Als die Kinder das Erinnerungsbild ihres verstorbenen Vaters in eine Pfütze warfen, ahnte die siebenjährige Lena nicht, wer wenige Stunden später vor ihrer Schule stehen würde.
„Dein Vater war doch bloß ein dreckiger Schrauber!“, rief Lukas und grinste. „Und jetzt ist er tot. Wahrscheinlich war er sogar zu blöd, um richtig Motorrad zu fahren!“
Die anderen Kinder lachten.
Lena Seidel stand wie angewurzelt an der Bushaltestelle. Ihre kleinen Finger umklammerten die Träger ihres rosafarbenen Schulranzens. Vor ihren Füßen lag ein zusammengefaltetes Erinnerungsbild, halb im Schlamm, halb in einer Regenpfütze.
Darauf war ihr Papa zu sehen.
Matthias Seidel. Achtunddreißig Jahre alt. Dunkle Haare, ein etwas schiefes Lächeln und diese freundlichen Augen, die Lena so sehr vermisste.
Es war eines der wenigen Bilder, auf denen er nicht seine ölverschmierte Arbeitskleidung trug.
Lena wollte sich bücken und es aufheben. Doch Lukas stellte seinen Schuh darauf.
„Na los, hol’s dir doch!“, sagte er. „Vielleicht kommt dein Papa und hilft dir. Ach nee, geht ja nicht mehr!“
Wieder lachten die anderen.
Lena spürte, wie ihr die Tränen über die Wangen liefen. Aber sie sagte nichts.
Seit zwei Monaten war ihr Papa tot.
Zwei Monate, in denen ihre Mutter nachts in der Küche saß und glaubte, Lena würde schlafen. Zwei Monate, in denen niemand mehr morgens mit ihr am Küchentisch saß und kleine Gesichter auf ihre Frühstückseier malte.
Und zwei Monate, in denen Lukas und seine Freunde immer gemeiner geworden waren.
Anfangs hatten sie nur geflüstert.
Dann hatten sie angefangen, sie wegen der alten Arbeitsjacke ihres Vaters auszulachen, die sie manchmal nach der Schule anzog.
Später machten sie Witze über sein Motorrad, das seit seinem Tod abgedeckt in der Garage stand.
Und heute hatten sie ihr das letzte Erinnerungsbild aus dem Ranzen gerissen.
„Lass das“, flüsterte Lena.
Lukas beugte sich vor.
„Was hast du gesagt?“
Sie hob den Kopf ein kleines Stück.
„Ich möchte das Bild zurück.“
„Dann nimm es doch.“
Er nahm den Fuß herunter. Das Papier war inzwischen ganz aufgeweicht.
Lena kniete sich hin, obwohl ihre Jeans dabei nass wurde. Vorsichtig hob sie das Bild auf und strich mit dem Ärmel darüber.
Das Wasser hatte die Tinte verschmiert.
Das Gesicht ihres Papas war kaum noch zu erkennen.
Da fing sie richtig an zu weinen.
Nicht laut. Nicht so, dass die anderen Kinder sofort aufhörten.
Sondern dieses stille Weinen, bei dem einem die Luft in der Brust wehtut.
Lukas verdrehte die Augen.
„Jetzt heult die schon wieder.“
Was keiner der Kinder bemerkte: Hinter dem Küchenfenster des kleinen gelben Hauses gegenüber stand eine ältere Frau.
Ingrid Peters, zweiundsiebzig Jahre alt, verwitwet, früher Verkäuferin in einer Bäckerei.
Sie hatte alles gesehen.
Und sie hatte genug.
Seit Wochen beobachtete sie, wie die Kinder Lena an der Haltestelle ärgerten. Einmal hatte sie Lukas zur Rede gestellt. Ein anderes Mal hatte sie Lenas Klassenlehrerin angesprochen.
Aber die Sache war schlimmer geworden.
