Sie wollte nur einen Hund adoptieren, doch Juna wartete auf jemanden, den niemand mehr suchte

Sie lief zur Haustür.

Zweimal.

Pause.

Zweimal.

Ingrid brachte sie zurück.

Am nächsten Morgen klingelte um kurz nach acht unser Telefon.

Ich nahm ab.

Eine Frau aus der Tierklinik fragte:

„Haben Sie noch eine gestromte Hündin namens Juna?“

Mir wurde heiß.

„Ja.“

Dann kam der Satz.

„Wir haben noch ihren Welpen.“

Pino lebte.

Seine Lungenentzündung war überstanden.

Aber er hatte weiterhin Probleme beim Schlucken und brauchte besondere Fütterung.

Die geplante Pflegestelle war kurzfristig ausgefallen.

Deshalb hatte die Klinik erneut nach seiner Mutter gesucht.

Ich legte auf und ging in den hinteren Flur.

Juna stand bereits.

Noch bevor jemand die Tür öffnete.

Dann hörten wir draußen eine Transportbox.

Ein leises Scharren.

Und einen dünnen Husten.

Juna schlug zweimal gegen Zwinger 14.

Als Pino hereingetragen wurde, stand niemand mehr ruhig.

Nicht einmal ich.

Er war neun Wochen alt und viel zu klein für sein Alter.

In der großen Box wirkte er fast verloren.

Eine Vorderpfote war weiß.

Sein Kopf lag auf einem zusammengefalteten Handtuch.

Juna ging nicht wild auf ihn los.

Sie bellte nicht.

Sie jammerte nicht.

Sie trat langsam an die Box.

Schnupperte an jeder Öffnung.

Dann tippte sie zweimal mit der Pfote gegen die Kunststofftür.

Pino hob den Kopf.

Ein dünner Ton kam aus seiner Kehle.

Juna sank einfach auf den Boden.

Wir öffneten die Box.

Pino stolperte heraus.

Er drückte die Nase unter Junas Vorderbein.

Sie roch an seinem Kopf.

An seinen Schultern.

Am Rücken.

Am Bauch.

An seinen Pfoten.

Dann wieder am Kopf.

Ich hatte diesen Ablauf schon oft gesehen.

Nur hatte ich ihn nie verstanden.

Sie hatte nicht ihre Welpen gezählt.

Sie hatte Pino kontrolliert.

Immer in derselben Reihenfolge.

Weil er derjenige gewesen war, dessen Atmung sich jederzeit verändern konnte.

Pino hustete.

Juna stieß ihn zweimal mit der Nase an.

Er hob den Kopf.

Ingrid stand neben mir und weinte lautlos.

Nach einer Weile fragte sie:

„Und wohin kommt er jetzt?“

Ich erklärte ihr die Situation.

Pino brauchte mehrere kleine Mahlzeiten täglich.

Er musste beim Fressen aufrecht sitzen.

Danach musste man ihn eine Zeit lang in dieser Position halten.

Man musste auf Husten und Atemprobleme achten.

Ein normaler Welpenalltag würde es zunächst nicht werden.

Ingrid hörte alles an.

Dann fragte sie nach den genauen Abläufen.

Wie oft?

Wie lange?

Woran erkennt man Schwierigkeiten?

Welche Aufzeichnungen sollten geführt werden?

Unsere Tierärztin schaute sie irgendwann an.

„Sie haben früher im medizinischen Bereich gearbeitet, oder?“

Ingrid nickte.

„Mehr als dreißig Jahre mit Atemtherapie. Vor allem mit Kindern.“

Sie hob sofort die Hand.

„Ich weiß, dass ein Hund kein Kind ist. Aber ich kann beobachten. Ich kann Protokolle führen. Und ich gerate nicht sofort in Panik, wenn jemand hustet.“

Dann sah sie zu Juna.

„Eigentlich wollte ich nur einen Hund.“

Kurze Pause.

„Aber Juna wollte offenbar nicht alleine kommen.“

Die Entscheidung fiel nicht sofort.

Es gab Gespräche.

Probeversuche.

Mehrere gemeinsame Besuche in Ingrids Haus.

Beim ersten Mal lag Juna ständig zwischen Pino und der Zimmertür.

Beim zweiten Mal beobachtete sie jede Bewegung, während Ingrid den Kleinen fütterte.

Beim dritten Mal passierte etwas, das mir bis heute im Kopf geblieben ist.

Juna ging zur Haustür.

Zweimal.

Ingrid öffnete.

Draußen stand der Wagen.

Pinos Transportbox lag noch auf der Rückbank.

Ingrid holte sie hinein.

Juna roch daran.

