Ihre Augen füllten sich.
„Also habe ich es versprochen.“
„Und du hast das Versprechen gehalten.“
„Ich versuche es.“
„Nein“, sagte Johannes. „Du hältst es.“
Lena schüttelte den Kopf.
„Ich bringe ihn zur Kita. Ich bezahle die Miete manchmal zu spät. Ich denke meistens an den Schlafanzugtag. Aber manchmal stelle ich die Milch in den Küchenschrank und das Müsli in den Kühlschrank.“
„Das klingt überlebbar.“
„Es fühlt sich nicht immer so an.“
Die Ehrlichkeit erschreckte sie.
Johannes streckte die Hand über den Tisch.
Er nahm ihre nicht sofort. Er legte seine Finger nur so nah hin, dass sie selbst entscheiden konnte.
Nach einigen Sekunden griff Lena zu.
Seine Hand war warm und ruhig.
Eine Weile saßen sie so da.
Ohne Lösung. Ohne Versprechen.
Nur mit kaltem Tee und der stillen Erlaubnis, nicht perfekt sein zu müssen.
Als Lena schließlich aufsah, blickte Johannes sie bereits an.
Der Abstand zwischen ihnen hatte sich über Wochen verändert. Auf Spielplätzen, in Buchhandlungen, auf Parkplätzen und in all den kleinen Augenblicken, in denen er blieb, obwohl Gehen leichter gewesen wäre.
Johannes stand auf.
Lena ebenfalls.
Sie standen plötzlich sehr nah beieinander.
Sein Blick glitt zu ihrem Mund. Sie hielt den Atem an.
Er strich ihr eine lose Haarsträhne hinters Ohr.
Die Geste war so vorsichtig, dass sie Lena beinahe das Herz brach.
„Lena“, sagte er leise.
Sie wich nicht zurück.
Der Kuss wäre geschehen.
Fast.
Dann erklang aus dem Flur eine verschlafene Stimme.
„Ich brauche Notfallmüsli.“
Sie fuhren auseinander wie zwei ertappte Jugendliche.
Emil stand im Dinosaurierschlafanzug vor ihnen. Hinter ihm schleifte ein ausgestopfter Schwanz über den Boden. Sein Haar stand auf einer Seite senkrecht ab.
In der Hand hielt er eine leere Schüssel.
„Was für ein Notfall?“, fragte Lena.
Emil gähnte.
„Ein hungriger.“
Johannes nickte ernst.
„Das gehört zu den gefährlichsten.“
Lena warf ihm einen Blick zu.
Emil kletterte auf einen Stuhl.
„Habt ihr Erwachsenenflüstern gemacht?“
„Nein“, sagte Lena zu schnell.
„Ja“, sagte Johannes gleichzeitig.
Emil sah von einem zum anderen.
„Verdächtig.“
Vielleicht war der Moment zerstört worden.
Vielleicht hatte Emil ihn gerettet.
Denn nachdem Johannes später gegangen war, saß er lange in seinem Wagen.
Auf seinem Telefon wartete eine Nachricht, von der Lena nichts wusste.
Eine große Geschäftsmöglichkeit in München.
Ein Zusammenschluss mit einem anderen Unternehmen. Neue Arbeitsplätze, neue Kunden, eine Zukunft, auf die Johannes fast sein gesamtes Erwachsenenleben hingearbeitet hatte.
Die Partner erwarteten, dass er mindestens ein Jahr vor Ort blieb.
Vielleicht länger.
Einige Tage später telefonierte Johannes in Lenas Wohnzimmer.
Er glaubte, Emil spiele und höre nicht zu.
„Ja“, sagte er leise. „Ich kenne den Zeitplan. Wenn ich zusage, müsste ich für das erste Jahr nach München ziehen.“
Ein Plastikdinosaurier fiel auf den Boden.
Johannes drehte sich um.
Emil stand reglos da.
Lena kam mit einem Wäschekorb aus dem Schlafzimmer.
„Was ist los?“
Emil sah nur Johannes an.
„Du gehst weit weg.“
Johannes beendete das Gespräch.
„Emil, ich habe noch nichts entschieden.“
Der Junge drückte Beißbert an seine Brust.
„Wie Mama.“
Der Raum wurde still.
Es war jene Stille, die entsteht, wenn etwas zerbricht, ohne dass man das Geräusch hört.
Niemand sprach an diesem Abend wirklich über München.
