Sie wollten nur einen Kater adoptieren doch das Geheimnis einer blinden Katze veränderte alles

Trotzdem tauchte vor meinem inneren Auge immer wieder Lotte auf.

Dieses kleine schwarze Bündel.

Die trüben Augen.

Das weiße Fleckchen unter ihrem Kinn.

Ich stellte mir vor, wie abends im Tierheim das Licht ausging.

Wie alle Katzen ihre Plätze suchten.

Und wie Lotte in ihrem kleinen Gehege saß und nur hören konnte, was um sie herum geschah.

Vielleicht war sie daran gewöhnt.

Vielleicht kam sie viel besser zurecht, als ich dachte.

Aber ich wurde das Gefühl nicht los, dass wir zu früh gegangen waren.

Nach einer Weile nahm Thomas eine Abfahrt von der Landstraße.

„Wo fährst du hin?“, fragte ich.

„Nur kurz tanken.“

Er hielt an einer kleinen Tankstelle.

Doch statt auszusteigen, stellte er den Motor ab.

Er ließ beide Hände auf dem Lenkrad liegen.

Eine ganze Weile sagte er nichts.

Dann drehte er sich zu mir.

„Sabine, ich muss dir etwas sagen.“

Mein Herz klopfte plötzlich schneller.

„Was denn?“

„Wenn wir jetzt nach Hause fahren, werden wir heute Abend auf dem Sofa sitzen und über diese kleine Katze reden.“

Ich nickte langsam.

„Und morgen früh wahrscheinlich auch“, fuhr er fort.

Mir liefen die Tränen über die Wangen.

Thomas lächelte traurig.

„Ich kenn dich doch seit 34 Jahren.“

„Aber wir haben doch gesagt, nur eine Katze.“

„Ja.“

„Und wenn wir uns übernehmen?“

Er sah auf Emil hinunter.

Der kleine Kater hatte sich inzwischen auf den Rücken gedreht und streckte eine Pfote aus.

Thomas atmete tief durch.

„Dann müssen wir erst mal mit der Tierpflegerin reden. Vielleicht können wir es uns leisten. Vielleicht auch nicht.“

Ich sah ihn an.

„Du würdest wirklich zurückfahren?“

„Ich würde zumindest gern wissen, was die Kleine braucht.“

Dann fügte er hinzu:

„Und ob wir ihr ein gutes Zuhause geben können.“

Ich musste gleichzeitig lachen und weinen.

Mein Mann holte ein Papiertaschentuch aus dem Handschuhfach und reichte es mir.

„Na komm. Sonst sind wir erst da, wenn das Tierheim schließt.“

Wir waren schon fast 45 Minuten unterwegs gewesen.

Nun fuhren wir die ganze Strecke zurück.

Mit jedem Kilometer wurde ich nervöser.

Was, wenn Lotte inzwischen vermittelt worden war?

Natürlich hätte ich mich für sie gefreut.

Aber der Gedanke tat trotzdem weh.

Als wir endlich wieder auf den Parkplatz des Tierheims einbogen, war es bereits später Nachmittag.

Thomas trug Emil hinein.

Ich ging direkt zum Empfang.

Petra schaute überrascht auf.

„Ach, Sie sind ja schon wieder da! Ist etwas mit Emil?“

„Nein“, sagte ich schnell. „Mit ihm ist alles gut.“

Ich holte Luft.

„Wir wollten noch einmal nach Lotte fragen.“

Petras Gesicht wurde weich.

„Natürlich. Kommen Sie.“

Sie führte uns zurück ins Katzenzimmer.

Lotte saß noch immer in ihrem Gehege.

Wieder auf demselben Handtuch.

Wieder ganz hinten.

„Da bist du ja“, flüsterte ich.

Lotte drehte den Kopf.

Petra öffnete die Tür und ließ mich vorsichtig meine Hand hineinhalten.

Das kleine Kätzchen schnupperte daran.

Dann machte es einen zögernden Schritt nach vorn.

Und noch einen.

Schließlich drückte es seine winzige Nase gegen meine Finger.

Ich hätte am liebsten sofort geweint.

Aber Thomas stellte zuerst die vernünftigen Fragen.

Wie sicher musste unsere Wohnung eingerichtet sein?

Konnte Lotte Treppen lernen?

Welche zusätzlichen Untersuchungen waren nötig?

Wie viel Betreuung würde sie brauchen?

Petra erklärte uns geduldig, dass blinde Katzen sich gut orientieren können, wenn Möbel und wichtige Gegenstände möglichst an festen Plätzen bleiben.

Man dürfe sie nicht einfach überraschend hochheben oder irgendwo absetzen.

Man müsse mit ihnen sprechen, auf ihre Reaktionen achten und ihnen Zeit geben.

