Sie warfen Papas Foto in den Schlamm – doch ein alter Mechaniker griff ein

„Na, dann werden wir uns schon einig.“

Herr Becker schloss vorsichtig die Bustür.

Als der Bus losfuhr, drückte Lena das Gesicht an die Scheibe.

Draußen standen die Menschen, die wegen ihres Vaters gekommen waren.

Einige winkten.

Andere hoben einfach die Hand.

Karl stand ein wenig abseits.

Er hatte die Hände tief in den Jackentaschen vergraben.

Als er bemerkte, dass Lena ihn ansah, hob er zwei Finger zum Gruß.

Dann drehte er sich schnell weg.

Er wollte nicht, dass sie sah, wie ihm die Tränen kamen.

Am Abend saß Lena mit ihrer Mutter am Küchentisch.

Nadine Seidel war sechsunddreißig Jahre alt.

Seit Matthias‘ Tod wirkte sie oft müde, als hätte sie in zwei Monaten mehrere Jahre verloren.

Sie arbeitete vormittags in einer kleinen Bäckerei und nahm gelegentlich zusätzliche Schichten an, um die laufenden Kosten zu decken.

Das Haus war nicht groß.

Aber es war ihr Zuhause.

Matthias hatte vieles darin selbst gebaut.

Die Küchenbank.

Das Bücherregal im Wohnzimmer.

Sogar die kleine Holzleiste neben der Tür, an der sie jedes Jahr Lenas Körpergröße markiert hatten.

An der Wand standen noch die Bleistiftstriche.

Lena, vier Jahre.

Lena, fünf Jahre.

Lena, sechs Jahre.

Der nächste Strich fehlte.

Nadine hatte sich seit der Beerdigung nicht überwinden können, einen neuen zu machen.

An diesem Abend lag das Fotoalbum geöffnet auf dem Tisch.

Lena erzählte ihrer Mutter alles.

Von Karl.

Von den vielen Leuten.

Von den Geschichten über Papa.

Und davon, dass sich sogar der Busfahrer entschuldigt hatte.

Nadine hörte zu, ohne sie zu unterbrechen.

Als Lena die kleine blaue Arbeitsjacke aus dem Rucksack zog, liefen ihrer Mutter die Tränen übers Gesicht.

„Mama, warum weinst du?“

Nadine strich über den aufgestickten Namen.

„Weil ich gerade an deinen Papa denken muss.“

„Vermisst du ihn immer noch?“

Nadine schluckte.

„Jeden Tag.“

Lena rückte näher.

„Ich auch.“

Sie saßen lange schweigend nebeneinander.

Dann sagte Lena etwas, womit Nadine nicht gerechnet hatte.

„Mama, ich dachte, wenn Papa nicht mehr da ist, dann haben wir niemanden mehr, der uns hilft.“

Nadine sah ihre Tochter an.

„Das dachte ich manchmal auch“, gab sie leise zu.

Lena zeigte auf das Fotoalbum.

„Aber das stimmt gar nicht.“

Nadine legte ihren Arm um sie.

„Nein, mein Schatz. Das stimmt nicht.“

Später am Abend klingelte es.

Karl stand vor der Haustür.

In der einen Hand hielt er eine Werkzeugtasche.

In der anderen eine kleine Papiertüte.

„Ich wollte nur mal nach der Heizung sehen“, sagte er.

Nadine musste lächeln.

„Karl, die Heizung funktioniert.“

„Kann ja trotzdem mal jemand nachsehen.“

Er trat ein, zog sorgfältig seine Schuhe aus und blieb im Flur stehen.

Es war das erste Mal seit der Beerdigung, dass er wieder in diesem Haus war.

Sein Blick fiel auf die Jacke von Matthias, die noch immer am Haken neben der Tür hing.

Eine alte graue Arbeitsjacke.

Am Ärmel war ein kleines Loch.

Matthias hatte immer gesagt, er würde es irgendwann zunähen.

Karl schaute lange darauf.

Dann sagte er leise: „Die hat er schon getragen, als er noch bei mir gelernt hat.“

Nadine nickte.

„Ich bringe es nicht übers Herz, sie wegzuräumen.“

„Musst du ja auch nicht.“

Es wurde still.

Schließlich räusperte sich Karl.

