Sie wurde beim Weihnachtsdate sitzen gelassen – dann stellte ein kleines Mädchen ihr diese unfassbare Frage

Lange hatte Sabine geglaubt, solche Abende seien selbstverständlich.

Erst wenn sie vorbei waren, verstand man, dass sie ein Geschenk gewesen waren.

Matthias saß ihr gegenüber.

Später, als Lina mit Helga zum Waschraum ging, sagte er leise:

„Falls Ihnen das alles zu viel wird, sagen Sie einfach Bescheid.“

„Nein.“

Sabine sah Richtung Tür, hinter der Lina verschwunden war.

„Es ist schön.“

Matthias nickte.

Dann schwieg er.

Nach einer Weile fragte Sabine:

„Und Linas Mutter?“

Sein Blick sank auf sein Glas.

„Vor zweieinhalb Jahren gestorben.“

Sabine erschrak.

„Es tut mir leid.“

„Mir auch.“

Er sagte es ohne Bitterkeit.

Nur müde.

„Es ging sehr schnell. Eine Hirnblutung. Morgens war alles normal. Abends war nichts mehr normal.“

Sabine wusste, dass es Sätze gab, auf die keine Antwort passte.

Also sagte sie nichts.

Matthias schien dafür dankbar zu sein.

„Lina war drei. Sie erinnert sich an Kleinigkeiten. Den Geruch ihres Parfüms. Ein Lied. Dass ihre Mutter ihr die Haare anders geflochten hat als ich.“

Er lächelte schwach.

„Meine Zöpfe sind eine Katastrophe.“

„Hab ich gesehen.“

Matthias lachte.

„Danke.“

„Berufskrankheit. Ich sehe alles.“

„Was machen Sie?“

„Ich arbeite auf einer Kinderstation.“

Er sah sie überrascht an.

„Das erklärt einiges.“

„Was denn?“

„Dass Lina nach drei Minuten beschlossen hat, Ihnen ihre Lebensgeschichte zu erzählen.“

Als Lina zurückkam, musste Sabine erzählen, was sie im Krankenhaus machte.

Das Mädchen hörte aufmerksam zu.

„Also machst du Kinder gesund?“

„Ich helfe dabei.“

„Wie eine Superheldin?“

„Eher wie eine Frau mit sehr bequemen Schuhen und viel Kaffee.“

Wilhelm lachte so laut, dass sich zwei Leute vom Nebentisch umdrehten.

Der Nachtisch kam.

Schokoladenkuchen.

Lina bestand darauf, neben Sabine zu sitzen.

Sie teilte ihr Stück tatsächlich mit ihr, obwohl Matthias darauf hinwies, dass Sabine problemlos ein eigenes bestellen könne.

„Geteilt schmeckt besser“, erklärte Lina.

Helga sah das Kind lange an.

Dann sagte sie leise:

„Das hat ihre Mutter auch immer gesagt.“

Für einen Moment wurde es still.

Nicht unangenehm.

Nur ehrlich.

Lina aß weiter.

Nach einigen Minuten fragte sie:

„Sabine?“

„Ja?“

„Hast du Kinder?“

Matthias erstarrte.

„Lina…“

„Nein“, antwortete Sabine.

Das Mädchen dachte nach.

„Wolltest du welche?“

Diesmal wurde es Sabine eng im Hals.

Eine Erwachsene hätte bemerkt, dass diese Frage weh tat.

Lina bemerkte es nicht.

Oder vielleicht bemerkte sie es und hielt Schmerz nicht für etwas, über das man schweigen musste.

„Ja“, sagte Sabine schließlich.

„Sehr sogar.“

„Warum hast du keine?“

Sabine sah auf ihre Hände.

„Manchmal läuft das Leben anders, als man es geplant hat.“

Lina nickte.

„Bei uns auch.“

Matthias sah seine Tochter an.

Keiner sprach.

Dann legte Lina ihre Kuchengabel hin.

„Papa ist auch oft traurig.“

„Lina.“

„Bist du.“

„Das gehört jetzt wirklich nicht…“

„Du sitzt manchmal in der Küche, wenn du denkst, ich schlafe.“

Matthias wurde blass.

Sabine sah weg, um ihm einen Rest Würde zu lassen.

Doch Lina war noch nicht fertig.

„Ich bin auch manchmal traurig, weil Mama nicht mehr da ist.“

Ihre Stimme war jetzt leiser.

„Oma sagt, man darf jemanden vermissen und trotzdem wieder lachen.“

Helga presste die Lippen zusammen.

Wilhelm sah auf seinen Teller.

Dann wandte Lina sich wieder Sabine zu.

