Bevor er abgeholt wurde, drehte er sich zu Lena um.
„Darf ich dich wiedersehen?“
Sie sah zu Hilde.
Hilde schwieg.
Dann nickte sie.
„Wenn du willst.“
Lena antwortete:
„Bring die Fotos von Mama mit.“
Johannes lächelte zum ersten Mal richtig.
„Alle.“
Der DNA-Test bestätigte einige Wochen später, was eigentlich niemand mehr bezweifelte.
Johannes Falk war Lenas Großvater.
Doch danach geschah etwas, das Lena viel mehr beeindruckte als jeder Test.
Johannes versuchte nicht, ihr Leben zu kaufen.
Er hätte es gekonnt.
Schon bei seinem ersten Besuch kam er in einem Wagen, dessen Preis vermutlich höher war als der Wert von Hildes kleinem Haus.
Aber er brachte keinen neuen Computer.
Kein teures Handy.
Keine Markenklamotten.
Er brachte drei abgewetzte Fotoalben.
„Die sind wichtiger“, sagte er.
Sie saßen an Hildes Küchentisch.
Johannes zeigte Lena ihre Mutter als Baby.
Katharina im Kindergarten.
Katharina mit Zahnlücke.
Katharina auf einem alten Fahrrad.
Katharina mit fünfzehn, genervt von der Kamera.
Katharina mit neunzehn vor einer Staffelei.
Immer wieder sah Lena dieselbe Gesichtshälfte.
Dieselbe Hautzeichnung.
„Sie hat die Haare früher auch davor getragen“, bemerkte Lena.
Johannes nickte.
„Bis sie irgendwann damit aufgehört hat.“
„Warum?“
„Sie sagte eines Tages: Wenn die Leute sowieso schauen, können sie auch richtig schauen.“
Lena musste lachen.
„Das klingt mutig.“
Johannes betrachtete das Bild.
„Deine Mutter war mutiger als ich.“
Dann bemerkte er Lenas Zeichenblock auf dem Tisch.
„Zeichnest du?“
Lena wurde verlegen.
„Nur so.“
Er blätterte nicht ungefragt darin.
„Katharina hat ständig gezeichnet.“
„Oma hat das nie erzählt.“
Hilde rief vom Herd:
„Weil ich dachte, es macht dich traurig.“
Lena sah ihre Großmutter an.
„Mich macht es trauriger, nichts über sie zu wissen.“
Dieser Satz veränderte etwas.
Von da an erzählten sie.
Nicht nur die schönen Sachen.
Auch die unangenehmen.
Hilde erzählte, wie chaotisch Katharina morgens gewesen war.
Johannes erzählte, wie sie mit sechzehn heimlich seine teuren Schuhe bemalt hatte, weil sie „zu langweilig“ gewesen seien.
Hilde erzählte von Katharinas erstem selbstgebackenen Kuchen, der so hart gewesen war, dass Thomas scherzte, man könne damit ein Fenster einschlagen.
Johannes erzählte vom letzten Weihnachtsfest vor dem großen Streit.
Je mehr Geschichten Lena hörte, desto weniger wurde ihre Mutter zu einem Foto.
Sie wurde ein Mensch.
Mit Fehlern.
Mit Wut.
Mit Humor.
Mit Träumen.
Und genau das war das größte Geschenk.
Johannes kam regelmäßig.
Nicht nur an Geburtstagen.
Auch an normalen Dienstagen.
Er saß bei Schulfesten auf einer viel zu kleinen Holzbank.
Er brachte Hilde manchmal einen Sack Kartoffeln mit, weil sie einmal erwähnt hatte, die vom Hofladen seien besser als die im Supermarkt.
„Ein Mann mit deinem Konto fährt zwanzig Kilometer wegen Kartoffeln?“, fragte Hilde.
Johannes zuckte die Schultern.
„Ich versuche, meine Prioritäten zu verbessern.“
Mit der Zeit konnte Hilde darüber lachen.
Das Geld blieb trotzdem ein schwieriges Thema.
