Darauf saß Matthias auf seinem Motorrad.
Seine Arme waren schwarz vom Öl. Er hielt eine Bratwurst in der Hand und grinste so breit, dass man fast seine Augen nicht mehr sehen konnte.
Paul hob den Finger.
„Papa.“
Sabine trat neben ihn.
„Ja, Schatz.“
„Papa lacht.“
Sie nickte.
„Ja.“
Dann sagte Paul:
„Papa war glücklich.“
Sabine lehnte sich an die Wand.
Ich stand einige Schritte entfernt und beobachtete sie.
Sie hatte Matthias offenbar jahrelang vor allem als einen erschöpften, angespannten Menschen in Erinnerung behalten.
Als einen Mann, dessen Sorgen größer geworden waren als seine Möglichkeiten.
Jetzt sah sie ihn auf diesem Foto.
Lebendig.
Lachend.
Umgeben von Freunden.
Vielleicht war das für sie beinahe genauso wichtig wie die Worte ihres Sohnes.
Heinz kam aus dem hinteren Teil der Werkstatt.
„Willi“, sagte er leise. „Sollen wir?“
Ich nickte.
Wir gingen zu einer großen grauen Plane.
Darunter stand etwas, das wir vier Jahre lang beinahe ehrfürchtig behandelt hatten.
Matthias’ Motorrad.
Eine dunkelgrüne Tourenmaschine mit silbernem Motorblock.
Nicht besonders wertvoll.
Nicht selten.
Aber für uns unbezahlbar.
Matti hatte sie gebraucht gekauft und fast ein Jahr lang daran gearbeitet.
Jede Dichtung, jede Leitung, jede Schraube hatte er geprüft.
Der Lack auf dem Tank war an einer Stelle etwas stumpf.
Er hatte diese Stelle nie richtig ausbessern wollen.
„Das ist eine Narbe“, hatte er immer gesagt. „Und Narben gehören zum Leben.“
Wir hatten die Maschine nach seinem Tod in der Werkstatt behalten.
Nicht einfach als Andenken.
Sondern weil Matthias sie uns mit einer klaren Bitte anvertraut hatte.
Falls er irgendwann nicht mehr da sei, sollten wir sie nicht verkaufen.
Sie sollte für Paul bleiben.
Wir hatten damals zugestimmt.
Ohne groß darüber nachzudenken.
Niemand hatte geahnt, wie bald dieses Versprechen Bedeutung bekommen würde.
Ich zog die Plane herunter.
Paul blieb reglos stehen.
Seine Mutter ebenfalls.
Der Junge ging langsam näher.
Er berührte den Sitz.
Dann den Tank.
Schließlich legte er beide Hände auf die Lenkergriffe.
Ganz vorsichtig.
Als könnte er etwas beschädigen.
„Papas Motorrad“, flüsterte er.
Ich nickte.
„Ja.“
„Das Grüne.“
„Genau.“
Er strich über die stumpfe Stelle im Lack.
„Papa sagt, das ist eine Narbe.“
Hinter mir hörte ich, wie Rainer scharf die Luft einzog.
Sabine sah mich an.
„Das hat Matthias zu ihm gesagt?“
„Zu uns allen“, antwortete ich.
Paul ließ den Tank los.
Er betrachtete die Maschine von der Seite.
Dann sagte er plötzlich:
„Papa hat geweint.“
Niemand bewegte sich.
„Wann, Paul?“, fragte seine Mutter sanft.
Er blickte weiter auf das Motorrad.
„Hier. Papa hat geweint.“
Ich spürte, wie mir kalt wurde.
Denn ich erinnerte mich an einen Abend.
Es war ein Donnerstag gewesen.
Matthias hatte stundenlang versucht, die Elektrik in Ordnung zu bringen. Irgendwann hatte er das Werkzeug hingelegt und sich auf den Boden gesetzt.
Ich hatte ihn gefragt, ob alles in Ordnung sei.
Er hatte den Kopf geschüttelt.
Dann hatte er mir erzählt, dass er Angst habe, kein guter Vater zu sein.
Dass Paul anders auf Dinge reagiere als andere Kinder.
Dass die Untersuchungen gerade erst begonnen hätten.
Dass er seinen Jungen liebe, aber manchmal nicht wisse, wie er ihm helfen könne.