„Nadine, ich muss mich bei dir entschuldigen.“

Sie sah überrascht auf.

„Wofür denn?“

„Dafür, dass ich mich so selten hab blicken lassen.“

Er nahm seine Mütze ab und drehte sie zwischen den Händen.

„Ich hab dem Matthias versprochen, dass ich mich um euch kümmere. Und dann hab ich mich verkrochen wie ein alter Feigling.“

Nadine schüttelte den Kopf.

„Karl, du hast ihn doch genauso vermisst.“

Er nickte langsam.

„Ja.“

Seine Stimme brach.

„Das hab ich.“

Nadine ging zu ihm und umarmte ihn.

Zuerst stand Karl ganz steif da.

Dann legte er vorsichtig seine Arme um sie.

„Du bist immer willkommen“, flüsterte Nadine.

Karl sagte eine Weile nichts.

Schließlich brummte er: „Gut. Dann muss ich wenigstens nicht mehr vor der Tür stehen.“

Lena kicherte.

Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die kleine Küche wieder ein bisschen voller an.

Als Karl später seine Werkzeugtasche öffnete, holte er keine Schraubenschlüssel heraus.

Stattdessen zog er eine kleine, flache Blechdose hervor.

Sie war alt, an einer Ecke eingedrückt und mit schwarzem Filzstift beschriftet.

„Für später.“

Nadine runzelte die Stirn.

„Was ist das?“

Karl stellte die Dose auf den Tisch.

„Die lag bei mir in der Werkstatt. Matthias hat sie mir vor ein paar Monaten gegeben.“

Er hielt kurz inne.

„Ich hab sie nach seinem Tod erst mal beiseitegelegt. Konnte einfach nicht rangehen.“

Nadine öffnete vorsichtig den Deckel.

Darin lagen mehrere Dinge.

Ein altes Foto von Lena auf einem Spielplatz.

Ein kleiner Schlüsselanhänger in Form eines Schraubenschlüssels.

Und ein Brief.

Auf dem Umschlag stand:

„Für meine Lena, wenn sie mal groß ist.“

Nadine hielt den Brief in den Händen.

„Wusstest du davon?“

Karl nickte.

„Matthias hat manchmal solche Sachen gemacht. Er wollte Erinnerungen aufheben. Für später, hat er gesagt.“

Lena betrachtete den Umschlag.

„Darf ich den lesen?“

Nadine zögerte.

Dann öffnete sie ihn vorsichtig.

Matthias hatte keine besonders schöne Handschrift.

Manche Buchstaben standen schief.

Aber seine Worte waren deutlich.

„Meine liebe Lena,

wenn du diesen Brief irgendwann liest, bist du vielleicht schon so groß, dass du deinen alten Papa peinlich findest.

Vielleicht willst du dann nicht mehr, dass ich dich vor der Schule umarme.

Vielleicht findest du meine Witze schlecht und meine Musik noch schlechter.

Das wäre schon in Ordnung.

Ich möchte nur, dass du eines nie vergisst.

Du musst nicht die Beste sein.

Nicht die Schönste.

Und auch nicht die Mutigste.

Aber bleib anständig.

Wenn jemand Hilfe braucht und du helfen kannst, dann tu es.

Wenn du einen Fehler machst, gib ihn zu.

Und wenn jemand behauptet, du wärst weniger wert als andere, dann glaub ihm kein Wort.

Du bist mein größtes Glück.

Dein Papa.“

Nadine konnte die letzten Zeilen kaum noch aussprechen.

Lena nahm den Brief vorsichtig in beide Hände.

„Hat Papa das wirklich geschrieben?“

„Ja, mein Schatz.“

Sie strich mit dem Finger über die schiefen Buchstaben.

Dann sah sie Karl an.

„Papa hat gar nicht geschrieben, dass ich keine Angst haben soll.“

Karl schüttelte den Kopf.

„Nein. Weil dein Papa wusste, dass jeder mal Angst hat.“

„Auch du?“

Karl setzte sich langsam auf einen Küchenstuhl.

„Gerade ich.“

Lena sah ihn ungläubig an.

„Aber du bist doch so groß.“

Karl lächelte traurig.

„Große Leute haben manchmal genauso viel Angst wie kleine. Sie zeigen’s bloß nicht immer.“

Lena dachte lange darüber nach.

