Er saß mit Sabine am Küchentisch.
Lina schlief bereits.
„Irgendwann habe ich verstanden, dass Kinder merken, wenn Stärke nur gespielt ist.“
Sabine nickte.
„Erwachsene übrigens auch.“
Dann erzählte sie ihm ihre Geschichte.
Von den Jahren, in denen sie gehofft hatte.
Von Arztterminen.
Von enttäuschten Erwartungen.
Von ihrer Ehe.
Von dem Satz ihres Mannes, dass er doch keine Kinder mehr wolle.
Und von ihrem Gefühl, anschließend nicht nur ihren Mann verloren zu haben, sondern gleichzeitig die Zukunft, die sie sich vorgestellt hatte.
Matthias nahm ihre Hand.
Kein großer romantischer Moment.
Kein Kuss.
Nur seine Hand auf ihrer.
Warm.
Ruhig.
„Das war grausam“, sagte er.
Sabine schüttelte den Kopf.
„Er durfte seine Meinung ändern.“
„Natürlich.“
Matthias sah sie an.
„Aber du darfst trotzdem traurig darüber sein.“
Sabine weinte an diesem Abend zum ersten Mal seit Monaten nicht aus Einsamkeit.
Sondern weil jemand verstanden hatte, dass Vernunft und Schmerz gleichzeitig existieren konnten.
An Heiligabend lud Matthias sie ein.
Helga und Wilhelm waren ebenfalls da.
Auf dem Tisch standen Kartoffelsalat, Braten, Gemüse und viel zu viele Plätzchen.
Wilhelm behauptete, das gehöre zur Tradition.
Helga behauptete, Wilhelm habe gerade eine Tradition erfunden.
Lina schenkte allen selbst gebastelte Anhänger.
Auf Sabines stand:
„Für Sabine.“
Darunter hatte sie ein Herz gemalt.
Nach dem Essen holte Lina ein Buch.
Sie setzte sich ohne zu fragen auf Sabines Schoß.
Sabine begann vorzulesen.
Nach einigen Seiten spürte sie, wie Matthias neben ihr Platz nahm.
Seine Schulter berührte ihre.
Niemand kommentierte es.
Und genau deshalb fühlte es sich so richtig an.
Später brachte Matthias Lina ins Bett.
Als er zurückkam, saß Sabine allein im Wohnzimmer und betrachtete den Weihnachtsbaum.
Einige Anhänger waren schief.
Eine Lichterkette funktionierte nur auf der linken Seite.
Unter dem Baum lagen Geschenkpapierfetzen.
Nichts sah perfekt aus.
Sabine dachte plötzlich, dass sie jahrelang nach einem perfekten Leben getrauert hatte.
Vielleicht war das ihr Fehler gewesen.
Vielleicht bestand Glück nicht darin, dass alles so kam, wie man es geplant hatte.
Vielleicht bestand es darin, irgendwann aufzuhören, das wirkliche Leben mit einem alten Entwurf zu vergleichen.
Matthias setzte sich neben sie.
„Sie fragt übrigens immer noch.“
Sabine wusste sofort, was er meinte.
„Nach der Mama-Sache?“
„Fast jeden Abend.“
Sabine lächelte.
„Was sagst du?“
„Dass Erwachsene Zeit brauchen.“
„Kluge Antwort.“
„Sie hält sie für völlig unsinnig.“
„Das klingt nach Lina.“
Matthias wurde ernst.
„Ich sage ihr auch, dass niemand ihre Mutter ersetzen kann.“
Sabine nickte.
„Das sollte auch niemand.“
„Aber…“
Er zögerte.
„Ich sage ihr, dass eine Familie größer werden darf, ohne dass jemand dadurch vergessen wird.“
Sabine sah ihn an.
Matthias atmete tief ein.
„Sabine, ich weiß nicht, wohin das führt.“
„Ich auch nicht.“
„Ich habe Angst davor.“
„Ich auch.“
Er lächelte.