Ingrid kannte Lena, seit das Mädchen geboren worden war. Und sie hatte Matthias gekannt, seit er als schmächtiger Junge auf seinem Fahrrad durch die Straßen des kleinen Ortes am Harz gefahren war.
Sie wusste auch, wie Matthias wirklich gestorben war.
Ganz anders, als die Kinder behaupteten.
Ingrid griff zum Telefon.
Sie wählte eine Nummer, die sie seit Jahren auswendig kannte.
„Karl? Hier ist Ingrid.“
Am anderen Ende meldete sich eine tiefe, brummige Stimme.
„Was gibt’s denn? Ist wieder was mit deiner Heizung?“
„Nein. Es geht um Matthias‘ Kleine.“
Eine Pause.
„Was ist mit Lena?“
Ingrid erzählte ihm, was gerade an der Bushaltestelle passiert war.
Sie erzählte von dem zerstörten Bild, von den Beschimpfungen und davon, dass Lena seit Wochen Angst vor dem Schulbus hatte.
Lange blieb es still.
Dann hörte Ingrid ein schweres Atmen.
„Hat jemand eingegriffen?“, fragte Karl.
„Heute Morgen nicht. Ich war zu spät draußen.“
„Und die Schule?“
„Ich rufe dort gleich noch einmal an.“
Wieder Schweigen.
Schließlich sagte Karl nur: „Gut. Ich kümmere mich um den Rest.“
Dann legte er auf.
Ingrid kannte Karl Hartmann seit mehr als vierzig Jahren.
Und sie wusste, dass dieser Mann selten viele Worte machte.
Aber wenn Karl sagte, dass er sich um etwas kümmerte, dann tat er es auch.
Karl Hartmann war sechsundsechzig Jahre alt.
Er hatte fast sein gesamtes Berufsleben in einer kleinen Kfz-Werkstatt gearbeitet, zunächst als Geselle, später als Meister.
Seine Hände waren breit, voller alter Narben und so rau, dass sie beim Händeschütteln fast wie Schleifpapier wirkten.
Er trug meistens eine dunkelblaue Arbeitsjacke, selbst wenn er längst Feierabend hatte. Sein grauer Bart war kurz und unordentlich, und seine Stimme klang, als hätte er sein Leben lang gegen laufende Motoren anschreien müssen.
Kinder, die ihn nicht kannten, gingen ihm lieber aus dem Weg.
Er lächelte selten.
Er machte keine großen Komplimente.
Und wer sein Werkzeug ungefragt benutzte, bekam einen ordentlichen Anschiss.
Aber wer ihn wirklich kannte, wusste etwas anderes.
Karl war der Mann, der älteren Nachbarn kostenlos die kaputten Gartentore reparierte.
Der im Winter morgens um sechs den Gehweg einer kranken Nachbarin freischaufelte.
Und der an Weihnachten regelmäßig bei Menschen vorbeischaute, von denen er wusste, dass niemand sie besuchen würde.
Karl redete nicht über solche Dinge.
Er machte sie einfach.
Matthias Seidel hatte bei ihm gelernt.
Mit sechzehn war Matthias zum ersten Mal in Karls Werkstatt aufgetaucht, ein langer, dünner Junge mit viel zu großen Arbeitsschuhen und einer Begeisterung für alles, was Räder und einen Motor hatte.
Am ersten Tag hatte er beinahe einen ganzen Kasten Schrauben auf dem Boden verteilt.
Karl hatte geschimpft.
Matthias hatte gelacht.
„Keine Sorge, Meister. Bis Feierabend finde ich die wieder.“
Aus dem Lehrling war ein Geselle geworden. Aus dem Gesellen ein guter Freund.
Später hatte Matthias seine eigene kleine Werkstatt eröffnet.
Die beiden hatten weiterhin jeden Samstag zusammen Kaffee getrunken, meistens zwischen alten Reifen, Werkzeugkisten und halbfertigen Reparaturen.
Sie sprachen über kaputte Motoren, die Preise im Supermarkt, Fußball und darüber, wie schnell die Jahre vergingen.