Dann stand sie auf, ging zu Karl und legte ihre Arme um seinen Hals.

„Danke, dass du gekommen bist.“

Karl schloss für einen Moment die Augen.

„Gern, kleine Maus.“

In dieser Nacht blieb er noch auf ein Stück Apfelkuchen.

Und als er sich verabschiedete, fragte Nadine: „Kommst du Samstag zum Kaffee?“

Karl zögerte nicht.

„Wenn ihr nichts dagegen habt.“

Lena rief aus dem Wohnzimmer: „Aber diesmal musst du zwei Stück Kuchen essen!“

Karl schmunzelte.

„Na gut. Wenn’s unbedingt sein muss.“

Am nächsten Morgen stand Lena wieder an der Bushaltestelle.

Sie trug ihren neuen rosafarbenen Rucksack.

Das Fotoalbum lag sicher zu Hause in ihrem Zimmer.

Nur ein kleines Bild ihres Papas hatte sie mitgenommen.

Karl hatte es am Abend zuvor in eine durchsichtige Schutzhülle gesteckt, damit Regen und Schmutz ihm nichts mehr anhaben konnten.

Lena hielt es in der Jackentasche fest.

Dann sah sie Lukas kommen.

Er war nicht allein.

Seine Mutter begleitete ihn.

Die Frau sah müde und bedrückt aus. Offenbar hatte sie am Vorabend ein langes Gespräch mit ihrem Sohn geführt.

Lukas blieb vor Lena stehen.

Eine Weile sagte niemand etwas.

Dann murmelte er: „Tut mir leid.“

Lena sah ihn an.

„Was?“

Er schluckte.

„Das mit deinem Papa. Und das mit dem Bild.“

Seine Mutter legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Lukas, schau Lena bitte an.“

Der Junge hob den Kopf.

„Es war gemein. Ich hätte das nicht sagen dürfen.“

Lena betrachtete ihn lange.

Dann fragte sie: „Warum hast du es überhaupt gesagt?“

Lukas zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nicht.“

Er schaute auf den Boden.

„Die anderen haben gelacht.“

Lena sagte nichts.

Sie wusste nicht, ob sie ihm schon verzeihen konnte.

Noch am Tag zuvor hatte sie wegen ihm geweint.

Und das Bild ihres Papas war immer noch kaputt.

Schließlich sagte Lukas: „Ich wusste nicht, dass dein Papa so vielen Leuten geholfen hat.“

Lena zog die kleine Fotokarte aus ihrer Tasche.

Sie zeigte ihm das Bild.

Matthias stand darauf vor der Werkstatt.

Er trug seine alte Arbeitsjacke und hatte einen schwarzen Ölfleck auf der Wange.

Er lächelte.

„Das war mein Papa“, sagte Lena.

Lukas nickte.

„Sieht nett aus.“

Lena sah ihn ernst an.

„Er war nett.“

Dann fügte sie hinzu: „Aber selbst wenn er niemandem geholfen hätte, wäre es trotzdem gemein gewesen, so über ihn zu reden.“

Lukas‘ Mutter sah Lena überrascht an.

Sie ging ein Stück in die Hocke.

„Da hast du vollkommen recht.“

Lukas nickte.

„Ich mach’s nicht wieder.“

Lena steckte das Bild zurück.

„Gut.“

Sie waren noch keine Freunde.

Nicht an diesem Morgen.

Aber als der Bus kam, stellte Lukas sich nicht vor Lena.

Und als sie einstiegen, blieb ihr Platz frei.

In der Schule änderte sich nicht alles über Nacht.

So etwas passiert im wirklichen Leben selten.

Einige Kinder waren weiterhin laut.

Manche stritten sich.

Manchmal fiel auch ein gemeines Wort.

Doch Frau Mertens sprach mit der Klasse darüber, wie verletzend Spott sein konnte. Die Schulleitung vereinbarte mit den Eltern und dem Busfahrer klare Regeln für die Fahrten.

Lukas und seine Freunde mussten Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.

Sie entschuldigten sich nicht nur bei Lena, sondern arbeiteten auch daran, ihr Verhalten im Alltag zu ändern.

Es dauerte.

Aber nach und nach wurde es besser.

Lena hörte auf, morgens mit Bauchschmerzen zur Haltestelle zu gehen.