Johannes wollte für Lenas Ausbildung vorsorgen.
Hilde sträubte sich.
„Sie soll lernen, dass Geld nicht selbstverständlich ist.“
„Da bin ich deiner Meinung.“
„Du fährst ein Auto mit Ledersitzen.“
„Das schließt sich nicht aus.“
Am Ende fanden sie einen Weg.
Ein Sparvertrag für später.
Keine Luxusgeschenke.
Keine plötzlichen Veränderungen.
Lena sollte weiterhin dieselben Freunde haben, dieselbe Schule besuchen und Hilde sollte nicht das Gefühl bekommen, dass jemand ihr die Rolle als Familie abnahm.
Johannes hielt sich daran.
Jahre vergingen.
Lena wurde dreizehn.
Dann fünfzehn.
In der Schule wurde das Leben nicht immer leichter.
Einige Mitschüler machten dumme Bemerkungen über ihr Gesicht.
Nichts dramatisches.
Aber Worte müssen nicht dramatisch sein, um weh zu tun.
Einmal kam Lena nach Hause und schnitt ihren Pony so lang, dass er die linke Gesichtshälfte fast vollständig verdeckte.
Johannes bemerkte es sofort.
Er sagte zunächst nichts.
Beim Abendessen fragte er:
„Willst du wissen, was deine Mutter mit sechzehn gemacht hat?“
Lena zuckte die Schultern.
„Sie hat sich monatelang nur von rechts fotografieren lassen.“
Lena sah auf.
„Echt?“
„Echt.“
„Und dann?“
„Dann traf sie eine ältere Kunstlehrerin.“
Johannes lächelte.
„Die sagte ihr: Du kannst dein Leben damit verbringen, dich so hinzustellen, dass niemand sieht, was du verstecken willst. Oder du stellst dich hin, wie du willst, und lässt die anderen mit ihrem Problem allein.“
Lena schwieg.
„Das hat Mama geholfen?“
„Nicht sofort.“
Johannes schüttelte den Kopf.
„So etwas hilft selten sofort.“
Dann sagte er:
„Aber irgendwann hörte sie auf, sich zu verstecken.“
Lena strich ihren Pony zur Seite.
Nur für einen Moment.
„Und du? Hast du ihr damals geholfen?“
Johannes senkte den Blick.
„Nein.“
Er versuchte nie, seine Vergangenheit umzuschreiben.
„Ich war damals beschäftigt mit Arbeit. Mit Zahlen. Mit meinem eigenen Kopf.“
Er atmete tief ein.
„Manchmal glaubt man als Vater, man müsse Probleme lösen. Dabei müsste man einfach zuhören.“
Lena merkte sich diesen Satz.
Mit sechzehn gründete sie an ihrer Schule eine kleine Kunstgruppe.
Zuerst kamen fünf Jugendliche.
Ein Junge mit einer auffälligen Narbe.
Ein Mädchen, das wegen seiner Körpergröße ständig gehänselt wurde.
Ein schüchterner Schüler, der kaum sprach.
Lena wollte einen Raum schaffen, in dem niemand erklären musste, warum er anders aussah oder anders war.
Johannes finanzierte Papier, Farben und Staffeleien.
Aber er bestand darauf, dass sein Name nirgendwo auftauchte.
„Warum?“, fragte Lena.
„Weil es deine Idee ist.“
Früher hätte er wahrscheinlich seinen Namen auf ein Schild setzen lassen.
Heute reichte es ihm, hinten im Raum zu stehen und zuzusehen.
An Lenas achtzehntem Geburtstag kam Johannes mit einer flachen, großen Mappe.
„Ich habe etwas gefunden.“
Darin lagen Bilder.
Dutzende.
Aquarelle.
Kohlezeichnungen.
Ölbilder.
Lena erkannte sofort die Handschrift ihrer Mutter, obwohl sie ihre Kunst nie zuvor gesehen hatte.
„Woher…?“
Johannes setzte sich.
„Ich hatte nach unserem Streit ihre Sachen eingelagert.“
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