Und irgendwann auch über Lena.
Karl erinnerte sich noch genau an den Tag, an dem Matthias mit einem Foto des neugeborenen Mädchens in die Werkstatt gekommen war.
„Schau mal, Karl. Meine Tochter.“
Karl hatte auf das winzige Gesicht gesehen.
„Die hat ja kaum Haare.“
Matthias hatte gestrahlt.
„Aber die schönsten Augen der Welt.“
Von diesem Tag an war Lena für Karl die kleine Prinzessin gewesen, obwohl er sie nie so genannt hätte.
Er brachte ihr bei, wie man eine Schraube richtig eindreht.
Er ließ sie auf seinem alten Traktor sitzen, den er hinter der Werkstatt restaurierte.
Und jedes Jahr zu Weihnachten baute er ihr etwas aus Holz.
Einmal ein Puppenbett.
Einmal einen kleinen Kaufmannsladen.
Und als sie sechs wurde, ein Vogelhaus mit einem schiefen Dach, weil Lena unbedingt selbst mithelfen wollte.
Matthias hatte damals gesagt: „Karl, wenn mir mal was passiert, pass ein bisschen auf meine beiden Frauen auf.“
Karl hatte ihn angesehen.
„Red keinen solchen Unsinn. Du bist noch jung.“
Matthias hatte nur gelächelt.
„Versprich’s trotzdem.“
Karl hatte genickt.
„Versprochen.“
Damals hatten beide nicht geahnt, wie bald dieses Versprechen wichtig werden würde.
Matthias starb an einem Samstag im August.
Nach tagelangem Regen war ein Bach im Nachbarort über die Ufer getreten. Keller standen unter Wasser, Straßen waren gesperrt, mehrere ältere Menschen mussten ihre Häuser verlassen.
Matthias hatte gehört, dass Helfer gebraucht wurden.
Er packte seine Gummistiefel ein, küsste seine Frau auf die Stirn und strich Lena durchs Haar.
„Bin heute Abend wieder da, Mäuschen.“
„Bringst du mir was mit?“, hatte Lena gefragt.
„Einen trockenen Papa, wenn ich Glück habe.“
Sie hatten beide gelacht.
Es war das letzte Mal gewesen, dass Lena seine Stimme hörte.
Matthias half an diesem Tag zusammen mit anderen Freiwilligen, Sandsäcke zu tragen und Bewohner aus gefährdeten Häusern zu begleiten.
Gegen Nachmittag wurde eine ältere Frau aus einem Haus geholt, dessen Keller bereits vollgelaufen war.
Matthias half ihr über die beschädigte Außentreppe.
Die Frau kam sicher auf den Gehweg.
Als Matthias zurückging, um den anderen Helfern beim Tragen notwendiger Medikamente und Unterlagen zu helfen, brach ein Teil der alten Treppenkonstruktion weg.
Ein schweres Mauerstück löste sich.
Die Rettungskräfte taten alles, was sie konnten.
Aber Matthias starb noch am selben Tag.
Die alte Frau überlebte.
Bei der Beerdigung standen mehr als zweihundert Menschen auf dem kleinen Friedhof.
Ehemalige Kollegen, Nachbarn, Freunde, Menschen, denen Matthias irgendwann geholfen hatte.
Karl hatte den Sarg mitgetragen.
Sein Gesicht war hart gewesen, fast ausdruckslos.
Doch als der Pfarrer von Matthias‘ Tochter sprach, hatte der große alte Mann plötzlich angefangen zu weinen.
Lena erinnerte sich daran.
Sie hatte noch nie zuvor einen so kräftigen Mann weinen sehen.
Damals verstand sie nicht, warum ausgerechnet Karl, der sonst nie Gefühle zeigte, so sehr zitterte.
Nach der Beerdigung war Karl immer seltener vorbeigekommen.
Nicht, weil er Lena vergessen hatte.