Sie fing wieder an, auf dem Schulhof zu lachen.

Und eines Tages erzählte sie ihrer Mutter ganz nebenbei, dass sie mit Lukas und zwei anderen Kindern Fangen gespielt hatte.

Nadine fragte vorsichtig: „War das schön?“

Lena nickte.

„Ja. Lukas kann ganz schnell rennen.“

Mehr sagte sie nicht.

Für Nadine reichte das.

Karl hielt sein Versprechen.

Zunächst kam er jeden Samstag zum Kaffee.

Dann half er Nadine dabei, einige liegen gebliebene Reparaturen im Haus zu erledigen.

Im Frühjahr baute er zusammen mit Lena einen neuen Zaun um den kleinen Gemüsegarten.

Sie durfte die Schrauben sortieren.

Später auch selbst eindrehen.

Karl war ein strenger Lehrer.

„Nicht so fest, Lena. Nach fest kommt ab.“

„Das hast du schon hundertmal gesagt.“

„Dann solltest du’s inzwischen wissen.“

Wenn Lena einen Fehler machte, schimpfte er manchmal ein bisschen.

Aber er lachte nie über sie.

Und wenn etwas nicht klappte, zeigte er es ihr noch einmal.

So oft, bis sie es konnte.

Manchmal erzählte er von ihrem Vater.

Davon, wie Matthias bei seiner ersten Reparatur eine Schraube so fest angezogen hatte, dass sie abbrach.

Davon, wie er einmal versehentlich zwei verschiedene Schuhe zur Arbeit getragen hatte.

Oder davon, wie er beim Dorffest seiner späteren Frau Nadine zum ersten Mal begegnet war und vor Nervosität fast sein Getränk verschüttet hätte.

Lena liebte diese Geschichten.

Sie konnte manche davon irgendwann selbst erzählen.

Aber sie wollte sie trotzdem immer wieder hören.

Denn jedes Mal, wenn Karl von Matthias sprach, bekam ihr Papa ein kleines Stück Leben zurück.

Nicht wirklich.

Aber in Lenas Erinnerung.

Als Lena zehn Jahre alt war, nahm Karl sie zum ersten Mal zu einem Treffen der ehemaligen Arbeitskollegen ihres Vaters mit.

Einmal im Jahr kamen die Männer und Frauen zusammen, die früher gemeinsam in der Werkstatt gearbeitet hatten.

Sie grillten Würstchen, tranken Kaffee und erzählten Geschichten aus vergangenen Tagen.

Früher war Matthias immer dabei gewesen.

Jetzt saß Lena manchmal auf seinem alten Platz.

Niemand fand das seltsam.

Im Gegenteil.

Monika brachte ihr jedes Jahr einen selbst gebackenen Kuchen mit.

Walter zeigte ihr, wie man einen Fahrradreifen flickt.

Und Karl ließ sie inzwischen auch an kleinere Motoren heran, natürlich nur unter seiner Aufsicht.

Wenn jemand fragte, wer das Mädchen sei, antwortete er:

„Das ist Lena. Matthias‘ Tochter.“

Dann fügte er meistens hinzu:

„Und inzwischen schraubt sie ordentlicher als ihr Vater.“

Lena verdrehte die Augen.

Aber insgeheim war sie stolz.

Mit fünfzehn organisierte Lena zusammen mit ihrer Schule eine Hilfsaktion für Familien, deren Häuser durch ein schweres Unwetter beschädigt worden waren.

Sie sammelten Kleidung, Schulmaterial und Haushaltsgegenstände.

Karl stellte seine alte Werkstatt als Sammelstelle zur Verfügung.

Inzwischen war er längst Rentner.

Die Werkstatt führte ein jüngerer Meister weiter, aber Karl durfte den kleinen Nebenraum noch nutzen.

Dort saß er oft an einem alten Tisch, reparierte kaputte Gartengeräte und behauptete, er hätte keine Zeit für irgendwelche Veranstaltungen.

Trotzdem war er der Erste, der bei Lenas Hilfsaktion auftauchte.

Er brachte zwei große Kartons mit Werkzeugen.

„Falls jemand etwas reparieren muss.“

Lena grinste.

„Du bist doch nur gekommen, weil es Kaffee gibt.“

„Natürlich. Wegen dir doch nicht.“

Sie lachten beide.

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