Vierzehn Stufen für einen letzten Abschied – Wie Oskar mir das Lieben und Loslassen beibrachte

Ich dachte, die vierzehn Stufen wären sein letzter Weg gewesen.

Erst Monate später begriff ich, dass Oskar in dieser Nacht nicht nur zu mir zurückgekommen war, um Abschied zu nehmen.

Er hatte mir auch etwas dagelassen.

Am Morgen nach seinem Tod blieb ich lange im Bett liegen.

Meine Hand lag noch dort, wo seine Pfoten sie festgehalten hatten. Oskar selbst war bereits kalt geworden, aber sein Kopf ruhte noch immer an meiner Stirn.

Draußen fuhr das erste Auto durch die Straße. Ein Nachbar ließ seinen Rollladen hoch.

Die Welt machte einfach weiter.

Das kam mir beinahe unverschämt vor.

Ich wickelte Oskar in die graue Decke, auf der er zuletzt geschlafen hatte. Dann trug ich ihn die vierzehn Stufen hinunter.

Langsam.

Stufe für Stufe.

Diesmal musste er den Weg nicht allein schaffen.

Bei der Tierärztin setzte sich die Ärztin neben mich.

„Er hat sich seinen Abschied selbst ausgesucht“, sagte sie.

Mehr konnte ich in diesem Moment nicht hören.

Ich ließ Oskar einäschern. Einige Tage später bekam ich eine schlichte kleine Holzurne mit seinem Namen.

Ich stellte sie auf die Kommode neben mein Bett.

Genau dorthin, wo er in seiner letzten Nacht gelegen hatte.

Die ersten Wochen waren schwerer, als ich erwartet hatte.

Ich wusste, dass Oskar alt und krank gewesen war. Ich wusste auch, dass sein Tod Erlösung für ihn bedeutet hatte.

Aber Wissen hilft morgens um halb sechs nicht, wenn man auf das vertraute Tippen einer Pfote wartet.

Ich hörte Oskar überall.

Im Knacken der Heizung.

Im Rascheln einer Einkaufstüte.

Im Schaben eines Astes an der Terrassentür.

Manchmal sah ich aus dem Augenwinkel einen roten Schatten um die Ecke verschwinden.

Natürlich war dort nichts.

Ich begann wieder unten zu schlafen. Nicht weil ich die Treppe nicht hinaufgehen konnte.

Ich ertrug nur die leere Stelle neben meinem Kopfkissen nicht.

Sein Körbchen blieb am Fuß der Treppe stehen. Der Wassernapf ebenfalls.

Freunde meinten es gut.

Die einen rieten mir schnell zu einer neuen Katze. Die anderen fanden, ich dürfe das noch lange nicht.

Nur ich wusste nicht, was richtig war.

Etwa sechs Wochen nach Oskars Tod entdeckte ich im Küchenschrank mehrere ungeöffnete Packungen von seinem Spezialfutter.

Daneben lagen Spritzen für die Flüssigkeit und kleine Dosen, die ich für schlechte Tage aufgehoben hatte.

Ich packte alles in zwei Kartons und fuhr zum Tierheim.

Das alte Gebäude gab es längst nicht mehr. Das neue lag am Stadtrand von Hannover und roch nach Reinigungsmittel, Futter und feuchtem Fell.

Eine Mitarbeiterin nahm die Kartons entgegen. Als sie Oskars Namen auf einer Packung las, fragte sie, wie alt er geworden sei.

„Siebzehn“, sagte ich.

Es war das erste Mal, dass ich sein Alter laut aussprach, ohne sofort zu weinen.

Fast.

„Dann hatte er ein langes Leben“, sagte sie.

„Ja. Und ein gutes, hoffe ich.“

Sie sah mich ernst an.

„Wenn Sie sein Futter bis zum Schluss gekauft haben, war es bestimmt ein gutes.“

Dieser einfache Satz traf mich stärker als alles, was die Leute vorher gesagt hatten.

Bevor ich ging, hörte ich aus dem hinteren Bereich ein heiseres Miauen.

„Das ist Paul“, sagte die Mitarbeiterin. „Er beschwert sich, wenn jemand geht, ohne ihn zu beachten.“

Ich wollte sagen, dass ich keine Katze suchte.

Aber sie hatte mir gar keine angeboten.

Trotzdem folgte ich dem Geräusch.

Paul saß auf einer gefalteten Decke.

Er war ein großer schwarz-weißer Kater mit einem trüben rechten Auge, einem breiten Kopf und einem Bauch, der fast bis auf den Boden hing.

Sein linkes Hinterbein stand etwas schief.

Schön war er nicht.

Zumindest nicht auf die Art, wie Katzen auf Futterpackungen schön sind.

„Zwölf Jahre“, sagte die Mitarbeiterin. „Sein Besitzer ist gestorben. Die Angehörigen konnten ihn nicht nehmen.“

Paul sah mich an.

Dann gähnte er, drehte mir den Rücken zu und legte sich hin.

„Sehr überzeugend“, sagte ich.

Die Mitarbeiterin lachte.

Zum ersten Mal seit Wochen musste ich ebenfalls lachen.

Es klang fremd.

Aber nicht falsch.

Ich nahm Paul an diesem Tag nicht mit.

Am nächsten Samstag fuhr ich wieder hin. Ich erzählte mir selbst, ich wolle nur fragen, ob sie noch Spezialfutter brauchten.

Sie brauchten keines.

Also saß ich zwanzig Minuten bei Paul.

Er ignorierte mich vollständig.

Beim vierten Besuch humpelte er zwei Schritte zu mir, roch an meiner Jacke und biss mir leicht in den Ärmel.

„Das macht er nur bei Leuten, die er mag“, sagte die Mitarbeiterin.

Paul war seit fast fünf Monaten dort.

Jüngere Katzen wurden abgeholt.

Paul blieb.

Er mochte keine anderen Katzen und keine Menschen, die ihn sofort anfassen wollten.

Er fraß zu schnell, schnarchte laut, verschob seinen Wassernapf und brauchte Medikamente gegen seine Arthrose.

Kurz gesagt: Er war nicht unkompliziert.

Das kam mir bekannt vor.

Trotzdem dauerte es weitere drei Wochen, bis ich die Formulare unterschrieb.

Als ich Paul in seiner Transportbox ins Auto setzte, hatte ich ein schlechtes Gewissen.

Nicht ihm gegenüber.

Oskar gegenüber.

Auf der Rückfahrt miaute Paul vom Tierheim bis zu meinem Haus ohne eine einzige Pause.

Als ich die Box im Wohnzimmer öffnete, verschwand er unter dem Sofa.

Dort blieb er den ganzen Tag.

In der Nacht hörte ich, wie er fraß.

Am nächsten Morgen stand der Wassernapf mitten im Flur.

Ich musste an Oskars erste Tage unter meinem Bett denken.

An den mageren roten Kater, der niemandem vertraut hatte.

Und an mich selbst mit einundzwanzig, der ebenfalls so tat, als bräuchte er niemanden.

Ich setzte mich auf den Boden.

„Du musst nicht herauskommen“, sagte ich. „Ich kenne das.“

Paul kam nicht heraus.

Aber sein Schwanz bewegte sich ein wenig.

Die ersten Wochen lebten wir eher nebeneinander als miteinander.

Paul schlief unter dem Sofa. Ich schlief weiterhin unten.

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