Sie versteckte ihre Operationsnarbe, bis ein alter Schlosser ihr sein eigenes Geheimnis zeigte

Später fand ich darin einen gefalteten Zettel. Merle hatte drei Sätze darauf geschrieben, die wir gemeinsam geübt hatten.

Ich wurde am Kopf operiert.

Du darfst fragen, aber bitte nicht anfassen.

Heute möchte ich nicht darüber reden.

Sie bewahrte den Zettel auf, als wäre er ein Fahrplan für einen Ort, an dem sie noch nie gewesen war.

Nicht jeder Tag wurde gut.

Einmal war Merle so wütend, dass sie die Weste unter das Bett warf. Eine Freundin hatte ihr ein Foto vom Schulfest geschickt, und darauf trugen alle Mädchen bunte Bänder in den Haaren.

„Ich will keine wichtigen Taschen!“, schrie sie. „Ich will einfach wieder meine Haare!“

Rolf hob die Weste auf und legte sie auf den Stuhl.

„Ja“, sagte er. „Das glaub ich dir.“

Er versuchte nicht, sie zum Lachen zu bringen. Er blieb, bis sie nicht mehr allein mit ihrer Wut sein wollte.

An dem Nachmittag erzählte Daria mir auf dem Flur, dass sie nachts inzwischen manchmal vier Stunden am Stück schlafe. Es klang fast wie ein Geständnis.

„Vorher dachte ich immer, ich muss jede Minute stark sein.“

Sie sah durch das Fenster in der Zimmertür. Rolf und Merle spielten ein Kartenspiel, bei dem sie ihm die Regeln offensichtlich nach Bedarf erklärte.

„Bei ihm darf sie einfach schlecht gelaunt sein.“

Knapp zwei Wochen nach unserem ersten Anruf durfte Merle nach Hause.

Rolf stand mit einem kleinen Stoffbeutel im Zimmer. Darin lagen die Holzente, zwei Bücher und die Weste. Er hatte jedes Fach überprüft, damit nichts zurückblieb.

„Wenn du dich etwas eingelebt hast“, sagte er, „gehen deine Mutter, du und ich ein Eis essen.“

„Auch wenn Leute gucken?“

Er setzte seine Mütze auf, nahm sie wieder ab und drehte sie in der Hand.

„Auch dann.“

Sie ließen sich drei Wochen Zeit.

Danach erzählte Daria mir von dem Nachmittag in der kleinen Eisdiele nahe ihrer Wohnung. Merle hatte sich die Weste selbst herausgelegt und lange vor dem Spiegel gestanden.

An der Tür war sie stehen geblieben.

„Vielleicht doch lieber mitnehmen.“

Rolf hatte nicht gedrängt. Er hatte gefragt, ob sie draußen sitzen wolle, drinnen oder erst eine Runde um den Häuserblock gehen.

Schließlich waren sie hineingegangen.

Ein kleiner Junge am Nebentisch hatte auf Merles Kopf gezeigt und laut gefragt, warum dort keine Haare seien. Seine Großmutter hatte sofort nach seiner Hand gegriffen.

Merle war blass geworden.

Dann hatte sie in ihre Westentasche gefasst, den Zettel aber nicht herausgeholt.

„Ich wurde operiert“, hatte sie gesagt. „Am Kopf.“

„Hat das wehgetan?“

„Danach schon.“

Der Junge hatte das offenbar gründlich überlegt.

„Ich hab mal eine Platzwunde gehabt.“

„Dann weißt du ja ein bisschen, wie das ist.“

Wenige Minuten später hatten die beiden darüber gestritten, ob Erdbeere besser sei als Schokolade.

Rolf dagegen hatte kaum etwas gesagt.

„Er saß ohne Mütze da“, erzählte Daria. „Die ganze Zeit.“

Bei Merles Rückkehr in die Schule lief ebenfalls nicht alles glatt.

Ein Kind fragte, ob man sich bei ihr anstecken könne. Ein anderes starrte so lange, dass Merle am Nachmittag wieder unter ihrem Pullover verschwand.