„Das Wichtigste ist eine ruhige, verlässliche Umgebung“, sagte sie.

Thomas nickte.

„Die könnten wir ihr bieten.“

Ich sah ihn überrascht an.

Er zuckte mit den Schultern.

„Unser Haus ist schließlich nicht besonders groß.“

Petra lächelte.

„Das muss es auch nicht sein.“

Dann fiel mir das kleine Informationsschild an Lottes Gehege auf.

Ich beugte mich vor.

Dort stand ihr Geburtsdatum.

Der 14. April.

Irgendetwas daran kam mir bekannt vor.

Ich schaute auf die Unterlagen, die wir für Emil bekommen hatten.

Auch dort stand der 14. April.

Ich verglich die Angaben noch einmal.

Gleiches Geburtsdatum.

Gleicher Fundort.

Gleicher Tag der Aufnahme ins Tierheim.

Mir wurde ganz merkwürdig.

„Petra?“

„Ja?“

„Kann es sein, dass die beiden zusammengehören?“

Sie trat näher.

Ich zeigte auf die Unterlagen.

Petra las die Angaben und hielt kurz inne.

Dann sagte sie:

„Ach du meine Güte.“

Thomas kam zu uns.

„Was ist denn?“

Petra nahm die Unterlagen und verglich die Einträge.

„Die beiden wurden zusammen aufgenommen. Sie stammen aus demselben Wurf.“

Ich starrte sie an.

„Was bedeutet das?“

Petra blickte erst zu Emil und dann zu Lotte.

„Emil und Lotte sind Geschwister.“

Für einen Moment sagte niemand etwas.

Mir schossen sofort die Tränen in die Augen.

Wir hatten den kleinen Kater mitgenommen.

Und seine blinde Schwester zurückgelassen.

Natürlich hatten wir das nicht gewusst.

Niemand hatte es uns gesagt, weil die beiden in unterschiedlichen Gehegen untergebracht waren.

„Waren sie denn vorher zusammen?“, fragte Thomas.

Petra nickte.

„Als sie hier ankamen, lagen sie oft eng aneinander. Später wurden sie für die Versorgung und Vermittlung getrennt.“

Ich blickte auf die Transportbox.

Emil war inzwischen wach.

Er saß aufrecht und schaute neugierig durch das Gitter.

„Darf er sie hören?“, fragte ich.

Petra überlegte kurz.

Dann stellte sie sicher, dass die beiden zunächst in ihren getrennten, sicheren Bereichen bleiben konnten.

Thomas setzte die Transportbox neben Lottes Gehege.

Und da geschah etwas, das ich bis heute vor Augen habe.

Emil hörte ein leises Miauen.

Sofort richteten sich seine Ohren auf.

Er stand auf und drückte seine Nase an die Tür der Transportbox.

Dann gab er einen kurzen, ungewöhnlich sanften Laut von sich.

Fast wie ein kleines Trillern.

Lotte erstarrte.

Ihr Kopf hob sich.

Sie lauschte.

Emil machte das Geräusch noch einmal.

Und plötzlich bewegte sich Lotte.

Nicht tastend und zögerlich wie vorher.

Sondern erstaunlich schnell.

Sie lief in Richtung seiner Stimme, blieb dicht am Gitter stehen und miaute so laut, wie wir es von ihr noch nicht gehört hatten.

Emil antwortete sofort.

Er schob seine Pfoten gegen die Tür seiner Box.

Lotte setzte sich auf der anderen Seite hin.

Beide machten immer wieder diese kleinen Laute.

Als würden sie sich etwas erzählen.

Ich hielt mir die Hand vor den Mund.

Thomas stand neben mir.

Seine Augen waren feucht.

„Die kennen sich noch“, flüsterte er.

Petra nickte.

„Es sieht ganz danach aus.“

Ich weiß natürlich nicht, was die beiden in diesem Moment empfanden.

Ich kann nicht behaupten, dass Lotte wusste, ihr Bruder würde zurückkommen.

Aber was ich sah, reichte mir.

Diese kleine Katze, die vorher so still gewesen war, hatte plötzlich eine Stimme.

Und Emil wollte gar nicht mehr von ihrer Seite weg.

Thomas legte seinen Arm um mich.

„Sabine“, sagte er leise.

Ich sah zu ihm auf.

„Ja?“

Er räusperte sich.

„Ich glaube, wir sollten den beiden Geschwistern noch eine Chance geben, zusammenzubleiben.“

Ich konnte nichts erwidern.

Ich nickte nur.

Wir besprachen noch einmal alles mit Petra. Auch die laufenden Kosten und die besondere Verantwortung.

Dann füllten wir die zweiten Unterlagen aus.

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