Und dass ihn die Angst auffresse, Sabine und Paul könnten eines Tages besser ohne ihn zurechtkommen.
Ich hatte damals nur gesagt:
„Matti, ein schlechter Vater würde sich nicht so viele Gedanken darüber machen, ob er ein guter Vater ist.“
Er hatte geweint.
Nicht lange.
Aber genug.
„Er hat mir davon erzählt“, sagte ich jetzt.
Sabine schaute mich an.
„Er hat Ihnen seine Angst anvertraut?“
„Ja.“
„Mir nicht.“
Ich wusste, wie schmerzhaft das für sie sein musste.
„Vielleicht wollte er Sie schützen“, sagte ich. „Vielleicht hatte er selbst noch keine Worte dafür.“
Sie sah auf die Maschine.
„Und ich dachte, er zieht sich von uns zurück.“
Ich antwortete nicht.
Weil beides gleichzeitig wahr sein konnte.
Matthias hatte sich zurückgezogen.
Und er hatte trotzdem geliebt.
Menschen sind manchmal komplizierter, als wir es gern hätten.
Paul setzte sich auf den kleinen Schemel neben dem Motorrad.
Er wippte mit den Füßen.
Dann begann er, leise Motorengeräusche nachzumachen.
„Brrrrm.“
Heinz lächelte.
„Das hat Matti auch immer gemacht.“
Paul sah ihn an.
„Papa sagt, der Motor klingt wie Gewitter.“
„Stimmt.“
„Aber gutes Gewitter.“
Heinz nickte.
„Ja. Ein gutes Gewitter.“
Sabine stand neben ihrem Sohn und strich ihm durch die Haare.
„Früher hat er das ständig gemacht“, erzählte sie. „Als Matthias noch lebte, hat Paul mit kleinen Motorrädern gespielt. Er hat Motorengeräusche nachgemacht und Geschichten erzählt, auf seine Weise.“
Sie schluckte.
„Nach dem Unfall hat er damit aufgehört.“
Ich sah Paul an.
Er machte weiter seine Geräusche.
Leise.
Konzentriert.
Glücklich, soweit ich das beurteilen konnte.
„Vielleicht hat er etwas wiedergefunden“, sagte Petra.
Sabine nickte.
„Vielleicht.“
Dann geschah etwas, womit keiner von uns gerechnet hatte.
Paul stand auf und ging zur alten Backsteinwand neben der Werkbank.
Dort hatten wir vor Jahren ein kleines Erinnerungsregal eingerichtet.
Fotos von Menschen, die früher mit uns gearbeitet hatten.
Ein alter Zollstock.
Ein eingerahmter Brief.
Ein verblichener Werkstattschlüssel.
Und Matthias’ Bild.
Paul blieb davor stehen.
Er betrachtete die Wand eine ganze Weile.
Dann zeigte er auf einen der Steine.
„Da“, sagte er.
Ich trat näher.
„Was ist da, Paul?“
Er drückte vorsichtig gegen den Stein.
Nichts geschah.
Dann schob er ihn etwas zur Seite.
Der Stein bewegte sich.
Ich starrte darauf.
Heinz kam neben mich.
„Was zum Teufel …“
Hinter dem Stein befand sich eine kleine Vertiefung.
Darin lag eine flache Metalldose.
Ich hatte diese Wand bestimmt hundertmal abgestaubt.
Nie war mir aufgefallen, dass einer der Steine lose war.
Paul zeigte auf die Dose.
„Papa hat gesagt, da ist ein Geheimnis.“
Ich sah Sabine an.
Sie schüttelte den Kopf.
„Davon weiß ich nichts.“
Paul beugte sich vor.
„Papa hat mir das gezeigt.“
Langsam kam eine Erinnerung zurück.
Vor Jahren hatte Matthias Paul einmal an einem Samstagnachmittag mitgebracht.
Sabine musste damals einen Termin gehabt haben.
Der Kleine hatte zwischen Werkzeugkisten gesessen und mit Holzklötzen gespielt.
Matti hatte später irgendetwas an der Wand gemacht.
Ich hatte nicht weiter darauf geachtet.
Vielleicht hatte er seinem Sohn damals tatsächlich dieses kleine Versteck gezeigt.