Ihre Klassenlehrerin sprach mit ihr und Daria ab, was die Klasse wissen durfte. Merle wollte keine große Ansprache und auch keinen Empfang, bei dem alle klatschten.

Sie wollte ihren Platz neben ihrer Freundin behalten. Und beim Basteln wieder die gute Schere benutzen dürfen.

Als Rolf das hörte, nickte er.

„Vernünftige Ansprüche.“

Die beiden sahen sich weiterhin. Manchmal kam er nur auf einen Kakao vorbei, manchmal gingen sie mit Daria spazieren. Wenn er einen Termin nicht halten konnte, rief er an und nannte einen neuen.

Merle hörte irgendwann auf, bei jedem Abschied zu fragen, ob er wirklich wiederkomme.

Ein halbes Jahr nach der Operation besuchte sie uns mit ihrer Mutter. Ihre Haare waren nachgewachsen, ungleichmäßig und weich. Über der Narbe trug sie eine kleine Spange, weil ihr die Strähnen sonst ins Auge fielen.

Auf dem Flur saß ein Junge mit einem frisch verbundenen Kopf neben seinem Vater. Er drehte sich weg, als Merle vorbeiging.

Sie blieb stehen, ging aber nicht zu ihm hinüber.

Erst als sein Vater freundlich nickte und der Junge sie ansah, zeigte sie auf ihre Spange.

„Ich war auch hier.“

Er musterte sie misstrauisch.

„Mussten die bei dir auch Haare abschneiden?“

„Ja. Ganz schön viele.“

„Sieht blöd aus.“

Merle überlegte.

„Ich fand es auch blöd.“

Sie setzte sich auf den freien Stuhl zwischen Rolf und ihrer Mutter. Nach einer Weile fragte der Junge, ob bei ihr die Untersuchung wehgetan habe.

Merle sagte, dass sie Angst gehabt hatte und Pausen machen durfte.

Mehr war es nicht. Kein großer Auftritt, kein besonderer Satz. Aber als sie später gingen, winkte der Junge ihr nach.

Ich sah Rolf an. Er räusperte sich und betrachtete sehr genau den Getränkeautomaten.

Die größte Überraschung kam einige Wochen danach.

Daria rief mich an, als ich gerade meine Pause beginnen wollte.

„Du musst Rolf beim nächsten Mal anschauen“, sagte sie. „An der rechten Schläfe.“

Mir wurde sofort unbehaglich.

„Was ist passiert?“

„Nichts Schlimmes. Er hat sich tätowieren lassen.“

Ich musste mich setzen.

„Rolf?“

„Eine kleine grüne Pflanze. Zwei Blätter. Merle hat sie gezeichnet.“

Ich kannte die Zeichnung. Sie war während eines ihrer Besuche entstanden, auf der Rückseite eines alten Einkaufszettels. Unter der Pflanze hatte Merle in ihrer krummen Schrift geschrieben: „Wir wachsen noch.“

Als Rolf am folgenden Donnerstag kam, trug er seine Haare kürzer.

Neben der alten Narbe waren tatsächlich zwei kleine Blätter zu sehen. Darunter standen Merles drei Wörter, sorgfältig und unscheinbar.

„Na?“, fragte er, als er meinen Blick bemerkte.

„Hat bestimmt wehgetan.“

„Ging.“

Er wollte schon zur Spielekiste weitergehen, aber ich hielt ihn mit einer Frage zurück.

„Warum ausgerechnet dort?“

Rolf nahm seine Mütze aus der Jackentasche. Der Stoff am Schirm war längst blank gerieben.

„Weil ich da sonst immer Haare drübergelegt habe.“

Wir setzten uns in den kleinen Aufenthaltsraum. Zum ersten Mal erzählte er mir ausführlicher von der Zeit nach seinem Unfall.

Von Freunden, die ihn besuchten und sich sichtbar bemühten, ihm nicht auf die Schläfe zu schauen. Von seinem Vater, der nur sagte, er solle froh sein, überhaupt noch da zu sein.

