Lena wurde sanfter.
„Und weil Sie Angst haben.“
Da hob er den Kopf.
Der Satz hatte getroffen.
Lange sagte er nichts.
„Was machen Sie beruflich?“
„Im Moment?“
Lena deutete auf ihre Kleidung.
„Offensichtlich ziemlich mittelmäßig putzen.“
Zum ersten Mal lachte Matthias richtig.
„Nein, ernsthaft.“
„Ich schreibe gerade meine Abschlussarbeit in Frühpädagogik.“
„Über Kinder?“
„Über Kinder nach schweren Verlusten. Darüber, wie Beziehung, Spiel und Alltag ihnen helfen können, wieder Sicherheit zu entwickeln.“
Matthias starrte sie an.
„Das ist doch nicht möglich.“
„Was?“
„Sie kommen zufällig hierher, weil Ihre Schwester Fieber hat, und studieren ausgerechnet das, was mein Sohn braucht.“
Lena schüttelte den Kopf.
„Ich bin keine Therapeutin.“
„Das verlangt niemand.“
Er trat ans Fenster.
Draußen fuhr Jonas‘ kleiner Zug auf einer Schiene entlang, dessen Geräusch bis in die Küche zu hören war.
„Könnten Sie wiederkommen?“
Lena blinzelte.
„Wie bitte?“
„Nicht zum Putzen.“
Matthias drehte sich um.
„Dafür finde ich jemanden.“
„Meine Schwester wird begeistert sein.“
„Ihre Schwester ist hervorragend.“
„Das wird sie noch begeisterter hören.“
„Ich meine es ernst.“
Er trat näher.
„Kommen Sie ein paar Tage pro Woche. Verbringen Sie Zeit mit Jonas. Helfen Sie ihm im Alltag. Stimmen Sie sich mit seiner Therapeutin ab, wenn das sinnvoll ist.“
„Herr Brenner…“
„Matthias.“
Lena seufzte.
„Matthias. Ich habe eine Abschlussarbeit.“
„Dann arbeiten Sie hier daran, wenn Jonas in der Schule ist.“
„So einfach ist das nicht.“
„Nein.“
Seine Stimme wurde leiser.
„Aber vielleicht ist manches im Leben wichtiger als das, was im Kalender steht.“
Dieser Satz erinnerte Lena an ihren Vater.
Er hatte früher immer gesagt:
Pläne sind gut.
Aber wenn ein Mensch vor deiner Tür steht und dich braucht, dann legst du den Plan eben kurz zur Seite.
Damals hatte Lena diesen Satz altmodisch gefunden.
Jetzt saß sechs Meter entfernt ein kleiner Junge auf dem Boden und ließ eine Eisenbahn im Kreis fahren.
„Ich denke darüber nach.“
Matthias nickte.
„Mehr verlange ich nicht.“
Als Lena gehen wollte, holte er sein Portemonnaie.
Er gab ihr mehrere Scheine.
„Das ist viel zu viel.“
„Nein.“
„Doch.“
„Lena.“
Zum ersten Mal sagte er ihren Vornamen.
„Heute Nachmittag habe ich meinen Sohn lachen hören.“
Seine Stimme brach.
„Ich habe fast vergessen, wie das klingt.“
Lena wusste nicht, was sie darauf sagen sollte.
An der Haustür kam Jonas angerannt.
Emil klemmte unter seinem Arm.
„Kommst du morgen wieder?“
Lena ging in die Knie.
„Möchtest du das?“
Jonas nickte sofort.
Sie schaute über seine Schulter zu Matthias.
Dann wieder zu Jonas.
Manchmal entscheidet das Herz früher als der Verstand.
„Ja.“
Jonas warf seine Arme um sie.
Ganz kurz.
Dann rannte er wieder davon.
Matthias stand regungslos da.
„Das macht er sonst nicht.“
Lena sah Jonas nach.
„Vielleicht hatte er heute einfach einen guten Tag.“
Aber tief in ihrem Inneren wusste sie bereits, dass sie wiederkommen würde.
Katharina reagierte am Abend ganz anders als erwartet.
„Natürlich machst du das!“
„Ich habe noch gar nicht zugesagt.“
„Doch.“
„Kathi.“
„Lena, ich kenne dich.“
Ihre Schwester lag mit einer Decke auf dem Sofa und hielt eine Tasse Tee fest.