Sondern weil er es nicht ertrug, in die Küche von Matthias zu treten und dessen leeren Stuhl zu sehen.
Er schämte sich dafür.
Jeden Samstag stellte er noch immer zwei Kaffeetassen auf die Werkbank.
Jeden Samstag bemerkte er seinen Fehler.
Und jeden Samstag stellte er eine Tasse wieder weg.
Er hatte versprochen, auf Lena aufzupassen.
Doch in Wirklichkeit hatte er sich selbst zurückgezogen.
Bis zu jenem Morgen, an dem Ingrid ihn anrief.
Karl stand lange in seiner Werkstatt und starrte auf das Telefon.
Dann zog er ein altes Foto aus der Schublade.
Darauf waren er und Matthias zu sehen, beide mit ölverschmierten Gesichtern, die Arme umeinandergelegt.
Matthias grinste breit.
Karl lächelte nur ein bisschen.
Auf der Rückseite stand in Matthias‘ Handschrift:
„Für meinen alten Meister. Ohne dich hätte ich es nie geschafft.“
Karl setzte sich auf seinen Hocker.
Er rieb sich über die Augen.
Dann griff er wieder zum Telefon.
Er rief zuerst Monika an, eine ehemalige Kollegin, die inzwischen in Rente war.
Danach Ralf, der früher mit Matthias gearbeitet hatte.
Dann Stefan, einen Maurer aus dem Nachbarort.
Und schließlich noch einige andere Menschen, die Matthias gut gekannt hatten.
Karl bat nicht um Geld.
Er bat um keine große Veranstaltung.
Er sagte einfach: „Matthias‘ Mädchen braucht uns. Habt ihr heute Nachmittag ein bisschen Zeit?“
Keiner fragte lange nach.
Als Lena an diesem Nachmittag aus der Ganztagsbetreuung kam, hatte sie Bauchschmerzen.
Es war kurz nach halb drei.
Normalerweise freute sie sich um diese Uhrzeit auf zu Hause.
Früher hatte Papa sie manchmal abgeholt, wenn er mit seiner Arbeit rechtzeitig fertig war.
Dann waren sie zusammen zum Bäcker gegangen und hatten sich eine Brezel geteilt.
Er bekam meistens das dicke Mittelstück.
Sie die beiden knusprigen Enden.
Seit seinem Tod fuhr sie jeden Tag mit dem Schulbus.
Und seit einigen Wochen saß Lukas dort oft auf dem Platz, den sie sonst benutzte.
Wenn Lena sich beschwerte, lachte er.
Manchmal zog er auch an ihrem Ranzen.
Heute hatte sie besonders große Angst.
Sie wollte nur noch nach Hause.
Doch als sie durch die Glastür der Schule trat, blieb sie stehen.
Vor dem Gebäude standen Menschen.
Viele Menschen.
Keine Polizisten.
Keine Männer in dunklen Anzügen.
Sondern ganz gewöhnliche Leute.
Einige trugen Arbeitsjacken, andere alte Jeans und feste Schuhe. Da standen ein Maurer mit breiten Schultern, eine Frau mit grauen Locken, ein Tischler mit nur noch wenigen Haaren und ein ehemaliger Lastwagenfahrer, der sich auf einen Stock stützte.
Auch jüngere Leute waren dabei.
Manche kamen direkt von der Arbeit.
Andere waren offenbar extra von zu Hause losgefahren.
Lena erkannte mehrere Gesichter von der Beerdigung ihres Vaters.
Sie wusste nicht, was das alles bedeutete.
Dann trat ein großer Mann nach vorne.
Er trug eine ausgewaschene dunkelblaue Arbeitsjacke und hielt einen neuen rosafarbenen Schulrucksack in der Hand.
Karl.
Lena blieb wie festgewachsen stehen.
Karl ging langsam auf sie zu.
Seine schweren Arbeitsschuhe machten dumpfe Geräusche auf dem Pflaster.
Die Schulleiterin stand ein paar Schritte hinter ihm. Neben ihr wartete Lenas Klassenlehrerin, Frau Mertens.