Kinder behalten manchmal Dinge im Kopf, die Erwachsene längst vergessen haben.
Heinz holte die Dose heraus.
Sie war staubig, aber trocken.
Im Inneren lag ein Umschlag.
Auf der Vorderseite stand in Matthias’ Handschrift:
„Für meine Leute. Falls ich eines Tages nicht mehr selbst mit Paul herkommen kann.“
Darunter hatte er geschrieben:
„Und bitte nicht wieder über meine Rechtschreibung meckern.“
Ich musste lachen.
Mir kamen gleichzeitig die Tränen.
Denn das war typisch Matti.
Er konnte selbst in ernsten Momenten noch einen dummen Spruch machen.
Sabine hielt den Umschlag.
„Darf ich?“
Ich nickte.
Sie öffnete ihn langsam.
Darin lagen zwei gefaltete Briefe.
Einer war an uns gerichtet.
Der andere an Paul.
Sabine sah mich an.
„Möchten Sie den ersten vorlesen?“
Ich nahm das Papier.
Meine Hände zitterten.
Ich hatte schon oft schwere Maschinen auseinandergebaut, ohne dass meine Finger unsicher geworden wären.
Aber dieses Blatt Papier konnte ich kaum festhalten.
Ich begann zu lesen.
„Meine lieben alten Schraubenköpfe.
Wenn ihr diesen Brief irgendwann findet, dann habe ich entweder meine Schlüssel wieder verlegt, oder es ist etwas passiert, das ich mir lieber nicht vorstellen möchte.“
Heinz lachte kurz auf.
Ich las weiter.
„Ich weiß, dass ich nicht immer einfach bin. Manchmal sitze ich stundenlang bei euch herum und sage kaum ein Wort. Manchmal bin ich schlecht gelaunt, manchmal will ich einfach nur weg.
Ihr habt mich trotzdem nie hinausgeworfen.
Dafür danke ich euch.“
Ich musste eine Pause machen.
Dieter legte mir eine Hand auf die Schulter.
Ich las weiter.
„Willi, du hast mir einmal gesagt, dass kein Mensch für immer so bleiben muss, wie er an seinem schlechtesten Tag war.
Ich habe mir diesen Satz gemerkt.
Wenn ich ehrlich bin, glaube ich, dass er mir mehr geholfen hat als vieles andere.“
Sabine begann wieder zu weinen.
Ich starrte auf die Zeilen.
Ich erinnerte mich nicht einmal daran, diesen Satz gesagt zu haben.
Vielleicht hatte ich ihn irgendwo aufgeschnappt.
Vielleicht war er mir einfach herausgerutscht.
Für mich waren es ein paar Worte gewesen.
Für Matthias offenbar nicht.
Ich las weiter.
„Falls ihr diesen Brief ohne mich lest, dann habe ich eine Bitte.
Passt auf meinen Jungen auf, soweit Sabine das möchte.
Drängt euch nicht auf.
Er braucht keine Männer, die ihm erzählen, wie stark und mutig sein Vater gewesen ist.
Er braucht Menschen, die ihm zeigen, dass man bleiben kann, auch wenn das Leben schwierig wird.“
Ich musste schlucken.
„Und behandelt Paul bitte nie so, als wäre mit ihm etwas falsch.
Er nimmt die Welt anders wahr. Das lernen wir gerade zu verstehen.
Manches ist für ihn anstrengender. Manches bemerkt er, das wir alle übersehen.
Er braucht vielleicht mehr Zeit.
Vielleicht spricht er anders als andere Kinder.
Vielleicht findet er seine Worte spät oder auf eine Weise, die wir nicht erwarten.
Hört ihm trotzdem zu.
Auch wenn er nichts sagt.“
Niemand machte ein Geräusch.
Ich hörte nur die alte Uhr über dem Werkstatttor.
„Und wenn er eines Tages hier steht, zeigt ihm mein Motorrad.
Nicht, damit er später unbedingt fährt.
Sondern damit er sieht, dass sein Vater etwas schaffen konnte, obwohl er oft geglaubt hat, zu nichts mehr gut zu sein.
Sagt ihm, dass ich ihn geliebt habe.
Jeden einzelnen Tag.
Euer Matti.“
Ich faltete den Brief zusammen.
Es war still in unserer Werkstatt.
Heinz stand am Fenster.
