Vier Jahre Hoffnung: Wie Nacho nach Hause fand und zwei Leben wieder heilte

Vier Jahre lang hatte ich meinen verschwundenen Kater gesucht. Dann rief ich auf einem fremden Parkplatz seinen Namen, und das abgemagerte Tier erstarrte mitten im Schritt.

Ich wollte eigentlich nur einer Kollegin ein paar Einkäufe vorbeibringen. Sie hatte sich den Knöchel verletzt und wohnte in einer kleinen Wohnanlage am Rand von Hannover.

Als ich auf den Parkplatz fuhr, sah ich zwischen zwei Autos etwas Orangefarbenes vorbeihuschen.

Zuerst dachte ich mir nichts dabei.

Es war nur ein Kater.

Dünn, schmutzig und vorsichtig. Sein Schwanz hing wie ein altes Stück Seil hinter ihm her.

In den vergangenen vier Jahren hatte ich unzählige orangefarbene Katzen gesehen. Jedes verschwommene Foto in einer Nachbarschaftsgruppe ließ mein Herz schneller schlagen. Sobald jemand anrief und sagte: „Ich glaube, ich habe deinen Kater gesehen“, fuhr ich los.

Es war nie meiner.

Deshalb hätte ich weiterfahren sollen.

Stattdessen trat ich so stark auf die Bremse, dass die Einkaufstasche im Fußraum umkippte.

Der Kater blieb bei den Mülltonnen stehen.

Sein linkes Ohr war leicht nach vorn geknickt.

Ich öffnete die Autotür.

„Nacho?“

Der Kater erstarrte.

Vier Jahre zuvor war ich nach einer Spätschicht nach Hause gekommen und hatte meine Haustür offen vorgefunden. In den Zimmern herrschte Chaos. Eine Lampe lag auf dem Boden, mehrere Schubladen standen offen, und aus dem Schlafzimmer fehlten ein paar Dinge.

Doch das war mir in diesem Moment völlig egal.

Nacho war weg.

Ich rannte bis weit in die Nacht durch unser Viertel. Ich suchte unter Balkonen, hinter Gartenhäusern, zwischen parkenden Autos und in offenen Garagen.

Am nächsten Morgen konnte ich kaum noch sprechen.

Nacho war in einer schweren Zeit zu mir gekommen.

Ich hatte ihn wenige Wochen nach dem Tod meiner Mutter aus einem Tierheim geholt. Ein Jahr später ging meine Ehe in die Brüche. In dieser Zeit schlief er jede Nacht an meiner Brust.

Wenn ich weinte, drückte er seine Stirn gegen mein Kinn.

Andere nannten ihn ein Haustier.

Für mich war er Familie.

Monatelang hängte ich Suchzettel auf. Ich rief bei Tierheimen an und fuhr an meinen freien Tagen durch die umliegenden Orte.

Oranger Kater. Weißer Fleck unter dem Kinn. Kleine halbmondförmige Narbe am linken Ohr.

Die Menschen wollten mir helfen.

Nach einem halben Jahr sagten manche, ich solle mich auf das Schlimmste einstellen.

Nach einem Jahr riet man mir, einen neuen Kater aufzunehmen.

Nach zwei Jahren fragten selbst meine Freunde nicht mehr nach Nacho.

Eine Bekannte sagte zu mir: „Katrin, du musst irgendwann loslassen.“

Ich wollte es versuchen.

Aber jedes Mal, wenn ich seinen Futternapf wegwerfen wollte, stellte ich mir vor, dass er irgendwo hungrig saß und darauf wartete, dass ich ihn fand.

Also blieb der Napf im Küchenschrank.

An jedem Jahrestag seines Verschwindens stellte ich ein wenig Futter vor die Haustür. Natürlich wusste ich, wie unwahrscheinlich es war, dass Nacho plötzlich auftauchen würde.

Aber Hoffnung ist nicht immer vernünftig.

Nun stand dieser dürre orangefarbene Kater fast dreißig Kilometer von meinem Zuhause entfernt und starrte mich an.

Ich ging einen Schritt auf ihn zu.

Er wich zurück.

„Alles gut“, flüsterte ich. „Ich tue dir nichts.“

In diesem Moment kam ein Junge um die Hausecke. Er trug einen Pappteller mit Trockenfutter und war vielleicht dreizehn Jahre alt.

„Nicht zu nah rangehen“, sagte er. „Er läuft vor allen Menschen weg.“

„Lebt er hier?“

Der Junge zuckte mit den Schultern.

