Während sie aßen, fragte Matthias:
„Sie sagten, Sie wollen Lehrerin werden?“
Anna nickte.
„Grundschule.“
„Warum?“
Anna dachte kurz nach.
„Weil ich mich noch an eine Lehrerin aus meiner eigenen Schulzeit erinnere.“
„Im Guten?“
„Sehr.“
Sie legte ihr Pizzastück hin.
„Frau Köhler. Vierte Klasse. Mein Vater verlor damals für einige Monate seine Arbeit.“
Es war lange her.
Aber plötzlich sah Anna wieder die kleine Küche ihrer Kindheit.
Die Mutter, die Preise im Prospekt mit Kugelschreiber einkreiste.
Den Vater, der morgens trotzdem um sechs aufstand, obwohl er nirgendwohin musste.
Die Scham eines Mannes, der sein Leben lang gearbeitet hatte und plötzlich nicht mehr gebraucht wurde.
„Ich bekam damals keine neuen Turnschuhe“, erzählte Anna.
„Die alten waren kaputt. Ich wollte nicht zum Sport.“
Matthias hörte aufmerksam zu.
„Frau Köhler hat nie vor der Klasse gefragt, warum ich ständig meine Sportsachen vergesse.“
Anna lächelte.
„Eines Tages lag ein Paar Turnschuhe im Fundbüro. Genau meine Größe.“
„Zufall?“
„Natürlich nicht.“
„Hat sie es Ihnen später gesagt?“
„Nie.“
Anna sah zu Lina.
„Meine Mutter hat es Jahre danach von einer anderen Lehrerin erfahren.“
„Und deswegen wollen Sie Lehrerin werden?“
„Auch.“
Anna nickte.
„Man erinnert sich im Leben nicht immer an die Menschen mit den größten Titeln. Oft erinnert man sich an die, die einem in einem schlechten Moment nicht das Gefühl gegeben haben, weniger wert zu sein.“
Matthias sagte lange nichts.
Lina malte weiter.
Dann fragte er:
„Wie weit sind Sie mit dem Studium?“
„Vier Module fehlen. Danach Praxissemester.“
„Und nebenbei arbeiten Sie Vollzeit?“
„Meistens.“
„Wie schaffen Sie das?“
Anna lachte.
„Schlecht.“
Er hob die Augenbrauen.
„Ehrlich.“
„Mehr Kaffee, als gesund ist. Wenig Schlaf. Und manchmal frage ich mich, ob ich völlig verrückt bin.“
„Warum machen Sie weiter?“
„Weil ich meinen Vater noch hören kann.“
Matthias sah sie fragend an.
Anna lächelte.
„Er sagte immer: Wenn du aufgibst, nur weil etwas länger dauert, hast du dir die ganze bisherige Mühe umsonst gemacht.“
„Klingt nach einem klugen Mann.“
„War er.“
„Ist er…?“
„Vor fünf Jahren gestorben.“
„Das tut mir leid.“
Anna nickte.
„Mir auch.“
Kein übertriebener Trost.
Kein peinliches Schweigen.
Matthias akzeptierte den Satz einfach.
Das gefiel ihr.
Dann erzählte er erstmals etwas über sich.
Er war 43.
Seine Firma entwickelte Lernmaterialien und digitale Unterrichtssysteme für Schulen und Bildungseinrichtungen.
Kein riesiger Weltkonzern.
Aber groß genug für mehrere hundert Mitarbeiter.
„Ich habe mit drei Leuten angefangen“, sagte er.
„In einem kleinen Büro über einer Autowerkstatt.“
„Und jetzt?“
„Jetzt habe ich vier Standorte und keine Zeit mehr.“
Anna hob eine Augenbraue.
„Klingt nach einem schlechten Tausch.“
Er sah sie an.
Dann lachte er.
„Das hätte heute Vormittag niemand zu mir sagen dürfen.“
„Und jetzt?“
Matthias blickte zu Lina.
„Jetzt vielleicht schon.“
Lina mischte sich ein.
„Papa ist immer müde.“
„Danke für die öffentliche Personalakte.“
„Und er schaut beim Abendessen oft aufs Handy.“
„Lina.“
„Und einmal hat er bei meiner Musikaufführung geklatscht, obwohl ich noch gar nicht fertig war.“
Anna prustete los.
Matthias legte die Hand vors Gesicht.
„Ich dachte, das Stück wäre vorbei.“
„Alle anderen wussten es.“
„Danke.“
Lina grinste.
Für einen Moment sahen sie aus wie eine ganz normale Familie an einem ganz normalen Abend.
Dann fiel Anna auf, dass etwas fehlte.
„Darf ich etwas fragen?“
Matthias ahnte offenbar, was kam.
„Linas Mutter?“
Anna nickte.
