Sie kam 23 Minuten zu spät zum Blind Date – mit einem Kind und einem erschütternden Geheimnis

Er bemerkte es daran, wie langsam sie manchmal blinzelte. Daran, dass sie in jeder Jackentasche einen Müsliriegel aufbewahrte. Daran, wie sie bei jedem Klingeln ihres Telefons zusammenzuckte.

Nicht weil sie unhöflich war.

Ein Teil von ihr wartete offenbar immer auf schlechte Nachrichten.

Tagsüber arbeitete sie in der Kindertagesstätte. An drei Abenden half sie zusätzlich bei der Kinderbetreuung in einem Nachbarschaftshaus.

„Wann ruhst du dich aus?“, fragte Johannes.

„Manchmal an roten Ampeln.“

Er hielt es für einen Scherz.

Bis er sah, wie ihr einmal an einer langen Kreuzung für sechs Sekunden die Augen zufielen.

Trotzdem ließ sie Emil niemals spüren, dass er eine Last war.

Eines Samstags musste Lena kurzfristig für eine Kollegin einspringen. Johannes erklärte sich bereit, zwei Stunden auf Emil aufzupassen.

Nach zwanzig Minuten war nichts mehr unter Kontrolle.

Emil hatte ein Spiel namens „Dinosaurier-Krankenhaus“ erfunden. Dafür benötigte er sämtliche Sofakissen, drei Kochlöffel, eine Rolle Küchenpapier und Johannes’ beste Krawatte.

Dann erklärte er, Beißbert brauche Zahnpasta.

„Dinosaurier putzen keine Zähne“, sagte Johannes.

„Sie sind ausgestorben“, antwortete Emil. „Vielleicht deshalb.“

Johannes fand kein Gegenargument.

Kurz darauf saß der Hund der Nachbarin im Hausflur und trug einen Streifen Minzzahnpasta auf der Stirn.

„Er ist jetzt ein Krieger“, erklärte Emil.

Danach verschwand ein Schuh.

Nur einer.

Johannes suchte unter dem Sofa, im Wäschekorb, hinter der Toilette und in einem Moment völliger Verzweiflung sogar im Kühlschrank.

Emil beobachtete ihn aufmerksam.

„Erwachsene geraten komisch in Panik.“

Das eigentliche Unglück geschah, als Johannes den Hund zurückbringen wollte.

Er trat kurz in den Hausflur.

Emil schloss die Wohnungstür.

Das Schloss fiel automatisch zu.

Johannes starrte auf die Tür.

„Emil?“

„Ja?“

„Mach bitte auf.“

„Geht nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich koche Suppe.“

Johannes schloss die Augen.

„Was für eine Suppe?“

„Müsli.“

Als Lena zwanzig Minuten später zurückkam, saß Johannes neben dem minzduftenden Hund auf dem Fußboden. Hinter der verschlossenen Tür sang Emil laut ein Lied über einen Tyrannosaurus.

Lena blieb stehen.

Dann lachte sie so sehr, dass ihr die Schlüssel aus der Hand fielen.

Johannes war noch nie so froh gewesen, ausgelacht zu werden.

„Jetzt verstehe ich es“, sagte er feierlich.

„Was verstehst du?“

„Warum du müde bist.“

Ihr Lachen wurde leiser.

Für einen kurzen Moment sahen sie einander anders an.

Nicht wie zwei Menschen bei einem unverbindlichen Treffen.

Eher wie zwei Menschen, die sich erkannt hatten.

Danach war Emil für Johannes keine Störung mehr.

Er gehörte zum Rhythmus.

Und Lena bemerkte, dass Johannes niemals versuchte, den Jungen mit Geld zu gewinnen.

Er brachte keine übertriebenen Geschenke mit. Er versprach keine Wunder. Er behandelte Lenas Leben auch nicht wie ein Geschäftsproblem, das man nur richtig ordnen musste.

Als ihr altes Auto eines Morgens ein furchtbares Geräusch machte, sagte er nicht, dass sie ein neues brauche.

Er fragte: „Möchtest du einen Rat, Hilfe bei der Werkstattsuche oder willst du fünf Minuten lang auf das Auto schimpfen?“

Lena dachte kurz nach.

„Die dritte Möglichkeit.“

Also standen sie auf dem Parkplatz, während Lena den Wagen mit einer Kreativität beleidigte, die Johannes tief beeindruckte.

An diesem Tag verliebte er sich ein wenig mehr.

Doch nicht jeder betrachtete die Verbindung mit Wohlwollen.

Johannes’ Mutter Ingrid erfuhr davon, als ihr eine Bekannte ein Foto von einem Wohltätigkeitsabend zeigte. Im Hintergrund stand Lena mit Emil auf dem Arm.

Am nächsten Tag lud Ingrid ihren Sohn zum Mittagessen ein.