Karl blieb vor dem Mädchen stehen.
„Na, kleine Maus.“
Lena sah zu ihm auf.
„Hallo, Karl.“
Er betrachtete ihren alten Ranzen. An einem Träger war die Naht eingerissen.
„Hab gehört, du hast ein bisschen Ärger.“
Lena senkte den Kopf.
„Ist nicht so schlimm.“
Karl ging vorsichtig in die Knie.
Seine Gelenke knackten hörbar.
„Lena, schau mich mal an.“
Sie hob die Augen.
Er sprach jetzt ganz leise.
„Du musst vor mir nicht so tun, als wäre alles in Ordnung.“
Da begann ihre Unterlippe zu zittern.
„Die sagen immer so schlimme Sachen über Papa.“
Karl atmete tief durch.
„Was denn?“
„Dass er ein schlechter Mensch war. Weil er immer dreckige Hände hatte. Und weil er Motorrad gefahren ist.“
Sie schluckte.
„Und dass er selber schuld ist, dass er tot ist.“
Karl sah sie lange an.
Dann nahm er ihre kleine Hand.
„Hör mir jetzt gut zu. Dein Papa war einer der anständigsten Menschen, die ich je kennengelernt habe.“
Lena sagte nichts.
„Und weißt du, woran man einen anständigen Menschen erkennt?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Nicht an sauberen Händen. Nicht an einem teuren Auto. Und auch nicht daran, ob einer viel Geld verdient.“
Karl drückte ihre Hand ganz vorsichtig.
„Sondern daran, was er tut, wenn ein anderer Mensch Hilfe braucht.“
Eine Träne rollte über Lenas Wange.
Karl holte ein Taschentuch aus seiner Jackentasche.
Es war frisch gewaschen, aber ein bisschen zerknittert.
„Hier. Das ist noch brauchbar.“
Lena musste trotz ihrer Tränen kurz lächeln.
Dann hielt er ihr den rosafarbenen Rucksack hin.
„Der ist von uns allen.“
Sie sah überrascht auf.
„Für mich?“
„Für wen denn sonst? Ich brauch in meinem Alter keinen rosa Rucksack mehr.“
Ein paar der Erwachsenen lachten leise.
Zum ersten Mal an diesem Tag lachte auch Lena.
„Mach mal auf“, sagte Karl.
Sie öffnete vorsichtig den Reißverschluss.
Ganz oben lag eine kleine dunkelblaue Arbeitsjacke.
Auf der Brust war ein Name aufgestickt.
LENA.
Darunter stand:
„Eine von uns.“
Lena fuhr mit den Fingern über die Buchstaben.
„Die ist ja wie Papas Jacke.“
Karl nickte.
„Fast genauso. Monika hat sie für dich genäht. Hat zwei Abende daran gesessen.“
Aus der Gruppe winkte eine ältere Frau.
„Und wehe, du wächst nächste Woche schon wieder raus!“, rief sie.
Lena lächelte.
Dann entdeckte sie etwas unter der Jacke.
Ein dickes Fotoalbum.
Der Einband war dunkelgrün, die Ecken ein wenig abgenutzt.
Auf der ersten Seite stand:
„Für Lena. Damit du nie vergisst, wie viele Menschen deinen Papa liebhatten.“
Mit zitternden Fingern blätterte sie um.
Da war Papa.
Als junger Lehrling, mit viel zu langen Haaren.
Papa in der Werkstatt.
Papa auf seinem alten Motorrad, das er an schönen Sonntagen gern fuhr.
Papa mit Karl vor einer frisch reparierten Maschine.
Papa, wie er einer Nachbarin das Fahrrad richtete.
Papa auf dem Dorffest.
Und Papa mit einem neugeborenen Baby im Arm.
Lena.
Sie hielt das Album ganz nah an sich.
„Wo habt ihr denn die ganzen Bilder her?“
Karl deutete auf die Menschen hinter sich.