Er nahm sich Zeit.
„Sie ist vor drei Jahren gestorben.“
Anna sagte nichts.
„Krebs.“
Seine Stimme blieb ruhig.
Zu ruhig.
„Danach habe ich mich in Arbeit gestürzt.“
Lina malte plötzlich langsamer.
„Am Anfang habe ich mir eingeredet, ich müsste die Firma sichern. Für Lina.“
Er betrachtete seine Hände.
„Später habe ich wohl einfach nicht mehr gewusst, wie man nach Hause kommt, wenn jemand fehlt.“
Anna spürte, wie sich ihr erster Ärger auf diesen Mann veränderte.
Nicht verschwand.
Aber veränderte.
„Meine Frau hieß Julia“, sagte Matthias.
„Sie war diejenige, die Geburtstage kannte. Die Elternabende. Die Namen der Nachbarn. Sie erinnerte mich daran, Blumen für meine Mutter zu kaufen.“
Ein bitteres Lächeln.
„Als sie starb, dachte ich: Ich muss jetzt alles schaffen.“
„Allein?“
„Natürlich.“
„Warum natürlich?“
Er sah Anna an.
„Weil Männer meiner Generation manchmal erstaunlich dumm erzogen wurden.“
Anna lachte leise.
„Das haben Sie gesagt.“
„Mein Vater war ähnlich.“
Matthias lehnte sich zurück.
„Er arbeitete im Maschinenbau. Sechzig Stunden die Woche. Für ihn bedeutete Liebe, dass die Heizung bezahlt war und wir einmal im Jahr an die Ostsee fuhren.“
„War er kein guter Vater?“
„Doch.“
Matthias dachte nach.
„Auf seine Weise.“
„Dann sind Dinge vielleicht komplizierter als gut oder schlecht.“
„Sie reden wirklich wie eine Lehrerin.“
„Das war heute schon der zweite.“
Lina hob die Hand.
„Ich hab es zuerst gesagt.“
„Stimmt.“
Matthias lächelte.
Später, als Lina auf die Toilette gegangen war und eine Mitarbeiterin ihr den Weg zeigte, wurde Matthias leiser.
„Frau Bergmann…“
„Anna.“
„Anna.“
Er faltete die Hände.
„Darf ich Ihnen eine ungewöhnliche Frage stellen?“
Sie spannte sich unwillkürlich an.
„Kommt darauf an.“
„Suchen Sie zufällig einen anderen Job?“
Anna blinzelte.
„Was?“
„Keine Angst. Ich will Sie nicht als Kindermädchen einstellen.“
„Gut.“
„Unsere Firma arbeitet an Unterrichtsmaterial für Grundschulen. Wir beschäftigen Pädagogen, Redakteure, Entwickler, Leute aus der Praxis.“
Anna hörte aufmerksam zu.
„Wir haben derzeit eine Stelle im Bereich pädagogische Inhalte frei. Normalerweise suchen wir jemanden mit abgeschlossenem Studium.“
„Dann bin ich raus.“
„Nicht unbedingt.“
Matthias schüttelte den Kopf.
„Wir haben auch Assistenzstellen für Menschen in Ausbildung.“
Anna musterte ihn.
„Sie bieten mir jetzt einen Job an, weil ich Ihrer Tochter ein Brötchen gegeben habe?“
„Nein.“
„Klingt aber so.“
„Ich biete Ihnen ein Vorstellungsgespräch an.“
Er sprach plötzlich ganz sachlich.
„Mehr nicht.“
„Warum?“
„Weil ich heute gesehen habe, wie Sie mit Lina gesprochen haben.“
„Das kann doch kein Bewerbungsgespräch ersetzen.“
„Tut es auch nicht.“
„Und wenn ich ungeeignet bin?“
„Dann werden meine Kollegen Sie nicht einstellen.“
Anna musste zugeben, dass die Antwort vernünftig war.
„Unsere Personalabteilung entscheidet gemeinsam mit der Fachabteilung“, sagte Matthias.
„Ich werde niemandem sagen, Sie müssten genommen werden.“
„Aber Sie sind der Chef.“
„Gerade deshalb sollte ich das nicht tun.“
Anna schwieg.
Matthias fuhr fort:
„Sie studieren Pädagogik. Sie wollen in den Bildungsbereich. Sie arbeiten offenbar hart. Und heute haben Sie etwas gezeigt, das man schwer in einem Lebenslauf erkennt.“
„Was?“
„Urteilsvermögen.“
Anna sagte nichts.
„Sie haben gesehen, dass ein Kind allein war. Sie sind nicht hysterisch geworden. Sie haben nicht weggesehen. Sie haben Lina nicht beschämt. Sie haben versucht, die Situation sicher und ruhig zu lösen.“
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






