Das Mädchen vom Schrottplatz öffnete einen Kofferraum – und der verletzte Fremde erkannte in ihrem Gesicht seine verschwundene Tochter
„Da ist jemand drin!“
Lena Bergmann stand vor dem schwarzen Wagen und presste beide Hände gegen den Kofferraumdeckel.
Wieder kam dieses dumpfe Geräusch.
Drei Schläge.
Eine Pause.
Dann noch zwei.
Lena war zehn Jahre alt. Sie wusste, wie ein loser Auspuff klapperte, wie eine Motorhaube im Wind knarzte und wie Metall klang, wenn es sich in der Mittagshitze ausdehnte.
Das hier war anders.
Das hier klang nach jemandem, der wollte, dass man ihn hörte.
Der alte Wagenhof lag am Rand einer kleinen Stadt in Sachsen-Anhalt, hinter Bahngleisen, Schrebergärten und einer stillgelegten Ziegelei. Früher hatte hier Lenas Großmutter Hilde die Bücher für den Besitzer geführt. Inzwischen erledigte sie fast alles: Rechnungen, Lieferscheine, Telefonate und den Kaffee für die Fahrer.
Lena lebte mit ihr in einem kleinen, verwitterten Wohnhaus direkt neben dem Platz.
Nicht, weil es romantisch war.
Sondern weil die Miete niedrig war.
Seit dem Tod ihrer Eltern war Hilde alles, was Lena hatte.
Und der Schrottplatz war, so seltsam es klang, ihr Abenteuerspielplatz.
Zwischen alten Kombis, ausgeschlachteten Kleinwagen und rostigen Lieferwagen erfand sie Geschichten über frühere Besitzer. Ein verblichener Kindersitz bedeutete für sie eine Familie auf Urlaubsfahrt. Eine alte Kassette im Handschuhfach gehörte bestimmt einem Mann, der früher jede Autobahnfahrt mit denselben Liedern begonnen hatte.
Lena bemerkte Dinge, die andere übersahen.
Vielleicht, weil die Menschen bei ihr selbst auch immer zuerst etwas bemerkten.
Die große rötlich-violette Hautverfärbung auf der linken Seite ihres Gesichts.
Sie zog sich von der Schläfe bis hinunter zum Kiefer.
Hilde nannte sie niemals einen Makel.
„Das ist einfach dein Gesicht“, sagte sie.
Aber andere Menschen waren weniger taktvoll.
Manche starrten.
Kinder fragten laut.
Erwachsene fragten leiser, was manchmal noch schlimmer war.
Lena hatte sich angewöhnt, ihre Haare etwas länger auf der linken Seite zu tragen.
An diesem Nachmittag halfen die Haare allerdings nicht gegen ihre Angst.
Wieder schlug etwas gegen den Kofferraum.
„Hallo?“
Die Bewegung hörte sofort auf.
Dann kam eine Stimme.
Dumpf.
Kaum verständlich.
Aber eindeutig menschlich.
Lena wich einen Schritt zurück.
Ihr erster Gedanke war, zu Hilde zu laufen.
Ihr zweiter war, dass jemand im Kofferraum vielleicht nicht so lange warten konnte.
Neben dem Metallcontainer lehnte ein langer Montierhebel.
Lena schleppte ihn zum Wagen, obwohl er für ihre Arme viel zu schwer war.
„Ich versuche es!“, rief sie.
Drinnen wurde es still.
Als würde der Mensch dort jedes Geräusch von ihr verfolgen.
Lena setzte das Werkzeug an.
Es rutschte ab.
Noch einmal.
Wieder nichts.
Beim dritten Versuch schmerzten ihre Handflächen.
„Komm schon“, murmelte sie.
Sie dachte an ihren Großvater väterlicherseits, den sie nie kennengelernt hatte. Hilde hatte einmal gesagt, er habe immer behauptet, man müsse bei alten Maschinen weniger Kraft als Geduld haben.
Also änderte Lena den Winkel.
Sie drückte.
Metall knirschte.
Der Deckel sprang einen Spalt auf.
Lena erstarrte.
Dann hob sie ihn.
Im Kofferraum lag ein Mann.
Die Handgelenke waren mit Seilen zusammengebunden, über seinem Mund klebte breites Klebeband. Sein grauer Anzug war zerknittert und schmutzig. An seiner Stirn hatte er eine dunkle Schramme, und sein Gesicht wirkte erschöpft.
Er sah Lena an, als wäre sie das Unglaublichste, was ihm je begegnet war.
Sie wich nicht zurück.
„Ich hole meine Oma.“
Der Mann schüttelte heftig den Kopf und deutete auf das Klebeband.
Lena zögerte.
Dann löste sie vorsichtig eine Ecke und zog es ab.
Der Mann sog tief Luft ein.
„Bitte“, sagte er heiser. „Erst die Hände.“
Lena arbeitete an den Knoten.
Ihre Finger waren klein genug, um unter das Seil zu kommen.
Als der erste Knoten endlich nachgab, half der Mann selbst weiter. Wenige Minuten später saß er neben dem Auto auf dem Boden und atmete schwer.
