Fast alle wurden später wieder eingefangen.
Nur ein vier Monate altes Fohlen blieb verschwunden.
Die Familie hatte angenommen, dass es beim Einsturz ums Leben gekommen war oder irgendwo außerhalb des Hofes lag.
Niemand hatte bemerkt, dass es hinter den heruntergefallenen Balken noch einen geschützten Hohlraum gab.
Genau dort hatte Balu es gefunden.
Vermutlich war er zufällig am Hof vorbeigekommen und hatte die Hilferufe des kleinen Tieres gehört.
Was danach geschah, konnte uns niemand genau erklären.
Aber die Spuren waren deutlich.
Im Stroh gab es eine festgedrückte Stelle direkt neben dem Fohlen, groß genug für Balu.
Dort hatte er offenbar immer wieder gelegen.
An der Eingangsstelle fanden wir seine Pfotenabdrücke.
Und rund um das Gebäude entdeckten die Helfer weitere Tierspuren.
„Hier waren wahrscheinlich Füchse unterwegs“, sagte einer der Männer. „Vielleicht auch andere Wildtiere.“
Ob Balu tatsächlich eines davon vertrieben hatte, wusste niemand.
Aber eines war sicher.
Er hatte den Platz neben dem Fohlen nicht verlassen.
Nicht, um nach Hause zurückzukehren.
Nicht, obwohl er selbst immer schwächer geworden war.
Und nicht einmal jetzt, als ich endlich vor ihm stand.
Die Rettung dauerte fast zwei Stunden.
Zuerst mussten die Helfer einige lose Holzteile sichern. Danach konnte der Tierarzt das verletzte Bein vorsichtig stabilisieren.
Das Fohlen war viel zu schwach, um selbst aufzustehen.
Gemeinsam hoben sie es auf eine spezielle Transporttrage.
Balu beobachtete jede Bewegung.
Als das kleine Tier plötzlich einen schwachen Laut von sich gab, stand er sofort auf.
Sein ganzer Körper spannte sich an.
„Schon gut, Balu“, sagte ich. „Sie bringen deinen kleinen Freund in Sicherheit.“
Er schien meine Worte nicht zu verstehen.
Aber meine Stimme beruhigte ihn.
Als die Helfer das Fohlen zum Transportwagen trugen, folgte Balu ihnen.
Schritt für Schritt.
Obwohl er kaum noch Kraft hatte.
Er wollte sehen, wohin sie das Tier brachten.
Erst als die Transportklappe geschlossen wurde, ließ er sich von mir zum Auto führen.
Monika hatte ich inzwischen angerufen.
Sie nahm sofort ab.
„Klaus? Habt ihr ihn gefunden?“
„Ja.“
Mehr brachte ich zunächst nicht heraus.
„Lebt er? Bitte sag mir, dass er lebt.“
„Er lebt, Monika.“
Am anderen Ende hörte ich sie schluchzen.
„Und weißt du was?“, sagte ich schließlich. „Unser Balu hat etwas Unglaubliches getan.“
In der Tierklinik bestätigte sich, wie ernst die Lage gewesen war.
Das Fohlen hatte einen Bruch am linken Hinterbein. Es war stark geschwächt und ausgetrocknet.
Die Tierärztin, Frau Dr. Fischer, untersuchte es gründlich.
„Es braucht eine Operation“, erklärte sie. „Aber die Aussichten sind besser, als ich nach diesem Zustand zunächst befürchtet hatte.“
Dann sah sie Balu an, der neben meinem Stuhl lag.
„Ihr Hund hat offenbar sehr lange bei ihm ausgeharrt.“
„Sieben Tage“, antwortete ich.
Die Tierärztin schüttelte langsam den Kopf.
„Das ist bemerkenswert.“
Auch Balu wurde untersucht.
Er hatte deutlich abgenommen und war ausgetrocknet. An seinen Pfoten fanden sich kleine Risse und Schürfwunden.
Zum Glück waren keine schweren Verletzungen dabei.
Er bekam Flüssigkeit, Ruhe und zunächst kleine Portionen Futter.
Als ihm eine Mitarbeiterin Wasser hinstellte, trank er so hastig, dass sie den Napf kurz zurücknehmen musste.
Mir brach beinahe das Herz.
Ich dachte daran, wie oft ich mich früher darüber geärgert hatte, dass Balu beim Fressen kleckerte.
Jetzt hätte ich alles dafür gegeben, ihn wieder unbekümmert an seinem Napf stehen zu sehen.
Am Nachmittag rief ich im Krankenhaus an.
Ich wollte Walter Neumann persönlich erzählen, dass sein Fohlen lebte.
Als er ans Telefon kam, klang seine Stimme müde.
„Herr Neumann? Mein Name ist Klaus Weber. Wir haben heute auf Ihrem Hof ein kleines Fohlen gefunden.“
Es wurde still.
Dann hörte ich ein scharfes Einatmen.
„Ein Fohlen?“
„Ja. Es lebt. Es wird gerade tierärztlich versorgt.“
Lange sagte er nichts.
Schließlich fragte er: „Ist es braun? Mit einem weißen Fleck auf der Stirn?“
„Genau.“
Der alte Mann begann zu weinen.
„Dann ist es unser Fiete.“
Seine Stimme brach.
„Er ist erst vier Monate alt. Seine Mutter Frieda war nach dem Einsturz völlig außer sich. Wir haben überall gesucht. Ich dachte, wir hätten ihn verloren.“
Ich erzählte ihm von Balu.
Davon, wie wir die beiden gefunden hatten.
Und davon, dass unser Hund offenbar eine ganze Woche bei Fiete geblieben war.
Walter hörte schweigend zu.
Dann fragte er: „Wie heißt dieser Hund?“
„Balu.“
„Balu“, wiederholte er langsam.
„Dann möchte ich ihm irgendwann persönlich danken.“
Drei Tage später durften wir Balu nach Hause bringen.
Monika saß auf der Rückbank neben ihm.
Sie hatte seine alte graue Decke mitgenommen, die er schon seit Jahren liebte.
Balu legte den Kopf darauf und schloss die Augen.
Während der ganzen Fahrt hielt Monika eine Hand auf seinem Rücken.
Ab und zu beugte sie sich zu ihm herunter und küsste seine faltige Stirn.
Zu Hause ging Balu direkt ins Wohnzimmer.
Zu seinem Platz neben dem Ofen.
Er drehte sich dreimal im Kreis, wie er es immer getan hatte, legte sich hin und schlief.
So tief, dass er nicht einmal aufwachte, als der Nachbar an der Tür klingelte.
Ich setzte mich auf den Boden neben ihn.
Lange beobachtete ich, wie sich sein Brustkorb hob und senkte.
Sieben Tage hatte ich mir vorgestellt, was alles passiert sein könnte.
Jetzt lag er wieder vor mir.
Mein alter, sturer, wunderbarer Hund.
Und ich war einfach nur dankbar.
In den folgenden Wochen erfuhren wir regelmäßig Neuigkeiten von Fiete.
Die Operation war gut verlaufen.
Sein Bein heilte langsam, und die Tierärztin war zuversichtlich.
Walter durfte inzwischen ebenfalls das Krankenhaus verlassen.
Seine Frau Ingrid kümmerte sich mit Unterstützung der Familie um den Hof.
Fast jeden Sonntag rief Walter bei uns an.
Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.






