Er zeigte auf den niedrigen Wohnzimmertisch.
„Hier also.“
Lena stellte den Teller ab und setzte sich mit Abstand auf den Teppich.
Jonas begann zu essen.
Langsam.
Ordentlich.
Nach einigen Minuten nahm er den Stoffelefanten und hielt ihm ein Apfelstück an den Rüssel.
Lena tat so, als sei das völlig normal.
„Hat dein Elefant eigentlich einen Namen?“
Jonas erstarrte.
Lena bereute die Frage sofort.
Sie wandte den Blick ab.
„Du musst mir natürlich nichts sagen.“
Sekunden vergingen.
Dann hörte sie etwas.
So leise, dass sie zuerst dachte, sie hätte sich verhört.
„Emil.“
Lena sah ihn an.
Jonas hielt den Elefanten fest.
„Emil?“
Der Junge nickte.
Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben.
Kein Jubel.
Kein „Du hast gesprochen!“
Kein Staunen.
„Emil ist ein guter Name.“
Jonas strich über das schiefe Ohr.
„Er sieht aus, als hätte er schon einiges erlebt.“
Wieder ein Nicken.
Dann aß Jonas weiter.
Für jeden anderen wären es nur zwei Silben gewesen.
Für Lena fühlten sie sich an wie eine Tür, die sich einen Spalt geöffnet hatte.
Nach dem Essen setzte Jonas sein Puzzle fort.
Lena erledigte den Rest der Arbeit.
Als sie später im Wohnzimmer ein Bücherregal sah, blieb sie davor stehen.
Bilderbücher.
Märchen.
Tiergeschichten.
Alte Kinderklassiker.
Einige davon kannte sie aus ihrer eigenen Kindheit.
„Jonas?“
Er blickte auf.
„Ich brauche eine Pause.“
Sie zog ein Buch heraus.
„Darf ich etwas vorlesen?“
Keine Reaktion.
„Ich warne dich allerdings. Ich mache sehr schlechte Tierstimmen.“
Jonas sah auf das Buch.
Dann stand er plötzlich auf.
Er ging selbst zum Regal.
Suchte lange.
Und zog schließlich eine Geschichte über einen kleinen Elefanten heraus.
Er brachte sie Lena.
„Natürlich ein Elefant.“
Jonas setzte sich auf den Teppich.
Lena ebenfalls.
Sie schlug das Buch auf.
Beim zweiten Absatz bekam der Elefant eine tiefe, brummende Stimme.
Beim dritten sprach ein Vogel mit völlig übertriebenem norddeutschem Akzent.
Beim vierten musste Lena selbst lachen.
Dann hörte sie neben sich ein Geräusch.
Ein kleines Prusten.
Sie las weiter.
Wieder dieses Geräusch.
Lena drehte vorsichtig den Kopf.
Jonas lächelte.
Nicht höflich.
Nicht gezwungen.
Ein echtes, schiefes Kinderlächeln.
Für einen Moment sah er plötzlich wieder aus wie sechs.
Lena musste schlucken.
„Soll ich weiterlesen?“
Jonas nickte.
Also las sie.
Am Ende nahm er das Buch, lief zum Regal und brachte das nächste.
Und danach noch eines.
Beim dritten Buch saß er so nah, dass seine Schulter Lenas Arm berührte.
Emil lag auf seinem Schoß.
Lena war gerade dabei, einem Frosch eine besonders lächerliche Stimme zu geben, als Jonas sagte:
„Nochmal.“
Diesmal deutlich.
Ein ganzes Wort.
„Natürlich.“
Sie begann die Seite erneut.
Sie merkte nicht, dass hinter ihnen jemand stand.
Erst als sie einen Schatten an der Tür bemerkte, blickte sie auf.
Matthias Brenner stand im Eingang.
Seine Aktentasche hing schief in seiner Hand.
Sein Gesicht war vollkommen erstarrt.
„Herr Brenner.“
Lena blickte auf die Uhr.
Kurz nach vier.
„Ich habe Sie gar nicht gehört.“
Matthias reagierte nicht darauf.
Er sah nur seinen Sohn an.
„Er spricht mit Ihnen.“
Seine Stimme war rau.
Lena blickte zu Jonas.
Der Junge presste Emil an seine Brust.