„Seit ungefähr einem halben Jahr ist er öfter da. Ich bringe ihm manchmal etwas zu essen.“

Ich zeigte auf das linke Ohr des Katers.

„Ist dir da etwas aufgefallen?“

„Da ist eine kleine Narbe“, antwortete er. „Vielleicht ist er mal irgendwo hängen geblieben.“

Meine Beine wurden weich.

Ich ging langsam in die Hocke.

„Nacho.“

Der Kater sah mich an, kam aber nicht näher.

Ich hielt ihm meine Hand hin.

Für einen kurzen Moment glaubte ich, er würde zu mir laufen.

Dann schlug auf der anderen Seite des Parkplatzes eine Autotür zu.

Der Kater drehte sich um und verschwand zwischen zwei Gebäuden.

Ich setzte mich einfach auf den Boden.

Der Junge stellte den Pappteller ab und setzte sich neben mich.

„War das Ihr Kater?“, fragte er.

„Ich weiß es nicht.“

Meine Stimme brach.

Dann erzählte ich ihm alles. Von der offenen Haustür, den Suchzetteln, den falschen Hinweisen und den Jahren, in denen ich mich gefragt hatte, ob Nacho irgendwo frierend, hungrig oder verletzt lebte.

„Ich konnte nicht aufhören zu suchen“, sagte ich. „Der Gedanke, dass er vielleicht noch auf mich wartet, hat mich nie losgelassen.“

Wir saßen eine Weile schweigend nebeneinander.

Schließlich stand ich auf und wischte mir über das Gesicht.

„Entschuldige“, sagte ich. „Ich habe mich wohl getäuscht.“

Ich wollte gerade zu meinem Auto gehen.

Da hörte ich hinter mir ein leises, raues Miauen.

Der Kater war zurück.

Aus der Nähe sah er noch kleiner aus. Sein Fell war stumpf, ein Auge tränten, und jeder Muskel in seinem Körper schien zur Flucht bereit.

Trotzdem blieb er stehen.

Ganz langsam tippte ich dreimal mit zwei Fingern gegen meine Brust.

Das hatte ich früher immer gemacht, wenn Nacho zu mir aufs Bett springen sollte.

Der Kater gab einen seltsamen kleinen Laut von sich.

Dann kam er näher.

Ein Schritt.

Noch einer.

Er schnupperte an meinen Fingern.

Ich wagte kaum zu atmen.

Schließlich drückte er seine Wange in meine Handfläche.

Als er den Kopf senkte, sah ich die Narbe.

Ein kleiner Halbmond am linken Ohr.

Genau dort, wo er immer gewesen war.

„Nacho“, flüsterte ich.

Er kletterte auf meinen Schoß und begann mit beiden Vorderpfoten meine Jacke zu kneten.

Da wusste ich es.

Ich weinte so stark, dass ich kaum noch etwas sehen konnte. Der Junge wischte sich ebenfalls über die Augen.

Für die Heimfahrt stellte er mir einen alten Karton zur Verfügung. Doch Nacho wollte nicht darin bleiben. Er rollte sich auf dem Beifahrersitz zusammen und legte eine Pfote auf meinen Arm.

Zu Hause öffnete ich den Küchenschrank und holte seinen alten Napf hervor.

Nacho lief sofort zu der Ecke, an der er früher gestanden hatte.

In dieser Nacht kam er zu mir ins Bett.

Er war älter geworden. Viel zu dünn. Bei plötzlichen Geräuschen zuckte er zusammen.

Er war nicht mehr derselbe Kater, den ich verloren hatte.

Und ich war auch nicht mehr dieselbe Frau.

Doch als er seinen Kopf unter mein Kinn schob, fühlten sich die vier verlorenen Jahre für einen Moment ganz klein an.

Ich weiß, dass nicht jede Suche so endet. Manche Menschen warten lange und bekommen niemals die Antwort, auf die sie hoffen.

Aber Nacho hat mir etwas gezeigt.

Hoffnung bedeutet nicht, sich einzureden, dass am Ende alles gut wird.

Manchmal bedeutet Hoffnung nur, einen kleinen Platz im Herzen offen zu lassen, obwohl alle anderen einem sagen, man solle ihn endlich schließen.

Vier Jahre zuvor hatte eine offene Tür Nacho aus meinem Leben verschwinden lassen.

Wiedergefunden habe ich ihn, weil ich die Tür in meinem Herzen nie ganz zugemacht hatte.

Klicke auf die Schaltfläche unten, um den nächsten Teil der Geschichte zu lesen.

Nach oben scrollen