Er ließ sich nur beim Füttern sehen und verschwand, sobald ich mich zu schnell bewegte.
Eines Abends fiel mir eine Rechnung vom Tisch.
Als ich mich danach bückte, stand Paul plötzlich neben mir.
Er drückte seine breite Stirn gegen mein Knie.
Nur eine Sekunde.
Dann ging er wieder.
Ich blieb mit der Rechnung in der Hand sitzen.
Es war keine große Geste.
Oskar hätte das verstanden.
Von diesem Tag an veränderte sich etwas.
Paul wartete morgens im Türrahmen und beobachtete vor der Terrassentür die Vögel.
Manchmal schlief er mitten im Wohnzimmer auf dem Rücken, als wäre das Haus schon immer seins gewesen.
Seine Tabletten versteckte ich in Leberwurst.
Er fraß die Leberwurst und spuckte die Tablette vor meine Füße.
Oskar war darin genauso gewesen.
Nur eleganter.
Im Frühling stellte ich Oskars Körbchen schließlich in den Keller.
Den Wassernapf nahm ich in die Hand, blieb damit aber vor Paul stehen.
Er sah mich erwartungsvoll an.
Also spülte ich ihn aus und füllte ihn neu.
Paul trank daraus, als wäre nichts Besonderes geschehen.
Vielleicht war es genau das.
Das Leben fragte mich nicht, ob ich bereit war.
Es ging einfach weiter.
Nicht ohne Oskar.
Sondern mit allem, was er mir beigebracht hatte.
Eines Nachts, etwa acht Monate nach Oskars Tod, wachte ich unten auf dem Sofa auf.
Paul saß am Fuß der Treppe und blickte nach oben.
Seit er bei mir war, hatte er noch nie versucht, die Stufen zu nehmen. Wegen seines schiefen Beins hatte ich angenommen, dass er unten bleiben würde.
Dann setzte er eine Pfote auf die erste Stufe.
Mein Herz schlug plötzlich schneller.
Wegen der Erinnerung.
Ich ging hinter ihm, bereit, ihn aufzufangen.
Paul brauchte lange.
Nach der fünften Stufe setzte er sich hin und putzte sich, als hätte er alle Zeit der Welt.
Auf der neunten miaute er genervt, weil ich zu dicht hinter ihm stand.
Bei der vierzehnten Stufe blieb er stehen.
Dann ging er direkt ins Schlafzimmer.
Paul sprang nicht aufs Bett. Dafür war es zu hoch.
Er legte sich auf den Teppich neben der Kommode, auf der Oskars Urne stand.
Dort schlief er ein.
Ich setzte mich neben ihn auf den Boden.
Eine Weile betrachtete ich beide.
Den alten schwarz-weißen Kater vor mir.
Und die kleine Holzurne über ihm.
Zum ersten Mal fühlte es sich nicht so an, als müsste ich mich zwischen Trauer und Freude entscheiden.
Beides durfte da sein.
Ich legte meine Hand auf Pauls Rücken.
Er schnurrte tief und rau.
Ganz anders als Oskar.
Und genau deshalb war es gut.
Am nächsten Tag baute ich eine kleine Rampe für die Treppe.
Paul benutzte sie nie.
Er bevorzugte die Stufen und tat jedes Mal so, als hätte er den Aufstieg persönlich erfunden.
Seitdem schlafe ich wieder oben.
Paul kommt manchmal über einen kleinen Hocker aufs Bett. Dann legt er sich nicht an meine Stirn.
Er setzt sich auf meine Brust.
Mit seinen fast sieben Kilo.
Das Atmen wird dadurch schwierig.
Aber Frühstück verschiebt sich in diesem Haus offenbar weiterhin nicht.
Ein Jahr nach Oskars Tod fuhr ich erneut zum Tierheim.
Diesmal hatte ich keine Kartons dabei.
Ich fragte, ob sie jemanden gebrauchen könnten, der einmal in der Woche bei älteren, ängstlichen Katzen sitzt.
Nicht zum Füttern.
Nicht zum Putzen.
Einfach nur zum Dasein.
Seitdem fahre ich jeden Mittwoch hin.
Manchmal lese ich leise aus der Zeitung vor. Manchmal sitze ich nur da und warte.
Einige Katzen kommen nach zehn Minuten heraus, andere erst nach Wochen.
Manche nie.
Auch das ist in Ordnung.
Vor einigen Monaten lernte ich dort Werner kennen.
Seine Frau war gestorben, und seitdem sprach er kaum noch mit jemandem.
Er wollte eigentlich eine kleine, ruhige Katze.
Am Ende ging er mit einer fünfzehnjährigen, halbblinden Katzendame nach Hause, die alle anderen Besucher angefaucht hatte.
„Warum gerade sie?“, fragte ich.
Werner zuckte mit den Schultern.
„Sie sieht aus, als hätte sie genug erlebt.“
Ich verstand sofort, was er meinte.
Später schickte er ein Foto.
Die Katze lag auf seinem Bauch. Werner lächelte darunter so breit, dass man kaum erkannte, welcher von beiden gerettet worden war.
Ich stellte das Foto neben Oskars Urne.
Paul versuchte am selben Abend, es von der Kommode zu schieben.
Er duldet offenbar keine Konkurrenz.
Oskar ist jetzt seit fast zwei Jahren nicht mehr da.
Manchmal vermisse ich ihn noch so sehr, dass es körperlich weh tut.
Dann setze ich mich oben auf die Treppe.
Vierzehn Stufen.
Ich denke an seine zitternden Beine, seine Stirn an meiner und seine Pfoten um meine Hand.
Aber ich denke nicht mehr nur an seinen Tod.
Ich denke an sechzehn Jahre Frühstück, Umzugskartons, kalte Winter und Nächte, in denen er einfach neben mir blieb.
Und ich denke daran, was aus seinem letzten Weg entstanden ist.
Ein alter Kater bekam noch einmal ein Zuhause.
Ein stiller Mann fand eine Aufgabe.
Eine halbblinde Katze fand Werner.
Und jede Woche sitzt irgendwo im Tierheim jemand neben einem Tier, das noch nicht weiß, ob es wieder vertrauen kann.
Früher glaubte ich, Liebe müsse etwas festhalten, damit sie bleibt.
Oskar hat mir das Gegenteil gezeigt.
Liebe bleibt nicht, weil man sie festhält.
Sie bleibt in dem, was man später mit ihr macht.
Am Fuß der Treppe steht heute wieder ein Wassernapf.
Nicht aus Gewohnheit.
Nicht weil ich vergessen hätte, dass Oskar fort ist.
Er steht dort für Paul.
Und manchmal, wenn Paul daraus trinkt und anschließend langsam die vierzehn Stufen hinaufgeht, höre ich zwei verschiedene Arten von Pfoten in diesem Haus.
Die einen sind wirklich da.
Die anderen werde ich für den Rest meines Lebens im Herzen hören.
Beide führen zu mir.