Emil kehrte zu seinen Dinosauriern zurück. Lena faltete Wäsche, die längst gefaltet war. Johannes fuhr früher nach Hause als sonst.
Eine Woche verging.
Dann eine zweite.
Johannes suchte nach dem richtigen Zeitpunkt.
Doch jeder Satz klang falsch.
Ich denke über München nach.
Zu nüchtern.
Vielleicht gehe ich.
Zu endgültig.
Ich will euch nicht verlieren.
Zu spät.
Lena erfuhr es nicht von ihm.
Sie las es in einem Wirtschaftsartikel, der ihr zufällig auf dem Telefon angezeigt wurde.
Darin stand, dass Johannes’ Firma vor einer großen Erweiterung stehe. Es ging um Gespräche mit Geldgebern, eine neue Niederlassung und seinen geplanten Umzug für mindestens zwölf Monate.
Neben dem Text war ein Foto von ihm.
Er wirkte ruhig, erfolgreich und entschlossen.
Wie ein Mann, der längst entschieden hatte.
Lena las den Artikel dreimal.
Nicht weil sie nicht verstand, dass er gehen wollte.
Sondern weil sie nicht begriff, warum er es ihr nicht selbst gesagt hatte.
Am folgenden Abend stand Johannes mit Essen vor ihrer Tür.
Sein Lächeln verschwand, als er ihr Gesicht sah.
Lena hielt das Telefon hoch.
„Du wolltest es mir sagen.“
Es war keine Frage.
Johannes stellte die Tüte ab.
„Ja.“
„Wann?“
Er zögerte.
Das reichte.
Lena lachte bitter.
„Unglaublich.“
„Ich wollte erst selbst wissen, was ich tue.“
„Du hättest mit mir reden können.“
„Es ist nicht so einfach.“
„Doch. Reden ist erstaunlich einfach. Man öffnet den Mund und sagt die Wahrheit.“
Johannes’ Kiefer spannte sich an.
Alle alten Ängste kamen in Lena zurück.
Ihr Vater war gegangen, als sie zwölf gewesen war. Emils Vater hatte sich nach Marens Diagnose vollständig zurückgezogen. Andere Männer hatten versprochen, mit ihrem schwierigen Leben zurechtzukommen.
Bis das Leben tatsächlich schwierig wurde.
Vielleicht gingen Menschen immer.
Einige brauchten nur länger.
„Weißt du, was daran fast lustig ist?“, fragte sie.
„Was?“
„Ich habe die ganze Zeit auf den Moment gewartet, in dem du merkst, dass wir zu viel sind.“
„Das habe ich nie gedacht.“
Lena zeigte zur Kinderzimmertür.
„Das Kind. Die Verantwortung. Die Trauer.“
Dann deutete sie auf sich.
„Das Chaos.“
Ihre Stimme brach.
„Ich habe es gedacht.“
Johannes trat einen Schritt näher.
„Ich sorge mich um dich.“
„Ich weiß.“
„Und um Emil.“
„Ich weiß.“
„Warum tust du dann so, als wäre mir alles gleichgültig?“
„Weil du gehst.“
„Es ist eine berufliche Chance. Ein Jahr.“
„Für ein fünfjähriges Kind ist ein Jahr ein halbes Leben.“
Der Satz traf ihn.
Lange sagte keiner etwas.
Dann fragte Johannes: „Glaubst du, ich laufe vor euch weg?“
Lena sah zur Seite.
Vielleicht nicht vor ihnen.
Aber trotzdem fort.
„Du schuldest uns nichts“, sagte sie.
Sofort bereute sie es.
Johannes sah aus, als hätte sie ihn geschlagen.
„Genau das ist das Problem.“
Seine Stimme war rau.
„Ich möchte euch etwas schulden.“
Lena blinzelte.
„Was?“
„Du glaubst, es geht um Verpflichtung. Aber es geht um Entscheidung.“
Er atmete schwer.
„Ich habe mein ganzes Leben alle Ausgänge offen gehalten. In der Firma, in Beziehungen, überall. Und dann habe ich euch getroffen.“
Lena spürte Tränen in den Augen.
„Du solltest nach München gehen.“
Sein Gesicht veränderte sich.
Er verstand, was sie tat.
Sie baute Abstand auf, bevor er gehen konnte.
Sie schützte Emil.
Und sich selbst.
Einige Tage später nahm Johannes die Stelle an.
Eine Woche danach beendete Lena ihre Beziehung.
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