 29 und trug Schuhe, die längst nicht mehr schön, aber wenigstens bequem waren.
Ihr blondes Haar hatte sie zu einem schlichten Zopf gebunden. Auf ihrer weißen Bluse war ein winziger Kaffeefleck, den sie den ganzen Nachmittag vergeblich mit Wasser bearbeitet hatte.
Ihre Schicht war eigentlich beendet.
Sie hätte längst nach Hause fahren können.
Nach Hause bedeutete eine kleine Einzimmerwohnung im dritten Stock eines unsanierten Altbaus, eine Küche, in der zwei Herdplatten funktionierten, und einen Kühlschrank, der kurz vor Monatsende meistens erschreckend übersichtlich aussah.
Aber Anna beschwerte sich selten.
Ihre Mutter hatte früher immer gesagt:
„Kind, man kann wenig besitzen und trotzdem anständig leben.“
Anna war mit diesem Satz groß geworden.
Ihr Vater hatte dreißig Jahre als Schlosser gearbeitet, ihre Mutter als Verkäuferin.
Urlaub bedeutete Camping an der Ostsee.
Weihnachten gab es Kartoffelsalat und Würstchen, nicht weil es schick war, sondern weil es Tradition war.
Und wenn im Haus jemand krank war, stand am nächsten Morgen eine Tasse Brühe vor der Tür.
Vielleicht war Anna deshalb an jenem Abend nicht einfach weitergegangen.
Sie hatte gerade den letzten Stuhl unter einen Tisch geschoben, als sie auf der anderen Straßenseite das Mädchen bemerkte.
Ein kleines Kind saß allein auf einer Bank nahe einer breiten Straßenecke.
Hellbraunes Haar.
Cremefarbener Mantel.
Saubere weiße Turnschuhe.
Unter dem Mantel sah Anna ein ordentliches Kleid.
Das Mädchen sah aus, als hätte jemand viel Geld für seine Kleidung ausgegeben.
Aber kein Geld der Welt konnte verbergen, wie verloren es wirkte.
Es saß mit eingezogenen Schultern da.
Beide Hände lagen im Schoß.
Immer wieder blickte es die Straße hinunter.
Anna wartete zunächst.
Vielleicht stand die Mutter nur am Fahrkartenautomaten.
Vielleicht telefonierte der Vater zehn Meter weiter.
Vielleicht war jemand im Laden gegenüber.
Doch fünf Minuten vergingen.
Dann zehn.
Niemand kam.
Anna sah zur Eingangstür des Lokals.
Ihr Schichtleiter saß drinnen über der Kassenabrechnung.
Auf dem Tresen lag Annas Abendessen: ein belegtes Brötchen mit Käse, Putenaufschnitt und Gurke, eingewickelt in Papier.
Es war das, was die Küche ihr nach der langen Schicht überlassen hatte.
Anna nahm es.
Dann ging sie über die Straße.
„Hallo“, sagte sie mit etwas Abstand.
Das Mädchen hob den Kopf.
Seine Augen waren gerötet.
Anna ging nicht näher heran, sondern blieb so stehen, dass das Kind genug Platz hatte.
„Ich heiße Anna. Ich arbeite dort drüben.“
Sie zeigte auf das Lokal.
„Ist alles in Ordnung?“
Das Mädchen nickte sofort.
Viel zu schnell.
„Ja.“
Anna kannte diesen Ton.
Sie hatte ihn selbst als Kind benutzt, wenn Erwachsene nicht merken sollten, dass etwas ganz und gar nicht in Ordnung war.
„Wartest du auf jemanden?“
Jetzt kam das Zögern.
„Auf Papa.“
„Weiß er, dass du hier sitzt?“
„Ja.“
Das Mädchen schluckte.
„Er hat gesagt, ich soll warten.“
„Wie heißt du?“
„Lina.“
„Und wie alt bist du, Lina?“
„Sechs.“
Anna spürte, wie sich etwas in ihrem Bauch zusammenzog.
„Wie lange wartest du schon?“
Lina blickte zum Himmel.
„Als Papa gegangen ist, war es noch heller.“
Anna sah auf ihre Uhr.
Fast halb acht.
Sie erinnerte sich daran, dass sie Lina schon bemerkt hatte, als sie etwa zwanzig Minuten vorher die Außentische abgeräumt hatte.
„Ist dein Papa in einem Geschäft?“
Lina schüttelte den Kopf.
„Er musste telefonieren.“
„Hier in der Nähe?“
„Ich glaube.“
„Hat er gesagt, wie lange?“
„Fünf Minuten.“
Dann sagte Lina einen Satz, der Anna für einen Moment sprachlos machte.
„Bei Papa dauern fünf Minuten manchmal sehr lange.“
Das Mädchen sagte es nicht vorwurfsvoll.