„Sehr beruhigend.“
Sabine lächelte zurück.
„Wir sind eben zwei mutige Menschen.“
Dann nahm Matthias ihre Hand.
„Aber ich weiß, dass ich mich freue, wenn du kommst.“
Sabines Herz schlug schneller.
„Ich freue mich auch.“
„Und ich merke, dass das Haus anders ist, wenn du hier bist.“
„Besser oder schlimmer?“
„Lauter.“
„Das klingt nicht romantisch.“
„Wärmer.“
Jetzt schwieg Sabine.
Matthias sah sie an.
„Ich dachte lange, nach meiner Frau dürfte ich niemanden mehr so ansehen.“
„Warum?“
„Weil es sich wie Verrat angefühlt hat.“
Sabine kannte diese Art Schuld.
Nicht dieselbe Geschichte.
Aber dasselbe Gefängnis.
„Vielleicht wäre es eher ein Verrat am Leben, wenn du nie wieder jemanden so ansehen würdest.“
Matthias schluckte.
Dann küsste er sie.
Kein dramatischer Filmkuss.
Nur vorsichtig.
Fast fragend.
Sabine war 48 Jahre alt.
Und plötzlich fühlte sie sich nicht zu alt.
Nicht beschädigt.
Nicht wie eine Frau mit „zu viel Vergangenheit“.
Sie fühlte sich einfach lebendig.
Die folgenden Monate waren nicht märchenhaft.
Das war vielleicht das Schönste daran.
Es gab Streit.
Matthias war chaotischer, als Sabine erwartet hatte.
Sabine war kontrollierter, als Matthias ertragen konnte.
Lina bekam eine Phase, in der sie alles selbst entscheiden wollte.
Einmal schrie sie Sabine an:
„Du bist gar nicht meine Mama!“
Danach rannte sie in ihr Zimmer.
Sabine stand wie versteinert im Flur.
Der Satz traf genau die Stelle, an der ihre größte Angst saß.
Matthias wollte sofort hinter Lina her.
Sabine hielt ihn zurück.
„Lass mich.“
Sie ging ins Kinderzimmer.
Lina saß unter ihrer Decke.
Sabine setzte sich auf den Boden.
„Du hast recht.“
Keine Antwort.
„Ich bin nicht deine Mama.“
Unter der Decke bewegte sich etwas.
„Deine Mama war deine Mama. Sie bleibt es.“
Lina schob langsam den Kopf hervor.
„Bist du jetzt böse?“
„Ein bisschen verletzt.“
„Tut mir leid.“
Sabine nickte.
„Aber weißt du was? Menschen können sich liebhaben, auch wenn sie manchmal gemeine Sachen sagen.“
Lina kroch aus dem Bett.
„Gehst du jetzt weg?“
Da verstand Sabine.
Es hatte nie wirklich um den Streit gegangen.
Es ging um Verlust.
Ein Kind, das einmal erfahren hatte, dass ein geliebter Mensch verschwinden konnte, testete manchmal, ob andere ebenfalls gingen.
Sabine öffnete die Arme.
„Nein.“
Lina kam zu ihr.
„Versprochen?“
Sabine hielt kurz inne.
Sie hatte gelernt, vorsichtig mit großen Versprechen zu sein.
Dann sagte sie:
„Ich verspreche dir, dass ich nicht wegen eines Streits einfach verschwinde.“
Lina drückte ihr Gesicht an Sabines Schulter.
Ein halbes Jahr nach jenem Abend im Restaurant zog Sabine bei Matthias ein.
Nicht weil Lina darauf bestand.
Nicht weil Weihnachten gewesen war.
Nicht weil zwei einsame Menschen unbedingt jemanden brauchten.
Sondern weil sie sich inzwischen kannten.
Mit Macken.
Mit Erinnerungen.
Mit Ängsten.
Und mit Vergangenheit.
Gerade deshalb.
Beim Umzug trug Lina nur die leichtesten Kartons, erklärte aber allen, wo Möbel stehen sollten.
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