Petra hatte den Arm um Sabine gelegt.
Rainer starrte auf seine Schuhe.
Und Paul saß auf seinem kleinen Schemel.
Er hatte aufmerksam zugehört.
Dann fragte er:
„Papa hat mich lieb?“
Sabine ging vor ihm in die Knie.
„Ja, mein Schatz. Dein Papa hat dich sehr lieb gehabt.“
Paul betrachtete sie.
„Auch wenn ich nicht rede?“
Sabine begann zu zittern.
Sie nahm vorsichtig seine Hände.
„Gerade dann auch. Immer. Du musst nichts sagen, damit wir dich lieb haben.“
Paul dachte eine Weile darüber nach.
Dann lehnte er seine Stirn gegen ihre Schulter.
„Ich hab Papa auch lieb.“
Sabine hielt ihn fest.
So lange, wie er es zuließ.
Niemand störte die beiden.
Nach einer Weile öffnete sie den zweiten Brief.
Den für Paul.
Sie las ihn zunächst still.
Dann fragte sie ihren Sohn, ob sie ihn laut vorlesen dürfe.
Er nickte.
„Mein lieber Paul.
Wenn du das hier lesen kannst, bist du wahrscheinlich schon ziemlich groß.
Vielleicht größer als Papa, was ich allerdings bezweifle.
Ich will dir etwas erzählen.
Als du geboren wurdest, hatte ich große Angst.
Nicht vor dir.
Sondern davor, dass ich nicht gut genug für dich sein könnte.
Später habe ich verstanden, dass ich nicht perfekt sein muss.
Ich muss nur versuchen, da zu sein.
Wenn du eines Tages wütend auf mich bist, darfst du das sein.
Wenn du traurig bist, darfst du das auch.
Und wenn du lieber deine Ruhe haben möchtest, ist das ebenfalls in Ordnung.
Ich wünsche mir nur, dass du nie glaubst, du müsstest jemand anderes werden, damit man dich gernhat.
Du bist mein Sohn.
Das reicht.
In Liebe, Papa.“
Sabine konnte danach nicht mehr weiterlesen.
Sie faltete den Brief vorsichtig zusammen und hielt ihn an ihre Brust.
Paul strich über ihre Hand.
„Mama traurig?“
„Ja“, flüsterte sie.
„Wegen Papa?“
Sie nickte.
„Ja.“
Paul überlegte kurz.
Dann sagte er:
„Ich auch.“
Es war kein großer Satz.
Nur zwei Worte.
Aber für mich war es der wichtigste Satz des ganzen Abends.
Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, dass Paul wieder sprechen konnte.
Es ging darum, dass seine Mutter erfahren durfte, was in ihm vorging.
Dass er traurig war.
Dass er seinen Vater vermisste.
Dass all die Jahre des Schweigens nicht bedeuteten, dass er nichts zu sagen hatte.
Wir machten später Kaffee.
Schlechten Werkstattkaffee, um genau zu sein.
Sabine trank trotzdem zwei Tassen.
Paul bekam Apfelschorle und durfte mit Petra ein paar große Muttern nach Größe sortieren.
Dabei sprach er nicht mehr.
Kein einziges Wort.
Und niemand verlangte es von ihm.
Als seine Mutter gehen wollte, legte Heinz einen weiteren Umschlag auf den Tisch.
„Es gibt noch etwas“, sagte er.
Sabine sah ihn verwundert an.
„Noch einen Brief?“
Heinz schüttelte den Kopf.
„Nein. Das ist etwas von uns.“
Er schob den Umschlag zu ihr.
Darin lag eine Aufstellung über ein kleines Sparkonto.
Wir hatten nach Matthias’ Tod beschlossen, jedes Jahr etwas Geld für Paul zurückzulegen.
Nicht viel.
Jeder, wie er konnte.
Fünf Euro im Monat.
Manchmal zehn.
Ein paar Leute hatten zu Geburtstagen etwas dazugelegt.
Wenn wir für Nachbarn kleine Reparaturen erledigten und jemand uns unbedingt bezahlen wollte, wanderte ein Teil davon ebenfalls in die Kasse.
Über vier Jahre war so eine ordentliche Summe zusammengekommen.
Keine Riesensumme.
