Sie verachtete seine schmutzigen Hände – bis ihre Tochter genau diese Hände brauchte

„Mama!“

Die Frau fiel vor ihr auf die Knie und zog sie an sich. Immer wieder strich sie über Lottas Rücken, als müsse sie prüfen, ob das Mädchen wirklich da war.

„Ich habe überall gesucht. Ich habe dich nicht gesehen. Ich habe doch gerade noch …“

Sie brachte keinen vollständigen Satz heraus.

Lotta weinte jetzt ebenfalls. Das Boot geriet zwischen die beiden, und Uwe nahm es vorsichtig entgegen, bevor noch etwas abbrach.

Erst dann sah die Mutter mich.

Ich merkte genau, wann sie mich erkannte. Ihr Blick blieb an meinem Bart hängen, wanderte über die Jacke und schließlich zu dem Verband am Knie ihrer Tochter.

„Sie.“

Ich nickte.

„Sie saß hier. Wir sind bei ihr geblieben.“

Die Frau öffnete den Mund, schloss ihn wieder und drückte Lotta noch enger an sich.

Dieter gab am Telefon Bescheid, dass die Mutter angekommen war. Sabine erzählte ruhig, was wir vorgefunden hatten. Ich war ihr dankbar dafür. Es nahm der Frau die Last, jetzt auch noch ausgerechnet mich fragen zu müssen.

„Mama“, sagte Lotta schließlich, „ich hab Opas Boot kaputt gemacht.“

Ihre Mutter sah zu Uwe.

Er hielt es mit beiden Händen. Der abgebrochene Mast lag auf dem Deck.

Das Gesicht der Frau veränderte sich. Für einen kurzen Moment sah ich, wie sehr sie der Anblick traf.

Lotta bemerkte es ebenfalls.

„Es tut mir leid.“

Die Mutter schloss die Augen. Dann nahm sie das Gesicht ihrer Tochter zwischen die Hände.

„Nein. Hör mir zu. Das Boot ist mir lieb. Aber du bist mein Kind.“

„Du hast geweint, als du es eingepackt hast.“

„Weil ich Opa vermisse.“

„Und jetzt ist es kaputt.“

Die Frau schluckte.

„Dann ist es eben kaputt. Hauptsache, du bist wieder da.“

Ich sah auf meine Schuhe, damit sie einen Augenblick für sich hatten.

Später dachte ich oft daran, wie viel ein Kind aus unseren Gesichtern liest, während wir glauben, wir hätten nichts gesagt.

Als die Mutter wieder zu mir blickte, standen ihr Tränen in den Augen.

„Ich heiße Nadine“, sagte sie. „Und ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Jetzt setzen Sie sich erst mal irgendwo hin.“

Ihre Hände zitterten noch immer.

Sabine musste weiter. Nadine bedankte sich bei ihr, und Lotta winkte ihr mit dem zerknüllten Taschentuch nach. Nebenan hatte eine Bäckerei ein paar Tische. Wir gingen hinein, weil keiner von uns die beiden einfach an der Kreuzung stehen lassen wollte.

Lotta hielt ihre Mutter an einer Hand.

Mit der anderen hielt sie meine.

Nadine sah es. Diesmal sagte sie nichts.

Am Tisch bestellte sie Kakao für Lotta und Kaffee für uns. Uwe legte das Boot auf eine Serviette, damit die feuchten Stellen am Rumpf trocknen konnten. Dieter schob seinen Stuhl etwas zurück; er war groß und nahm immer mehr Platz ein, als er wollte.

Eine Weile sprachen wir nur über das Knie und darüber, ob Lotta noch etwas essen mochte.

Dann sah Nadine mich direkt an.

„Was ich am Samstag gesagt habe, war widerlich.“

Ich rührte in meinem Kaffee, obwohl kein Zucker darin war.

„Es war jedenfalls nicht schön.“

Sie nickte. Ich glaube, sie hatte damit gerechnet, dass ich abwinken würde. Das wäre leichter für sie gewesen. Für mich aber nicht wahr.

„Sie hatten ihr geholfen“, sagte sie. „Und ich habe so getan, als müssten wir uns vor Ihnen schützen.“

„Sie kennen mich nicht. Vorsichtig zu sein ist in Ordnung.“

Ich legte den Löffel hin.

„Aber Sie hätten mich fragen können, was passiert ist.“

„Ja“, sagte sie. „Das hätte ich.“

Mehr brauchte es zunächst nicht.

Lotta malte mit einem Stift, den die Bedienung ihr gebracht hatte, Kreise auf eine Papierserviette. Uwe hielt unterdessen den Mast gegen die Bruchstelle und prüfte, wie die Holzfasern zusammenpassten.

„Mein Vater hat bis zuletzt Dinge gebaut“, sagte Nadine nach einer Weile. „Früher war er Betriebsschlosser. Zu Hause konnte er nie still sitzen.“

Ich hob den Blick.

„War ich auch. Schlosser, meine ich.“

Sie schaute auf meine Hände.

Dann lachte sie einmal kurz, ohne Freude.

„Natürlich.“

„Was?“

„Mein Vater hatte auch solche Finger. Als Kind habe ich gedacht, das Dunkle gehört zu seiner Haut.“

Sie strich über den Rand ihrer Tasse.

„Bei ihm fand ich das normal.“

Niemand sagte etwas dazu. Sie hatte es selbst verstanden.

Ihr Vater war im Winter gestorben. Das Boot hatte er schon vorher fertiggestellt und für Lottas Geburtstag zurückgelegt. Nadine hatte es nicht früher hergeben wollen, weil auf der Schachtel stand: „Für Lotta zum sechsten Geburtstag.“

„Er hat ihr immer versprochen, mit ihr zum Teich zu gehen“, sagte sie. „Heute wollte ich das endlich machen. Ich wollte, dass es ein schöner Tag wird.“

„Kann er noch werden“, sagte Dieter.

Das klang bei ihm weder aufmunternd noch besonders gefühlvoll. Eher wie eine nüchterne Feststellung. Gerade deshalb tat es offenbar gut.

Lotta blickte von ihrer Serviette auf.

„Am Samstag feiern wir richtig. Mit Kuchen.“

„Das ist vernünftig“, sagte Uwe. „Dienstags schmeckt Kuchen zwar auch, aber samstags hat man mehr Zeit dafür.“

Sie überlegte kurz.

„Kommt ihr auch? Dann könnt ihr das Boot mitbringen.“

Nadine wurde rot.

„Lotta, die Herren haben vielleicht schon etwas vor.“

Ich hatte nichts vor. Trotzdem lag mir sofort ein ausweichendes „Mal sehen“ auf der Zunge.

Seit dem Tod meiner Frau sagte ich das oft. Einladungen anzunehmen war schwieriger geworden. Man musste sich auf Menschen einstellen, etwas erzählen, hinterher wieder in die leere Wohnung zurückkehren.

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