Dann lief sie in das Gästezimmer, legte sich auf ihre gelbe Decke und schloss die Augen.

Sie wollte nicht zurück zum Tierheim.

Sie hatte nur gewartet, bis das letzte Stück mitkam.

Vier Tage später kam Ingrid mit zwei Halsbändern.

Eines war rot.

Das andere weich und blau.

Wir standen alle im Flur, obwohl eigentlich jeder so tat, als müsse er gerade zufällig dort arbeiten.

Juna lief neben Ingrid.

Pino wurde in seiner Box getragen.

Als sie an Zwinger 14 vorbeikamen, blieb Juna stehen.

Mein Herz rutschte mir in die Hose.

Sie ging hinein.

Roch kurz in der hinteren Ecke.

Dann kam sie wieder heraus.

Sie tippte zweimal gegen Pinos Box.

Und ging zum Ausgang.

Diesmal drehte sie sich nicht mehr um.

Die ersten Wochen bei Ingrid waren nicht leicht.

Pino bekam erneut Atemprobleme.

Einmal musste Ingrid nachts mit ihm zur Notfallbehandlung.

An anderen Tagen nahm er kaum zu.

Juna begann Ingrid nachts zu wecken, kurz bevor Pino gefüttert werden musste.

Zweimal mit der Pfote gegen die Schlafzimmertür.

Natürlich konnte sie keine Uhr lesen.

Aber sie kannte den Ablauf.

Wenn Ingrid Pino nach dem Fressen aufrecht hielt, saß Juna daneben.

Wenn der Kleine zu früh aus seiner Fütterungshilfe klettern wollte, stellte sie eine Vorderpfote vor ihn.

Wenn er irgendwo hinter einem Sessel verschwand, suchte Juna zuerst ihn und dann Ingrid.

Ingrid führte Tabellen.

Gewicht.

Futtermenge.

Husten.

Atmung.

Juna führte ihre eigene Liste.

Geruch.

Berührung.

Reaktion.

Zweimal.

Pause.

Zweimal.

Nach einigen Monaten wurde Pino kräftiger.

Er blieb kleiner als seine Geschwister, aber seine Atmung stabilisierte sich.

Auch das Schlucken wurde besser.

In Ingrids stilles Haus zog langsam wieder Alltag ein.

Zwei Näpfe standen neben der Spüle.

Zwei Leinen hingen im Flur.

Klaus’ alte Schuhe standen immer noch unter der Bank.

Pino begann irgendwann, mit dem Kopf auf einem davon zu schlafen.

Ingrid sagte einmal zu mir:

„Früher dachte ich, ich müsste alles wegräumen, damit ich weiterleben kann.“

Sie sah zu den beiden Hunden.

„Jetzt glaube ich, manches darf einfach bleiben.“

Ein Jahr später kamen sie uns besuchen.

Pino war zu einem schlanken jungen Hund geworden.

Juna lief langsam durch den bekannten Flur.

Bis zu Zwinger 14.

Diesmal lag dort ein anderer Hund.

Juna blieb draußen.

Sie wartete.

Ingrid kam mit Pino hinterher.

Der junge Hund stupste seine Mutter mit der weißen Vorderpfote an.

Juna roch an seinem Kopf.

Schultern.

Rücken.

Bauch.

Pfoten.

Dann drehte Pino sich zum Ausgang.

Juna ging mit.

Damals begriff ich endgültig, welchen Fehler wir gemacht hatten.

Wir hatten geglaubt, Juna wolle nicht adoptiert werden.

Wir hatten ihr Verhalten als Angst vor einem neuen Zuhause gesehen.

Als Fixierung.

Als Problem.

Dabei hatte sie nie eine neue Familie abgelehnt.

Sie hatte nur nicht verstanden, warum sie eine Familie akzeptieren sollte, in der jemand fehlte.

Ingrid war bereit gewesen, ihr Zeit zu geben.

Juna war bereit gewesen, zu warten.

Und Pino?

Der war die ganze Zeit unterwegs gewesen.

Nur wusste keiner von ihnen, wann endlich wieder dieselbe Tür aufgehen würde.

Heute schläft Pino oft in seiner alten Transportbox, obwohl er längst viel zu groß dafür ist.

Die Tür bleibt offen.

Juna liegt davor.

Nicht um ihn festzuhalten.

Sie wartet einfach, bis er aufsteht.

Dann riecht sie an seinem Kopf.

An seinen Schultern.

An seinem Rücken.

An seinem Bauch.

An seinen Pfoten.

Zum Schluss stößt Pino einmal mit seiner weißen Pfote gegen ihre Brust.

Juna steht auf.

Und beide laufen gemeinsam den Flur entlang.

Diesmal fehlt niemand.

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