Das machte es schlimmer.
Es sagte es wie eine Tatsache.
So wie Erwachsene sagen: Montags kommt die Müllabfuhr.
Anna setzte sich auf das andere Ende der Bank.
„Hast du Hunger?“
Lina versuchte tapfer, den Kopf zu schütteln.
Dann knurrte ihr Magen so laut, dass beide es hörten.
Anna musste lächeln.
Lina wurde rot.
„Ein bisschen.“
Anna hob das eingewickelte Brötchen.
„Die Küche hat mir das mitgegeben. Möchtest du die Hälfte?“
Lina sah es an.
Dann Anna.
„Aber das ist doch dein Abendessen.“
„Ich hatte einen großen Mittag.“
Es war gelogen.
Mittags hatte Anna einen kleinen Teller Suppe gegessen.
Mehr war an diesem Tag nicht drin gewesen.
Aber Kinder sollten sich nicht schuldig fühlen, weil Erwachsene ihnen etwas zu essen geben.
„Wir können teilen“, sagte Lina.
Anna zögerte.
„Weißt du was? Ich bekomme später bestimmt noch etwas.“
„Ganz bestimmt?“
„Ganz bestimmt.“
Lina nahm das Brötchen vorsichtig mit beiden Händen.
„Danke.“
Nach dem ersten Bissen veränderte sich ihr Gesicht.
Sie aß nicht hastig.
Sie war offenbar gut erzogen.
Doch Anna sah, wie hungrig sie war.
„Mein Papa sagt, man muss langsam essen“, erklärte Lina.
„Sonst bekommt man Bauchweh.“
„Da hat dein Papa recht.“
„Er hat oft recht.“
Eine Pause.
„Nur mit Zeit ist er nicht so gut.“
Anna sagte nichts.
Nach einer Weile fragte sie:
„Kennst du seine Telefonnummer?“
Lina schüttelte den Kopf.
„Im Handy schon. Aber mein Handy ist im Auto.“
Anna hob die Augenbrauen.
„Du hast ein eigenes Handy?“
„Nur ein altes. Damit ich Papa anrufen kann.“
„Weißt du, wo das Auto steht?“
„In einer Tiefgarage.“
„Welche?“
„Die mit der Schranke.“
Anna musste trotz ihrer Sorge beinahe lachen.
In diesem Viertel gab es mindestens fünf Tiefgaragen mit Schranken.
„Und wie heißt dein Papa?“
„Matthias Winter.“
Anna speicherte den Namen gedanklich ab.
„Was macht dein Papa beruflich?“
Lina überlegte.
„Er hat ganz viele Leute.“
„Mitarbeiter?“
„Ja. Und ganz viele Termine. Immer Termine.“
Sie biss wieder ab.
„Heute sollte eigentlich unser Tag sein.“
„Euer Tag?“
Lina nickte.
„Papa hat gesagt: Kein Büro, keine Besprechungen, kein Computer. Nur wir.“
Sie sah auf das Brötchen.
„Dann hat sein Telefon geklingelt.“
Anna kannte das aus einer anderen Welt.
Nicht aus ihrer eigenen Kindheit.
Ihr Vater war um Viertel nach vier durch die Haustür gekommen, hatte seine Arbeitsschuhe ausgezogen und war dann da gewesen.
Nicht immer gut gelaunt.
Nicht immer geduldig.
Aber da.
Sonntags hatte er an alten Radios geschraubt.
Mittwochs brachte er Anna zum Schwimmen.
Wenn ihr Schulchor auftrat, saß er meistens irgendwo hinten und klatschte zu früh.
Damals hatte Anna sich manchmal für seine abgetragenen Hemden geschämt.
Heute hätte sie viel dafür gegeben, ihn noch einmal darin sitzen zu sehen.
Er war fünf Jahre zuvor gestorben.
Ein Herzinfarkt.
Zu früh.
„Papa arbeitet für uns“, sagte Lina plötzlich.
„Das sagt Oma immer.“
Anna sah sie an.
„Und was sagst du?“
Lina dachte lange nach.
„Ich glaube, Papa arbeitet auch, weil er nicht weiß, was er sonst machen soll.“
Für eine Sechsjährige war der Satz bemerkenswert.
Anna lächelte traurig.
„Vielleicht.“
Lina hatte fast aufgegessen.
„Bist du Lehrerin?“
„Noch nicht.“
„Du redest wie Frau Berger.“
„Ist Frau Berger deine Lehrerin?“
„Ja.“
„Dann nehme ich das als Kompliment.“
Anna erzählte Lina, dass sie Pädagogik studierte.
Nicht an einer Universität in Vollzeit, wie sie es sich mit zwanzig vorgestellt hatte.
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