Aber genug, um später einen Teil einer Ausbildung, eines Führerscheins oder etwas anderes Wichtiges zu bezahlen.
„Wir wollten es ihm irgendwann geben“, erklärte Heinz.
Sabine schüttelte langsam den Kopf.
„Das kann ich nicht annehmen.“
„Doch“, sagte er.
„Ich kenne Sie doch kaum.“
Heinz sah sie ernst an.
„Aber wir kannten Matti.“
Sie wollte etwas erwidern.
Er hob vorsichtig die Hand.
„Hören Sie. Wir haben alle Kinder. Manche auch Enkel. Und wir wissen, wie schnell einem das Leben dazwischenkommen kann.“
Er räusperte sich.
„Matthias war einer von uns. Und Paul ist sein Junge. Wir haben das Geld für ihn zurückgelegt. Nicht für Sie, nicht für uns.“
Sabine starrte auf den Umschlag.
„Warum machen Sie das?“
Heinz schien von der Frage überrascht.
Er kratzte sich am Bart.
„Na ja“, sagte er schließlich. „Weil man so etwas eben macht.“
Ich musste lächeln.
Typisch Heinz.
Wenn er einmal etwas Gutes tat, erklärte er es, als wäre es das Normalste der Welt.
Vielleicht sollte es das auch sein.
Sabine sah sich in der Werkstatt um.
An den alten Werkbänken.
Den abgenutzten Stühlen.
Den Menschen mit öligen Fingern und müden Gesichtern.
„Ich habe Matthias damals so viele Vorwürfe gemacht“, sagte sie leise.
Niemand unterbrach sie.
„Ich dachte, er interessiert sich mehr für seine Maschinen als für seine Familie.“
Sie wischte sich die Augen.
„Ich hatte nicht verstanden, dass er hier versucht hat, wieder auf die Beine zu kommen.“
Petra nahm ihre Hand.
„Sie haben damals auch nur versucht, irgendwie durchzukommen.“
Sabine nickte.
„Vielleicht hätten wir mehr miteinander reden müssen.“
„Ja“, sagte Petra.
Keine falsche Beruhigung.
Kein Satz darüber, dass schon alles richtig gewesen sei.
Nur ein ehrliches Ja.
Dann fügte Petra hinzu:
„Aber Sie können Paul heute etwas von seinem Vater erzählen, das er noch nicht weiß.“
Sabine schaute zu ihrem Sohn.
Er saß am Tisch und sortierte Muttern in kleine Reihen.
Auf seinem Rücken stand:
„Papas kleiner Schrauber.“
Sie lächelte.
„Ja“, sagte sie. „Das kann ich.“
Als die beiden später aufbrachen, nahm Paul seine neue Jacke nicht mehr ab.
Sabine fragte vorsichtig, ob wir uns vielleicht irgendwann wiedersehen könnten.
Heinz sah mich an.
Ich sah Heinz an.
Dann sagte ich:
„Samstags ab zehn gibt es bei uns Kaffee. Für den Jungen auch Kakao.“
Paul hob den Kopf.
„Mit Papa-Motorrad?“
„Ja.“
„Jeden Samstag?“
„Wenn deine Mama Zeit hat.“
Paul blickte zu ihr.
Sabine lächelte.
„Wir versuchen es.“
Er nickte zufrieden.
Dann streckte er mir plötzlich die Hand entgegen.
Nicht für eine Umarmung.
Einfach die Hand.
Ich nahm sie.
Sie war klein und warm.
Er drückte einmal fest zu.
„Danke, Willi.“
Ich konnte nicht antworten.
Ich nickte nur.
Und sah zu, wie er mit seiner Mutter im Auto davonfuhr.
An diesem Abend blieb ich lange in der Werkstatt.
Die anderen waren längst nach Hause gegangen.
Ich setzte mich neben Matthias’ Motorrad auf den alten Schemel.
So wie früher.
Vier Jahre hatte ich die Maschine regelmäßig gestartet.
Hatte Öl gewechselt.
Schrauben nachgezogen.
Den Staub abgewischt.
Manchmal hatte ich mich gefragt, warum wir uns diese Mühe überhaupt machten.
Wir wussten nicht, ob Paul jemals auftauchen würde.
Wir wussten nicht einmal, ob seine Mutter überhaupt wollte, dass er irgendwann Kontakt zu uns bekam.
