Sie verachtete seine schmutzigen Hände – bis ihre Tochter genau diese Hände brauchte

Dieter sah mich von der Seite an. Er kannte mich lange genug.

„Ich hätte Zeit“, sagte er.

Uwe nickte.

Nadine sah mich an, diesmal ohne Hast.

„Ich würde mich freuen, wenn Sie kommen. Wirklich.“

Also sagte ich zu.

Bevor wir gingen, bat sie um ein Foto für Lottas Geburtstagsalbum. Wir stellten uns neben die Bank vor der Bäckerei. Lotta bestand darauf, dass das Boot mit aufs Bild kam, obwohl der Mast kaputt war.

„Sonst weiß man später nicht mehr, wie das war“, erklärte sie.

Am Donnerstag trafen Uwe und ich uns in der Werkstatt.

Wir legten ein weiches Tuch auf die Werkbank und darauf das kleine Boot. Am Boden hatte Lottas Großvater seinen Vornamen eingebrannt: Erwin. Daneben stand eine Jahreszahl.

„Saubere Arbeit“, sagte Uwe.

Wir ließen uns Zeit. Der Mast bekam eine Verstärkung, blieb aber derselbe. Die schadhafte Stelle am Rumpf war nur oberflächlich. Wir schliffen nichts weg und lackierten nichts über, was nicht nötig war.

An einer Seite hatte Erwin einen kleinen roten Farbfleck auf dem weißen Rand hinterlassen.

Der blieb ebenfalls.

Ich rief Nadine an, damit sie Lotta sagen konnte, dass das Boot wieder heil werden würde. Am anderen Ende hörte ich das Mädchen fragen, ob wir auch wirklich nichts ausgetauscht hätten.

„Sag ihr, Opa würde sein Boot noch erkennen“, antwortete ich.

Nach dem Telefonat blieb ich noch eine Weile sitzen.

Gustavs Hocker stand neben der Werkbank. Ich schob ihn ein Stück heran und legte die kleine Klemme darauf, die wir später noch brauchten.

Uwe sah es, sagte aber nichts.

Am Samstag kamen wir zu dritt zum Teich hinter den Kleingärten. Nadine hatte mit dem Pächter des benachbarten Gartens vereinbart, dass dort gefeiert werden durfte. Es standen zwei Tapeziertische mit Tischdecken bereit, und auf einer Bank lagen Jacken und Rucksäcke.

Kein großer Aufzug. Ein paar Kinder, etwas Familie, selbst gebackener Kuchen.

Ich trug eine saubere Hose und dieselbe alte Jacke. Lange hatte ich vor dem Kleiderschrank überlegt. Am Ende war mir der Gedanke unangenehm gewesen, mich für diesen Besuch verkleiden zu müssen.

Lotta entdeckte uns am Gartentor.

„Die Ballonmänner sind da!“

So wurden wir an diesem Nachmittag vorgestellt.

Nicht als Reparaturgruppe, nicht mit unseren früheren Berufen. Einfach als die drei Männer, die an der Kreuzung geblieben waren.

Nadine kam uns entgegen und nahm mir die Schachtel mit dem Boot ab.

„Schön, dass ihr da seid.“

Sie sagte inzwischen du.

Ein älterer Herr stand etwas abseits. Er hatte eine schmale Gestalt und hielt eine Kaffeetasse mit beiden Händen. Nadine stellte ihn als Hermann vor, Lottas anderen Opa.

Er gab mir die Hand.

„Ich habe gehört, was passiert ist.“

„Zum Glück ist es gut ausgegangen.“

Er nickte und sah hinüber zu seiner Enkelin.

„Ja. Zum Glück.“

Lotta hatte die Schachtel bereits auf einen Tisch gestellt. Ganz vorsichtig nahm sie das Boot heraus und betrachtete den Mast.

„Da ist ein Strich.“

„Da war es gebrochen“, erklärte Uwe.

Sie fuhr mit dem Fingernagel darüber.

„Aber es hält?“

„Das haben wir ausprobiert.“

Lotta schaute zu ihrer Mutter. Nadine beugte sich über das Boot und betrachtete die kleine Bank, das Segel und schließlich den roten Farbfleck am Rand.

Sie lächelte.