„Von denen. Jeder hat etwas mitgebracht.“
Er zeigte auf den älteren Mann mit dem Stock.
„Der Walter da hinten hat mal fast seinen ganzen Hausstand durch einen Rohrbruch verloren. Dein Papa ist abends nach Feierabend hingefahren und hat ihm geholfen.“
Walter nickte.
„Und hat nicht mal Geld genommen. Nur zwei belegte Brote.“
Karl zeigte auf eine Frau mit grauen Haaren.
„Das ist Marianne. Als ihr Mann krank war, hat dein Papa den Gartenzaun repariert, damit sie sich nicht auch noch darum kümmern musste.“
Marianne wischte sich über die Augen.
„Er hat gesagt, ich soll lieber bei meinem Mann sitzen.“
Lena hörte zu.
Sie kannte ihren Papa als den Mann, der mit ihr auf dem Wohnzimmerboden spielte und ihr die Schuhe band.
Als den Mann, der manchmal schlecht sang, wenn er am Herd stand.
Als den Mann, der sie auf seinen Schultern trug.
Aber sie hatte nicht gewusst, wie viele andere Menschen ihn ebenfalls vermissten.
Karl legte eine seiner großen Hände auf das Fotoalbum.
„Dein Papa war nicht berühmt, Lena. Er war einfach Matthias. Aber für viele von uns war das mehr als genug.“
Inzwischen hatten sich zahlreiche Kinder und Eltern vor der Schule versammelt.
Lukas stand in der Nähe des Schulbusses.
Neben ihm seine Freunde.
Niemand lachte mehr.
Die Kinder starrten auf die Gruppe von Erwachsenen und auf Lena, die mitten zwischen ihnen stand.
Frau Mertens trat näher.
„Lena, deine Mama weiß, dass Karl heute hier ist. Wir haben vorhin mit ihr telefoniert.“
Lena nickte.
„Ist sie nicht böse?“
„Nein“, antwortete Karl. „Sie kommt gleich nach ihrer Arbeit dazu.“
Die Schulleiterin räusperte sich.
„Lena, ich möchte dir auch etwas sagen.“
Das Mädchen sah sie unsicher an.
„Wir haben heute mit mehreren Kindern gesprochen. Und ich muss mich bei dir entschuldigen, weil wir nicht früher erkannt haben, wie schlimm es für dich geworden ist.“
Lena wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.
Erwachsene entschuldigten sich nicht oft bei ihr.
Schon gar nicht die Schulleiterin.
Frau Mertens ging neben ihr in die Hocke.
„Ab morgen werde ich morgens an der Haltestelle nach dir schauen lassen. Und wir werden dafür sorgen, dass du dich im Bus wieder sicher fühlst.“
Karl nickte.
„Gut so.“
Dann wandte er sich wieder Lena zu.
„Komm. Ich möchte dir noch jemanden vorstellen.“
Er nahm sie bei der Hand.
Gemeinsam gingen sie zu den wartenden Erwachsenen.
Einer nach dem anderen begrüßte Lena.
Keiner machte große Reden.
Einige erzählten kleine Geschichten über Matthias.
Ein alter Zimmermann berichtete, dass ihr Vater ihm nach einer schweren Operation wochenlang die Einkäufe vor die Tür gestellt hatte.
Eine Frau erinnerte sich daran, wie Matthias ihrem Sohn half, sein erstes Fahrrad zu reparieren.
Und ein ehemaliger Arbeitskollege erzählte, dass Matthias an seinem letzten Geburtstag lieber für alle in der Werkstatt gekocht hatte, statt Geschenke anzunehmen.
„Der hat einen Topf Erbsensuppe gemacht, da hätten wir drei Tage von essen können“, sagte er.
Karl schnaubte.
„Und versalzen war sie auch.“
Die anderen lachten.
Lena lachte mit.
Es war ein seltsames Gefühl.
Zum ersten Mal seit der Beerdigung sprachen Menschen über ihren Papa, ohne dass sofort alle traurig wurden.