„Wir lesen nur.“
Matthias stellte langsam seine Tasche ab.
„Jonas?“
Der Junge sah zu seinem Vater.
Einen Moment lang war die alte Vorsicht wieder da.
Dann hob er das Buch hoch.
„Papa, Lena macht den Frosch falsch.“
Matthias schloss die Augen.
Nur für zwei Sekunden.
Aber als er sie wieder öffnete, standen Tränen darin.
„Ach ja?“
Jonas nickte ernst.
„Viel zu tief.“
Lena musste lachen.
„Jetzt bekomme ich schon Kritik.“
Matthias kniete sich vor seinen Sohn.
„Kannst du mir zeigen, wie er richtig klingt?“
Jonas sah seinen Vater an.
Dann machte er ein leises, albernes „Quak“.
Matthias lachte.
Und gleichzeitig liefen ihm die Tränen über das Gesicht.
Er zog Jonas an sich.
Der Junge ließ es geschehen.
Über Jonas‘ Schulter hinweg sah Matthias Lena an.
Er sagte nichts.
Aber seine Lippen formten zwei Worte.
Danke Ihnen.
Lena stand auf.
Sie wusste plötzlich nicht, wohin mit ihren Händen.
„Ich räume noch schnell die Küche auf.“
„Bleiben Sie.“
Matthias‘ Stimme kam sofort.
„Bitte.“
Jonas löste sich aus der Umarmung.
„Lena soll meine Eisenbahn sehen.“
Matthias starrte seinen Sohn an, als hätte dieser gerade angekündigt, zum Mond zu fliegen.
„Dann… solltest du sie ihr zeigen.“
Jonas nahm Lena an der Hand.
Einfach so.
Sie gingen nach oben.
Das Kinderzimmer war groß.
Fast zu groß.
Helle Möbel, neutrale Farben, ordentlich aufgereihte Bücher.
Alles wunderschön.
Alles teuer.
Und trotzdem fehlte etwas.
Leben.
Nur eine Ecke war anders.
Dort stand auf einer großen Holzplatte eine Modelleisenbahn.
Häuser.
Bäume.
Ein Bahnhof.
Kleine Figuren.
Jonas schaltete sie ein.
Und plötzlich begann er zu erzählen.
Leise.
Stockend.
Aber er erzählte.
Welcher Zug der schnellste war.
Welche Weiche manchmal klemmte.
Wo früher ein Tunnel gestanden hatte.
Lena stellte Fragen.
Nicht zu viele.
Und vor allem Fragen, bei denen Jonas derjenige war, der mehr wusste.
Als sie wieder herunterkamen, hatte Matthias sein Jackett ausgezogen.
„Jonas, spielst du kurz weiter?“
Der Junge setzte sich auf den Teppich.
Matthias führte Lena in die Küche.
Eine Weile sagte er nichts.
Dann stützte er beide Hände auf die Arbeitsplatte.
„Ich weiß nicht, was heute passiert ist.“
„Nichts Übernatürliches.“
„Mein Sohn hat seit über einem Jahr mit keinem fremden Menschen freiwillig so gesprochen.“
Lena schwieg.
„Nicht mit Ihrer Schwester. Nicht mit Bekannten. In der Schule kaum. Selbst bei seiner Therapeutin dauert es oft zwanzig Minuten, bis überhaupt ein Wort kommt.“
Er fuhr sich über die Augen.
„Und heute komme ich nach Hause und höre ihn über einen Frosch diskutieren.“
Lena lächelte.
„Der Frosch war tatsächlich ziemlich schlecht.“
Matthias lachte kurz.
Dann wurde er wieder ernst.
„Was haben Sie gemacht?“
„Ich habe ihn in Ruhe gelassen.“
„Das kann nicht alles sein.“
„Doch. Im Grunde schon.“
Lena zog einen Stuhl zurück und setzte sich.
„Trauernde Kinder bekommen ständig Fragen gestellt. Wie geht es dir? Bist du traurig? Willst du über Mama reden? Warum sagst du nichts?“
Sie sah Matthias an.
„Manchmal ist Schweigen das Einzige, worüber sie noch selbst bestimmen können.“
Matthias senkte den Blick.
„Also habe ich ihn die ganze Zeit falsch behandelt.“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Ich habe ihn dauernd gefragt.“
„Weil Sie sein Vater sind.“
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