Das bedeutete immer, dass sie Bedenken hatte.

Ingrid war achtundsiebzig, Witwe und eine Frau, die ihre Perlenkette wie eine Rüstung trug. Sie hatte Jahrzehnte neben einem schweigsamen Steuerberater verbracht und gelernt, Fragen so zu stellen, dass jede Antwort wie ein Geständnis klang.

„Sie hat ein Kind.“

„Sie zieht ihren Neffen groß.“

„Und du triffst sie?“

„Ich lerne sie kennen.“

Ingrid legte ihre Gabel ab.

„Das sagen Männer, wenn sie längst Gefühle haben.“

Johannes schwieg.

„Ich beurteile sie nicht, weil sie wenig Geld hat.“

„Das habe ich nicht behauptet.“

„Nein. Du wolltest es nur gleich denken.“

Er verzog das Gesicht.

Ingrid beugte sich vor.

„Diese Frau hat ein Kind, Trauer, Geldsorgen und wahrscheinlich seit Jahren keinen freien Nachmittag. Und du warst schon immer sehr gut darin, schwierige Dinge aus sicherer Entfernung zu bewundern.“

Die Worte ärgerten ihn, weil sie trafen.

„Lena ist kein Projekt.“

„Gut.“

Ingrids Stimme blieb ruhig.

„Dann behandle sie auch nicht wie eines.“

„Das tue ich nicht.“

„Liebst du sie?“

Johannes blickte aus dem Fenster.

Draußen schob jemand einen Rollator über den Gehweg. Ein Bus hielt, Menschen stiegen ein und aus, und das Leben ging mit jener Gleichgültigkeit weiter, die ihm plötzlich unerträglich erschien.

Emil begann inzwischen, Geschichten für Johannes aufzubewahren.

Nach der Kita sagte er zu Lena: „Das erzählen wir Herrn Glanzschuh später.“

Wenn er einen schiefen Turm aus Bauklötzen baute, musste sie ein Foto schicken.

Als er das Wort „Pflanzenfresser“ lernte, verlangte er, Johannes sofort zu informieren.

„Der weiß das bestimmt nicht.“

Johannes antwortete immer.

Manchmal ernst, manchmal mit einer Dinosaurier-Tatsache.

Einmal schickte er eine Sprachnachricht: „Bitte Professor Emil ausrichten, dass ich den Lebensstil des Stegosaurus sehr respektiere.“

Emil hörte sie siebenmal an.

Lena lächelte jedes Mal.

Danach bekam sie Angst.

Kinder verliebten sich nicht vorsichtig.

Sie prüften nicht, ob jemand blieb. Sie lehnten sich mit ihrem ganzen kleinen Körper an einen Menschen und glaubten einfach, dass er morgen noch da sein würde.

Emil hatte bereits zu viel verloren.

Lena sagte zwei Treffen ab.

Johannes bemerkte es natürlich.

Eines Abends, als Emil mit nur einem Socken und Beißbert unter dem Kinn auf dem Sofa eingeschlafen war, saßen sie in Lenas kleiner Küche.

Vor ihnen standen zwei Tassen Tee, die keiner wirklich trinken wollte.

„Ich habe Angst“, sagte Lena plötzlich.

Johannes sah sie an.

„Vor mir?“

„Nicht genau.“

„Das klingt gefährlich nah an einem Ja.“

Sie lächelte schwach.

„Emil mag dich.“

„Ich mag ihn auch.“

„Das ist das Problem.“

Johannes wartete.

Lena umklammerte ihre Tasse.

„Meine Schwester hieß Maren. Sie war fünf Jahre älter als ich. Laut, chaotisch, ständig zu spät. Im Supermarkt hat sie absichtlich alte Schlager gesungen, nur um mich zu ärgern.“

„Sie klingt großartig.“

„Das war sie.“

Lena schluckte.

„Als Emil zwei war, wurde sie krank.“

Johannes sagte nichts.

„Am Anfang benutzten alle diese starken Wörter. Behandlung. Hoffnung. Kämpfen. Irgendwann änderten sich die Wörter.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Palliativstation. Vollmacht. Sorgerecht.“

Johannes bewegte sich nicht.

Das mochte Lena an ihm.

Er stopfte Schmerz nicht sofort mit gut gemeinten Sätzen zu.

„Kurz vor ihrem Tod musste ich ihr versprechen, dass Emil nicht irgendwo untergeht. Sie hatte Angst, dass er am Ende nur noch eine Akte auf einem Schreibtisch wäre.“

Lena strich mit dem Daumen über den Tassenrand.

„Ich war neununddreißig und glaubte, ich hätte mein Leben halbwegs im Griff. Ich hatte keine Ahnung, was ich versprach. Ich wusste nur, dass meine Schwester sterben würde und glauben musste, ihr Sohn sei sicher.“

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