Sie erzählten von seinen Fehlern, seinen schlechten Witzen und seinen manchmal ziemlich verrückten Ideen.
Und Lena merkte, dass ihr das guttat.
Denn ihr Papa war nicht nur der Mann auf dem Grabstein gewesen.
Er war ein Mensch gewesen.
Ein ganz normaler Mensch.
Einer, der Fehler machte, seine Schlüssel verlegte, manchmal ungeduldig wurde und trotzdem von so vielen Menschen geliebt wurde.
Als die Kinder zum Schulbus gingen, blieb Karl mit Lena an der Tür stehen.
Der Fahrer, Herr Becker, öffnete die Tür.
Er war ein ruhiger Mann Anfang sechzig, der die Strecke seit Jahren fuhr.
„Na, Lena“, sagte er freundlich. „Heute hast du aber Besuch bekommen.“
Lena nickte.
Karl sah den Fahrer an.
„Wir haben vorhin miteinander telefoniert.“
Herr Becker wurde ernst.
„Ja. Und ich hätte früher merken müssen, was hier los ist.“
Er sah Lena direkt an.
„Es tut mir leid.“
Lena antwortete leise: „Schon gut.“
„Nein“, sagte Herr Becker. „Gut war das nicht. Aber wir machen es jetzt besser.“
Lena stieg ein.
Wie so oft saß Lukas auf dem Platz hinter dem Fahrer, auf dem sie wegen ihrer Reiseübelkeit normalerweise sitzen durfte.
Herr Becker bemerkte es sofort.
„Lukas, wir haben doch besprochen, dass Lena dort sitzt.“
Der Junge sah erst den Fahrer an, dann durch die offene Tür zu Karl.
Langsam stand er auf.
Er nahm seinen Rucksack und setzte sich ein paar Reihen weiter nach hinten.
Karl blieb draußen.
Er beugte sich nur ein wenig zur Tür hinein.
Seine tiefe Stimme war ruhig.
„Ich möchte euch Kindern etwas sagen.“
Einige blickten aus den Fenstern.
Andere schauten auf ihre Schuhe.
„Jeder von uns hat schon einmal etwas Dummes gesagt. Ich auch. Mehr als einmal sogar.“
Er deutete mit dem Daumen auf sich selbst.
„Manchmal merkt man erst hinterher, wie sehr man damit jemanden verletzt hat.“
Lukas bewegte sich nicht.
Karl fuhr fort.
„Aber über einen Menschen zu lachen, der seinen Vater verloren hat, ist keine Kleinigkeit. Und jemanden wegen seiner Arbeit oder seiner Kleidung schlechtzumachen, auch nicht.“
Seine Stimme wurde etwas fester.
„Ein Mensch ist nicht weniger wert, weil er in einer Werkstatt arbeitet. Oder auf dem Bau. Oder weil er nach Feierabend noch Dreck unter den Fingernägeln hat.“
Karl blickte kurz zu Lena.
„Matthias Seidel war ein guter Vater. Und er war ein guter Freund.“
Dann sah er wieder in den Bus.
„Aber darum geht es nicht allein. Auch wenn er nur ein ganz gewöhnlicher Mann gewesen wäre, hätte niemand das Recht gehabt, über seine Tochter so zu spotten.“
Im Bus war es still.
„Und jetzt hoffe ich, dass ihr miteinander wieder ordentlich umgehen könnt.“
Er machte einen Schritt zurück.
Dann sagte er zu Lena: „Du weißt ja, wo meine Werkstatt ist.“
Sie nickte.
„Und wenn du mich brauchst, rufst du an. Die Nummer steht vorne im Album.“
„Auch abends?“
„Auch abends.“
Sie überlegte kurz.
„Und sonntags?“
Karl verzog den Mund.
„Sonntags eigentlich nur gegen Kuchen.“
Lena musste lachen.
„Mama kann Apfelkuchen backen.“
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