„Wir müssen die Polizei rufen“, sagte Lena.
„Ja.“
Er strich sich über das Gesicht.
„Unbedingt.“
Dann sah er sie an.
Nicht flüchtig.
Nicht aus Höflichkeit.
Sondern lange.
Lena spürte sofort diesen alten Reflex.
Ihre Hand wanderte zur linken Wange.
Sie senkte den Blick.
„Was ist?“
Der Mann antwortete nicht.
Seine Augen wurden feucht.
„Wie heißt du?“
„Lena.“
Er schluckte.
„Lena was?“
„Bergmann.“
Der Mann starrte auf ihre Wange.
„Und deine Mutter? Wie hieß deine Mutter?“
Jetzt wurde Lena misstrauisch.
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Bitte.“
Seine Stimme hatte sich verändert.
Plötzlich klang sie nicht mehr wie die eines Geschäftsmannes im zerknitterten Anzug.
Sie klang wie die Stimme eines alten Menschen, obwohl der Mann vielleicht erst Anfang fünfzig war.
„Meine Mutter hieß Katharina.“
Der Mann schloss die Augen.
Lena sah, wie seine Lippen bebten.
„Katharina was?“
„Bergmann.“
„Geboren?“
Lena zog die Augenbrauen zusammen.
„Meine Oma sagt immer, sie hieß früher Falk.“
Der Mann stieß einen Laut aus, halb Atemzug, halb Schluchzen.
Dann griff er in die Innentasche seines Jacketts.
Lena spannte sich an.
Doch er holte nur eine Brieftasche heraus.
Darin steckte hinter einer durchsichtigen Folie ein altes Foto.
Er zog es heraus.
„Kennst du diese Frau?“
Lena nahm das Bild.
Es zeigte ein Mädchen oder eine sehr junge Frau, vielleicht neunzehn oder zwanzig Jahre alt. Hellbraune Haare. Breites Lächeln. Jeansjacke.
Und auf der linken Seite ihres Gesichts dieselbe rötlich-violette Zeichnung.
Fast an derselben Stelle wie bei Lena.
Lena vergaß für einen Moment zu atmen.
„Die sieht aus wie ich.“
Der Mann nickte.
„Das ist Katharina.“
Lena sah ihn an.
Dann wieder auf das Foto.
„Meine Mama?“
„Ja.“
„Woher haben Sie ein Foto von meiner Mutter?“
Der Mann setzte sich langsam auf einen alten Reifenstapel.
Er hielt sich dabei an der Autotür fest.
„Weil sie meine Tochter war.“
Lena verstand die Worte.
Aber nicht ihre Bedeutung.
Der Platz um sie herum schien plötzlich stiller zu werden.
„Was?“
„Mein Name ist Johannes Falk.“
Lena kannte diesen Namen nicht.
Oder glaubte zumindest, ihn nicht zu kennen.
Johannes nahm das Foto zurück, aber seine Augen blieben auf Lena gerichtet.
„Katharina war meine einzige Tochter.“
Er schwieg.
Dann sagte er:
„Und ich habe sie verloren, lange bevor sie gestorben ist.“
Lena setzte sich auf den Rand einer alten Stoßstange.
Johannes erzählte langsam.
Nicht schön.
Nicht stolz.
Und ohne zu versuchen, sich besser darzustellen, als er gewesen war.
Er hatte in den neunziger Jahren einen kleinen Betrieb gegründet. Zuerst waren es sechs Mitarbeiter gewesen, später Dutzende. Er arbeitete früh, kam spät nach Hause und glaubte viele Jahre lang, Geld sei dasselbe wie Sicherheit.
Katharina war anders.
Sie zeichnete.
Sie malte.
Sie wollte nach der Schule eine Ausbildung in einem kreativen Beruf machen und später vielleicht Kunst studieren.
Johannes hielt das für Unsinn.
„Ich sagte ihr, davon könne man nicht leben.“
Er starrte auf seine Hände.
„Das war einer dieser Sätze, von denen man mit fünfzig plötzlich merkt, dass man sie mit dreißig besser nie gesagt hätte.“
Lena schwieg.
„Ich wollte, dass sie etwas Vernünftiges macht. Kaufmännische Ausbildung. Studium. Am besten irgendwann in meinen Betrieb einsteigen.“
„Aber sie wollte das nicht.“
„Nein.“
Johannes lächelte traurig.
„Sie wollte ihr eigenes Leben.“
Er hatte damals nicht verstanden, warum das kein Angriff auf sein Leben war.
Es kam zum Streit.
Dann zu noch einem.
Und irgendwann zu dem einen Streit, an den man sich Jahrzehnte erinnert.
Katharina war neunzehn.
Johannes hatte ihr gesagt, sie werde zurückkommen, sobald sie merke, wie hart die Welt sei.
Sie hatte geantwortet:
„Vielleicht. Aber dann ist es wenigstens mein Fehler.“
Am nächsten Morgen war sie weg.
„Warum haben Sie sie nicht gesucht?“, fragte Lena.
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