„Seit Mama und Papa gestorben sind, suchst du nach einem Grund, warum du dieses Studium überhaupt noch fertig machst.“
Lena schwieg.
Katharina sah sie lange an.
„Vielleicht hast du ihn heute gefunden.“
In den folgenden Wochen veränderte sich die Villa.
Nicht plötzlich.
Nicht wie in einem Märchen.
Jonas hatte gute Tage.
Und schlechte.
Manchmal sprach er eine Stunde lang.
Am nächsten Tag wieder fast gar nicht.
Lena lernte, das nicht als Rückschritt zu betrachten.
Sie malten.
Sie bauten.
Sie machten Musik.
Sie stellten mit Figuren kleine Alltagssituationen nach.
Und manchmal taten sie überhaupt nichts Besonderes.
Dann saßen sie einfach in der Küche und schmierten Brote.
Lena erzählte Jonas Geschichten über ihre Kindheit.
Über ihren Vater, der jeden Samstagmorgen alte Fahrräder reparierte.
Über ihre Mutter, die überzeugt gewesen war, dass eine Suppe fast jedes Problem lösen könne.
Über Weihnachten mit echten Kerzen, bei denen immer jemand mit einem Wassereimer danebenstand.
Jonas hörte gern zu.
Vielleicht, weil diese Geschichten nach einer normalen Familie klangen.
Nach einem Leben, das nicht perfekt war.
Aber warm.
Irgendwann begann Jonas auch von seiner Mutter zu erzählen.
Erinnerungen kamen in kleinen Stücken.
„Mama konnte Pfannkuchen nicht wenden.“
Oder:
„Mama hat immer zu laut gesungen.“
Und einmal:
„Mama roch nach Handcreme.“
Lena lernte, diese Sätze nicht sofort mit großen Gefühlen zu beladen.
Sie antwortete einfach:
„Das klingt schön.“
Oder:
„Dann vermisst du wahrscheinlich manchmal ihr Singen.“
Manchmal nickte Jonas.
Manchmal wechselte er das Thema.
Beides war erlaubt.
Auch Matthias veränderte sich.
Am Anfang kam er fast jeden Abend nach 19 Uhr nach Hause.
Dann um halb sieben.
Dann um sechs.
Eines Nachmittags stand er bereits um fünf in der Küche.
„Ist Ihre Firma pleite?“, fragte Lena.
„Noch nicht.“
„Dann warum sind Sie schon hier?“
Er deutete zum Wohnzimmer.
„Jonas hat gesagt, ihr baut heute eine Höhle.“
„Und?“
„Ich wurde eingeladen.“
„Das ist eine exklusive Veranstaltung.“
„Ich bringe Kekse.“
„Bestechung funktioniert.“
Sie bauten die Höhle aus Decken und Sofakissen.
Matthias kroch hinein.
Sein Hemd zerknitterte.
Jonas lachte sich kaputt, als sein Vater beim Herauskriechen mit dem Kopf gegen einen Stuhl stieß.
Und Lena sah etwas in Matthias‘ Gesicht, das sie anfangs nie gesehen hatte.
Leichtigkeit.
Später saßen sie in der Küche.
Jonas schlief bereits.
Matthias hielt eine Tasse Kaffee zwischen den Händen.
„Ich dachte immer, ich müsste nach dem Tod meiner Frau einfach funktionieren.“
„Das tun viele.“
„Arbeiten. Rechnungen bezahlen. Arzttermine organisieren. Schule.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich glaubte, wenn ich nur dafür sorge, dass Jonas alles hat, würde es irgendwann besser.“
„Er hatte alles.“
Lena sah sich in der großen Küche um.
„Nur Sie hatte er kaum.“
Der Satz war hart.
Matthias hätte beleidigt reagieren können.
Tat er aber nicht.
Er nickte.
„Ich weiß.“
An diesem Abend verstand Lena, warum sie ihn nicht mehr nur als Arbeitgeber sah.
Nicht wegen des Hauses.
Nicht wegen des Geldes.
Sondern weil Matthias bereit war, sich einen Fehler einzugestehen.
Lenas Mutter hatte immer gesagt, dafür brauche ein Mensch mehr Größe als für tausend schöne Worte.
Drei Monate nach jenem ersten Morgen bat Matthias sie, nach Jonas‘ Schlafengehen noch zu bleiben.
Es war nichts Besonderes vorbereitet.
Kein großes Essen.
Keine Blumen.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






