Sie versteckte ihre Operationsnarbe, bis ein alter Schlosser ihr sein eigenes Geheimnis zeigte

„Mütter glauben manchmal, man merkt das nicht.“

Zum ersten Mal ließ Merle den Pullover los. Nicht ganz, aber weit genug, dass ihr Gesicht zu sehen war.

„Mama sagt immer, es ist nicht so schlimm.“

Daria zog scharf die Luft ein.

„Merle, ich wollte doch nur …“

„Ich weiß“, sagte das Mädchen. „Aber für mich schon.“

Es wurde sehr still im Zimmer.

Daria setzte sich langsam aufs Bett. Sie wirkte, als müsste sie erst lernen, die nächsten Worte auszusprechen.

„Dann hab ich dir nicht richtig zugehört“, sagte sie. „Für dich ist es schlimm. Und du darfst das sagen.“

Merle fing wieder an zu weinen. Diesmal schob sie ihre Mutter nicht weg, als die sie vorsichtig an sich zog.

Rolf sah auf seine Mütze und gab ihnen Zeit.

Später fragte Merle ihn, ob die anderen Kinder ihn ausgelacht hätten.

„Ich war schon erwachsen“, antwortete er. „Aber manche Leute haben geguckt. Einer hat einen dummen Spruch gemacht.“

„Was haben Sie dann gesagt?“

„Damals? Gar nichts. Ich bin gegangen und hab mich zu Hause geärgert.“

Das überraschte mich. Ich hatte erwartet, dass er ihr eine Geschichte erzählen würde, in der er besonders schlagfertig gewesen war.

„Und heute?“, fragte Merle.

„Heute könnte ich sagen: Ich hatte einen Unfall. Mehr möchte ich gerade nicht erzählen.“

Sie dachte darüber nach.

„Kann ich das auch sagen?“

„Natürlich. Es ist dein Kopf.“

„Aber ich hatte keinen Unfall.“

„Dann sagst du, dass du operiert worden bist.“

Merle zog die Kapuze ein Stück zurück. Jetzt konnten wir die rechte Seite ihres Kopfes sehen.

Rolf zuckte nicht zusammen und setzte auch nicht dieses besonders freundliche Gesicht auf, das Erwachsene manchmal machen, wenn sie ein Kind nicht erschrecken wollen. Er blieb einfach sitzen.

„Tut es noch weh?“, fragte er.

Sie nickte.

„Und wenn die Ärztin guckt, bestimmt noch mehr.“

Ich ging neben ihr in die Hocke.

„Wir erklären dir vorher jeden Schritt. Und wenn du eine Pause brauchst, sagst du Stopp.“

„Bleibt er hier?“

Sie zeigte auf Rolf.

Er sah mich an, dann Daria.

„Wenn du das möchtest“, sagte er.

Es dauerte noch fast zwanzig Minuten, bis Merle bereit war. Wir vereinbarten, dass sie selbst den Pullover ausziehen durfte und die Ärztin zunächst nur schauen würde.

Rolf saß währenddessen neben ihr und hielt die Hand hin, die sie sich ausgesucht hatte. Seine Finger verschwanden beinahe vollständig in ihrer kleinen Faust.

Merle weinte bei der Untersuchung. Sie sagte zweimal Stopp, und wir machten zweimal Pause.

Als alles vorbei war, fragte sie erschöpft: „War ich jetzt tapfer?“

Rolf beugte sich etwas vor.

„Du hast uns gesagt, was du brauchst. Das war gut.“

Daria fing wieder an zu weinen. Diesmal blieb sie dabei im Zimmer.

Am nächsten Morgen kam Rolf wieder.

Merle hatte ihm durch mich ausrichten lassen, er solle ein Foto mitbringen, auf dem er jung war. Sie konnte nicht glauben, dass er einmal dunkle Haare gehabt hatte.

Er brachte einen vergilbten Abzug mit. Darauf stand ein schmaler junger Mann in einem zu großen Anzug neben einer Frau mit gewellten Haaren.

„Das ist meine Hanne“, sagte er.

„Ihre Frau?“

Er nickte.

„Die hatte aber schöne Haare.“

„Hat sie selbst auch gefunden.“

Merle hielt sich das Foto dicht vors Gesicht.

„Wo ist denn Ihre Narbe?“

Rolf nahm das Bild zurück und betrachtete es.

„Unter den Haaren.“

„Haben Sie die extra so gekämmt?“

Er schwieg kurz.

„Ja.“

Damals dachte ich noch nicht weiter darüber nach.

In den folgenden Tagen lernte Merle, dass Rolf keinen Kaffee mit Zucker trank und trotzdem immer ein Stück Würfelzucker vom Tablett einsteckte. Zu Hause legte er es in eine Dose, weil Hanne das früher so gemacht hatte.

Sie erfuhr auch, dass er eine erwachsene Tochter in Bremen hatte und zwei Enkel, die ihn am Telefon meistens fragten, ob er wieder irgendetwas auseinandergenommen habe.

Rolf lernte dafür, dass Merle keine Rosinen mochte, bei schwierigen Rechnungen die Zunge zwischen die Lippen klemmte und sich vor allem vor der Rückkehr in ihre Klasse fürchtete.

„Was, wenn mich keiner mehr neben sich sitzen lassen will?“

Daria fing schon an, den Kopf zu schütteln. Dann hielt sie inne.

„Dann reden wir darüber“, sagte sie. „Und ich helfe dir.“

Merle sah zu Rolf.

„Früher hatte ich lange Zöpfe.“

„Hab ich auf dem Foto gesehen.“

„Jetzt denken vielleicht alle nur noch an das da.“

Sie zeigte auf ihren Kopf.

Rolf betrachtete die kleine Holzente, die sie gerade mit Buntstiften bemalte.

„Dann müssen sie dich offenbar noch besser kennenlernen.“

Er sagte das so trocken, dass Merle kurz lachte.

Am Donnerstag brachte er ihr eine dunkelblaue Weste mit vielen Taschen. Keine Arbeitskleidung aus einer großen Firma, sondern ein schlichtes Stück, das seine Nachbarin nach seinen Angaben genäht hatte.

Auf der Innenseite stand in sorgfältigen Buchstaben: „Merles wichtige Sachen“.

„Für Stifte, Steine, Bonbonpapier“, sagte Rolf. „Was man eben braucht.“

Merle zog sie an. Die Weste war etwas zu groß.

„Und wofür ist diese Tasche?“

„Weiß ich nicht. Du bist zuständig.“

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