„Du bist traurig.“

Sabine nickte.

„Heute war ich das.“

„Papa ist traurig.“

„Manchmal“, sagte Matthias.

„Und ich hätte gern wieder eine Mama.“

„Lina.“

Das Mädchen sah Sabine direkt in die Augen.

„Kannst du meine neue Mama werden?“

Sabine hörte plötzlich jedes Geräusch im Restaurant.

Besteck.

Gläser.

Stimmen.

Eine Kaffeemaschine.

Und gleichzeitig schien alles ganz weit weg zu sein.

Matthias wurde dunkelrot.

Helga hielt sich eine Hand vor den Mund.

Wilhelm blickte angestrengt zur Decke.

Sabine spürte Tränen.

Nicht weil die Frage vernünftig war.

Sie war völlig unmöglich.

Aber weil ein fünfjähriges Kind gerade mit wenigen Worten genau jene Tür geöffnet hatte, die Sabine selbst seit Jahren zugemauert hatte.

Sie ging neben Linas Stuhl in die Hocke.

„Weißt du, Mama zu sein ist etwas sehr Besonderes.“

„Ja.“

„Das kann man nicht einfach nach einem Stück Kuchen entscheiden.“

Lina runzelte die Stirn.

„Warum nicht?“

Sabine lachte durch ihre Tränen.

„Weil dein Papa und ich uns überhaupt nicht kennen.“

Lina dachte nach.

Dann sagte sie:

„Dann müsst ihr euch kennenlernen.“

Wilhelm hustete auffällig in seine Serviette.

Matthias schüttelte den Kopf.

„Ich entschuldige mich morgen noch einmal schriftlich.“

Sabine lachte.

„Nicht nötig.“

„Doch.“

„Papa“, sagte Lina. „Du sagst doch immer, wenn man etwas will, muss man fragen.“

„Das habe ich in einem anderen Zusammenhang gesagt.“

„Aber ich habe gefragt.“

„Das ist leider korrekt.“

Später, als sie ihre Mäntel anzogen, fragte Lina:

„Kommst du mal zu uns?“

Matthias wollte eingreifen.

Sabine kam ihm zuvor.

„Vielleicht.“

Linas Gesicht leuchtete auf.

„Samstag?“

Sabine sah Matthias an.

Er hob hilflos die Hände.

„Offenbar hat sie meinen Kalender übernommen.“

„Samstag“, sagte Sabine.

Draußen verabschiedete sich Helga mit einer Umarmung, obwohl sie Sabine erst seit zwei Stunden kannte.

Dann hielt sie sie kurz zurück.

„Darf ich Ihnen etwas sagen?“

Sabine nickte.

„Ich habe meinen Sohn seit sehr langer Zeit nicht mehr so lachen sehen.“

Sabine wusste nicht, was sie darauf antworten sollte.

Helga drückte ihre Hand.

„Was auch immer daraus wird: Danke, dass Sie heute geblieben sind.“

Am folgenden Samstag fuhr Sabine tatsächlich zu Matthias.

Sie nahm selbst gebackene Plätzchen mit.

Lina zeigte ihr ihr Zimmer, sämtliche Bücher, zwölf Stofftiere und ein Familienbild, das sie für den Kindergarten gemalt hatte.

Darauf standen vier Figuren.

Oma.

Opa.

Papa.

Lina.

Über einer freien Stelle hatte sie einen großen gelben Stern gemalt.

„Was ist das?“, fragte Sabine.

Lina zuckte mit den Schultern.

„Noch frei.“

Matthias hörte es.

Er sagte nichts.

Sabine ebenfalls nicht.

Aus einem Samstag wurden mehrere.

Sabine kam zum Kaffee.

Dann zu einem Spaziergang.

Dann half sie Lina bei einem Bastelprojekt.

Matthias reparierte dafür eines Tages Sabines klemmende Balkontür.

„Du weißt, dass ich auch jemanden hätte rufen können.“

„Ja.“

„Warum hast du es trotzdem gemacht?“

„Weil ich wollte.“

So einfach sagte er das.

Sabine musste sich erst wieder daran gewöhnen, dass Menschen Dinge für sie tun konnten, ohne anschließend etwas dafür zu verlangen.

Matthias erzählte irgendwann von den ersten Monaten nach dem Tod seiner Frau.

Von Fertiggerichten.

Wäschebergen.

Vergessenen Elternabenden.

Von dem Abend, an dem Lina ihn fragte, warum alle anderen Mütter beim Laternenfest anders singen würden als er.

„Ich dachte immer, ich müsste für sie stark sein.“

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