Sieben Tage lang suchten wir verzweifelt unseren verschwundenen Hund. Als wir ihn endlich fanden, lag neben ihm ein verletztes Fohlen, und Balu wollte nicht mitkommen.
„Balu! Komm her, mein Junge! Bitte!“
Meine Stimme zitterte, als ich meinen Hund in dem halb eingestürzten Stall entdeckte. Ich wollte zu ihm laufen, ihn in die Arme schließen und endlich nach Hause bringen.
Doch Balu blieb stehen.
Er sah mich an, wedelte einmal schwach mit dem Schwanz und stellte sich dann wieder vor das kleine Fohlen, das hinter ihm im Stroh lag.
In diesem Augenblick begriff ich etwas, das ich niemals vergessen werde.
Mein Hund hatte uns nicht vergessen. Er hatte sich auch nicht verlaufen.
Er war freiwillig geblieben.
Sieben Tage und sieben Nächte.
Und der Grund dafür lag direkt hinter ihm.
„Klaus, warte“, flüsterte meine Frau Monika und hielt mich am Arm fest. „Schau dir das Fohlen an.“
Das kleine Tier lag zwischen zerbrochenen Holzbalken und altem Stroh. Sein Fell war schmutzig, die Augen halb geschlossen. Das linke Hinterbein war stark angeschwollen.
Es versuchte, den Kopf zu heben, schaffte es aber kaum.
Neben ihm stand Balu, unser elfjähriger Shar-Pei.
Seine Hautfalten waren voller Staub. Er war erschreckend dünn geworden. An seinen Pfoten klebte getrockneter Schlamm.
Aber seine Augen waren wach.
Und sie beobachteten jede unserer Bewegungen.
„Ganz ruhig, Balu“, sagte ich und ging langsam in die Knie. „Ich bin’s doch. Dein Klaus.“
Er erkannte meine Stimme sofort.
Für einen kurzen Moment sah ich meinen alten Balu wieder. Den Hund, der morgens vor meinem Bett wartete und jeden Abend neben meinem Sessel einschlief.
Sein Schwanz bewegte sich.
Dann kam er langsam auf mich zu und drückte seine faltige Schnauze gegen meine Hand.
Ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten.
„Ach, mein Junge“, flüsterte ich. „Wo warst du nur? Wir haben dich überall gesucht.“
Ich strich über seinen Rücken und spürte jede einzelne Rippe.
Sieben Tage ohne richtiges Futter. Sieben Tage draußen. Sieben Tage voller Angst, während wir nicht wussten, ob er überhaupt noch lebte.
Und trotzdem ging Balu nach wenigen Sekunden wieder zu dem Fohlen zurück.
Er legte sich neben seinen Kopf.
Als wollte er sagen: Ich komme mit euch. Aber erst, wenn ihr ihm geholfen habt.
Alles hatte eine Woche zuvor begonnen.
Wir wohnen in einem kleinen Dorf am Rand des Sauerlands. Unser Haus liegt an einer ruhigen Straße, dahinter beginnen Wiesen, Felder und ein Waldstück.
Balu kannte jeden Weg.
Seit elf Jahren gehörte er zu unserer Familie.
Er war kein besonders schneller Hund mehr. Seine Gelenke waren steif geworden, und auf längeren Spaziergängen blieb er manchmal stehen, bis ich ihn einholte.
Aber er war treu.
Wenn Monika im Garten arbeitete, lag er neben ihr. Wenn ich in der Garage etwas reparierte, schlief er vor der Tür.
Und abends wollte er nichts anderes, als bei uns sein.
An jenem Dienstag war plötzlich das Gartentor offen geblieben.
Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit.
Als ich nach Balu rief, kam keine Antwort.
Zuerst dachte ich, er sei nur zum Nachbarn gelaufen.
Doch dort war er nicht.
Auch nicht am Feldweg.
Auch nicht bei der alten Scheune, an der er früher so gern schnüffelte.
Am Abend suchten wir mit Taschenlampen.
Monika rief seinen Namen, bis ihre Stimme heiser wurde.
Am nächsten Morgen hängten wir Suchzettel im Dorf auf. Beim Bäcker, am Gemeindehaus und am Schwarzen Brett des kleinen Supermarkts.
„ALTER SHAR-PEI VERMISST. HÖRT AUF BALU.“
Darunter standen unsere Telefonnummer und ein Foto.
Viele Menschen halfen uns.
Unser Nachbar Peter fuhr die Feldwege mit seinem Fahrrad ab. Eine junge Frau aus dem Dorf suchte mit ihrem Hund am Waldrand. Sogar Leute, die wir kaum kannten, meldeten sich.
Doch niemand hatte Balu gesehen.
Nach vier Tagen konnte Monika kaum noch schlafen.
Jedes Mal, wenn draußen ein Auto hielt, lief sie zum Fenster.
Jedes Mal, wenn irgendwo ein Hund bellte, wurde sie still.
Am sechsten Abend saß sie am Küchentisch und hielt Balus alte Leine in den Händen.
„Klaus“, sagte sie leise, „glaubst du, dass er noch lebt?“
Ich wollte sofort Ja sagen.
Aber ich konnte nicht.
Stattdessen setzte ich mich neben sie und nahm ihre Hand.
Am siebten Tag kam endlich der Anruf.
Eine Frau namens Kathrin, die ehrenamtlich bei der Suche nach vermissten Tieren half, hatte etwas gehört.
Ein Spaziergänger hatte in der Nähe eines verlassen wirkenden Hofgebäudes einen Hund gesehen.
Einen kräftigen, faltigen Hund mit dunkler Schnauze.
Etwa acht Kilometer von unserem Haus entfernt.
„Wir fahren sofort hin“, sagte ich.
Als wir auf dem alten Hof ankamen, standen bereits zwei Helfer vor einem beschädigten Stall.
Ein Teil des Daches war eingestürzt. Bretter lagen auf dem Boden, und eine Seitenwand war mit Absperrband gesichert.
Kathrin zeigte auf einen schmalen Zugang.
„Wir haben dort drinnen etwas gehört“, sagte sie. „Aber wir wissen noch nicht, was genau passiert ist.“
Dann hörte ich es.
Ein leises Winseln.
Balu.
Ich hätte diese Stimme unter hundert anderen erkannt.
Wenige Minuten später standen wir vor ihm und dem verletzten Fohlen.
Kathrin näherte sich vorsichtig.
Balu hob sofort den Kopf.
Er knurrte nicht. Er zeigte keine Zähne.
Aber er stellte sich zwischen sie und das kleine Tier.
„Er passt auf“, sagte Kathrin erstaunt. „Er glaubt wahrscheinlich, dass er es beschützen muss.“
Ich legte Balu die Hand auf den Rücken.
„Es ist gut, mein Junge. Die wollen helfen.“
Er blickte zu mir.
Dann trat er langsam zur Seite.
Gerade weit genug, damit Kathrin das Fohlen untersuchen konnte.
„Wir brauchen einen Tierarzt“, sagte sie sofort. „Das Bein sieht nicht gut aus.“
Während die Helfer telefonierten, erfuhren wir, was auf dem Hof geschehen war.
Der Hof gehörte dem 74-jährigen Walter Neumann und seiner Frau Ingrid.
Sie hielten seit vielen Jahren einige Pferde.
Eine Woche zuvor war ein alter Teil des Stallgebäudes eingestürzt. Walter war dabei verletzt worden und musste ins Krankenhaus.
Die Pferde waren durch den Lärm in Panik geraten und aus dem beschädigten Bereich geflüchtet.
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