„Den hat Papa beim Streichen gemacht. Er hat sich schrecklich darüber geärgert.“

„Dann ist gut, dass wir ihn drangelassen haben“, sagte ich.

Nadine nickte, ohne aufzusehen.

Am Teich befestigten wir eine dünne Schnur am Boot, damit Lotta es wieder heranziehen konnte. Die Luftballons blieben am Gartentisch. Davon hatte sie für diese Woche genug.

Sie kniete auf einer alten Decke am flachen Ufer. Ihre Mutter blieb direkt neben ihr, während ich das Boot ins Wasser setzte.

Es legte sich kurz auf die Seite, richtete sich auf und schwamm.

Lotta sagte zunächst gar nichts.

Dann drehte sie sich um.

„Mama. Opa hat das richtig gemacht.“

Nadine hielt die Schnur mit ihr zusammen.

„Ja, mein Schatz. Das hat er.“

Ich stand langsam auf und ging ein Stück zurück. Manche Augenblicke muss man nicht mit Worten begleiten.

Hermann stellte sich neben mich.

Eine Zeit lang sahen wir nur zu, wie das kleine Boot am Ende seiner Schnur über das Wasser glitt.

„Ich habe früher auch gebastelt“, sagte er schließlich. „Modelle, hauptsächlich. Kleine Häuser, eine Eisenbahnanlage. Irgendwann habe ich alles auf den Dachboden geräumt.“

„Warum?“

Er hob die Schultern.

„Die Kinder waren groß. Und allein fängt man immer weniger an.“

Ich kannte den Satz, obwohl ich ihn selbst nie so ausgesprochen hatte.

„Dienstags sind wir in der alten Schule“, sagte ich. „Im Werkraum hinten. Du kannst gern vorbeikommen.“

„Ich weiß nicht, ob ich noch viel zustande bringe.“

„Das finden wir raus.“

Er sah mich an und lächelte zum ersten Mal.

Später saßen wir zwischen Kuchentellern und halb leeren Tassen. Dieter ließ sich von einem Kind erklären, weshalb man einen bestimmten Turm aus Bauklötzen nicht anders bauen durfte. Uwe hielt eine Serviette gegen seinen Bart und behauptete, der Kuchen sei schuld an den Krümeln.

Nadine setzte sich neben mich.

„Lotta hat gefragt, ob du böse auf mich bist“, sagte sie leise.

Ich sah zu dem Mädchen hinüber. Es zeigte Hermann gerade, wo der Mast repariert worden war.

„Was hast du gesagt?“

„Dass du einen Grund dazu hättest. Und dass ich mich entschuldigt habe.“

Ich nickte.

„Das war eine gute Antwort.“

Sie faltete ihre Serviette zusammen.

„Ich bin froh, dass du trotzdem gekommen bist.“

„Ich auch“, sagte ich.

Und diesmal meinte ich nicht nur, dass es ein netter Nachmittag gewesen war.

Am folgenden Dienstag stand Hermann kurz nach neun vor unserer Werkstatttür. Unter dem Arm trug er eine Holzkiste mit alten Werkzeugen. Er fragte, ob er zu früh sei.

Dieter zeigte auf die Kaffeemaschine.

„Genau richtig.“

Wir rückten zusammen. Gustav fehlte weiterhin. Das würde sich nicht ändern. Aber sein Hocker blieb an diesem Vormittag nicht leer.

Eine Woche später kamen Nadine und Lotta vorbei. Sie brachten das Foto aus der Bäckerei mit, eingerahmt in einen schlichten Holzrahmen.

Auf der Rückseite hatte Lotta ihren Namen geschrieben. Nadine hatte darunter das Datum ergänzt.

Ich stellte das Bild auf das Regal über meiner Werkbank.

Lotta schaute sich interessiert um. Dann blieb ihr Blick an meiner Hand hängen. Ich hatte gerade eine alte Schublade gerichtet, und unter meinen Nägeln saß wieder dunkler Staub.

„Mama“, sagte sie, „Rolf hat wieder gearbeitet.“

Nadine kam näher.

„Ja, das sehe ich.“

Lotta schob ihre kleine Hand in meine und zog mich zum Regal, weil das Foto ihrer Meinung nach schief stand.

Ihre Mutter hielt den Rahmen fest, während ich ihn gerade rückte.

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