„War ich ja auch“, sagte Rolf. „Aber deshalb konnte ich mein Spiegelbild trotzdem nicht leiden.“

Hanne hatte ihn Jahre später kennengelernt. Sie hatte sich an der Narbe nie gestört. Trotzdem war er jahrzehntelang so zum Friseur gegangen, dass die Haare an dieser Stelle länger blieben.

Auf Urlaubsbildern stand er bevorzugt mit der anderen Seite zur Kamera.

„Merle dachte, ich hätte längst verstanden, wie das alles geht“, sagte er. „Dabei war ich bloß älter.“

Ich dachte an das Foto aus seinem Portemonnaie. An den jungen Mann im zu großen Anzug, dessen Narbe man nicht sehen konnte.

„Hast du es ihr gesagt?“

Er nickte.

Merle hatte ihn gefragt, warum er ihr Mut machte, wenn er sich selbst immer noch versteckte.

„Was hast du geantwortet?“

„Dass sie recht hat.“

Er strich sich über die kurzen grauen Haare.

„Da hat sie gesagt, wir könnten es ja beide üben.“

Danach hatte er die Zeichnung mehrere Wochen in seiner Küche liegen lassen. Neben Hannas alter Zuckerdose, wo er sie jeden Morgen sah.

„Und irgendwann bin ich losgegangen.“

Ich fragte ihn, was seine Tochter dazu gesagt hatte.

Zum ersten Mal an diesem Nachmittag grinste er.

„Erst hat sie gefragt, ob ich sonst keine Probleme hätte. Dann wollte sie ein Foto.“

Merle erklärte mir später, dass Rolf die Pflanze nur tragen durfte, weil sie sie ihm ausdrücklich geschenkt hatte.

„Er hat nämlich gefragt“, sagte sie ernst. „Ist ja meine Zeichnung.“

Die Worte darunter fand sie besonders wichtig.

„Er ist zwar schon alt. Aber noch nicht fertig.“

Acht Monate nach der Operation kamen die drei zu einer weiteren Kontrolluntersuchung.

Daria saß im Wartebereich und hielt wieder eine Wasserflasche zwischen den Händen. Rolf stand am Fenster. Merle tat so, als lese sie, hatte aber seit mehreren Minuten dieselbe Seite aufgeschlagen.

Die Angst war nicht verschwunden. Sie gehörte an solchen Tagen noch immer dazu.

Als die Ärztin sie später wieder herausbegleitete, atmete Daria zum ersten Mal sichtbar durch. Der Befund war weiterhin unauffällig, die nächste Kontrolle wurde vereinbart.

Merle lief nicht jubelnd über den Flur. Sie lehnte sich kurz gegen ihre Mutter und hielt deren Jacke fest.

Dann sah sie Rolf an.

„Heute zwei Kugeln?“

„Wenn deine Mutter nichts dagegen hat.“

Daria lachte, noch bevor sie sich die Augen abgewischt hatte.

Beim Abschied zog Merle ihre Weste an. Aus einer Tasche fiel der alte Zettel mit den drei Sätzen.

Die Faltstellen waren weich geworden. An einer Ecke klebte ein kleiner Schokoladenfleck.

„Brauchst du den noch?“, fragte ich und hob ihn auf.

Sie las ihn kurz durch.

„Manchmal.“

Sie steckte ihn wieder ein und ging zur Tür, wo Rolf auf sie wartete.

Draußen blieb er stehen, um seine Mütze aufzusetzen. Merle sah zu ihm hoch.

„Heute mit oder ohne?“

Er überlegte und schob sie schließlich in die Jackentasche.

„Erst mal ohne.“

„Bei mir auch“, sagte sie und zog die Kapuze ihres Pullovers vom Kopf.

Dann nahm sie seine große Hand.

Ich sah ihnen nach, diesem breiten alten Mann und dem kleinen Mädchen in der Weste mit den vielen Taschen. An der Ausgangstür hielt Rolf ihr auf, und Merle wartete, bis er neben ihr war.

Gemeinsam gingen sie zum Eisessen.

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