Aber ich hatte Matti etwas versprochen.
Und manche Versprechen hält man auch dann, wenn keiner mehr danach fragt.
Ich strich über den Tank.
„Na, Junge“, murmelte ich. „Wir haben ihn gefunden.“
Die Werkstatt blieb still.
Natürlich blieb sie still.
Aber zum ersten Mal seit Jahren fühlte sich diese Stille nicht mehr ganz so schwer an.
In den Wochen danach kam Sabine tatsächlich regelmäßig mit Paul vorbei.
Nicht jeden Samstag.
Manchmal war Paul müde.
Manchmal hatte er andere Termine.
Manchmal war ihm die Werkstatt zu laut, und wir gingen mit ihm auf den Hof oder schalteten die Maschinen aus.
Wir lernten schnell, dass es nicht darum ging, ihn ständig zum Sprechen zu bringen.
Es ging darum, dass er sich sicher fühlte.
An manchen Tagen redete er mehrere Sätze.
An anderen kaum.
Manchmal benutzte er seine Bildkarten oder zeigte einfach auf etwas, das er haben wollte.
Seine Mutter arbeitete weiterhin mit den Fachleuten zusammen, die Paul schon lange begleiteten.
Sie erklärte uns, dass niemand genau sagen konnte, warum ihm das Sprechen über Jahre so schwergefallen war.
Sein Autismus war ein Teil seiner Entwicklung.
Der Verlust seines Vaters hatte ihn zusätzlich schwer belastet.
Und selbst jetzt, wo er wieder einzelne Worte und Sätze benutzte, würde es gute und schwierige Tage geben.
Wir verstanden längst nicht alles davon.
Aber wir hörten zu.
Und wir fragten, wenn wir etwas nicht verstanden.
Heinz zum Beispiel musste lernen, dass ein freundschaftlicher Schlag auf die Schulter für Paul nicht immer angenehm war.
Rainer musste lernen, seine Druckluftgeräte nicht ohne Vorwarnung einzuschalten.
Und ich musste lernen, dass Schweigen nicht automatisch bedeutete, dass jemand unhöflich war.
Das war für einen alten Sturkopf wie mich gar nicht so einfach.
Paul wiederum lernte die Werkstatt kennen.
Er wusste bald, in welcher Schublade die kleinen Schraubenschlüssel lagen.
Er konnte Größen sortieren, ohne auf die Beschriftung zu schauen.
Und er entdeckte, dass Petra eine Schublade voller alter Metallplaketten hatte, die er stundenlang betrachten konnte.
Einmal brachte er ein Bild mit.
Darauf waren vier Menschen zu sehen.
Seine Mutter.
Er selbst.
Matthias.
Und ein großer Mann mit grauem Bart.
Heinz betrachtete das Bild.
„Wer ist denn der da?“
Paul zeigte auf ihn.
„Bär.“
Heinz nickte.
„Na, dann hab ich aber ziemlich viele Haare auf dem Kopf.“
Paul lächelte.
„Bär hat wenig Haare.“
Wir lachten alle.
Heinz auch.
Etwa zwei Monate nach unserem ersten Treffen kam Sabine eines Samstags ohne Paul in die Werkstatt.
Der Junge war bei seiner Tante.
Sie hatte einen Kuchen dabei.
Einen einfachen Apfelkuchen.
„Ich wollte mal etwas mit Ihnen besprechen“, sagte sie.
Ich stellte zwei Tassen auf den Tisch.
„Schießen Sie los.“
Sie setzte sich.
„Ich habe letzte Woche die alten Fotos von Matthias durchgesehen.“
Ich nickte.
„Da waren viele Bilder aus seiner Jugend. Von Motorradausflügen. Von seiner ersten Wohnung. Von uns beiden.“
Sie machte eine Pause.
„Ich habe gemerkt, wie lange ich mir diese Bilder nicht mehr anschauen konnte.“
Ich sagte nichts.
„Ich war so wütend auf ihn, Willi.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Weil er gestorben ist. Weil er uns allein gelassen hat. Obwohl er natürlich nichts dafürkonnte.“
Sie sah auf den Kuchen.
„Ist das nicht furchtbar?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein.“
„Waren Sie nie wütend auf Ihre Frau, nachdem sie gestorben ist?“
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